Der argentinische Krösus. Jeanette Erazo Heufelder
hatte sich mit der Zustimmung schwergetan. Zu anderen Zeiten wäre ein Institut, das nicht in eine der universitären Fakultäten integriert werden wollte, abgelehnt worden. Doch in diesen Zeiten leerer Kassen war das Angebot, das Felix Weil im Namen seines Vaters der Universität unterbreitet hatte, zu verlockend, um es nicht schließlich doch anzunehmen. Hermann Weil bot der Universität ein Stiftungsordinariat in der wirtschafts- und sozialwissenschaftlichen Fakultät an. Allerdings hatte die Gesellschaft für Sozialforschung daran die Bedingung geknüpft, dass die Besetzung des Lehrstuhls gemeinsam mit ihr zu erfolgen hatte. Im Januar 1923 legte das Ministerium per Erlass fest, dass die Neubesetzung des mit der Institutsleitung gekoppelten Lehrstuhls an der wirtschafts- und sozialwissenschaftlichen Fakultät durch die Universität ›im Benehmen‹ mit der Gesellschaft für Sozialforschung zu erfolgen hätte. Dass ›im Benehmen‹ nicht ›im Einvernehmen‹ hieß, fiel Felix Weil zu diesem Zeitpunkt nicht auf, da schon im Februar 1923 der österreichische Wirtschaftshistoriker Carl Grünberg zusagte und das Universitätskuratorium mit der Wahl des in Kollegenkreisen geschätzten Professors einverstanden war.81 Grünberg galt als Kathedersozialist, womit zunächst einmal ganz allgemein jene bürgerlichen Wissenschaftler des ausgehenden 19. Jahrhunderts bezeichnet wurden, deren Schwerpunkt in der Lehre auf gesellschaftlichen Fragen lag. Sie vertraten in der Regel Reformansätze, in denen die ökonomisch-politischen Verhältnisse unangetastet blieben. Allerdings ließen sich österreichische Kathedersozialisten anders als ihre deutschen Kollegen schon vor der Novemberrevolution 1918 auf Kooperationen mit der Sozialdemokratie ein. Carl Grünberg zum Beispiel beteiligte sich an der Gründung der Volkshochschulen und des Sozialistischen Bildungsvereins in Wien;82 beides Einrichtungen, die den universitären Raum für untere Schichten öffneten. Zu Grünbergs Schülern zählten die späteren Austromarxisten Max Adler, Otto Bauer und Rudolf Hilferding, die sich zwar grundsätzlich eine Diktatur des Proletariats vorstellen konnten, aber nur auf dem Weg demokratischer Wahlen und eingebunden in ein Parlament. Carl Grünberg hatte schon in Wien die Gründung eines Studien- und Forschungsinstituts vorgeschwebt. Wie im 1894 in Paris gegründeten Musée Social sollten auch hier sozialwissenschaftliche Programme ausgearbeitet werden, auf deren Grundlage gesellschaftlicher Wissenstransfer möglich wäre.83 In Frankfurt erhielt der Gelehrte im Alter von 64 Jahren die Chance, ein weltanschaulich linkes Institut nach seinen Vorstellungen zu leiten. Das Gebäude blieb Eigentum der Gesellschaft für Sozialforschung. Die einzige Einschränkung: sie musste der wirtschafts- und sozialwissenschaftlichen Fakultät einige Räume zur dauerhaften Nutzung überlassen. Das Kuratorium hatte allerdings darauf gedrängt, dass in dem Vertrag, den die Stadt im Februar 1923 mit der Gesellschaft für Sozialforschung schloss, eine Klausel eingebaut wurde, durch die gesichert wäre, dass das auf städtischem Grund errichtete Institutsgebäude nur zu sozialwissenschaftlichen Forschungszwecken verwendet würde. Jede andere Verwendung bedurfte – so die Klausel – einer besonderen Genehmigung des Magistrats der Stadt Frankfurt.
Das mütterliche Erbe Felix Weils reichte zwar für den Bau des Gebäudes und die Ausstattung der Bibliothek. Aber für die Finanzierung des laufenden Institutsbetriebs war die Unterstützung Hermann Weils nötig. Frankfurt lebte vom Stiftergeist. Die wichtigsten kulturellen und wissenschaftlichen Einrichtungen der Stadt, wie das Städel-Museum und die erst 1914 gegründete Universität, waren Stiftungen.84 Hermann Weil hatte in der Vergangenheit bereits mehrfach universitäre Einrichtungen wie das Senckenberg Naturmuseum, das biologische Institut und einzelne naturwissenschaftliche sowie medizinische Fakultäten gefördert. Mit dem Versuch, selbst ein Institut gründen, war der Getreidehändler 1920 allerdings gescheitert. Zeitgleich mit der Akademie der Arbeit, einer Initiative des Arbeitsrechtlers Hugo Sinzheimer, sollte ein Institut für Arbeitsrecht entstehen, das Ausbildungskurse für Unternehmer, Beamte, Angestellte, Arbeiter und Gewerkschaftler anbot.85 Am 5. Januar 1921 wurde die als Trägergesellschaft vorgesehene Hermann-Weil-Stiftung jedoch ohne Angabe von Gründen wieder aufgelöst und das Geld an den Stifter zurückbezahlt.86
In einem zweiten Anlauf versuchte nun sein Sohn das Institut in einer Variante zu realisieren, die den von Konservativen gefürchteten Systemwechsel beschleunigen helfen sollte. Dass das Projekt bei Hermann Weil trotzdem auf Unterstützung stieß, erklärte sich Fritz Pollock mit dessen Persönlichkeit: »Dieser Vater war ein sehr gescheiter Mensch. Obwohl er Multimillionär war, wurde es ihm völlig klar, dass man solche Phänomene wie den russischen Bolschewismus, den deutschen Marxismus, die deutsche Sozialdemokratie, den Antisemitismus, die Gewerkschaften: dass das Gegenstände wissenschaftlicher und nicht parteipolitischer Forschung sein sollten.«87 Dass sich sein Vater entschieden hatte, ihn bei dem, was er machte, zu unterstützen, obwohl er persönlich seine Überzeugungen nicht teilte, führte Felix Weil aber auch auf die Erfahrung zurück, die dieser während des Kriegs als Berichterstatter der Admiralität gemacht hatte, als er, im guten Glauben, man teile mit ihm die gleichen Überzeugungen, feststellen musste, für Propagandazwecke missbraucht worden zu sein.88 Die an jüdischen Politikern verübten Morde – der an Erzberger im August 1921 und der an Rathenau im Juni 1922 – waren sicherlich ebenfalls mit ein Beweggrund, dass Hermann Weil Verständnis für die Positionen seines Sohnes aufbringen konnte, den es nach einer grundsätzlichen gesellschaftlichen Veränderung drängte.89
Mit seiner vier Stockwerke zählenden, schmucklosen und verschlossenen Fassade glich der Institutsneubau an der Viktoria-Allee zwischen den Frankfurter Gründerzeitvillen einem festungsartigen Fremdkörper. Die Pläne für das funktionelle Gebäude hatte Franz Röckle geliefert, der schon die Westend-Synagoge entworfen hatte. Es gab Arbeitszimmer für Doktoranden und Stipendiaten. Außerdem Gästezimmer. Die Magazinräume verteilten sich auf drei Etagen. Die Bibliothek verfügte über einen Lesesaal mit 36 Plätzen. Die Zimmer des Institutsdirektors Carl Grünberg und des Stiftungsvorsitzenden Felix Weil verband ein gemeinsames Sekretariat. Ein Stockwerk tiefer lagen die Räume von Grünbergs wissenschaftlichen Assistenten Henryk Grossmann und Fritz Pollock; Letzterer vertrat Felix Weil im Stiftungsvorsitz. Ein Aktenlift ersparte ständiges Treppensteigen. Alles war zweckmäßig durchdacht. Die Räume im Erdgeschoss waren zwar der wirtschafts- und sozialwissenschaftlichen Fakultät vorbehalten, doch hatte man durch ein Zwischengeschoss zusätzlich Platz geschaffen.90 Im Frühsommer 1924 konnte das Institut den Neubau beziehen.
Das provisorische Bücherdepot im Senckenberg Naturmuseum wurde geräumt, die neue Spezialbücherei eingerichtet. Vierzehntausend Bücher füllten schon jetzt die Regale, darunter allein achttausend Bände aus dem Nachlass Kurt Albert Gerlachs.91 Außerdem hatte Felix Weil auch die Bibliothek aus dem Nachlass von Rosa Luxemburg und die Bibliotheken der SPD-Politiker Wilhelm Blos und Adolf Braun aufgekauft.92 Am 22. Juni 1924 fand die offizielle Einweihungsfeier im Institut statt. In der programmatischen Rede, die Carl Grünberg hielt, vollzog er vor versammelter Hörerschaft den Schritt vom Gelehrten, der sich mit dem Sozialismus beschäftigt, zum Gelehrten, der sich selbst als Marxist versteht: »Auch ich gehöre zu den Gegnern der geschichtlich überkommenen Wirtschafts-, Gesellschafts- und Rechtsordnung und zu den Anhängern des Marxismus. (…) Es ist daher nur selbstverständlich, dass ich, sobald ich an wissenschaftliche Aufgaben meines Fachgebietes herantrete, dies tue, ausgerüstet mit der marxistischen Forschungsmethode. Sie soll auch im Institut für Sozialforschung, soweit dessen Arbeiten unmittelbar durch mich selbst oder unter meiner Leitung erfolgen werden, zur Anwendung gelangen.«93
Felix Weil hatte mit angehaltenem Atem Grünbergs Worten gelauscht, die zum ersten Mal den marxistischen Charakter des Instituts vor den Vertretern der Universitätsbehörde offenlegten. Ihren versteinerten Gesichtern war anzusehen, dass sie sich überrumpelt fühlten. Wie ein Kuckucksei hatte man ihnen ein marxistisches Institut untergejubelt. Auch wenn mit Grünberg ein renommierter Kollege diese Einrichtung nach außen vertrat, wäre nun nicht mehr die politische Neutralität ihrer Universität gegeben. Hermann Weil hatte einen Ehrendoktor für ein Geschenk erhalten, das sich nun als Trojanisches Pferd entpuppte. »Mit Geld kann man alles«, sprach einer laut aus, was die anderen dachten. Felix Weil sah schnell zu seinem Vater hinüber. Aber Hermann Weil hatte den Satz nicht gehört. Er war wie üblich von