Die falsch gestellten Weichen. Von Kuehnelt-Leddihn Erik
die 1859–1860 zur Gründung des Königreichs Italien und zur Aussöhnung des sardinischen Königs mit dem Revolutionär Garibaldi und seinen Rothemden führte: Dadurch erhielt die gemäßigte den Vorrang über die extreme Linke. Nur mehr Venedig und der stark verkleinerte Kirchenstaat blieben noch außerhalb des geeinten Italiens. Das siegreiche Preußen legte Venetien 1866 den Italienern zu Füßen, und nach dem Abzug der französischen Truppen bekam Italien dann auch 1870 die Ewige Stadt. Dieser Abzug war das Resultat des deutschen Sieges in Frankreich. 1939 wollte Hitler diese deutschen Geschenke an Italien noch mit dem Südtirol–Abkommen krönen: Die Deutschen Tirols, durch Italiener ersetzt, sollten schließlich in die Krim verpflanzt werden. Freilich gab es nach 1870 immer noch im Sinne der Nationaldemokratie ein „Unerlöstes Italien“, eine Italia Irredenta: Welschtirol und Triest mit Teilen des Küstenlands und das westliche Istrien, wie auch Korsika, Nizza (die Geburtsstadt Garibaldis) und aus historischen Gründen Savoyen, das französischsprachige Stammland der Dynastie. Auch schmerzte es die Italiener, daß die Franzosen Tunis annektiert hatten, denn das war das italienische „Gegenufer“ mit zahlreichen italienischen Immigranten und ländlichen Siedlern.
Doch muß man sich fragen, ob die Einigung Italiens ein Erfolg war. Genau so wie in deutschen Landen vor der Errichtung des Zweiten Reichs, gab es in Italien eine Reihe von Staaten mit eigenen Hauptstädten, Höfen und einer Vielfalt von Gesellschaften mit verschiedenen Sitten und Gebräuchen. Oft wurde selbst in den höchsten Kreisen (wie zum Beispiel in Venedig) der lokale Dialekt gesprochen. Die Kultur Piemonts war weitgehend französisch. Mailand hatte ein ganz anderes Lebensgefühl als Neapel. Rom und Florenz waren Welten für sich. Nun aber sollte Italien in einen Einheitsbrei verwandelt werden, was glücklicherweise trotz aller Anstrengungen nicht völlig gelingen sollte. Auch noch im Ersten Weltkrieg hatten Sizilianer nicht das geringste Interesse an einer „Erlösung“ von Triest oder Trient. Man denke da einmal an die Höhlenbewohner der Sassi von Matera in der Basilicata, die aber auf ihre Art mit ihrem Los keineswegs unzufrieden waren.5) Doch in Bologna, in Udine und in Turin verlief das Leben in ähnlichen Bahnen wie weiter im Norden. Zweifellos waren hier die ethnisch-kulturellen Unterschiede bedeutend mehr markiert als im Deutschen Reich. Cavour, der eigentliche Gründer des italienischen Einheitsstaates, hatte nicht umsonst einen französischen Namen und eine hugenottische Mutter; auch liebte er die Stadt Genf über alle Maßen. Er war ein „Nordeuropäer“, ein liberaler und fortschrittlicher Graf, der ein mediterranes Land bedachtsam zusammengeklebt hatte…
Doch das Verhältnis dieses neuen, im Vergleich zum Zweiten Deutschen Reich unhistorischen Landes zur Kirche war schwer getrübt. Die Könige Italiens waren von 1870 bis Anfang 1929 als Usurpatoren Roms automatisch exkommuniziert, also von den Sakramenten ausgeschlossen und wurden immer wieder nur auf dem Totenbett in die Kirche aufgenommen. Katholiken wurden anfänglich von der Kirche aufgefordert, am politischen Leben überhaupt nicht teilzunehmen (taten es aber natürlich doch); ein führender jüdischer Freimaurer und Kirchenfeind, Signor Nathan, wurde Bürgermeister Roms; man baute ein riesiges Finanzministerium in der Nähe des Vatikans, um diesen in den Schatten zu stellen und errichtete ein Denkmal für Giordano Bruno: Der Abgrund zwischen Staat und Kirche war durch die Besetzung des Kirchenstaates total. Natürlich wurde den Italienern auch die Zwangszivilehe aufoktroyiert, die Bismarck im Zweiten Reich und das Dritte Reich in Österreich noch viel später dauernd(!) eingeführt hatten. Der Papst betrachtete sich als Gefangener im Vatikan, und als Italien schließlich im Ersten Weltkrieg sich auf die Seite der Westmächte stellte, mußten die Alliierten in den Londoner Protokollen die Zusicherung geben, daß der Vatikan zu Friedensverhandlungen nicht eingeladen werden durfte.
Das geeinte Italien war also in jeglicher Beziehung – territorial, psychologisch, weltanschaulich – nicht wirklich geeint, und das einfache Volk trauerte eine zeitlang den entschwundenen Lokaldynastien nach. Italien wurde von gemäßigt linken Kräften regiert, während auf der äußersten Linken der Sozialismus steigend Anhänger gewann. Auch der Anarchismus als zugespitzter, staatsfeindlicher Individualismus, der italienischen Volksseele sehr gut angepaßt, entfaltete sich recht bedenklich. (Es fragt sich, wie viele kommunistische Wähler Italiens heute in Wirklichkeit Anarchisten sind, die sich in die PCI oder auch in die Brigate Rosse verirrt haben!) Der Antiklerikalismus, sowohl mit dem Sozialismus und Nationalismus als auch mit dem Liberalismus innigst verbunden, färbte die politische und kulturelle Szene. Das technisch, materiell-organisatorisch-disziplinär „zurückgebliebene“ Land wollte mit seinen Führern um jeden Preis „fortschrittlich“ sein und mit der Mitte und dem Norden Europas erfolgreich konkurrieren. Die Kirche zu beschuldigen, am „Rückstand“ die Hauptschuld zu tragen, war ein beliebtes Alibi für viele Schwächen, ein naheliegender Kampfschrei. War man doch im angebeteten Norden davon überzeugt, daß die Kirche den Analphabetismus fördere, das Obskurantentum anfeuere und den „Konservatismus“ auf ihre Fahnen geschrieben hatte.6)
Unter allen diesen Umständen war es sehr natürlich, daß das Verhältnis Italiens zum Dreierbund (Österreich-Ungarn, Deutsches Reich, Italien), der eigentlich nur dank der Verstimmung Italiens durch die französische Annexion von Tunesien entstanden war, nicht sehr haltbar sein konnte. Deutschland wurde zwar bewundert, aber nicht geliebt, denn als Tourist war der milord anglais bedeutend freigebiger, wenn nicht auch manierlicher. Österreich–Ungarn hingegen war national der Erbfeind und historisch der Hort des katholischen Glaubens. Dazu kam das magische Bild der Italia Irredenta von Trient bis zur Bocche di Cattaro! Doch gab es in Italien auch Kreise, die in der Minderheit waren, aber am Dreierbund festhielten. Ich kannte italienische Offiziere, die im Sommer 1914 von einer Mobilisierung gegen Frankreich träumten und auch später den italienischen Kriegseintritt nicht nur als Verrat, sondern auch als politischen Unsinn allerersten Ranges betrachteten – was er auch tatsächlich war.
Das savoyische Königtum war nicht stark, und Italien war eine eher parlamentarische als konstitutionelle Monarchie. Die Politik wurde nicht vom König, sondern fast ausschließlich von Politikern gemacht. Die republikanischen Traditionen in Italien waren stark, stärker als anderswo in Europa mit Ausnahme der Schweiz und Frankreichs: Da waren das Beispiel der antiken römischen Republik, die verschiedenen Versuche einer römischen Republik in neuerer Zeit (die letzte mit der Beteiligung Garibaldis 1848–1849), die venezianische und die genuesische Republik, die republikanischen Perioden von Florenz. Und schließlich war der Kirchenstaat nur eine Wahlmonarchie. Auch vergesse man nicht, daß gerade weil Italien eine republikanische Tradition hatte, es dort auch eine solche der Diktatur mit antiken Wutzeln gab, ist doch die Diktatur eine republikanische Institution. Und die Tradition einer Duarchie? Auch eine solche hatte es im alten Rom mit den beiden Konsuln gegeben. (Und in Notzeiten den Dictator.)
Mit all diesen Problemen beschwert trat Italien in den Ersten Weltkrieg ein, nachdem die Versuche, von der mit Rußland auf Leben und Tod kämpfenden Donaumonarchie Gebietsabtretungen zu erpressen, gescheitert waren.
18. UNRUHIGES IBERIEN
Spanien und Portugal waren im 19. Jahrhundert noch viel einschneidenderen Krisen ausgesetzt als Italien. Nach 1813 kämpften keine ausländischen Truppen mehr auf der iberischen Halbinsel, dafür aber blühten die Bürgerkriege. Das Régime Joseph Bonapartes, wie auch der Einbruch der Ideen der Französischen Revolution ließen hier tiefe Spuren. Man spricht gerne über die „Romanen“ oder den „lateinischen Charakter“, aber die Portugiesen sind von den Spaniern grundverschieden, die Kastilier unterscheiden sich von den Katalanen, und die Basken sind natürlich ein Sonderfall.1) Alle diese Völker sind härter und stolzer als die Italiener: „una piccola combinazione“ gefällt den Iberern nicht. Kompromisse werden scharf abgelehnt.2)
Die Spanier – das sind die Kastilier, Katalanen, Galizier und gewissermaßen auch die Basken – hatten am Anfang des 18. Jahrhunderts das Pech, daß dank des Patt im Spanischen Erbfolgekrieg die Habsburger durch die Bourbonen ersetzt wurden. Mit Ausnahme von Karl III. (der schon früher König in Neapel war) hat diese Dynastie in Spanien keinen hervorragenden Monarchen hervorgebracht. Die Habsburger, wie vor ihnen Ferdinand und Isabella, los reyes católicos, waren die Glorie Spaniens gewesen – bis allerdings auf den Zweiten Karl, el rey hechizado, der verrückt war und kinderlos starb. Karl IV. aus dem Hause Bourbon wurde ein Gefangener Napoleons, der seinen Bruder