Kapitalismus und politische Moral in der Zwischenkriegszeit oder: Wer war Julius Barmat?. Martin H. Geyer

Kapitalismus und politische Moral in der Zwischenkriegszeit oder: Wer war Julius Barmat? - Martin H. Geyer


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Stereotypisierungen überformt waren. Denn wie die letztgenannten Zitate Webers illustrieren, schien der ältere »politische Kapitalismus« wenig mit jener »protestantischen Ethik« zu tun zu haben, in der für den Religionssoziologen der moderne »rationale Kapitalismus« wurzelte.42 Aber was war er dann? Just an diesem Punkt setzt die deutsche Selbstverständigungsdebatte über den Kapitalismus ein, die in der Auseinandersetzung Webers mit seinem Fachkollegen Werner Sombart schon vor dem Krieg begonnen hatte und die sich wie ein roter Faden durch das Buch zieht.

      Grenzübertritte, Grenzüberschreitungen und Grenzziehungen

      Die Suche nach einer Antwort auf die Frage, wer Julius Barmat war, führt auf die Spur einer Vielzahl von Geschichten und Zusammenhängen, die sich alle in der einen oder anderen Weise mit Normverletzungen befassen. Dabei geht es um zentrale Aspekte einer Geschichte von Rechts-, Geld- und Vertrauensbeziehungen und sozialmoralischen Fragen, die in öffentlichen, seit jeher aber auch in wissenschaftlichen Debatten am Beispiel konkreter Personen verhandelt wurden, sei es als eine Geschichte von Moral und Wirtschaftssystemen, sei es als eine Geschichte des Kapitalismus.43 Die elf Kapitel dieses Buches befassen sich daher mit sehr unterschiedlichen, gleichermaßen realen, rechtlichen, symbolischen wie metaphorischen Grenzübertritten, Grenzüberschreitungen, Grenzziehungen und Grenzräumen.

      Verfolgt wird ein biografischer Zugang, ohne eine wirkliche Biografie des im Mittelpunkt stehenden bekannten Unbekannten Julius Barmat zu schreiben. Es geht um konkrete Akteure und Situationen, somit eine Vielzahl von miteinander verflochtenen Mikrogeschichten, in denen uns Bilder, Emotionen wie Diskurse entgegentreten.44 Sie haben ihre jeweils eigene Valenz und sträuben sich schon wegen des ausgeprägten Eigensinns vieler der in unserer Geschichte auftauchenden Akteure häufig gegen eine schematische kategoriale Einordnung, egal ob es sich um zeitgenössische politische oder ökonomische Wissensbestände, kausale Zusammenhänge oder Karrieren von Personen handelt. Dabei ist es immer das Ziel, aus diesen Mikrogeschichten größere »Makro«-Fragen zu erschließen: sich verändernde Ordnungen des Kapitalismus in seinen verschiedenen Ausprägungen, die in allen Ländern zu beobachtende Demokratie(kritik) in Verbindung mit Korruptionsdebatten, Formen der sozialen und politischen Radikalisierung, die faschistischen Mobilisierungen Auftrieb verliehen, dann aber auch staatliche, ordnungspolitische Regulierungsbemühungen, wie sie insbesondere seit der Weltwirtschaftskrise einsetzten. Mit diesem Ansatz verknüpft sich die Prämisse, dass die Geschichte der Zwischenkriegszeit mehr ist und sein sollte, als in den wie auch immer neu abgezirkelten und thematisch proportionierten historischen Überblicksdarstellungen zum Ausdruck kommt. Die Geschichte gerade dieser Zeit zeigt eigentümliche Volten gleichermaßen der Kontinuität wie Diskontinuität, der Erwartungen und Hoffnungen einschließlich ihrer Enttäuschungen.

      Aus Gründen der Lesbarkeit folgt die Darstellung einer chronologisch-systematischen Gliederung. Das beginnt mit der umstrittenen Frage der Visumsvergabe und damit der Einreise Julius Barmats in Deutschland im Jahr 1919, einer Zeit illegaler Grenzübertritte von osteuropäischen, darunter vielen jüdischen Flüchtlingen. Das erste Kapitel handelt von der Ankunft des »schwerreichen« Lebensmittelkaufmanns, der das Reichsgebiet nicht über die unbefestigte Grenze aus dem Osten, sondern aus dem Westen betrat. Der Streit darüber, wer die Verantwortung für diese Ankunft hatte, setzte schon 1918/19 ein und erreichte 1925 einen Höhepunkt. Wann kam es schon vor, dass sich in einer Person gleich alle jene Zuschreibungen wiederfinden ließen, welche die Zeitgenossen so zu empören vermochten: die des Ostjuden, des Spekulanten, des Kriegsgewinnlers, des Förderers der Sozialistischen Internationale, ja des Bolschewisten? Solche politischen und ideologischen Fragen vermischten sich mit dem scheinbar Trivialen und Alltäglichen, nämlich Brot, Butter und Speck, die Julius Barmat in großen Mengen nach Deutschland lieferte. Die Praxis der Kriegswirtschaft bildete einen zentralen Aspekt des umstrittenen »politischen Kapitalismus« der Nachkriegszeit und der frühen Weimarer Republik.

      Das zweite Kapitel nimmt Julius Barmat als einen Grenzgänger des Kapitalismus in den Blick, der 1923 sein Geschäftsmodell änderte, indem er mithilfe von Krediten der Preußischen Staatsbank und der Reichspost vom lukrativen Lebensmittelhandel in den Bereich Industriekonzerngründung wechselte. Die offenbar zu jeder Zeit anzutreffenden Panegyriker des Unternehmertums wähnten ihn (wie viele andere) kurzzeitig als neue, heroische Unternehmerpersönlichkeit der Zukunft, auf den nicht zuletzt auch die Preußische Staatsbank setzte. Wie viele andere Unternehmer scheiterte der »Kriegs-, Inflations- und Deflationsgewinnler« jedoch im Zuge der Währungsstabilisierung und damit bei der Rückkehr zur vermeintlichen ökonomischen Normalität. Die Grenzen seriösen wirtschaftlichen Handelns wurden neu gezogen und die Grenzgänger des Kapitalismus aus dem Wirtschaftsleben ausgeschieden – so jedenfalls die Erwartung. Vor diesem Hintergrund werden die Auseinandersetzungen über Spekulation, Wucher und Korruption, mithin die unbestimmten Grenzen legaler und legitimer wie illegaler und illegitimer risikoreicher Praktiken verfolgt. Es geht dabei auch um Erwartungen und Diagnosen der Zeitgenossen, die sich, wie sich dann vor allem nach dem Einsetzen der Weltwirtschaftskrise zeigen sollte, erneut enttäuscht sahen.

      Davon ausgehend beschäftigen sich die eng aufeinander bezogenen Kapitel drei und vier mit der Einschreibung des Namens Julius Barmat in die politische Kultur der Weimarer Republik im Kontext der sich seit 1925 entfaltenden Skandaldynamik. Diese Dynamik erklärt sich nicht nur durch die anstehende Reichspräsidentenwahl, die mit dem vorzeitigen Tod Friedrich Eberts vorgezogen werden musste, sondern mehr noch im Zusammenhang mit der Bildung von konservativen Bürgerblockregierungen in Preußen und im Reich. Dabei entbrannte ein erbitterter Kampf um die politische Moral, der sich mit denen des politischen Kapitalismus und seinen vermeintlich demokratischen Entartungen verband. Die scharfen Angriffe auf die Republik sind oft betont und mit Blick auf die Folgen nicht ganz zu Unrecht als desaströs charakterisiert worden. In diesem Kontext werden die eskalierenden Korruptionsvorwürfe, derer sich nun alle Parteien bedienten und die, wie es schien, fast alle Parteien und das System betrafen, beschrieben. In den Wortgefechten wurde Barmat zu einer Metapher bei der Aushandlung von Grenzen: zwischen Politik und Wirtschaft, sozialdemokratischer Moral und Koalitionspolitik, Recht und Rechtsstaatlichkeit. In den Vordergrund rücken dabei, auf den ersten Blick vielleicht überraschend, nicht nur die langfristigen Folgen dieser Einschreibung von Barmat und Korruption in die Weimarer politische Kultur, sondern auch die Art und Weise, wie die Republik Zähne zeigte und sich behauptete.

      Anklageschrift und Urteil im Falle Julius Barmats waren monumentale Zeugnisse juristischer Faktenaufarbeitung, die sich um das diffizile Problem der Beurteilung der Handlungsmotive der involvierten Akteure im Rahmen des Rechts drehten. Das Recht der Gesetze ist bekanntlich nicht unbedingt identisch mit moralischen Gerechtigkeitsvorstellungen; das gilt gerade für die Zeit der Weimarer Republik. Im Mittelpunkt der Kapitel fünf und sechs stehen die Versuche, erste große politische und halb fiktionale Narrationen der Skandal- und Korruptionsgeschichte mit Julius Barmat zu entwickeln: Gottfried Zarnows (alias Ewald Moritz) politischer Bestseller Gefesselte Justiz (1930/32) und Walter Mehrings Theaterstück Der Kaufmann von Berlin (1929), das sich in der avantgardistischen Theaterfassung Erwin Piscators nicht nur als – vorhersehbarer – Theaterskandal, sondern auch als Theaterflop erwies. Mehring und Piscator versuchten die Inszenierung eines aktuellen Zeitstückes, das von Kapitalismus handelte – und scheiterten. Deutlich werden dabei die Möglichkeiten und Grenzen der literarischen Repräsentation des Themas. Der von Gottfried Zarnow und einem unbekannten Buchprüfer namens Philipp Lachmann aktualisierte und weitergeführte Korruptionsdiskurs führt auf das Terrain der politischen Rechten, genauer besehen zu einem wenig beachteten Aufklärungsradikalismus der deutschen Zwischenkriegszeit mit all seinen Aporien. Bei dieser Gruppe von Personen, die als Grenzgänger der Vernunft beschrieben werden, handelte es sich um ein Sammelbecken von Unzufriedenen und Außenseitern, im wahrsten Sinne des Wortes um moderne Formen des Kleist’schen Michael Kohlhaas. Sie versuchten den Anschluss an die Zeit zu finden und setzten ihre Hoffnungen auf eine wie auch immer geartete nationale Revolution; sie waren Stichwortgeber des Nationalsozialismus, ohne dass sie in dieser Bewegung heimisch wurden.

      Eine andere Form des politischen Radikalismus verfolgt das siebte Kapitel. Es handelt von den Forderungen nach Ausgrenzung und Enteignung der Juden, wie sie völkische Gruppen während des Skandals erhoben und wie sie die Nationalsozialisten im Kontext des Volksentscheids über die Fürstenenteignung


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