Magie am Hof der Herzöge von Burgund. Andrea Berlin
Herzogs und der Führungseliten. Seine besondere Favorisierung des burgundischen Adels hat sogar die Frage aufgeworfen, ob Chastelain nicht selbst zum Ritter des Ordens vom Goldenen Vlies geschlagen wurde.30
Jacques du Clercq und Jean de Wavrin haben erst in den letzten Jahrzehnten wieder verstärkt das Interesse der historiographiegeschichtlichen Forschung auf sich gezogen – ohne freilich, dass dieses Interesse je gänzlich abgebrochen war. Beide sind, wie bereits 1946 Jean Stengers herausgearbeitet hat, in ihren Arbeiten von der Chronik des selbsterklärten Froissart-Fortsetzers Enguerrand de Monstrelet abhängig.31 Über Jacques du Clercq ist als Person erstaunlich wenig bekannt; alle wesentlichen Details entstammen seinen Mémoires selbst.32 In der burgundischen Chronistik nimmt der Sohn eines Rats Philipps des Guten aus Lille eine Sonderstellung ein, weil er sein Werk offenbar selbstständig, jedenfalls ohne Referenz an einen fürstlichen Auftraggeber oder Adressaten verfasste – er schreibt à distance, wie Franck Mercier feststellte,33 was sich nicht nur auf die Darstellung, sondern unter Umständen auch auf den Grad der Informiertheit ausgewirkt haben könnte. Dem steht entgegen, dass du Clercq bei der Abfassung seiner Arbeit durchaus auch auf amtliche Schriftstücke zurückgegriffen hat.34 Ferner wird ein didaktischer Anspruch und eine Nähe zum Adel deutlich, die ihm möglicherweise seine Leserschaft am burgundischen Hof bescherten.35 »Er stand also«, folgert Klaus Oschema wohl zu Recht, »der Adels- und Hofkultur seiner Zeit vermutlich näher, als es die wenigen konkreten Details seiner Biographie, die wir kennen, zu zeigen vermögen.«36
Gelesen wurde du Clercq jedenfalls am burgundischen Hofe, denn Jean de Wavrin greift bei der Abfassung seines Werkes auf ihn zurück.37 Aus einer angesehenen flandrischen Familie stammend, aber unehelich geboren nahm dieser seiner Herkunft nach zunächst eine ambivalente Rolle in der burgundischen Hofgesellschaft ein, scheint dann aber eine steile Karriere am Hof gemacht zu haben.38 Mehrfach war er im Auftrag Philipps des Guten in Frankreich, England und Italien;39 auch unter Karl dem Kühnen war er beschäftigt. Bedeutsam ist ferner seine große Sammlung von Büchern gewesen, die Antoinette Naber näher untersucht hat.40 Wavrins Receuil des croniques et anchiennes istories de la Grant Bretaigne, a présent nommé Engleterre wurden und werden verstärkt von der britischen Forschung beachtet;41 seine besondere persönliche Stellung als Chronist zwischen England und Burgund hat vor einigen Jahren noch Alain Marchandisse beleuchtet.42
1.1.2. Vorbemerkungen zur Forschungsliteratur
Aufgrund der besonderen Überlieferungssituation des Aktenmaterials, das im Mittelpunkt dieser Studie steht, liegt auf der Hand, dass Forschungsliteratur dazu bislang nicht existierte. Der Prozess selbst ist der Forschung zumindest seiner Existenz nach freilich über die Erwähnungen durch burgundische Chronisten bekannt gewesen und wird hier und da auch en passant erwähnt.43 Dass er nie ausführlicher thematisiert worden ist, liegt an den allzu kurzen Erwähnungen, die sich bei den Chronisten finden lassen. Erst das nun zugängliche Prozessmaterial erlaubt es überhaupt, Licht auf die Sache zu werfen.
Bevor das Material aber einer näheren Untersuchung unterzogen wird, gilt es, einen ersten Blick auf die bisher existierenden Grundlagen zu werfen, auf denen diese Arbeit aufbauen kann. Diese Vorbemerkungen sollen allerdings nur die Aufgabe eines allgemeinen Überblicks erfüllen; Detailforschungen werden in den jeweiligen Einzelkapiteln zu diskutieren sein.
Insgesamt gesehen hat das rund hundertjährige ›Phänomen Burgund‹ – der bemerkenswerte Aufstieg eines vergleichsweise kleinen Herzogtums innerhalb weniger Generationen zu einem der zentralen Spieler auf dem Feld westeuropäischer Politik und dessen nicht minder rasches Verschwinden nach dem Tod Karls des Kühnen – die Forschung schon immer fasziniert. Eines der nicht nur in dieser Hinsicht Epoche machenden Werke ist sicherlich Johan Huizingas Herbst des Mittelalters (1919), das aber nicht am Anfang, sondern auf dem Gipfel einer Beschäftigung mit der burgundischen Geschichte während des 19. und frühen 20. Jahrhunderts steht.44 Huizinga greift in großem Maße auf die burgundischen Chronisten zurück, um sein Bild eines zutiefst zerrissenen Zeitalters zu zeichnen.
Kaum mehr überschaubar ist die Literaturlage der Burgundforschung vor allem in Frankreich und den BeNeLux-Ländern, als den ehemaligen Herrschaftsgebieten der burgundischen Herzöge geworden.45 Hervorzuheben sind dabei insbesondere die Tätigkeiten des Centre européen d’études bourguignonnes, das durch die von ihm veranstalteten Konferenzen und den daraus hervorgehenden Publikationen große Strahlkraft besitzt. Unverzichtbar und daher für die Geschichte Burgunds, die westeuropäische Geschichte und die Erforschung höfischer Strukturen zu erwähnen, sind zudem die Annales de Bourgogne, die Revue du Nord sowie die Reihe Residenzenforschung. In der Schweiz sind – historisch nicht weiter verwunderlich – vor allem Arbeiten zu den eidgenössischburgundischen Beziehungen, vor allem also zu den Burgunderkriegen, entstanden.46 Dieses Interesse ist ungebrochen und hat sich noch 2008 in der großen Landesausstellung »Karl der Kühne« niedergeschlagen, die zunächst in Bern, in den Jahren 2009 und 2010 dann auch in Brügge und Wien zu sehen war.47 Vor allem in den 1990er und 2000er Jahren hat sich auch die deutsche historische Forschung wieder stark für das burgundische Spätmittelalter interessiert, wobei das Deutsche Historische Institut Paris unter der damaligen Leitung von Werner Paravicini sicher als ein zentraler Motor dieser Beschäftigung gelten darf. Auch im Umfeld seines Kieler Lehrstuhls sind eine Reihe von Qualifikationsarbeiten und andere Schriften entstanden; gleiches gilt für den Frankfurter Lehrstuhl von Heribert Müller und den Münsteraner Lehrstuhl von Martin Kintzinger. Aber auch jenseits dieser ›Zentralorte‹ der deutschen Burgundforschung hat man in den letzten Jahrzehnten starkes Interesse am burgundischen Spätmittelalter feststellen können.
Besonderes Forschungsinteresse galt in den letzten Jahren zudem wieder der starken Position der niederländischen Städte, die häufig in Opposition zu den Herzögen von Burgund standen und deren Rebellionen nicht selten durch französische Fürsten unterstützt wurden.48 Dies hat schon 1964 Christa Dericum in ihrer Heidelberger Dissertation interessiert und ist seitdem immer wieder aufgegriffen worden.49 Der Erforschung dieser und anderer stadtgeschichtlicher Aspekte widmet sich insbesondere die Reihe Urban History, aber auch zahlreiche weitere Sammelbände und Einzelpublikationen stützen dieses Forschungsinteresse. Ungebrochen ist schließlich auch die Motivation der Burgundforschung, sich mit dem Übergang des burgundischen zum habsburgischen Reich zu beschäftigen.50
Im Mittelpunkt der internationalen Burgundforschung stand und steht aber wohl die Erforschung der burgundischen Hofkultur,