Kapitalismus und politische Moral in der Zwischenkriegszeit oder: Wer war Julius Barmat?. Martin H. Geyer

Kapitalismus und politische Moral in der Zwischenkriegszeit oder: Wer war Julius Barmat? - Martin H. Geyer


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von Menschen und die Zirkulation von Waren und Geld über Grenzen. Es herrschte ein tiefes Misstrauen, dass mit den Migranten auch Spione und revolutionäre bolschewistische Ideen einsickern könnten. Dass die nationalen Grenzen vielfach ungesichert waren, vermittelte ein Gefühl der Verwundbarkeit. Besonders brisant war die Situation im Osten, wo es mit der Gründung des Staates Polen zu konfliktreichen Grenzziehungen kam. Hunderttausende Flüchtlinge, die vor der Gewalt der Russischen Revolution, der Bürgerkriege sowie der blutigen Pogrome flohen, überschritten unkontrolliert die deutsch-polnische Grenze und ließen sich im Reich nieder. Schätzungen gehen von 600000 russischen Staatsbürgern aus, von denen sich 360000 allein in Berlin aufhielten. Umstritten war die Anzahl der jüdischen Migranten. 1924 hieß es, dass bis zu 400000 Ostjuden nach Deutschland gekommen seien. Tatsächlich ließen sich zwischen 1914 und 1921 nur etwa 105000 jüdische Migranten im Reich nieder, viele von ihnen vorübergehend auf ihrem Weg in den Westen. Erste Regelungen noch aus dem Jahr 1918, die jüdische Migration aus dem Osten einzuschränken, wurden unmittelbar nach der deutschen Revolution zunächst einmal aufgehoben. Humanitäre Motive standen im Vordergrund. Antisemiten sprachen bald von einer »Ostjudenplage«, und der Ruf nach effektiven Grenzsperren und Deportation insbesondere der ostjüdischen Flüchtlinge wurde laut.40

      Barmats Bemühungen, im Jahr 1919 nach Deutschland einzureisen, hatten mit dieser ostjüdischen Fluchtbewegung wenig zu tun. Tatsächlich hätte die Ausgangssituation nicht konträrer sein können. Hier der wohlhabende Kaufmann mit seinem Geschäftssitz an der noblen Keizersgracht in Amsterdam, der legal die Grenze überschreiten wollte, dort die vielen, überwiegend bettelarmen Flüchtlinge, die vielfach illegal die »grüne Grenze« überquerten. Hier ein Mann, der über »vorzügliche Manieren« verfügte, »als Israelit ein sehr gutes Äußeres« hatte und zudem »angenehm im Umgang war, sodass man allgemein geradezu von ihm eingenommen ist und ihm Vertrauen schenkt«,41 dort die vielen Jiddisch sprechenden, teils in einen Kaftan gekleideten Juden, die auch ihren deutschen Glaubensgenossen vielfach als exotisch und fremd, ja als Vertreter einer anderen, rückständigen Welt des Ostens galten. Julius Barmat teilte nicht das Schicksal dieser vielen ostjüdischen Migranten, die auf den infolge der Demobilisierung des Heeres übervollen deutschen Arbeits- und Wohnungsmarkt drängten, auf öffentliche und konfessionelle Fürsorgeleistungen angewiesen waren und sich aus purer Not in wirtschaftlich marginalen Nischen zu etablieren versuchten. Während er bald in den teuersten Berliner Hotels logierte, die seinem sozialen Status entsprachen, zwängten sich die meisten Flüchtlinge in die ärmeren Stadtquartiere wie das Berliner Scheunenviertel oder in improvisierte Notunterkünfte, wenn sie nicht gar in auf Militärgelände gelegenen Übergangslagern »konzentriert«, isoliert und drangsaliert wurden – mit der unverhohlenen Absicht, die Neuankömmlinge möglichst schnell wieder abzuschieben.

      Und doch: Ob aus dem Westen oder Osten kommend, wohlhabend oder arm – allen, auch Julius Barmat, haftete das Stigma des Ostjuden an. Dass sich hinter seinen geschliffenen Manieren ein russischer oder polnischer, sprich: jüdischer Kriegsgewinnler verberge, insinuierte bezeichnenderweise auch der in der kommunistischen Roten Fahne abgebildete Cartoon aus der Hochphase des Skandals (siehe Abb. 1, S. 48): Er zeigt Barmat als »Schieber«, der nach Kriegsende – in Polen – mit Sack und Pack darauf wartet, in das sozialdemokratische »Schieberparadies« Deutschland aus »humanitären Gründen« eingelassen zu werden. Ganz ähnlich sahen das viele Konservative, allemal aber die Völkischen, für die mit der Republikgründung das »Ostjudenproblem« begann. Konkret hieß das: Verschärfung der Wohnungsnot und Arbeitslosigkeit, Kosten für die Wohlfahrt, (Wirtschafts-)Kriminalität und nicht zuletzt un-überwindbare kulturelle Fremdheit.42 Dahinter standen – idealisierte – Vorstellungen einer »wertvollen« Migration, wie die der Hugenotten (siehe auch Abb. 2, S. 51).

      Der Familiennachzug war ein anderes Thema. In den Jahren zwischen 1919 und 1924 verließen auch die Barmat-Geschwister Herschel, David, Isaak, Salomon sowie Rosa und Dora Barmat Russland bzw. die Ukraine, und die Brüder stiegen in das verzweigte Geschäft zwischen Amsterdam, Berlin und Wien ein. An erster Stelle zu erwähnen ist der 1893 geborene Herschel oder Henri bzw. Henry (Letzteres seine eigene Schreibweise). Henry hatte die Mittelschule besucht und dann das Abitur gemacht, aber keine »Lust zum Studium«. Der Vater schickte ihn und seinen jüngeren Bruder Isaak ebenfalls in die Niederlande, damit sie nach dem Tode einer geliebten älteren Schwester »auf andere Gedanken« kämen. Der Zufall wollte es, dass sich Henry just bei Kriegsausbruch 1914 auf einer Geschäftsreise in Russland aufhielt, sodass ihm die Rückkehr nach Holland versperrt war. Nach seiner Rückkehr 1919 trat er als Angestellter in das Geschäft von Julius ein, zunächst in Amsterdam und Wien, dann in Berlin, wo er den Lebensmittelhandel organisierte.43 Er war Julius’ linke Hand, eine Verbindung, die auch dadurch gestärkt wurde, dass Henry 1920 die Schwester von Barmats Frau, Helena de Winter, heiratete.

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      Abb. 1 Skandalisierung der Einreise Julius Barmats durch die KPD. Erster Teil eines Cartoons, Die Rote Fahne Nr. 48, 22. 2. 1925

       Bundesarchiv, Bibliothek, Signatur: Z D 678-si

      Ging es in den späteren Debatten im Zusammenhang mit der Einreise der Brüder meist um Wohnungsfragen – die Verteilung von Wohnraum unterstand kommunalen Behörden –, entwickelte sich die Einreise der Eltern zu einem Politikum. Über den 1867 im russischen Uman geborenen Abraham Barmat wissen wir genauso wenig wie über seine drei Jahre ältere, in Tolschin, ebenfalls in Russland, geborene Frau Schewa Barmat-Pechowitsch, die aus einer russischen Industriellenfamilie gestammt haben soll. Barmats Anwälte bezeichneten Abraham Barmat als Rabbiner, andere Quellen sprechen von einem Kaufmann und »Talmud-Gelehrten«, andere von einem »sehr religiösen orthodoxen Israeliten«.44 Auch in Uman, wo die Familie lebte, kam es während des Bürgerkriegs zwischen 1917 und 1920 zu brutalen, gegen Juden gerichtete Pogrome mit Zehntausenden Toten, die auch die Barmats zur Flucht veranlassten. Im Herbst 1920 kontaktierte Julius Barmat den damaligen Reichskanzler Gustav Bauer (SPD) und berichtete ihm von einem Brief seines Vaters, der wie so viele andere Flüchtlinge mit Frau und Kindern an der bessarabisch-rumänischen Grenze ausgeplündert und mittellos gestrandet war. Er bat um Hilfe, um seinen Familienangehörigen die Übersiedlung nach Holland zu ermöglichen. Bauer erwies ihm diesen Freundschaftsdienst und verwandte sich für die Familie sowohl bei der Niederländischen Botschaft, dem Auswärtigen Amt als auch beim preußischen Innenminister Carl Severing, damit die preußischen Behörden den Barmats keine Schwierigkeiten bei der Durchreise in die Niederlande bereiteten.45

      Severing sah sich schon damals wie dann auch im Zuge des Skandals 1925 massiven politischen Angriffen ausgesetzt. Trotz der repressiven Politik seines preußischen Innenministeriums wurde er andauernd mit Vorwürfen konfrontiert, nicht scharf genug gegen die ostjüdischen Flüchtlinge vorzugehen. Er galt als »Beschützer der galizischen Juden«46, für den, wie der Abgeordnete Wilhelm Kähler (DNVP) 1922 im Preußischen Landtag meinte, alles, »was mit dem Judentum zusammenhängt, ein Blümchen Rührmichnichtan« sei.47 Die offizielle Linie Severings war es, humanitäre Erwägungen bei der Aufnahme von Flüchtlingen auch mit Blick auf den Völkerbund und die kritische Beobachtung Deutschlands durch das Ausland in den Vordergrund zu stellen. Dennoch versuchte man, ihm in der rechten Presse wie im preußischen Untersuchungsausschuss wegen der Einreise der Eltern Barmats einen Strick zu drehen (auch mit der ziemlich absurden Implikation, dass dabei Korruption vorgelegen habe).48

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      Abb. 2 Kontrastierung der hugenottischen mit der jüdischen Einwanderung nach dem Ersten Weltkrieg

      CC-BY-SA 3.0 Universitätsbibliothek Heidelberg, Kladderadatsch, 73.1920, Seite 284

      Umstrittener


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