Gleichheit oder Freiheit?. Von Kuehnelt-Leddihn Erik
Liberale darf aber auch in seiner Haltung von Erwägungen geleitet werden, die nicht einen ethischen oder religiösen, sondern auch einen praktischen Charakter tragen. Zwar unterscheidet er genau zwischen Wahrheit und Unwahrheit, zwischen Recht und Unrecht, doch verwirft er die Häufung von Zwangsmaßnahmen, weil er weiß, daß sie nicht den gewünschten Erfolg erzielen, ja sogar zu noch größerem Übel führen können. Wir haben schon früher dem Gedanken Ausdruck verliehen6, daß das Mittelalter mit seiner faktischen Unmöglichkeit, sich offen von der Kirche loszusagen, an einer Art urämischen Vergiftung litt. Und es ist offensichtlich, daß eine Verfolgung Märtyrer erzeugt. Hier ist aber dann die Gefahr vorhanden, daß die Qualen und Leiden der Verfolgten die sadistischen Neigungen ihrer Schergen befriedigen. Schließlich kann einem einsichtigen Christen nichts als teuflischer erscheinen als die Verquickung von Wahrheit und Laster, die dann einer Verschmelzung von Heiligkeit und Irrtum gegenübersteht! Und hierzu sind nicht einmal Scheiterhaufen notwendig, auf denen verschrobene Sektierer zum Ergötzen rundlicher Dogmatikprofessoren verkohlt werden…
Die verhängnisvolle Neigung zum Gewaltverfahren, die sich auf Grund des staatlichen Beispiels in die Kirche eingeschlichen hatte, behauptete sich mehrere Jahrhunderte, bis dann intra muros der Gegenstoß einsetzte7. Schon Pius VII. kämpfte mit scharfen Worten gegen das Zwangsprinzip, weil es lediglich die Heuchelei förderte. So berichtet uns ein junger Amerikaner, der den Vater der Christenheit im Jahre 1818 besuchte:
»The Pope talked a good deal about our universal toleration, and praised it as much as if it were a doctrine of his own religion, adding that he thanked God continually for having at last driven all thoughts of persecution from the world, since persuasion was the only possible means of promoting piety, though violence might promote hypocrisy.«8
Und heute betont der Codex Iuris Canonici ausdrücklich, daß niemand (d. h. kein Erwachsener) gezwungen werden kann, den katholischen Glauben anzunehmen9. Es darf dabei allerdings nicht verschwiegen werden, daß in der mittelalterlichen Kirche lokal manchmal in diesem Punkte eine gewisse Verwirrung herrschte; es kamen Fälle vor, daß zwangsweise getaufte, erwachsene Juden der Gerichtsbarkeit der Kirche unterstellt wurden. Dies waren freilich nur Übergriffe des Klerus10, nie aber die Stellung des Heiligen Stuhles. Es konnte nur eine Frage der Zeit sein, bis die ganze Wirkungskraft der im Grunde genommen »personalistischen« Theologie der Kirche sich im Fragenkomplex von Gewissen, Freiheit, Gewalt und Zwang fühlbar machte11. Die katholische Lehre vom Primat des Gewissens über alle sichtbare Autorität, die selbst den Vikar Christi auf Erden einschließt, steht in grellem Gegensatz zu den koerziven Einrichtungen und Gebräuchen des Spätmittelalters; diese waren schließlich auch mit den Forderungen der christlichen Nächstenliebe unvereinbar. Zwar darf es nicht außer acht gelassen werden, daß die von der Inquisition schuldig befundenen Angeklagten den weltlichen Autoritäten mit einer feststehenden Formel übergeben wurden, in der die Bitte enthalten war, diese nicht hinzurichten. Diese Formel lautete:
»De nostro foro ecclesiastico te proiicimus et tradimus seu relinquimus bracchio seculari ac potestati curie secularis, dictam curiam secularem efficaciter deprecentes, quod circa et citra sanguinis effusionem et mortis periculum sententiam suam moderetur.«12
Dieser Wortlaut entschuldigt nicht eine Zusammenarbeit zwischen Kirche und Staat in einer höchst zweifelhaften Sache, aber sie erklärt doch die Grundeinstellung der Kirche. Kein katholischer Theologe wird heute die Möglichkeit eines ehrlichen und tragischen Konfliktes zwischen Gewissen und Wahrheit ableugnen; jedem Häretiker, jedem Glaubensfeind einfach schlechten Willen oder Bosheit zuzuschreiben, war allerdings eher der Ausfluß psychologischen Nichtwissens als philosophischen Unverstands.
Auch darf nicht vergessen werden, daß der Liberalismus – last, but not least — seine wirtschaftlichen Aspekte hat. In diesem Zusammenhang muß man darauf hinweisen, daß ein wahrer Liberalismus schwerlich dem Manchestertum oder einem unbegrenzten Kapitalismus gleichzusetzen ist. Neo-Liberale (»Dezentralisten«), wie z. B. Wilhelm Röpke, haben dies öfters betont. Da der Privatkapitalismus dazu neigt, Besitztum (ein wichtiger Schlüssel zur Freiheit!) in wenigen Händen zu konzentrieren, ist er von einem echt liberalen Gesichtspunkt dem Staatskapitalismus (Sozialismus) immer noch vorzuziehen13. Doch fragt es sich überhaupt, ob der »Kapitalismus«, ein marxistischer Ausdruck, eine Ideologie, ein »Ismus« ist. Wir bezweifeln das. Viel klüger ist es, den Ausdruck »freie Marktwirtschaft« zu verwenden, wobei das Wörtchen »frei« völlig überflüssig ist.
Die Bezeichnungen »Demokratie« und »demokratisch« sind rein politischer Natur. Demokratie bedeutet »Macht (Regierung) des Volkes«14 auf egalitärer Grundlage15; auf die verschiedenen soziologischen und sozialen Mißbräuche, die mit diesem Ausdruck getrieben werden, wollen wir nicht gesondert eingehen. Die bloße Sympathie für die unteren Klassen, zum Beispiel, ist nicht Demokratie, sondern Demophilie16. Der Leser sei daher gewarnt, daß wir uns in diesen Studien fast ausschließlich mit dem politischen Begriff der Demokratie befassen.
Es muß hier betont werden, daß es eine klassische Auffassung der Demokratie gibt, die mit geringen Abweichungen von 500 vor Christi Geburt bis zur Mitte des vorigen Jahrhunderts überall gültig war. Manche Autoren halten sich immer noch an die klassische Auslegung, denn sie allein bietet eine gewisse Klarheit und Deutlichkeit. Deshalb haben auch wir diesen Weg beschritten. Plato, Aristoteles, St. Thomas von Aquin, St. Robert Bellarmin, Juan de Mariana S. J., Alexander Hamilton, John Marshall, James Madison, Gouverneur Morris, N.D. Fustel de Coulanges stimmten alle mehr oder weniger in ihrer Auslegung des Wortes »Demokratie« überein, obwohl man zugeben muß, daß bei einigen der »Gründerväter« Amerikas die Tendenz vorhanden schien, den Begriff der Demokratie zu verengen und ihn nur mit einer ihrer Erscheinungsformen gleichzusetzen, nämlich mit der direkten Demokratie, für welche Einschränkung zu einem Teil der Einfluß Rousseaus verantwortlich ist. Dies, zumindest, ist unser Eindruck, wenn wir Madisons Definition im »The Federalist« (Nr. 10 und 14)17 oder John Adams’ Angriff gegen die Demokratie in seiner A Defense of the Constitution of the United States of America lesen18. Jedoch ist der Fall John Adams’ nicht ganz klar; eine sorgfältige Studie der Werke dieses zweiten Präsidenten Amerikas, der noch konservativer als Madison war, liefert viele Beweise einer bewußten Ablehnung des Gleichheitsprinzips in allen seinen Formen19; auch ist es bekannt, daß er heftige Gewissensbisse wegen seiner Teilnahme am amerikanischen Unabhängigkeitskrieg hatte, da dieser ideengeschichtlich, infolge der ersten großen europäischamerikanischen Mißverständnisse und Fehlinterpretationen zur Französischen Revolution und deren blutigem napoleonischen Nachspiel beigetragen hatte20. Alexander Hamilton, der konservativste in dieser Gruppe, kritisierte leidenschaftlich die Demokratie in seiner Ansprache vom 21. Juni 1788 (On the Compromise of the Constitution) und auch in der Bundeskonvention am 26. Juni 178721. Es sollte kein Zweifel mehr darüber herrschen, daß die überwiegende Mehrzahl der »Gründerväter«, der Founding Fathers, nicht nur die direkte Demokratie gehaßt und sich ihr entgegengestellt hat, sondern auch, daß sie als strenge Republicans selbst der indirekten Demokratie (dem egalitären Repräsentativsystem) zutiefst kritisch, ja ablehnend gegenüberstanden. Am schärfsten in seiner Kritik war vielleicht Gouverneur Morris, der Lafayette in Paris rundweg heraus erklärte: »I am opposed to the democracy from regard to liberty« – dieselben Worte, die später Bachofen gebrauchte22.
Während der Durchschnittsamerikaner gar nicht so sicher ist, ob die Gründerväter alle wirklich brave Demokraten waren, wird Thomas Jefferson, der dritte Präsident Amerikas, zumeist leichtfertig als Demokrat oder zumindest als Schöpfer der Jeffersonian Democracy (im Gegensatz zu der späteren und echteren Jacksonian Democracy) bezeichnet. Wenn wir jedoch die Demokratie in ihrer direkten sowie indirekten Form betrachten, müssen wir feststellen, daß sein politisches Glaubensbekenntnis alles andere denn demokratisch war. Welches sind aber nun in concreto die Forderungen der Demokratie? Es gibt deren nur zwei: 1. legale und politische Gleichheit für alle, die sich nicht nur vor den Gerichten (Isonomie), sondern besonders in den politischen Funktionen des Bürgers ausdrückt, und 2. »Selbstregierung« (self-government), die in der Herrschaft der Mehrheit (von Gleichberechtigten) besteht. Je nachdem diese »Selbstregierung« durch das Volk oder durch Abgeordnete ausgeübt wird,