Der argentinische Krösus. Jeanette Erazo Heufelder
Weil hatte Niederlassungen in Deutschland, Belgien, Holland, England, Frankreich, Italien, Spanien und Portugal. Zeitweise kreuzten sechzig Charter-Schiffe mit Fracht ihrer Firma auf den transatlantischen Getreiderouten. Hermann Weil hatte die Wette auf die internationale Konkurrenzfähigkeit Argentiniens gewonnen: An der Schwelle zum neuen Jahrhundert beförderte das knapp 5 Millionen Einwohner beherbergende riesige Land mehr Tonnen Getreide in die Welt, als auf seinem Staatsgebiet Menschen lebten. Hermann Weils Augen ruhten auf seinem Sohn, der vom Pferd gestiegen war und mit Antonio sprach, dem gleichaltrigen Sohn ihrer indianischen Köchin. Nichts war in so einem Moment befriedigender als ein Getreideexportunternehmen, in dem die Nachfolge geregelt war.
Vom Kronprinzen zum Vertrauten des Vaters
Noch bevor er richtig laufen und sprechen konnte, war Felix schon ›Sohn des Chefs‹. Was zunächst nichts anderes hieß, als Sohn eines Mannes zu sein, der mit Geldverdienen beschäftigt und deshalb nie da war. Dass er als Sohn des Chefs auch etwas Besonderes war, spürte er, sobald ihn sein Vater mit in die Firma nahm. Als Sohn des Chefs durfte er in der Firma Sachen, die ihm zuhause nicht erlaubt waren. Keiner der Angestellten wagte etwas zu sagen, wenn er im Kontor mit teuren und empfindlichen Geräten spielte, während sein Vater in seinem Privatbüro saß und nicht gestört werden wollte. Mit vier Jahren bekam er sein erstes Pferd geschenkt. Seitdem durfte er seinen Vater, wenn sie in der Provinz Santa Fe auf ihrer Estancia waren, hin und wieder zu einer ihrer Aufkaufstellen begleiten.
Die Landschaft, die ihm sein Vater bei diesen Ausritten zeigte, war eine vom Getreidemarkt geschaffene Welt, in der sich Weizenfelder in Tonnen Exportgetreide verwandelten, Eisenbahnen in einen endlosen Getreidestrom und die romantisch anmutenden Windräder, die längs der Bachläufe standen, in Kraftwerke, die unaufhörlich Wasser zu den Getreidefeldern pumpten. Sein Vater wollte, dass er Fragen stellte, und gab ihm auf alles Antwort. Wie der Boden unter den Weizenfeldern durch Alfalfa auch im Sommer feucht und nährstoffreich gehalten wurde, wie der hohe Humusgehalt die stark tonhaltigen Böden auflockerte, sie mürbe und durchlässig machte. Wie aus den fünfzig bis sechzig Sack Getreide, mit denen die Pferdekarren, an denen sie vorbeiritten, beladen waren, auf dem Schienenweg Züge mit bis zu tausend Tonnen Getreidefracht wurden. Und wie schließlich in den Häfen diese tausend Tonnen Getreidefracht auf Schiffe mit zehntausenden Tonnen Cargo verladen wurde.
»Die Estancia habe ich mir ganz alleine erarbeitet.«20 Sie ritten schon den Weg zu ihrem eigenen Landgut zurück, als Felix seinen Vater diesen Satz sagen hörte. Die Estancia sei sehr groß, entgegnete er in anerkennendem Ton. Und nachdem er sie sich einen Moment lang genauer betrachtet hatte, fügte er noch hinzu, dass sie so eine große Estancia im Grunde doch gar nicht bräuchten. Sie waren nur zu viert und die meiste Zeit des Jahres in Buenos Aires, wo sie im modischen Recoleto-Viertel noch ein Haus besaßen, ähnlich groß wie die Estancia. Hermann Weil blickte seinen Sohn erstaunt an. Er selbst hatte mit einem Dutzend Geschwister in einem winzigen Haus in Steinsfurt gelebt, das zugleich als Futtermittellager diente. Alles war so beengt, dass es jeden seiner Brüder in die Ferne zog, sobald er nur alt genug war. Er hatte dies seinem Sohn oft erzählt. Und nun beschwerte der sich, dass er seine Kindheit in zu großen Häusern verbringen müsste. Begriff er denn gar nichts? Verärgert erklärte Hermann Weil seinem Sohn, dass ihre Häuser und Grundstücke nur deshalb so groß seien, weil er sie sich erarbeitet hätte. Doch zum ersten Mal ließ Felix eine Antwort seines Vaters mit offenen Fragen zurück.
Auf ihren Ausritten hatte der voller Anerkennung von den golondrinas gesprochen, den italienischen Erntehelfern, die ›Schwalben‹ genannt wurden, weil sie wie Zugvögel im Rhythmus der Erntezeiten zwischen ihrer Heimat Italien und den argentinischen Getreideregionen hin und her zogen. Sein Vater sagte, diese Piemontesen seien fleißige und arbeitsame Männer, denen Italien einen großen Teil seines Aufschwungs zu verdanken hätte. Denn sie brächten ihr gesamtes Geld, das sie in Argentinien bei der Erntearbeit verdienten, in die Heimat zurück. Obwohl diese Männer ebenso fleißig und hart wie sein Vater arbeiteten, lebten sie – Felix hatte es mit eigenen Augen gesehen – in einfachen Lehmhütten auf abgelegenen Feldern; nicht in so einer großen Estancia wie sie. Zwar wohnten seine Freunde Antonio und Fernando und ihre Eltern Juana und Jacinto mit bei ihnen im Haus. Aber selbst das Spielzimmer seiner Schwester war größer als der Raum, in dem Antonio und Fernando mit ihren Eltern schliefen. Juana, einst seine indianische Amme, arbeitete bei ihnen als Köchin. Jacinto, ihr Mann, war Chauffeur und persönlicher Diener seines Vaters. Sein Vater war zwar immer freundlich zu ihnen. Aber selbst wenn die Eltern seiner Freunde nicht besonders unglücklich wirkten, fragte er sich, wie Freundschaften funktionieren sollten, wenn einer allein in einem riesigen Haus wohnen durfte und der andere sich ein kleines Zimmer mit seiner ganzen Familie teilen musste.
Während er sich diese Art von Fragen zu stellen begann, wurde er zufällig Zeuge, wie sein Vater einen Lehrling aus der Firma warf. Die Szene war ihm noch Jahrzehnte später genau vor Augen. »Sein Gesicht war gerötet, seine Augen tränenerfüllt, und er biss sich auf die Lippen. Er rannte zu dem Kleiderständer, riss seine Mütze herunter und war weg durch die Tür, alles in Sekunden.« Sein Vater hätte ihn entlassen, weil er zum zweiten Mal gegen eine Anordnung verstoßen hätte, erklärte ihm damals einer ihrer Buchhalter. »Was tut er denn jetzt?«, wollte er wissen. Der Buchhalter zuckte mit den Achseln: »Who cares …?«21 Es schien Felix, als sollte ein Exempel statuiert werden. Freundschaften, die nicht den gleichen Interessen dienten, konnten nicht funktionieren. Die Komplikationen, die sich für seinen Vater aufgrund seiner Stellung im Umgang mit Menschen ergaben, begannen sich auf seine eigenen Freundschaften zu übertragen. Sein Verhältnis zu Antonio und Fernando änderte sich. Von klein auf hatte er zu ihrer Familie gehört. Er hatte sich nie Gedanken darüber gemacht, dass es umgekehrt nicht so sein könnte. Denn er und seine Schwester hatten ihre leibliche Mutter selbst nie länger als eine Stunde am Tag gesehen. Felix Weils Erinnerung nach war dies die Stunde des Nachmittagstees. »Dann wurden wir hereingeführt, betrachtet und baldigst mit freundlichem Lächeln entlassen. ›Das muss so sein‹, sagte unsere Engländerin. ›Kinder sind für Eltern da, aber Eltern nicht für Kinder.‹«22 Aus Rücksicht auf die Mutter, die kein Spanisch sprach, wurde in ihrem Beisein nur deutsch gesprochen. Mit den Kindermädchen und Hauslehrerinnen redeten seine Schwester und er französisch und englisch. Waren sie alleine, wechselten sie sofort ins Spanisch über. Seit die französischen Kindermädchen und englischen Gouvernanten in der Erziehung an Juanas Stelle getreten waren, begann sich Felix immer weiter von Antonio und dessen älterem Bruder Fernando zu entfernen. »Aber«, stellte er im Rückblick fest, »zu meinem Erstaunen sagte ich nichts mehr über unseren Lebensstil und den meines indianischen Milchbruders Antonio.«23
Das große Haus in der Avenida Alvear in Buenos Aires füllte sich mit Leben, wenn die Brüder Hermann Weils mit ihren Familien zu Besuch kamen. Ferdinand Weil hatte inzwischen eine Tochter namens Carlota. Und Samuel Weil war Vater eines Sohns. Mit je einem beziehungsweise mit zwei Kindern war bei den drei Brüdern Weil, die selbst in einem Haushalt mit dreizehn Kindern aufgewachsen waren, die Familienplanung abgeschlossen. Nach dem Wunsch Hermann Weils sollte sein Sohn die Schulausbildung erhalten, die bei ihm selbst zu kurz gekommen war, da er mit 15 Jahren als Untertertianer von der Höheren Bürgerschule in Sinsheim abgehen musste. Obwohl es in Buenos Aires schon weiterführende Schulen gab, die Unterricht in deutscher Sprache anboten, entschied sich Hermann Weil für ein Gymnasium im Herkunftsland und schickte seinen Sohn im Alter von 9 Jahren alleine nach Frankfurt, wo Rosa Weils verwitwete Mutter lebte, bei der Felix die Wochenenden verbringen konnte. Wochentags sollte er mit anderen Jungen aus Übersee-Familien in der Pension eines Lehrers wohnen. Doch überkam ihn dort so viel Heimweh, dass er bald ganz zu seiner Großmutter zog.
Hermann Weil hatte das Frankfurter Goethe-Gymnasium ausgewählt; das Vorbild für die Modernisierung des Schulwesens im damaligen Preußen. Dass die ehemals freie Stadt Frankfurt zu Preußen gehörte, war dem Deutschen Krieg von 1866 geschuldet, dem zweiten der deutschen Einigungskriege, die 1871 zur Entstehung des Deutschen Kaiserreiches unter preußischer Hegemonie führten. Am Goethe-Gymnasium fand das ›Frankfurter Modell‹ Anwendung – eine Kombination aus modernen Sprachen als erster und