Die falsch gestellten Weichen. Von Kuehnelt-Leddihn Erik
erträgt eine Fremdherrschaft, ein urwüchsiges tut dies nicht. Die spanische Erhebung zehrte an den Armeen Napoleons bis zum bitteren Ende und inspirierte sicherlich auch die Erhebung eines anderen „rückständigen“ Volkes, das Rückgrat hatte, der Tiroler. Doch der Tiroler Aufstand war von einem Mann von hoher Qualität geleitet, der spanische Aufstand hingegen war spontan und kopflos. Im Gegensatz zu den Südamerikanern kennen die Spanier den Personenkult eigentlich nicht. Auch Franco war nie allgemein beliebt.
Doch war Spanien immer auch der Empfänger ausländischer Ideen. Im Jahre 1812, als schon der Süden befreit war, traten in Cádiz die Cortes zusammen, nicht als „ständische“ Vertretung,3) sondern als Parlament modernen Stils, und gaben dem Land eine Verfassung – die einer konstitutionellen Monarchie. Die Befürworter dieser Verfassung waren die „Freiheitlichen“, los liberales.4) Diese Verfassung wurde nach dem Abzug der Franzosen und der Rückkehr der Bourbonen von Ferdinand VII., dem Sohn Karls IV. anerkannt, dann aber wieder abgelehnt. Ein neuer Aufstand brachte die Intervention der Heiligen Allianz, doch schließlich wandte sich der wankelmütige Ferdinand wieder den Liberalen zu. Seine Witwe (die vierte Frau!) schloß sich fest an das liberale Lager an und wurde die Regentin ihrer Tochter, der Königin Isabel II. Diese „altkastilische“ Erbfolge war jedoch dem inzwischen von Spanien übernommenen salischen Erbrecht, das der männlichen Thronfolge den absoluten Vorrang gibt, entgegengesetzt. Karl, der Bruder Ferdinands, beanspruchte den Thron. Ihn unterstützten die katholisch-konservativen Apostólicos, und dieser Erbfolgestreit, der bis auf unsere Tage angedauert hat, leitete die Serie der Karlistenkriege ein, in denen das konservative und katholische Spanien der Carlistas und das liberale Spanien der Isabelinos sich mörderische Schlachten lieferten. Nach dem Tode Ferdinands erhoben sich die Karlisten im Norden des Landes und wurden erst 1838 besiegt. Ein karlistischer Putsch mißlang im Jahre 1860. Doch die Kriege flammten wieder in voller Stärke im Jahre 1872 auf, als Amadeus von Savoyen auf die spanische Krone verzichtete und das Land herrenlos war. Sie dauerten bis 1876.5) Sind das bloß historische Reminiszenzen? Keine Spur. Ohne die Hilfe der Karlisten, die am tapfersten kämpften, wäre die Militärrevolution, die im Juli 1936 ausbrach, nie gewonnen worden.
Die ganze Geschichte Spaniens von 1808 an ist blutig; mit dem Gift der Französischen Revolution in seinen Eingeweiden sollte das Land nie zur Ruhe kommen: eine Revolution, eine Krise, eine Rebellion, ein Bürgerkrieg, ein Umsturz folgte nach dem anderen. General Franco gab im Mai 1946 in den Cortes einen Abriß der spanischen Geschichte seit jenen Tagen bis zum Juli 1936 als der große Bürgerkrieg ausbrach, in dem es nur der Zufall wollte, daß Franco eine so gewichtige Rolle spielte. Ferdinand VII., sagte er, kehrte nach einem grauenhaften Krieg und Bürgerkrieg, der mit der Niederlage der Franzosen endete, im März 1814 nach Spanien zurück. 19 Jahre hindurch dauerte der Kampf zwischen Absolutismus und Liberalismus – sechs Jahre des Absolutismus mit der Unterdrückung der Liberalen, drei Jahre liberaler Herrschaft mit blutiger Verfolgung der Absolutisten, zehn Jahre eines milden Absolutismus bis zur Herrschaft von Isabel II., mit fortwährenden Revolten und Aufständen, einem Bürgerkrieg, der zu einer ausländischen Intervention führte, dem fast totalen Verlust des Kolonialreichs und der steigenden Gefahr der Karlistenkriege. Vom Tode Ferdinands VII. bis zum Sturz der Königin Isabel, vom September 1833 bis zum September 1868, sah Spanien 41 Regierungen und zwei Bürgerkriege, von denen der erste sechs Jahre dauerte. Es gab zwei Regentschaften und den Sturz der Monarchie, drei neue Verfassungen, 15 Militärrevolten, zahlreiche lokale Unruhen, häufige Priestermorde, Brandlegungen, Verhaftungen, Meutereien, einen Attentatsversuch auf die Königin und zwei Aufstände in Kuba.
Vom Fall der Monarchie im Jahre 1868 bis zur Regierung Alfons XIII., etwas weniger als 34 Jahre, gab es 27 Regierungen, einen ausländischen König (Amadeus von Savoyen), der nur zwei Jahre regierte, eine Republik, die vier Präsidenten in elf Monaten hatte, einen Bürgerkrieg, der sieben Jahre dauerte, verschiedene republikanische Aufstände und fast dauernde Rebellionen; dazu kam ein Krieg mit den Vereinigten Staaten, der dem Land beinahe den Rest der Kolonien kostete. Zwei Präsidenten der Republik wurden umgebracht, und es gab zwei neue Verfassungen.
Von der Thronbesteigung Alfons XIII. bis zum 4. April 1931, als die zweite Republik ausgerufen wurde, gab es in den ersten 28 Jahren 29 Regierungen. Drei Attentate richteten sich gegen das Leben des Königs. Es gab verschiedene revolutionäre Bewegungen, militärische Revolten und die Errichtung einer Diktatur. Diese dauerte sieben Jahre, das einzige Zwischenspiel, das Frieden, Ordnung und Fortschritt brachte. Das Jahr darauf sah zwei verschiedene Regierungen und den Fall der Monarchie. Die Republik, die vom April 1931 bis zum Juli 1936 bestand, war eine Synthese aller Unruhen, Revolutionen und Rebellionen der spanischen Vergangenheit. In etwas mehr als fünf Jahren gab es zwei Präsidenten, 22 Regierungswechsel, eine Verfassung die fortwährend aufgehoben werden mußte, zahllorse Einäscherungen von Klöstern und Kirchen sowie religiöse Verfolgungen. Es gab sieben schwere Unruhen, eine kommunistisch-anarchistische Revolution (in Asturien), Sezessionsbewegungen in zwei Gebieten und die Ermordung von Oppositionsführern, die von Regierungskräften durchgeführt wurde.6)
Die Richtigkeit dieser Behauptungen kann nicht angezweifelt werden. Sie ist feststellbar. Nur fragt man sich unwillkürlich, ob diese eher doch betrübliche ‚Leistung‘ rein aus dem spanischen Charakter heraus erklärt werden kann oder ob da auch andere Gründe mitspielen. Sicherlich ist der Absolutismus des Denkens, die Verachtung für den Kompromiß, die Begeisterung für alles Extreme sehr spanisch. Man erinnere sich da an das spanische Revolutionslied der Exaltados aus dem Jahre 1821:
Muera quien quiere moderación
A viva siempre, y siempre viva
Y viva siempre la exaltación.7)
Auch wäre es verfehlt, in den Spaniern ein Volk von Neurotikern und Hysterikern zu sehen. Es gibt neben dem Extremismus auch eine spanische Nüchternheit und Klarheit, ja selbst eine spanische Selbstdisziplin, 1968 hatte Spanien die niedrigste Mord- und Totschlagsziffer der Welt.8) Die Schilderungen des spanischen Charakters, die wir von George A. Ticknor, dem „Bostoner Brahmanen“,9) bekamen, der das Land im Jahre 1817 bereiste, berichten von Spanien als von einem für das Reisen sehr beschwerlichen Land, das aber zugleich das „freiheitlichste Land der Welt“ für diesen Amerikaner war. Ticknor war von den Spaniern begeistert: „Hier ist größere Kraft ohne Barbarei, Zivilisation ohne Korruption als irgendwo anders. Kannst du das glauben?“ fragt er seinen Vater Elisha Ticknor in einem Brief. Und später sagt er: „Ein stilleres, anständigeres, die Gesetze befolgendes und loyaleres Volk habe ich nirgends in Europa gesehen.“ Doch mußte er auch erwähnen, daß die Regierung sehr schwach war, und die königlichen Gesetze ganz einfach ignoriert wurden.10) Von der Inquisition aber berichtete Ticknor, daß man sie allgemein verachte und sie nur noch Priester und Lehrer manchmal beeindrucke. Als sie nicht viel später ganz abgeschafft und durch die Polizei ersetzt wurde, gab es wütende Demonstranten, die in den Ruf ausbrachen: „Viva la Inquisición! Muera la policia!“11) Das katholische, anarchische Lebensgefühl war in diesem Volk immer präsent: Vergessen wir da auch nicht, daß weder die Spanier noch die Portugiesen je die Leibeigenschaft gekannt hatten!
Der einzige Faktor, der das historische Spanien einte, war der Glaube, denn politisch, sprachlich, regional, sozial sind die Spanier zutiefst gespalten, aber der gemeinsame Glaube hält sie noch irgendwie zusammen. Nun aber wurde durch die Aufklärung der Glaube unterhöhlt, und der Spanier wandte sich in seinem kompromißlosen Absolutismus nur zu oft anderen „Glaubensformen“ zu. Die Worte Dostojewskijs: „Wenn es Gott nicht gibt, dann ist alles erlaubt!“ fielen auch beim Spanier auf einen fruchtbaren Boden. Wenn es Gott nicht gibt, dann ist die Kirche nicht vielleicht (wie das ein nordeuropäischer Agnostiker gerne formulieren würde) eine Einrichtung von „volkspädagogischem Wert“, sondern ein ganz ungeheurer Schwindel. Dann aber gehören Priester wie Schweine abgestochen, Nonnen öffentlich geschändet und Klöster kurzerhand eingeäschert. Man erinnere sich an den Wahlspruch der Heiligen Therese von Avila: „Dios o nada – Gott oder Nichts!“ Man bedenke da wieder, daß die Völker der alten Kirche, also der katholischen und der östlichen, revolutionär, die des verweltlichten „Nachprotestantismus“ aber evolutionär sind. Nicht so ganz zufällig war Charles Darwin ein Engländer, und dem Engländer ist heute jeder Bruch mit der Vergangenheit, jeder Absolutismus,