Die falsch gestellten Weichen. Von Kuehnelt-Leddihn Erik

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war zudem auch der Klerus ganz ohne Ansehen. Der Priester („Pope“)39) und insbesonders seine Frau waren in so vielen Volkserzählungen und Märchen die Zielscheibe der Scherze und der Verachtung…

      Allerdings sind die Worte des Heiligen Augustinus immer wahr gewesen: et paupera et inops est ecclesia, die Kirche ist arm und hilflos. Auch an die zweite Geschichte in Boccaccios Dekameron muß in diesem Zusammenhang erinnert werden.40) Doch hatte vor dem Ersten Weltkrieg die Kirche zwar keineswegs moralisch, wohl aber geistig, wie auch vom Standpunkt der Autorität einen bedauerlichen Tiefstand erreicht – wieder einmal erreicht. Sie hatte auch zweifellos stets nur eine sehr geringe Macht. Die „Macht“ der katholischen Kirche ist ein beliebtes Ammenmärchen, dem sowohl Gläubige als auch Ungläubige immer wieder verfallen. Auch in dem so oft gepriesenen, verteufelten und fast immer mißverstandenen Mittelalter war die Kirche keineswegs „mächtig“. Die Inquisition war eine staatliche Einrichtung, die durch einen königlichen Federstrich ins Leben gerufen oder auch abgeschafft werden konnte. Sie war im Grunde nie etwas anderes als eine geistliche Expertise im staatlichen Dienst. Der starrsinnige oder rückfällige Ketzer wurde der weltlichen Macht mit dem Wunsch übergeben, daß sie nicht sein Blut vergießen sollte.41) (Freilich war auch diese Hilfeleistung der Kirche dem Staat gegenüber das Resultat einer entsetzlichen kirchlichen Fehlentscheidung, ein fataler Unsinn, der aber kam und ging.) Gerne zitiert man Canossa als Symbol der Macht der mittelalterlichen Kirche, aber gerade die Geschichte Papst Gregors VII. zeigt die Schwäche des Papsttums, denn er starb in der Fremde. „Ich liebte die Gerechtigkeit und haßte die Ungerechtigkeit, deshalb sterbe ich im Exil“, waren seine letzten Worte.42) Die Wahrheit ist sehr einfach: Die ‚Macht‘ der Kirche war immer nur ein Mondlicht. Sie reflektierte fast immer nur das Sonnenlicht des Staates oder auch zuweilen den kollektiven Willen (und deshalb auch die Treue)43) eines Volkes.

      Zweifellos war das weltweite Prestige des Papsttums im 20. Jahrhundert größer als im Mittelalter, das überhaupt nicht als ausgereift christliches Zeitalter betrachtet werden darf.44) Es kann auch mit Fug und Recht gefragt werden, ob es je ein „christliches Zeitalter“ gegeben hat oder ein solches überhaupt möglich sei – außer als eschatologische Erscheinung. Ich selbst wüßte keine Antwort darauf. Sicher ist es nur, daß der Christ nicht resignierend seine Hände in den Schoß legen darf und – was immer seine „reale“ Hoffnung – in dieser Richtung arbeiten muß.

      Schon gegen Ende des 19. Jahrhunderts kündete sich innerhalb der katholischen Kirche eine theologische Krise an: der Modernismus. Der echte, also häretische Modernismus, versuchte den katholischen Glauben in Symbolen „weltlich“ aufzulösen. Leider wurde diese für den Glauben höchst gefährliche Tendenz von der Kirchenführung oft mit den „reformkatholischen“ Bestrebungen verwechselt.45) Es gibt in der katholischen Kirche und Lehre Adiaphora, aber daneben auch Einrichtungen, Gesetze und Meinungen, die nicht nur veränderbar sind, sondern auch aus verschiedenen Gründen verändert werden sollten. Nun aber erzeugte der Modernismus eine Erregung und Gespanntheit mit zahlreichen Verdächtigungen, die zu Anzeigen bei Bischöfen und auch in Rom selbst führten. Wie der Fall des „Amerikanismus“ schon unter Leo XIII. zeigte, blühte bald ein häßliches Angebertum.46) Das Spitzelwesen erreichte durch die Organisation des Sodalitium Pianum einen wahren Höhepunkt.47) So war es zum Beispiel bezeichnend, daß die sehr fromme Baronin Enrica Handel–Mazetti in Rom als „Modernistin“ angezeigt wurde, weil sie in ihrem Roman Jesse und Maria, der zur Zeit der Reformation spielt, auch böse katholische und gute evangelische Christen figurieren ließ. Hier muß man dennoch im Rückblick das harte, oft vielleicht auch sehr lieblose Durchgreifen des Vatikans unter dem heiligmäßigen Papst Pius X. positiv48) werten, denn damals wurde eine Wirrnis unter den Gläubigen verhindert, ein Chaos, wie es fünfzig-sechzig Jahre später unter schwachen Päpsten eintrat.

      Beim Ausbruch des Ersten Weltkriegs war die katholische Kirche in der europäischen Szene weder ein politischer noch ein bedeutender moralisch-spiritueller Faktor – und die evangelischen wie auch die Kirchen des Ostens noch viel weniger. Dasselbe gilt auch für die Neue Welt. Es wurde den Kirchen sogar vorgeworfen, daß sie die „Waffen segneten“, eine Behauptung, die zum eisernen Arsenal des aufgeklärten Spießers gehört.49) Selbstverständlich betete man aber auf beiden Seiten für den Sieg, wie doch jeder gläubige Christ für den Sieg einer Sache beten darf, die er für gerecht oder richtig hält.

      Noch eines sei hier erwähnt: natürlich nannte sich vor 1914 keine katholische Partei „demokratisch“, denn schon der reformierte Schweizer Theologe und Literarhistoriker Alexandre Vinet hatte uns gewarnt, daß bei einer „christlichen Demokratie“ das Hauptwort unweigerlich das Eigenschaftswort auffressen würde.50) In Rom dachte man auch nicht anders. Leo XIII. verbot ausdrücklich in der Enzyklika Graves de communi den politischen Gebrauch des Wortpaars „christliche Demokratie“.51) Das wissen die Analphabeten in der Christenheit ebensowenig wie ihre Feinde. Letztere haben die schöne Gelegenheit, mit diesem Papstwort ‚ehrliche Entrüstung‘ zu zeigen und aus der ‚Rückständigkeit‘ der reaktionären Kirche somit Kapital zu schlagen, gründlich verpaßt. Die Historie ist überhaupt elne Geschichte der verpaßten Gelegenheiten, doch wollen wir im nächsten Kapitel uns nicht an die Zeitläufe, sondern an die Thematik halten, und daher die Entwicklung der Kirchen nach dem Ersten Weltkrieg gleich anschließend behandeln.

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