Er ging voraus nach Lhasa. Nicholas Mailänder
den Führungsqualitäten des Expeditionsleiters. Ausrüstung, Proviant und Transportmittel waren bis ins Detail durchdacht und wurden vor Ort mit militärischer Präzision zum Einsatz gebracht. Vor allem hatte es Paul Bauer aber geschafft, die Mitglieder seiner Expedition zu einer Einheit zusammenzuschweißen, die bereit war, für den Erfolg am Berg und für ihren „Hauptmann“ alles aus sich herauszuholen.
Paul Bauer und seine Mannen dachten nicht daran, sich geschlagen zu geben. Unterstützt vom Akademischen Alpenverein München, von der Sektion Hochland, der Sektion Oberland und vielen Einzelpersonen bereiteten sie eine zweite Expedition vor. Das Auswärtige Amt tat alles, um den Münchner Bergsteigern den Weg in den Himalaya wieder zu ebnen. Der Münchner Verlag Knorr & Hirth und sogar die London Times leisteten finanzielle Unterstützung. Auch der Deutsche und Österreichische Alpenverein steuerte einen namhaften Betrag bei.32
Allwein, Aufschnaiter, Brenner, Fendt und Leupold waren mit von der Partie, als Bauer 1931 wieder zum Sturm auf den Kantsch antrat. Dazu kamen vier weitere hervorragende junge Bergsteiger, die Bauer schon seit Jahren kannte: Hans Hartmann aus Berlin, Hans Pircher aus Innsbruck, Hermann Schaller aus München und Karl Wien aus Berlin.
Als die Deutsche Himalaya-Expedition 1931 sich Anfang Juli am Fuß des Kangchenjunga einfand, war das Wetter viel wärmer als zwei Jahre zuvor. Der Aufstieg zum Grat war extrem von Lawinen und Steinschlag bedroht. Die Schneeauflage war wesentlich geringer als 1929, was den Aufstieg zum Teil erschwerte. An dem von filigranen Hartschneetürmen bestandenen horizontalen Gratstück des Sporns erlitt Eugen Allwein einen ernsten Ischias-Anfall. Einer nach dem anderen erkrankten die Expeditionsmitglieder an einem schweren Husten. Die besten Träger bekamen Mumps.
Am 9. August stürzte Hermann Schaller am ersten Steilaufschwung des Grates auf rund 6000 Meter Höhe zusammen mit dem Träger Pasang tödlich ab. Paul Bauer hatte die Gefahr gewittert: „[…] Eine eindringlichste Warnung, wie sie aus tieferer Erfahrung instinktmäßig geboren wurde, ohne dass ich zunächst noch wusste wieso, war in mir. […] Ich hob die Trillerpfeife mehrmals an die Lippen, um alles zurückzurufen; der Weg sollte neu, anders geführt, der Umzug aufgeschoben werden. Aber ich setzte die Pfeife immer wieder ab. Schaller und die beiden Träger waren schon am Fuß der Rinne drüben, Hartmann und Wien stapften schon über die Vorterrasse. Sie hätten die schwere Stelle wieder im Abstieg machen müssen, wenn ich sie zurückgerufen hätte. […] Auf einmal glitt lautlos ein schwarzer Körper – Pasang?! – heraus, Schallers Figur mit dem weitabstehenden Rucksack folgte unmittelbar ebenso lautlos, flog kopfüber, schneller als Pasang, über diesen hinweg, beide schlugen am Fuß der Eisrinne auf und schnellten in die Luft hinaus.“33
Die Schwierigkeiten zwischen 5500 und 6300 Meter am Nordostsporn des Kangchenjunga konnten es mit schwersten Alpenrouten der Zeit aufnehmen.
Auch der neben Bauer stehende Pircher war entsetzt. Heimfahren wollte er jedoch auf keinen Fall: „Aber unser großes Ziel, Hauptmann, geben wir doch nicht auf?!“34
Darauf konnte er sich verlassen! Paul Bauer ließ die Leichen bergen, die Expeditionsmitglieder errichteten ihrem Freund Hermann Schaller auf einer Felsinsel inmitten des Zemu-Gletschers ein Grabmal und setzten ihn und den Träger bei. Auch diesen schweren Unfall hatte letztlich die warme Witterung verursacht. Die Temperaturen waren nachts nur knapp unter den Gefrierpunkt gesunken. Der Träger Pasang hatte wohl im weichen Schnee den Halt verloren und Hermann Schaller mit in den Tod gerissen.35
Trotz der anhaltend schlechten Bedingungen am Berg und obwohl krankheitsbedingt nur noch die Hälfte der Expeditionsmitglieder einsatzfähig war – unter ihnen Peter Aufschnaiter –, bewältigte die Mannschaft den schwierigen Abschnitt des Sporns. Am 16. September traf Aufschnaiter zusammen mit Pircher im 7360 Meter hoch gelegenen Lager 1136 auf Wien und Hartmann, der sich beim Spuren auf den Sporngipfel schwere Erfrierungen an den Füßen zugezogen hatte. Der Expeditionsleiter hatte zurückbleiben müssen: Ein Herzanfall aus Überanstrengung hatte Paul Bauer zum Aufgeben gezwungen. Auch Peter Aufschnaiter war am Ende seiner Kräfte. Hans Hartmann notierte am 18. September in sein Tagebuch: „An der Eishöhle wurde aber nicht gebaut. Der Peter lag ganz apathisch im Zelt und schob die Arbeit immer hinaus. Er hat sich auch bei dem langen, schweren Dienst hier oben kaputt gemacht – bis endlich, es ist drei Uhr –Schritte hörbar werden und kurz darauf Alisi, Karlo und Peperl ins Zelt kriechen.“37 Allwein schildert, wie es den drei Bergsteigern ergangen ist beim Versuch, am 18. September droben am Nordgrat des Kangchenjunga das Lager 12 zu etablieren:
„Vom Lager weg (7650 Meter38) schwingt sich der breite Grat mäßig steil zu einer Schulter auf, von der weg er dann fast horizontal etwa einen Kilometer lang gegen den Gipfelaufschwung des Sporngipfels hinführt. Der Gang über diesen Grat war wohl das Schönste, was ich in den Bergen erlebt habe, ja vielleicht das Schönste, was man erleben kann. Wir waren glänzend in Form, das Marschieren über den ebenen Grat machte nicht viel mehr Anstrengung als ein steiler Aufstieg bei uns und dazu ein Ausblick, wie man ihn sicher nicht oft bekommen wird. […] Ein steiler Aufstieg noch und wir stehen am Sporngipfel; 8000 m zeigt der Aneroid, 60 Meter mehr als gestern. Nur 2 Stunden 10 Min. habe ich zur Überwindung dieser letzten 350 Höhenmeter benötigt; die Gefährten wenig mehr, ein Zeichen dafür, wie gut wir uns an die Höhe gewöhnt haben.“39
Tatsächlich hatte das Dreierteam eine Höhe von etwa 7700 Metern erreicht. 880 Höhenmeter über ihnen der höchste Punkt des Kangchenjunga. Doch ein steiler, extrem lawinengefährlicher Schneehang von rund 150 Metern Höhe versperrte den Zugang zur Schulter des Nordgrats. Allwein und Wien spurten hinüber zum Fuß des Aufschwungs, auf dem 50 Zentimeter Neuschnee abrutschbereit auf einer Harschschicht aufliegen. Eine Lawine ist schon abgegangen, zwei Einrisse im Hang unterstreichen die Gefahr weiterer Schneebretter. Auch bei genauer Inspektion entdeckten die beiden keine Möglichkeit, das Hindernis zu überlisten. Es war zum Verzweifeln: Die Form passte, das Wetter war stabil, aber der zum Greifen nah erscheinende Gipfel blieb unerreichbar. Die zwei erfahrenen Alpinisten brauchten keinen Rückzugsbefehl ihres „Hauptmanns“, um sich für den Abstieg zu entscheiden.
Wieder gelang es der Expeditionsmannschaft, den Rückzug vom Berg geordnet und unfallfrei abzuwickeln. Und wieder wurden Bauer und sein Team bei ihrer Rückkehr von den englischen Kolonialbeamten wie Sieger gefeiert. Die Münchner Akademiker hatten bewiesen, dass es möglich war, ohne Sauerstoffgerät weit in die Todeszone vorzudringen. Der bekannte Geograf und Himalaya-Kenner Kenneth Mason brachte die Bewunderung der britischen Fachwelt im Alpine Journal auf den Punkt: „Ein ausführlicher Kommentar zu dem Kampf von 1931 wäre die reine Anmaßung. Es reicht aus festzustellen, dass die Expedition, was die bergsteigerische Leistungsfähigkeit, die Ausdauer und vor allem das Urteilsvermögen angeht, für alle Zeit das klassische Vorbild sein wird.“40
Auch zu Hause in München war der Empfang triumphal. Tausende drängten in das Auditorium Maximum der Universität, um den Vortrag des Expeditionsleiters zu erleben. Paul Bauers umfangreiches und heute noch höchst lesenswertes Werk Im Kampf um den Himalaja, das 1931 erschien, war im Nu vergriffen. Seinem Autor wurde beim Literaturwettbewerb der Olympiade in Los Angeles 1932 die Goldmedaille für die hochwertigste Sportpublikation verliehen.
Peter Aufschnaiter war nach dem Rückzug vom Kantsch nicht sofort heimgefahren. Er hatte den lebhaften Wunsch verspürt, jene Gegend kennenzulernen, auf die er Tag für Tag von den Hochlagern herabgesehen hatte, denn ihre „sanften, rötlichbraun gefärbten Formen bildeten einen wunderbaren Gegensatz zu der eis- und schneestarrenden Wildnis, in der wir uns herumschlugen“.41
Am 30. September 1931 stieg Aufschnaiter mit Joachim Leupold und drei Trägern vom Basislager aus nach Norden an und gelangte über einen rund 6000 Meter hohen, spaltenreichen Pass auf den weitläufigen Hidden Glacier. Am andern Tag spurte das kleine Team drei Stunden lang hoch zum 5800 Meter hohen Hidden Col. „Dort war nun zum ersten Mal das Lhonak vor uns ausgebreitet: ein sanft geformtes Bergland, eigentlich eine weite Mulde, die zwischen höheren Bergketten – im Süden das Kangchenzöngamassiv, im Norden