Hunnen und Rebellen. Jessica Mitford
seinem Ärger machten sich selbst die konservativen Blätter über diese Einlassung lustig, und die Labour-Presse berichtete begeistert. »Was hast du denn sagen wollen?« fragten wir, und er erklärte uns geduldig, daß so, wie Jesus Gott wurde, weil er der Sohn Gottes war, der älteste Sohn eines Lords dessen Titel und Rechte erben sollte. Nancy tat so, als überrasche sie die Erklärung: »Ach, und ich habe gedacht, es wäre ein Schlag gegen den christlichen Glauben, weil der Sohn des Lords das Recht verlieren würde, den Pfarrer auszusuchen.«
Das Recht, die Geistlichkeit einzustellen und zu entlassen, war eines, das mein Vater nur höchst ungern aufgegeben hätte. Er verfügte über die Pfründe in Swinbrook, was bedeutete: Wenn der amtierende Pfarrer starb oder die Gemeinde verließ, war es Farves Verantwortlichkeit, die sich meldenden Nachfolgekandidaten in Vorstellungsgesprächen zu prüfen und einen davon auszuwählen. Kurz nach unserem Umzug nach Swinbrook wurde ein solches Verfahren durch den Tod von Reverend Foster, dem Gemeindepfarrer, erforderlich. Debo und ich gelang es, bei zumindest einem der Gespräche heimlich mitzuhören. Ein blasser junger Mann mit dem üblichen Priesterkragen wurde vom Hausmädchen eingelassen. »Kommen Sie bitte hier entlang, Sir«, sagte sie. »Seine Lordschaft ist im Schließzimmer.« Das Arbeitszimmer meines Vaters war einmal unter üblicheren Bezeichnungen bekannt gewesen – Bibliothek, Geschäftszimmer, Herrenzimmer –, aber ich hatte Farve darauf hingewiesen, daß er quasi sein ganzes Leben in diesen vier Wänden verbrachte und infolgedessen unvermeidlicherweise dort einmal die Augen schließen würde. So wurde der Raum als Schließzimmer bekannt, und selbst die Dienstboten übernahmen die Bezeichnung. Das Schließzimmer war ein durchaus angenehmer Raum, wenn man nicht zwangsweise dorthin beordert worden war; die Wände waren von oben bis unten mit Tausenden von Büchern bedeckt, die Großvater angesammelt hatte, und es gab viel bequemes lederüberzogenes Mobiliar sowie ein großes Grammophon. Doch die Vorstellung, von Farve zu einem Gespräch dorthin bestellt zu werden, erfüllte uns mit mitfühlendem Schrecken.
»Ach, der Arme. Da kommt er. Jetzt passiert’s«, flüsterte Debo in unserem Versteck unter der Treppe. Wir hörten Farve erklären, daß er persönlich die Choräle für den Sonntagsgottesdienst aussuchen würde. »Keine von diesen verdammten komplizierten ausländischen Melodien. Ich gebe Ihnen eine Liste, was in Frage kommt. ›Holy, holy, holy‹, ›Rock of Ages‹, ›All Things Bright and Beautiful‹ und dergleichen.« Er fuhr fort mit dem Hinweis, daß die Predigt niemals länger als zehn Minuten dauern dürfe. Es bestand keine Gefahr, daß diese Zeit überschritten wurde, da Farve es gewohnt war, seine Stoppuhr anzuschalten und zwei Minuten vor Ende der dem Redner zugemessenen Zeitspanne die Hand zu heben.
»Haben Sie’s mit Stinkerei und Spitzen?« brüllte er den erstaunten Bewerber plötzlich an. »Hmm?« Fragende Laute wurden durch die Wand des Schließzimmers hindurch vernehmlich. »Weihrauch, Chorhemden und der ganze papistische Quatsch! Sie wissen, was ich meine!« Debo und ich wanden uns voll Sympathie.
Der arme Pfarrer, der schließlich ausgewählt wurde, muß sich oft gewünscht haben, ihm wäre eine leichtere Aufgabe zugefallen. Zunächst einmal war der Kirchgang eine eherne Regel für die gesamte Familie Mitford. Ob Regen oder Sonnenschein, jeden Sonntagmorgen trabten wir den Hügel hinunter, zusammen mit der Nanny, der Gouvernante, Bouds Ziege, ihrer Schlange Enid, Miranda, diversen Hunden und meiner zahmen Taube. Einige der Grabstätten auf dem Kirchhof von Swinbrook waren praktischerweise von hohen Gitterzäunen umschlossen, die dem Schutz dienten und einer gewissen Privatheit. Die gaben gute Käfige für die verschiedenen Tiere ab, deren lautes Blaffen, Gurren und Mähen sich harmonisch in den kräftigen Gesang des Kirchenchors mischte und den größten Teil der zehnminütigen Predigt mühelos übertönte. Wenn Tom zuhause war, vergnügten Debo, Boud und ich uns während des Gottesdienstes damit, daß wir versuchten, »ihn zum Gibbeln zu bringen« – ein honnischer Ausdruck für unfreiwilliges oder unterdrücktes Kichern. Der beste Moment dafür ergab sich während der Verlesung der zehn Gebote. Mit offenen Gebetbüchern im Chorgestühl der Familie aufgereiht, warteten wir auf das Signal »Du sollst nicht ehebrechen« und gaben dann die ganze Reihe entlang einen Rippenstoß bis zu dem armen Tom weiter, dabei verzweifelt unser Gekicher erstickend. Wir waren sicher, daß er im Ausland und in seiner Londoner Wohnung ein glamouröses Leben führte und bei diesem speziellen Gebot eine betonte Ermahnung brauchte.
Meine Mutter war bei theologischen Diskussionen schwer festzunageln. »Glaubst du an Himmel und Hölle?« fragte ich. »Nun, man hofft ja immer, daß es irgendein Weiterleben nach dem Tode geben wird. Ich würde irgendwann gerne Onkel Clem wiedersehen, und Cicely, so eine gute Freundin von mir …« Sie schien das Jenseits für einen gutgelaunten Nachmittagsempfang zu halten, wo alle möglichen Leute unversehens vorbeikommen mochten. »Aber wenn du nicht an die Wunder und so glaubst, warum muß man dann jeden Sonntag in die Kirche gehen?« »Nun ja, kleine D., schließlich und endlich ist es die Church of England, wir müssen sie unterstützen, verstehst du.«
Die Unterstützung nahm verschiedene Formen an. Wenn Muv daran dachte, lud sie den Pfarrer und seine Frau sonntags zum Mittagessen ein: »Die armen Dinger, sie schauen immer so hungrig drein, ich frage mich, ob sie wirklich genug zu essen bekommen.« Ihre weitgehende Ignoranz kirchlicher Gebräuche muß den Pfarrer gelegentlich in Verlegenheit gesetzt haben. Einmal wurde Geld für den Katafalk – the bier – bei Beerdigungsgottesdiensten gesammelt; der Pfarrer kam ins Haus und fragte sie, ob sie hierzu nicht etwas beitragen wollte. »Gewiß, wieviel wird denn gebraucht?« Der Pfarrer meinte, fünf Pfund wären eine ausreichende Summe. »Fünf Pfund? Wer um Himmels willen soll denn all das Bier trinken?«
Muv nahm mich oft mit, um die Frauen im Dorf zu besuchen, denen sie kleine Almosengeschenke machte. Die Armut dieser Dörflerinnen erfüllte mich mit unruhiger Besorgnis. Sie lebten in sehr alten, sehr kleinen Häuschen, rührend mit Bildern der königlichen Familie und Porzellannippes geschmückt. Der Geruch von Jahrhunderten Kohlsuppe und starkem Tee hing in den Mauern. Die Frauen waren mit dreißig Jahren alt und meist zahnlos. Viele hatten Kröpfe, Warzen, krumme Rücken und andere Gebrechen, wie sie Generationen Armut mit sich bringen. War es möglich, daß diese armen Wesen eigentlich auch Leute wie wir waren? Woran dachten sie, was brachte sie zum Lachen, worüber redeten sie bei den Mahlzeiten? Wie füllten sie die Tage aus? Warum waren sie so arm?
Auf dem langen Weg heimwärts nach einem solchen Besuch kam mir plötzlich ein glänzender Einfall.
»Hör mal, wäre es nicht eine gute Idee, wenn das ganze Geld in England gleichmäßig unter alle aufgeteilt würde? Dann würde es gar keine richtig armen Leute geben.«
»Nun, das wollen die Sozialisten machen«, erklärte mir Muv. Es war mir etwas peinlich, zu erfahren, daß die anti-honnischen Sozialisten meine gute Idee bereits gehabt hatten, ich fuhr aber trotzdem fort mit dem Thema.
»Warum kann man das nicht machen?«
»Weil es nicht fair wäre, Liebling. Es würde dir doch nicht gefallen, wenn du dein ganzes Taschengeld sparst und Debo gibt ihres aus, und ich sage dann, du mußt die Hälfte von deinem Geld an Debo geben, oder?« Ich sah das sofort ein. Meine Idee war doch ziemlich hoffnungslos.
Kurz danach nahm man mich zu einer konservativen Wahlversammlung im Dorf mit. Onkel Geoff hielt die Rede. »Das Problem mit der Labour-Partei ist es, daß die wollen, daß jeder arm ist«, sagte er. »Wir wollen aber, daß jeder reich ist.« Ich hatte dieses ehrwürdige Klischee noch nie gehört, und es schien mir ein Gedanke von brillanter Originalität, von dauerhafter Wichtigkeit. Es sollten noch einige Jahre vergehen, ehe ich wieder über sozialistische Ideen nachdachte.
DREI
In England auf dem Lande heranzuwachsen schien ein endloser Vorgang. Der eisige Winter wich dem frostigen Frühling und dieser einem kühlen Sommer – aber nie geschah irgend etwas. Die lyrisch sanfte Schönheit des Jahreszeitenwechsels in den Cotswolds ließ uns – buchstäblich – kalt. »Wär ich jetzt in England, / Jetzt wird es April …« oder »Narzisse, holde, wie es schmerzt, / Sinkst du so früh dahin …« – die Worte hatten eine gewisse Beschwörungsgewalt, aber ich nahm nicht viel vom April wahr, und Narzissen interessierten mich nicht. Es kam mir nie in den Sinn, mit meinem Schicksal zufrieden zu sein. Da ich kaum Kinder meines Alters kannte, mit denen ich vergleichend über ihr Leben hätte reden können, beneidete ich die Kinder in der Literatur,