24 x Weihnachten neu erleben. Oskar König
zur Last werden und viele durch ihr Gift verderben« (Hebräer 12,15). In irgendeiner Form haben wir wohl alle diese Erfahrung einmal gemacht. Wir wurden verletzt, und wenn uns jemand auch lange Zeit später an diese Verletzung erinnert, geht ein Schmerz durch den ganzen Körper. Da ist offensichtlich etwas in uns gewachsen, diese besagte Bitterwurzel – und sie ist alles andere als vergessen! Nein, sondern mehr denn je präsent. Wir spüren denselben Groll wie am Tag damals.
Die Frage ist doch, auf wen hat diese bittere Wurzel Einfluss? Auf den Verursacher des Schmerzes? Wohl kaum. Im schlimmsten Fall ist ihm der Schaden nicht einmal bewusst. Nein, den Unfrieden spüren wir und vermutlich auch unsere Liebsten, ob es uns bewusst ist oder nicht. Den alles durchziehenden Schmerz erleben wir, wenn jemand den einen Punkt berührt. Diese eine piksende Nadel.
Das Bild des nadelnden Tannenbaums soll die Schwere der Verletzung gar nicht verharmlosen – im Gegenteil! Es ist unser Wunsch, hier ein Licht der Hoffnung auf Heilung zu spenden, gerade jetzt an Weihnachten, wenn der tiefe Wunsch nach (innerem) Frieden vermutlich seinen Jahreshöhepunkt erreicht. Vielleicht ist es ein guter Zeitpunkt, sich sein Herz einmal anzuschauen und bei all den Erfahrungen, die dort gelagert sind, zu prüfen: Does it spark joy? Oder eher Schmerz und Wut? Noch einmal Paulus’ Rat: »Prüft alles (…) und behaltet das Gute« (1. Thessalonicher 5,21).
Das bedeutet, sich die Zeit zu nehmen, alles einmal anzuschauen und das Gute, den schönen Schmuck, zu behalten. Die Kugeln liebevoll in die dafür vorgesehenen Kartons zu legen. Zarte Glaskugeln sanft zu betten. Aus dem Fenster geworfen wird dann der Unrat! Und nicht umgekehrt.
Prüft alles
Unser Leben ist ein Sowohl-als-auch, kein Entweder-oder. Wir haben unsere Stärken und wir haben auch unsere Schwächen. Wir fühlen Trauer und erleben Freude. Wir lachen und wir weinen, manchmal sogar gleichzeitig. Wir leben in einer bunten Welt, nicht im Schwarz-Weiß. So ist auch keines unserer Erlebnisse entweder nur das eine oder nur das andere. Nein, es sind gerade die dunklen Farbtöne, die einem farbenprächtigen Bild Tiefe und Schatten verleihen. Eine weitere Dimension. So geben oft erst die schwierigen Erlebnisse und Herausforderungen einem Menschen Charakter. Einen Erfahrungsschatz.
Der deutsche Geigenbauer Martin Schleske baut seine Geigen aus sogenannten »Sängerstämmen«.4 Das sind Hölzer, die eine Geige überhaupt erst so wunderschön klingen lassen. Doch ein Holz wird erst unter widrigen Bedingungen zum Sängerstamm – in steilen Höhen, auf denen es heftige Stürme erlebt und schweren klimatischen Bedingungen ausgesetzt ist. Denn nur so gewinnt es Widerstandskraft und seine schwingungsfähigen Zellen.
Manche Erfahrungen will man sicher kein zweites Mal machen, aber vielleicht haben wir darin einen neuen Wert gewonnen. Innere Stärke. Gnade mit unseren Mitmenschen.
»Prüfet alles« kann für Sie bedeuten: alles zu seiner Zeit. Trauer hat seine Zeit und Versöhnung hat seine Zeit. Altes loslassen hat seine Zeit. Und Abschied. Es ist ein Weg, ein Prozess, und es kann durchaus sein, dass Sie auch noch im Januar alte Nadeln auf dem Boden entdecken und zusammenkehren …
Sie heben in diesem Prozess mit Sicherheit den einen oder anderen Schatz, aber von manchen Sachen dürfen Sie sich getrost verabschieden, damit im Herzen auch wieder neue Schönheiten Raum finden.
In einem der Weisheitsbücher des Alten Testaments heißt es: »Alles hat seine Zeit, alles auf dieser Welt hat seine ihm gesetzte Frist« (Prediger 3,1).
Behaltet das Gute
Das Schöne am Aufräumen ist doch, dass wir vielleicht längst vergessene Schmuckstücke, kostbare Erinnerungen, Erlebnisse und Begegnungen wiederfinden, die irgendwo im Chaos verschollen waren. Wir bergen sie, befreien sie vom Staub und geben ihnen einen besonderen Platz in unserer Lebenswohnung.
Was wäre, wenn wir anfangen würden, mit diesem Blick – immer wieder auf der Suche nach dem Guten, dem Schönen, dem Kostbaren – durch unser Leben zu gehen? Was wäre, wenn in unserem Denken und Bewerten Dankbarkeit, Wertschätzung und Freude statt Unzufriedenheit, Kleinlichkeit und negative Kritik vorherrschen würden? Es könnte uns und unser Handeln nachhaltig verändern.
»Ein guter Mensch bringt aus einem guten Herzen gute Taten hervor, und ein böser Mensch bringt aus einem bösen Herzen böse Taten hervor. Was immer in deinem Herzen ist, das bestimmt auch dein Reden« (Lukas 6,45), so beschreibt es Lukas in seiner Version der Weihnachtsgeschichte. Und wer weiß, was sich noch so alles unter den Schätzen findet? Vielleicht tauchen verschollene Träume und Sehnsüchte wieder auf und wir entdecken neu, wie wir eigentlich leben wollten, was wir vom Leben erwarten. Oder wir entdecken vergessene Talente wieder, in die es zu investieren lohnt. Wie schön ist es, wieder Leichtigkeit und neue Motivation zu erleben, wenn man zuvor nur noch die eigene Unfähigkeit gesehen hat.
Auch in Beziehungen lohnt sich dieser suchende Blick für das Gute. Wir können Freundschaften, die wir aus den Augen verloren haben, wieder aufnehmen. Wir entwickeln vielleicht einen versöhnlichen Blick auf die eigene Familie. Wir entdecken, wo sich Menschen in uns investiert haben, und werden ermutigt, Gutes weiterzugeben.
Und wenn uns dann bewusst wird, wie reich wir doch beschenkt sind, werden wir frei, unsere Schätze zu teilen, Gutes weiterzugeben.
Eine neue Weihnachtstradition
Vielleicht kann es auch für Sie zu einer neuen Weihnachtstradition werden. Die Zeit des Jahreswechsels eignet sich perfekt für einen solchen »Knut«, an dem man sich noch einmal das vergangene Jahr anschaut, das Erlebte prüft und das Gute behält. Mit dem Abnehmen der hübschen Weihnachtskugeln rufen Sie sich die Schönheiten des vergangenen Jahres in Erinnerung, kostbare Begegnungen, ermutigende Gespräche und überwundene Hürden. Und mit dem Herauswerfen des nadelnden Baums dürfen auch unangenehme Erfahrungen vergeben, ausgesöhnt oder aussortiert werden.
Haben Sie sich zu Beginn des Lesens vorgenommen, dieses Buch auch bewusst als Wegweiser für Ihre Suche nach dem Warum und Wozu in Ihrem Leben zu nehmen? Dann möchten wir Sie dazu ermutigen, sich auch noch einmal Ihr bisheriges Glaubensleben unter diesem Knut-Prinzip anzuschauen. Haben Sie vielleicht auch durch schlechte Erfahrungen im persönlichen Leben Kirche, den Glauben oder gar Gott »aus dem Fenster geworfen«? Gibt es beim genaueren Betrachten vielleicht doch Erlebnisse oder Inhalte (wie im vorigen Kapitel über Johannes den Täufer beschrieben), die lohnenswert wären, sie zu bergen und aufzubewahren? Wer weiß, vielleicht entdecken Sie auch hier Schätze, die Ihnen helfen, Gott neu kennenzulernen.
TAG 5
Die Weihnachtsgeschichte nach Lukas – Verstand bitte draußen lassen?
»Es war einmal ein Kaiser mit Namen Augustus …« Na ja, fast. Im Original heißt es: »Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt geschätzt würde« (Lukas 2,1; LUT). Diese ganze Eine kleine Randnotiz: Tatsächlich verbinden nur weniger als die Hälfte der Deutschen Weihnachten mit der Geburt Jesu. Ganz oben auf der Liste stehen stattdessen der Weihnachtsbaum (78 Prozent) und die Geschenke (71 Prozent).5 Weihnachtsgeschichte erinnert schon ein wenig an ein mit Symbolen aufgeladenes Märchen, das einem Jahr für Jahr vorgelesen oder vorgespielt wird. Selbst wer sonst nicht in die Kirche geht, kennt diesen Bibeltext wahrscheinlich trotzdem. Schließlich ist diese Geschichte Tradition und gehört zu einem Weihnachtsgottesdienst wie das Amen in der Kirche.
Doch zurück zum Text: Der Mann, der diese Geschichte aufge-schrieben hat, erzählte eigentlich keine Märchen. Er nannte sich Lukas und war hauptberuflich nicht Autor, sondern Arzt (vgl. Kolosser 4,14). Dies erklärt wohl auch sein gründliches Vorgehen beim Verfassen von Texten, wie er gleich zu Beginn seines Evangeliums deutlich zum Ausdruck brachte: »Viele haben schon über die Ereignisse geschrieben, die bei uns geschehen sind. Dabei haben sie die Berichte der ersten Jünger zugrunde gelegt, die mit eigenen Augen gesehen haben, wie Gott seine Verheißungen erfüllt hat. Ich habe alle diese Berichte von Anfang an sorgfältig studiert und beschlossen, alles in geordneter Folge für dich aufzuzeichnen. Auf diese Weise kannst du dich von der Zuverlässigkeit