Die falsch gestellten Weichen. Von Kuehnelt-Leddihn Erik

Die falsch gestellten Weichen - Von Kuehnelt-Leddihn Erik


Скачать книгу
die in dieser „frechen“ Dogmatisierung den Beginn der Agonie der Kirche sah – das Écrasez l’Infame! Voltaires wurde allenthalben wieder laut –, sollte sich jedoch enttäuscht sehen. Zwar war die katholische Kirche nun noch deutlicher die Verkörperung des „Rückschritts“, das so offensichtliche Hindernis am Wege des bejubelten Fortschritts, der den Himmel auf Erden verwirklichen sollte, aber schon die Gründung einer „altkatholischen“ Kirche, von der man dachte, daß sie alsbald die Mehrheit der katholischen Christen von Rom weglocken würde, kam fast einer Totgeburt gleich.18) Bismarck erhoffte sich für diesen Splitter einen großen Erfolg, und in manchen Schweizer Kantonen wurden im Zeichen des „bürgerlichen Freisinns“ die „Christkatholischen“ (im Unterschied zu den „Römischen“) finanziell unterstützt. Doch schon in der Zentrumspartei konnte die Kirche sich im Deutschen Reich ein gewisses Machtinstrument beschaffen, das im „Kulturkampf“ recht erfolgreich verwendet werden konnte. (Einen ‚Kulturkampf‘ nannte der aufgeklärte Anatom R. Virchow, der als Abgeordneter der Liberalen im Reichstag saß, diesen Kampf Bismarcks gegen die „fortschrittsfeindliche“ Kirche.) Doch gerade im Zentrum zeigte es sich, daß die katholische Kirche noch lange nicht wehrlos war, denn hier trat eine Partei auf den Plan, die tatsächlich alle Volksschichten auf der Basis des Glaubens umfaßte und auch Nichtkatholiken, wie zum Beispiel Ludwig von Gerlach, anzog.19) Und diese Partei, wie die auch mit ihr verwandte Bayrische Volkspartei,20) war keineswegs der politische Arm des Vatikans, sondern verfolgte eine eigene Politik.21)

      An reinem Prestige in der „Welt“, besonders in der elitären Welt der Geister, blieb die katholische Kirche jedoch bis zum Ende des Ersten Weltkriegs relativ arm. Von manchen Regierungen gestützt und bevorzugt (besonders in finanzieller Hinsicht), wurde sie von anderen benachteiligt, wenn nicht verfolgt. Man denke da nur an die Austreibung der religiösen Orden aus Frankreich und Portugal, an die antijesuitische Gesetzgebung im Zweiten Deutschen Reich, die erst 1917 dank des Eingreifens des Kaisers aufgehoben wurde, an die zahlreichen Verordnungen gegen die katholischen Christen in Norwegen und Schweden,22) in Rußland (vor 1905–1906), in der Schweiz und in Griechenland. Die Lage in England hatte sich nach 1829 sehr zu ihren Gunsten verändert, wo ihr Ansehen um 1900 im Vergleich zu anderen Ländern vielleicht am größten war. Freilich, es gab in Europa auch Gesetze, die evangelische Christen benachteiligten – so in Spanien und ferner in gewissen lateinamerikanischen Ländern, doch diese waren die Ausnahmen eher denn die Regel; sie entstammten eher einem nationalistischen Gefühl als einer Philosophie, Theologie oder Ideologie.23)

      Das alles will natürlich nicht heißen, daß der ‚Protestantismus‘ ein echtes Ansehen hatte. Er galt lediglich als die mildere, aufgeklärtere, fortschrittlichere, liberalere, demokratischere, rationalere, gereinigtere, weniger korrupte Form einer hoffnungslosen Beschränktheit, d.h. des Christentums. Dieses schiefe Urteil war aber nur möglich, weil doch ein recht beträchtlicher Teil der Masse der evangelischen Christen mit oder ohne Zustimmung der Kirchenführung sich vom Gedankengut der Reformation entfernt hatte. Entgegen einem beliebten Klischee war eben Luther keineswegs ein „Frühliberaler“, ein Vorläufer der Demokratie, ein Verfechter des Relativismus und der Toleranz oder gar ein Humanist gewesen. Er reagierte gegen den Geist der Renaissance und jegliche Anthropolatrie. Die Reformation wurde nicht 1521, auch nicht im Jahre 1517, sondern im Winter 1510–1511 geboren, als der mittelalterliche, „gotische“ Mönch, der Augustiner-Eremit Martin Luther, von der neuen Universität Wittenberg24) nach Rom kam und dort mit Entsetzen wahrzunehmen glaubte, daß das Papsttum ein Neuheidentum finanzierte, favorisierte und protegierte. Dieser Verrat am innersten Wesen des Christentums mußte rückgängig gemacht werden! Soli Deo Gloria! Ehre für Gott allein! Der Glaube mußte verinnerlicht und entintellektualisiert werden! Luther also war ein Erzkonservativer, der sich gegen die damalige Modernität gewandt hatte. Kein Wunder also, daß die meisten Humanisten, die anfänglich mit ihm sympathisierten, sich nun von ihm abwandten – nicht nur Erasmus (ein frommer Mann),25) sondern selbst der sehr antiklerikale Reuchlin. Es waren auch gerade die Universitäten und die Universitätsstädte, die anfänglich der fideistischen, ja mystischen Lehre Luthers den größten Widerstand entgegensetzten.26) Bei uns aber lebt das Märchen von Luther als einem Produkt der Renaissance, der auf dem Kamm der höchsten Welle des Humanismus seinen Triumph feierte, immer noch weiter. Doch der Wandel im Lutherbild vom Wahren (oder wenigstens teilweise Wahren) zu Fiktionen war schon im frühen 19. Jahrhundert abgeschlossen.27) Mit dem Ende des 18. Jahrhunderts war das Bild des donnernden, kompromißlosen, drohenden Theologen, der mit dem Teufel auf der Wartburg gekämpft hatte, allwöchentlich zur Beichte ging, den Tropfen des vergossenen Meßweins vom Boden ableckte, die Juden und die Bauern unflätig beschimpfte28) und die absolute Herrschaft des Staates über den aufmuckenden Herrn Omnes predigte, längst verschwunden. Die Ohrenbeichte fiel der Vergessenheit anheim, Beichtstühle wurden keine mehr gebaut oder bestehende entfernt.29) Die Aufklärung bemächtigte sich in Europa ganz vorzüglich des ‚Protestantismus‘.30)

      Zwar gab es noch hie und da evangelische Denker, die der katholischen Vorvergangenheit und der reformatorischen Vergangenheit geistig verbunden blieben, Männer wie Stahl, Vilmar, Leo, Frantz,31) aber sie waren die Ausnahme eher denn die Regel. In den Vereinigten Staaten war es allerdings anders: Da lebte neben einem modernistischen Protestantism (der im katholischen Glauben ein mittelalterlichfeudal-monarchistisches Relikt sah) auch ein harter, puritanischer Fundamentalismus weiter. Für diesen waren katholische Christen zwar rückständige, aber dennoch frivole, heidnische Epikuräer. Diese Haltung lebt auch noch heute weiter und hat sich selbstverständlich gegen die „Welt“ als widerstandsfähiger erwiesen als sein „aufgeklärtes“ ganz und gar nicht im Geiste der Reformatoren weiter vegetierendes Gegenstück… oder auch eine betont „nachkonziliäre“ katholische Kirche. Man sehe sich nur einmal das berühmte Bild Grant Woods, betitelt American Gothic, im „Art Institute“ Chicagos an. Dann versteht man nicht nur den (ungebrochenen) Geist der amerikanischen Evangelikalen, sondern auch das Grundmotiv der so mittelalterlichen Reformatoren. Welches Gemälde würde aber wohl das Gegenteil von Woods American Gothic ausdrücken? Wohl Botticellis Geburt der Venus, einer wahrlich getauften Venus voller Lieblichkeit und Güte.32) (Und Botticelli war wahrhaftig ein frommer Mann.)

      Eine echte Schwäche des Reformationschristentums bestand aber in seiner sehr gründlichen Verkennung der menschlichen Natur. Zuerst verwarf es die visuellen (eher denn die akustischen) Ausdrucksformen und Hilfsmittel.33) Luther und das Luthertum tolerierten zwar die großen Kulturwerte, forderten sie aber nicht ausdrücklich, während der Calvinismus eine alttestamentarische Wut auf „Fetische“ und „Idole“ entwickelte: Er war im Grunde gegen eine kirchliche Kunst und die Verwüstungen, die Calvinisten in Frankreich, den beiden Niederlanden und in England-Schottland angerichtet haben, entsetzen noch heute fromme oder auch unfromme Besucher der Kirchen und Kathedralen in diesen Ländern.34) Mit geschlossenen Augen sollte der Christ seinen Herrn anbeten und nicht worship stocks and stones,35) um mit Milton zu reden. Das aber ist für den Durchschnittsmenschen aus Fleisch und Blut oft zu viel verlangt. Das Christentum braucht, ja verlangt eine christliche Kultur mit Architektur, Skulpturen, Malerei, Musik, Prosa und Poesie.36) Die braucht der Mystiker wahrscheinlich nicht, doch die große Mehrheit der Christen sind eben keine Mystiker. Luther, der auch von Ekkehard kam, war es vielleicht. Es gibt zwar einen „Kulturkatholizismus“ (der natürlich seine Schwächen und verwundbaren Stellen hat), aber nicht wirklich einen „Kulturprotestantismus“ – außer in einer völlig zivilen, säkularen Form, die selbstverständlich mit der Aufklärung im Mundus Reformatus eine viel radikalere Säkularisierung hervorgerufen hat als im Orbis Catholicus. Der durchschnittliche Skandinavier oder Brite kommt zumeist nur als Tourist (oder als Konsument einer schöngeistigen Literatur) mit einer spezifisch christlichen Kultur in Kontakt. Doch muß im selben Atem zugegeben werden, daß der wirklich fromme evangelische Christ in der atheistischen Tyrannis existentiell und phänotypisch es leichter hat. Er kommt mit der Dünndruckbibel in der Rocktasche ganz gut aus.37)

      Es war nun natürlich, daß im 19. Jahrhundert und auch bis zum Ersten Weltkrieg das Christentum in der Defensive war: Die katholische Kirche, weil sie geistig schlecht gerüstet auf einen totalen Krieg gegen sie durch das Aion („Welt“


Скачать книгу