Der argentinische Krösus. Jeanette Erazo Heufelder
Landespolizeiamtes, er sei eingeschriebenes Mitglied der KPD.38 Zwischen dem Recht auf freie Meinungsäußerung, das ihm auch als Ausländer zustand, und der Mitgliedschaft in einer linksradikalen politischen Partei wurde nicht unterschieden. Denn man benötigte einen Vorwand für die Abschiebung aus Württemberg, die am 24. Oktober erfolgte.
Hermann Weil war bisher nur von seiner Tochter Überraschungen gewohnt. Anita hatte nach dem Tod ihrer Mutter in Wien das Privatlyzeum der österreichischen Schulpädagogin Eugenie Schwarzwald besucht. Sie war dort zu einer impulsiven jungen Frau herangereift, die sich nun selbst darin überbot, ihrem Vater Kostproben der freien Erziehung zu liefern, für die das Schwarzwald-Lyzeum bekannt war.39 So hatte sie eine Liaison mit einem der Leutnants aus dem Offizierslazarett angefangen. Ihre Eroberung trug den prosaischen Namen Dr. Adolf Krümmer und war im zivilen Leben Bergwerksassessor. Nach seiner verletzungsbedingten Rückkehr von der Front hatte Krümmer in der Kriegsamtsstelle in der gleichen Abteilung wie Felix gearbeitet, der den Kollegen eines Tages zum Offizierstee mit nach Hause brachte. Bei dieser Gelegenheit lernte er Anita kennen, wies sich selbst ins Offizierslazarett ein und eroberte Anitas modisch linkes Herz, indem er vor ihr damit angab, Kommunist zu sein. Anita, die es sich in den Kopf gesetzt hatte, diesen zwanzig Jahre älteren Kommunisten zu heiraten, brannte mit ihm durch und wurde, um ihren Willen durchzusetzen, mit 18 Jahren schwanger.40 Der Skandal, den sie 1919 inszenierte, blieb dank ihrer Tochter, die 1999 einen kleinen Lebensbericht schrieb, der Nachwelt erhalten: »Der Großvater war bestürzt. ›Meine Tochter ist mit einem Kommunisten durchgebrannt, was soll ich tun?‹ fragte er einen Vertrauten. ›Schenk ihm 100.000 Mark, dann ist er kein Kommunist mehr‹, antwortete der kluge Mann.«41 Es war die Mischung aus Rebellion und Irrationalität, die Hermann Weil an seiner Tochter beunruhigte. Dass ihm nun auch sein Sohn Grund zur Beunruhigung gab, ließ sich nach dessen Abschiebung aus Württemberg nicht mehr leugnen. Zwar brachte Felix im Frühjahr 1920 seine Promotion bei dem Nationalökonomen Alfred Weber in Frankfurt zu einem ordentlichen Abschluss. Dass er sich aber politisch weiterhin in den gleichen Kreisen wie in Tübingen bewegte, war schon dadurch nicht zu übersehen, dass er mit Katharina Bachert im Oktober 1920 die Tochter von Freunden Clara Zetkins heiratete. Gleich nach dem Abitur wäre Hermann Weils Sohn noch bereit gewesen, in die Firma einzusteigen. Damals war der Vater es gewesen, der dem Sohn zu einem Studium geraten hatte. Dem mittlerweile Volljährigen konnte er allerdings nicht mehr vorschreiben, was er zu tun hätte, denn aufgrund des frühen mütterlichen Erbes war er finanziell längst unabhängig von ihm. Für vernünftige Argumente freilich blieb er empfänglich, und so nutzte Hermann Weil die Hochzeitsreise, die nach Argentinien führte, um seinem Sohn das Versprechen abzunehmen, dass dieser im Anschluss ein Jahr den Stammsitz ihrer Firma in Buenos Aires leiten würde, bevor er über seine weitere Zukunft entschied. Felix war der Einzige, der ihn als Generaldirektor beerben könnte. Felix Weil leuchtete das Argument seines Vaters ein: »Mit meiner Schwester zusammen würde ich ja nach meines Vaters Tod das größte Aktienpaket in der Firma zu vertreten haben.«42 Solange die Revolution nicht siegte, war die freie Wirtschaft die gegebene Realität.
Doppelleben in Buenos Aires
Felix Weils einstige indianische Amme betrieb mit ihrem Mann inzwischen eine Bäckerei in dem Häuschen, das sie sich, nachdem der Haushalt ihrer alten Arbeitgeber aufgelöst worden war, von ihren Ersparnissen gebaut hatten.43 Fernando und Antonio führten längst ein eigenständiges Leben. Antonio arbeitete in einer Werkstatt, Fernando in einer Landarbeitergewerkschaft. Er ritt von Estancia zu Estancia und klärte die Peones über ihre miserable Lage auf. Nach Buenos Aires kam er nur, um die Liste mit den Namen der neu angeworbenen Mitglieder bei seiner Gewerkschaft abzuliefern. Juana hatte Angst um ihn, denn die Polizei auf dem Land, die auf der Lohnliste der Großgrundbesitzer stand, machte in deren Auftrag Jagd auf Gewerkschaftsaktivisten. »Es steht nicht in der Bibel, dass der Mensch sich in Gewerkschaften vereinigen soll.« Felix Weil erinnerte sich noch 50 Jahre später, wie er Juana auf Spanisch entgegnete: »Aber es steht in der Bibel, dass der Mensch seinen Nächsten wie sich selbst lieben soll.«44 Er staunte selbst. Als hätte er nach 13 Jahren eine Schublade aufgezogen, in der sein Spanisch lag. Er brauchte es nur herauszunehmen. Alles war wieder da.
Mit Käte, seiner Frau, reiste er kreuz und quer durch Argentinien und zeigte ihr das Land seiner Kindheit. Seine Eindrücke verarbeitete er in einem Aufsatz über die Arbeiterbewegung in Argentinien, der 1923, ein Jahr nach seiner Rückkehr aus Argentinien, im Leipziger Hirschfeld Verlag erschien: »Die Eisenbahnen laufen fast alle nur in der Ost-West-Richtung: von der Küste ins Innere; Querverbindungen gibt es noch kaum. Die Schnellzugstationen bestehen oft nur aus einem kleinen Häuschen mitten in der Steppe oder den Feldern. Von der Station bis zum nächsten Gut reitet man oft viele Stunden. Von einer Station zur andern sind es oft mehrere hundert Kilometer. Die Riesenentfernungen unterstützen noch die politische Willkürherrschaft der Großgrundbesitzer.«45 Was die deutschen Leser dieses Aufsatzes über die ländlichen Regionen Argentiniens geschildert bekamen, war die gleiche von Profitinteressen geprägte Landschaft, die Felix Weil schon von den Kindheitsausritten mit seinem Vater kannte. Allerdings hielt sich bei den golondrinas, den ›Schwalben‹ genannten Landarbeitern, nur noch im Namen die Mär aus der Vorkriegszeit, der zufolge sie zwischen den Erntezyklen zwischen Argentinien und ihrer Heimat Italien hin und her gependelt seien. Dem an Marx geschulten politischen Ökonomen Weil drängte sich nun im Wort golondrinas die Konnotation mit den Vogelfreien und den Vagabunden auf, die keinem und jedem gehörten. Die von Marx als »Blutgesetzgebung gegen Vagabondage« bezeichneten Maßnahmen, mit denen im 15. und 16. Jahrhundert die Tendenzen gesellschaftlicher Verwilderung im Verfallsprozess des Feudalismus brutal unterbunden wurden – hier in den archaisch-sozialen Strukturen der ländlichen Regionen Argentiniens sah sie Felix Weil als immer noch praktiziertes Recht. Wer sich weigerte, gegen Lohn zu arbeiten, durfte als Sklave gehalten werden. Von einer Arbeiterbewegung konnte zumindest auf dem Land noch keine Rede sein. »Ab und zu kommen Streiks vor, die mit Gewalt niedergeschlagen werden. Wo das wegen allzu großer Nähe der Stadt nicht ohne weiteres geht, pflegt man durch agents provocateurs einen Grund zum Eingreifen zu schaffen oder die Streiker durch neu angekommene Einwanderer zu ersetzen.«46 Die Informationen schien er für diesen Aufsatz aus erster Hand von dem als Gewerkschaftsaktivisten tätigen älteren Sohn seiner indianischen Amme erhalten zu haben. Dass Polizei und Justiz auf dem Land im Dienste der estancieros stünden, bedeute für die Arbeiter vollständige Rechtlosigkeit. »Wenn man sich diese Zustände vor Augen hält«, fasste Felix Weil seine Eindrücke zusammen, »so hat man eine Erklärung für die Verzweiflungstaktik der Landarbeiter. Man wird begreifen, weshalb sie bei Streiks die Ernten anzünden.«47
Auch wenn bei Hermanos Weil alle auf ihn als künftigen Generaldirektor der Firma setzten, wusste Felix Weil schon bald, nachdem er 1920 in Buenos Aires auf dem Sessel des Filialdirektors Platz genommen hatte, dass er nie eigenständig einen Sack Getreide kaufen oder verkaufen würde. Er spürte, dass ihm dafür das Wichtigste fehlte: der Sinn für Marktentwicklungen. Das alleine hätte aus ihm zwar einen schlechten Generaldirektor, aber zumindest immer noch einen Generaldirektor gemacht. Doch wogegen sich Felix Weil innerlich geradezu sträubte, waren die scheinbar ganz normalen geschäftlichen Gepflogenheiten, zum Beispiel Preisabsprachen.48 Auf einer Vorstandssitzung der Vereinigung argentinischer Getreideexporteure platzte ihm 1921 der Kragen. Als einem der kleineren Getreidehändler betrügerisches Geschäftsgebaren vorgeworfen wurde, weil er der Verfälschung von Mustern überführt worden war, hielt der 23-jährige Juniorchef von Hermanos Weil seinen zum Teil wesentlich älteren Kollegen aufgebracht vor, es gäbe gar keinen Grund, sich so puritanisch aufzuspielen. Die kleine Firma täte im Kleinen nur das, was sie selbst täglich im Großen praktizierten. Mit dem einzigen Unterschied, dass sie aufgrund ihrer Größe, ihrer Macht und ihrer Beziehungen für die Tricksereien nicht zur Verantwortung gezogen würden. Niemand in der Runde verstand, worüber er sich eigentlich so aufregte.
Seit Felix Weil mit seiner Frau in Buenos Aires lebte, gab es für