Die falsch gestellten Weichen. Von Kuehnelt-Leddihn Erik
auf den britischen Inseln nicht wie in Skandinavien oder Norddeutschland die katholische Kirche sang- und klanglos untergegangen: Die Agonie der Kirche dauerte dort fast 180 Jahre und einzelne Gruppen „überwinterten“ trotz größter Unterdrückung, Einschränkung und Verfolgung bis zum Ende des 18. Jahrhunderts als die ersten Erleichterungen kamen.23)
Die unterschwelige Angst vor dem Kontinent, von dem immer eine Invasion drohen konnte – die letzte fand 1066 statt –, vor einer neuen Armada, beherrschte einen guten Teil der Außenpolitik bis auf unsere Tage. Daher auch das in der Außenpolitik so beliebte Konzept des balance of power, des Gleichgewichts der Mächte am Kontinent. Dieses Prinzip des Divide et Impera hat aber auch jedwede Einigung Europas auf friedlicher oder kriegerischer Basis vereitelt, schaffte aber wiederum innerhalb Englands einen Antieuropäismus, der heute zwar zurückgedrängt, aber lange noch nicht abgestorben ist. Man findet ihn sowohl auf der äußersten Rechten als auf der äußersten Linken mit den verschiedensten Vorzeichen, aber doch gemeinsamer Wurzel.
Die Schotten fühlen sich sehr anders als die Engländer; sie glauben zwar, nicht geographisch, aber kulturell am Kontinent zu sein. Die vorherrschende Konfession Schottlands ist nicht die episkopale Church in Scotland, sondern die Church of Scotland, die presbyterianisch ist und deshalb als echte Schwesterkirche der reformierten Glaubensgemeinschaften der Niederlanden, Frankreichs, der Schweiz und Ungarns betrachtet wird. Auch der Prozentsatz der Katholiken in Schottland ist höher als in England; nicht nur haben wir dort eine relativ größere irische Einwanderung, sondern auch rein katholische Dörfer (manche mit gälischer Sprache) auf den Hebriden und in den Highlands, kein einziges aber in England. Der Geist des Relativismus und des Kompromisses, den Engländern so teuer, ist in Schottland viel weniger vorhanden.24)
Alldies gilt noch viel mehr für Irland, das einst den halben Kontinent missioniert hatte; die irischen Mönche hatten nicht nur große Teile der deutschen Länder bekehrt,25) sondern hatten auch in Rom ihren Einfluß spirituell und theologisch geltend gemacht.26) Nach den Siegen Cromwells und Wilhelms III. (durch Schomberg in der Schlacht am Boyne-Fluß, 1690) sind zahlreiche irische Adelige in das katholische Europa geflohen, wo sie im Militär und in der Politik wichtige Rollen spielten. Man denke da nur an Generäle wie Butler, Browne, McNevin-O’Kelly, Nugent, MacDonald, MacMahon, Politiker wie O’Donnell und Taaffe oder Kirchenfürsten wie O’Rourke. Doch gerade wegen der konfessionellen Intoleranz der Engländer (und auch der Schotten) war die Integrierung Irlands in das „Vereinigte Königreich“ stets problematisch geblieben und führte schon vor der erschwindelten Vereinigung des irischen mit dem britischen Parlament (1801) zu Rebellionen und schließlich zu Aufständen großen Stils. Unbereinigt und eine offene Wunde am Vereinigten Königreich ist das Problem Nordirlands oder, um genauer zu sein, Nordostirlands, denn der nördlichste Punkt Irlands liegt am Rande der Republik.27)
Die größere Kontinentalnähe Irlands merkte man vor allem bei dem Referendum über den Beitritt des Landes zur Europäischen Gemeinschaft. 83 Prozent sprachen sich hier dafür aus. (Bei den Wahlen zum Europäischen Parlament gingen in England-Schottland beim vorletzten Mal hingegen nur 37 Prozent zu den Urnen.)
16. DAS PULVERFASS: DER ALTE BALKAN
Wie entwickelte sich der Balkan in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg? Zu Beginn des vorigen Jahrhunderts war noch die ganze Balkanhalbinsel mit der Ausnahme Dalmatiens und der Ionischen Inseln in türkischen Händen, doch wurde die eigentliche Herrschaft in den „Schwarzen Bergen“ („Montenegro“, Crna Gora) von Bischöfen der Familie Petrović-Njegoš, den Wladykas, ausgeübt. Die Erbfolge ging von Onkeln auf Neffen über. Nach den napoleonischen Kriegen errangen die Serben der Šumadija, des Waldlandes südlich der Donau und Save, eine Autonomie. Geführt wurden sie vom „Schwarzen Georg“, dem Kara Ðorđe, der eine moralische und materielle Hilfe von den österreichischen, genauer gesagt, von den ungarischen Serben genoß. Wie wir schon sagten, lebten zahlreiche Serben in Kroatien-Slawonien und in Südungarn, wohin sie aus der Großtürkei geflohen waren. Deren kirchliches Zentrum war Karlowitz (Sremski Karlovci) im östlichen Slawonien, deren kultureller Mittelpunkt aber Wien. Vuk Stefanović Karadžić, der die serbische Zyrilliza durch weitere Buchstaben ergänzte und eine serbische Schriftsprache zu schaffen bestrebt war, hatte hauptsächlich in Wien gewirkt, wo er auch gestorben ist.
Im tiefen Süden der Balkanhalbinsel rührten sich alsbald die Griechen, die sich mit viel Sympathie aus allen Kreisen Europas, nicht aber der Stockkonservativen, die Freiheit erkämpften. Sie errangen sie aber nur für den Peloponnes, Attika, Böotien und die anliegenden Teile. (Auch die Unabhängigkeit Belgiens wurde von den Konservativen1) keineswegs begrüßt.) Man fürchtete „Veränderungen“ und wollte an dem Status Quo nicht rütteln. Freilich war dieses noch sehr kleine, freie Griechenland von der Verwirklichung der Megale Idea, der Wiedererrichtung des byzantinischen Reiches mit Konstantinopel als Hauptstadt, noch sehr weit entfernt. Eine verrückte Idee? Nicht ganz. Damals waren die Griechen immer noch die größte ethnische Gruppe in der „Kaiserstadt“, und auch die Ostküste der Ägäis war überwiegend von Griechen besiedelt. Smyrna war selbstverständlich eine überwiegend griechische Stadt.
Hier muß man sich auch vor Augen halten, daß sich das alte „kaiserliche“ Osmanenreich zwar durch große Brutalitäten auszeichnete, daß die Sultane immer wieder scheußlichen Palastintrigen zum Opfer fielen,2) sich immer wieder sadistische Revolutionen und Verschwörungen ereigneten, im Staat aber dennoch eine nationale und politische Toleranz eigener Prägung herrschte. So wurden die Massaker der Armenier erst wirklich bestialisch, als die Türkei sich demokratisierte und die Jungtürken mit ihrem Schlagwort „Einigkeit und Freiheit“ die Regierung übernahmen. Diese waren allerdings noch nicht so ‚fortschrittlich‘ wie die „Kemalisten“, die nach dem Ersten Weltkrieg die Monarchie abschafften und durch eine laizistische Republik ersetzten.
In der alten Monarchie konnten die christlichen Minderheiten trotz ganz bestimmter gesetzlicher Beschränkungen bei nur einiger Geschicklichkeit reich werden oder auch in der Verwaltung Karriere machen. So waren die Gouverneure der Donaufürstentümer (Walachei und Moldau), die „Hospodare“, fast immer Griechen aus dem Phanar, einem Stadtteil Konstantinopels. Die Finanzen, ja, das Kapital, lagen zum allergrößten Teil in den Händen von Griechen, sephardischen Juden, Levantinern,3) Armeniern und Europäern. Auch in der Diplomatie spielten die Nichttürken eine große Rolle. So war der letzte kaiserliche Botschafter in Washington, Blacque-Bey, schottischer Abstammung. Er trug einen Fez, war aber dem Glauben nach Katholik.4)
Lange konnten am Balkan die Christen, die dort die Mehrheit bildeten und den gelegentlichen Ausschreitungen der türkischen Soldateska, der Janitscharen und später der Baschi-Bosuks ausgeliefert waren, niedergehalten werden. Die Christen hatten keine tragenden Oberschichten, denn diese waren von den Türken entweder ausgerottet oder auch zum Islam bekehrt worden. Daher auch die häufigen slawischen, albanischen oder griechischen Namen der Paschas. In Bosnien war die kroatische Oberschichte, die dem Bogomilismus gehuldigt hatte, weitgehend islamisiert worden. Bosnien hatte gegen die Türken, durch eine überaus friedliche Ketzerei geschwächt, kaum nennenswerten Widerstand geleistet. „I pade Bosna bezuzdaha – und Bosnien fiel ohne einen Seufzer“, wie es in einem Lied hieß. Diese islamisierten Kroaten behandelten ihre christlichen Konationalen einschließlich der Serben als Rayah, als Herde, als Kmeten („Knechte“). Ähnliches geschah in Zentralalbanien, während in Bulgarien ganze Gebiete (ohne sich sprachlich zu verändern) islamisierten. Diese mohammedanischen Bulgaren wurden Pomaken genannt. Wir müssen uns also den Balkan vor 1878 als ein Gebiet vorstellen, in dem es eine ganze Reihe von teilweise türkisierten und islamisierten Enklaven gab. Der Islamisierung widerstanden also Unterschichten, die nördlich des Griechentums fast rein bäuerlichen Charakters waren; sie wurden natürlich moralisch, aber auch „national“ vom Klerus unterstützt. Das lockere Benehmen der Balkanvölker in der Kirche kommt von dem Umstand her, daß man sich nur in der Kirche vor den Türken sicher wußte: Da war man ganz „unter sich“.
Doch die ganz große Verzahnung der nichttürkischen Balkanvölker bildete schon recht früh ein Hindernis zu ihrer Befreiung. Zwar war der gemeinsame Haß gegen den asiatischen Zwingherrn