Kapitalismus und politische Moral in der Zwischenkriegszeit oder: Wer war Julius Barmat?. Martin H. Geyer
dass von hier (ebenso wenig wie vom bekannten 25-Punkte-Programm der NSDAP) keine direkte Linie in die Zeit des Nationalsozialismus führt; vielmehr wird eine Reihe von vermittelnden Entwicklungen und bürokratischen Umwegen in den Blick genommen. An erster Stelle zu nennen ist die Ende 1929 einsetzende Weltwirtschaftskrise, in der das ältere Thema Barmat erneut auftauchte, auch als Beispiel dafür, dass sich die in die Währungsstabilisierung 1924/25 gesetzten Erwartungen nicht erfüllt hatten. Allenthalben tauchten seit 1930 Phänomene und Personen auf, die an den Grenzgänger des Kapitalismus erinnerten – und das einmal mehr nicht an den Rändern, sondern mitten in der Gesellschaft ehrbarer Unternehmer und Banker. Der exekutive Staat setzte auf die – ordnungspolitische – Neuziehung von Grenzen: die Eindämmung vermeintlich »spekulativer« Energien und korrupter Praktiken in Unternehmen, allemal in den Banken; reale Grenzkontrollen und Grenzsperren im Zuge von massiv verschärften Kapitalverkehrskontrollen mit dem Ausland; die Kontrolle von Staatsbürgern bei ihrem Grenzverkehr; neue Strafen wie die sogenannte »Reichsfluchtsteuer«. Wie sich diese In- und Exklusion entfaltete und wie sich dabei Techniken der administrativen Praxis mit ideologischen Begründungen, den »Barmat-Geist« auszutreiben, verschränkten und verstärkten, steht im Mittelpunkt dieses Kapitels. Konkret dargestellt wird diese Entwicklung am Beispiel des 1925 in den Skandal involvierten Finanziers Jakob Michael und einer Reihe anderer Personen, die in diesem Buch als Fürsprecher, Anwälte und Verteidiger Barmats auftauchen. Bis Ende der 1930er Jahre hatten sie entweder das Land verlassen oder waren in Konzentrationslagern interniert worden.
Die hier erzählte Geschichte Julius Barmats fiele sicherlich anders aus, wenn der Unternehmer nach seiner Ausreise aus Deutschland 1929 sang- und klanglos in der Welt der Geschäfte untergetaucht wäre. Stattdessen gibt es, wie im achten und neunten Kapitel gezeigt wird, eine Skandalspur, die in die Schweiz, nach Belgien, Frankreich und in die Niederlande führt. Das hat mit der zweiten großen Wirtschaftskrise der Nachkriegszeit, der Weltwirtschaftskrise, zu tun, als auch in den Nachbarländern eine Vielzahl von kleinen und großen Fehlspekulationen von Privatpersonen wie von Banken »aufflogen«. In dieser Zeit erwarb sich Barmat den Ruf eines »internationalen Betrügers«, und das noch vor dem belgischen Barmat-Skandal 1937. Wie schon in den deutschen Auseinandersetzungen und zugleich befeuert durch die nationalsozialistische Propaganda diskutierten die Zeitgenossen auch im Ausland Fragen der Grenzen der sozial-moralischen Ordnung des Kapitalismus, der Grenzüberschreitungen und Ausweisungen. Indes waren die Debatten stets nationalspezifisch eingefärbt, wie etwa die französischen Hypostasierungen Barmats als vermeintlicher – jüdischer – Agent des deutschen Geheimdienstes illustrieren. Die Ereignisse in dem nahe-fernen Belgien zeigen überdies die in den 1930er Jahren explosive Verbindung von Demokratie-, Korruptionsund Kapitalismuskritik, die in den Sturz einer erfolgreichen Regierung, nicht jedoch des demokratischen Systems mündete.
Ausgehend von diesen internationalen faschistischen Debatten über »Bankster« und »jüdischen Hyperkapitalismus« verfolgt das zehnte Kapitel zunächst zeitgenössische Einschreibungsversuche von Julius Barmat in antisemitische Hetzfilme wie Jud Süß und den Ewigen Juden, die auch im Ausland gezeigt wurden. Vor diesem Hintergrund werden Überlegungen zu den radikalen Grenzüberschreitungen der NS-Zeit in Form der Vernichtungspraxis während des Zweiten Weltkrieges angestellt. Die Nachbetrachtungen nehmen schließlich das Verschwinden Julius Barmats aus dem sozialen Gedächtnis nach dem Krieg in den Blick, und zwar auch vor dem Hintergrund, dass einige wichtige Akteure der Auseinandersetzungen der Zwischenkriegszeit nach 1945 die deutsche Historiografie mitprägten. Es geht um das Verschwinden des kontaminierten Themas »Kapitalismus« zumindest in bundesdeutschen Debatten, was bis heute viele historiografische Leerstellen hinterlassen hat.
Kapitel 1
Grenzüberschreitung:
Der Ostjude, der aus dem Westen kam
Julius Barmats Ankunft in Deutschland war von Anfang an umstritten. Im März 1919 beantragte der in Amsterdam lebende Kaufmann beim örtlichen Generalkonsulat ein dreimonatiges Dauervisum für die Einreise nach Deutschland, das ihm erst nach langen Auseinandersetzungen am 22. Mai ausgestellt wurde. Dem mit einer Niederländerin verheirateten, staatenlosen Barmat schlug Misstrauen entgegen. Dabei ging es allgemein um den Flüchtlingsstrom sogenannter Ostjuden nach Deutschland, aber gleichermaßen auch um seine Person. War er ein gerissener Unternehmer, der die wirtschaftliche Not Deutschland ausnutzte, ein Agent des Kaiserreichs, gar ein sowjetischer Bolschewik oder doch nur ein opportunistischer Sozialdemokrat?
Julius Barmat war nicht nur ein erfolgreicher Kaufmann, er war jüdischer Konfession, genauer: ein Ostjude, dessen profitable Handelsgeschäfte von Anfang an eine politische Dimension hatten, da er die Konjunktur der Kriegs- und Nachkriegszeit geschickt zu nutzen vermochte. Es war eine Zeit der wirtschaftlichen Not und politischen Umwälzungen mit zahllosen Gerüchten, die reale wie vermeintliche Formen von Misswirtschaft, Bestechung sowie persönliche Bereicherung betrafen und von denen viele antisemitisch unterlegt waren. Erste Skandalisierungen um Barmat findet man im Zusammenhang mit seiner Einreise 1919, dann im Kontext seiner großen Lebensmittelgeschäfte in der Nachkriegszeit sowie der Skandalisierung eines anderen Handeltreibenden namens Georg Sklarz. Es ist eine Geschichte, die in die Spätphase des Kaiserreichs, die Revolutionierung Russlands und mehr noch in die Revolutionszeit 1918/19 führt. Die höchst widersprüchlichen Anspielungen, die seine Person und die Umstände seiner Ankunft betrafen, waren noch lange über das Kriegsende hinaus bis in die 1930er Jahre – auch in Belgien und Frankreich – zu finden. Es ist eine Geschichte von Anfängen, die kein Ende zu nehmen schienen.
Einwanderer mit wirtschaftlichen und politischen Ambitionen
Julius Barmat war einer unter Millionen, die sich vor dem Ersten Weltkrieg entschlossen, ihr Bündel zu packen und ihr Glück im Westen zu suchen, einem Westen, der gleichermaßen ein geografischer Ort relativ zum eigenen Ausgangspunkt wie ein Versprechen auf ein besseres Leben war.1 Für diejenigen, die sich nicht auf der Flucht befanden, bedeutete Migration die meist hoffnungsvoll wahrgenommene Chance, politische und soziale Einengungen und Repressionen hinter sich zu lassen, ja möglicherweise sozial aufzusteigen. Bei allem wirtschaftlichen Erfolg in der neuen Wahlheimat machte Barmat jedoch auch die wiederkehrende Erfahrung neuer sozialer und kultureller Grenzen.
Ein sozialer Aufsteiger und »Kriegsgewinnler«
Bei allen Rätseln in Bezug auf Julius Barmats Biografie ist eines sicher, nämlich dass er am 18. Dezember 1889 in Uman in der Nähe Kiews, einer Stadt im Kernland des jüdischen Siedlungsrayons des Zarenreichs, in der heutigen Ukraine geboren wurde und dass er sich Judko nannte.2 Demnach war seine »ursprüngliche Nationalität« russisch, aber da er und seine Familie zeitweise auch in Litzmannstadt (Łódź) und Petrikau (Piotrków Trybunalski) gewohnt hatten, galt er später manchen auch als Pole. Zu seiner familiären Herkunft kursieren widersprüchliche Angaben. Späterhin tauchten immer wieder Berichte auf, er stamme aus ärmlichen Verhältnissen, ja sei dem Getto entflohen – sicherlich kein ganz zutreffendes Bild. In der Version seiner Anwälte war sein Vater ein Rabbiner, und seine Mutter entstammte einer Kaufmannsfamilie. Über Vermögen scheinen die Eltern nicht verfügt zu haben. Julius, der älteste Sohn, galt als begabt, besuchte zunächst das jüdische Seminar. In Łódź, wo sein Vater zeitweise in einer jüdischen Gemeinde beschäftigt war, wechselte er auf die Handelsschule, wo ihm offenbar wegen seiner guten Leistungen das Schuldgeld erlassen wurde. Schon mit 17 Jahren soll er die Erlaubnis erhalten haben, nicht nur Unterricht in der Handelsschule zu erteilen, sondern auch Bewerber für die Handelsschule vorzubereiten.
Wie er selbst bekundete, machte ihm die Politik einen Strich durch die Rechnung. Schon während seiner Zeit in der Handelsschule hatte er sich einer sozialistischen, revolutionären Studentenorganisation angeschlossen, weil, wie er erklärte, »sich in Rußland eine solche Neigung bei den Juden ganz von selbst bilden musste«. Damit meinte er den russischen Antisemitismus, der in den vorangegangenen Jahren immer wieder zu Pogromen geführt hatte. Nicht wirtschaftliche Gründe, sondern diese politischen Aktivitäten verhinderten sein Studium am Polytechnikum in Kiew, wo er für kurze Zeit eingeschrieben war. Im Dezember 1907 meldete