Die falsch gestellten Weichen. Von Kuehnelt-Leddihn Erik

Die falsch gestellten Weichen - Von Kuehnelt-Leddihn Erik


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der nach Amerika floh, dort heiratete3) und später eine unheilvolle Rolle spielte – Georges Clemenceau.) Diese Kommune, deren Fall von Marx aufrichtig beweint wurde, verursachte ein tiefes Trauma in den französischen Unterschichten, das bis heute nicht geheilt ist. Die russischen Kommunisten betrachteten die Commune als die erste sozialistisch-proletarische Revolution,4) die sie aber nur zum Teil war, denn unter den Kommunarden gab es sowohl Sozialisten und Anarchisten als auch typische „Spätlinge“ der Jakobiner.

      Wie dem auch immer sei, Frankreich wurde nun nach der Schweiz Europas zweite Republik, wenn wir von Zwergstaaten absehen, eine Evolution, die in der Neuen Welt vorweggenommen war. Bolivien, Paraguay und Nicaragua waren in dieser Entwicklung Europa vorausgeeilt und gaben uns leuchtende Beispiele. Frankreich aber war und blieb die Wiege der modernen (im Gegensatz zur antiken) Demokratie,5) und in Frankreich wurde trotz der bonapartistischen und bourbonischen Unterbrechungen „geradlinig“ weitergekämpft. Es war aber nicht nur die Französische Revolution, sondern auch die erste Aufklärung unter dem Zeichen der Göttin der Vernunft, die der kulturellen und politischen Landschaft Frankreichs zunehmend ihren Charakter gab. Zwar blieb die Sozialgesetzgebung in Frankreich weit hinter jener Preußens und Deutschlands zurück, denn schließlich herrschte die Bourgeoisie im engeren Sinne des Wortes, aber die Zielscheibe der Attacke blieben weiterhin Monarchie und Kirche, also „Thron und Altar“. Neben jansenistischen Erinnerungen und reformierter Kränkung wirkte sich hier auch die (übrigens sehr gespaltene) Freimaurerei aus.6) Bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs war es kaum mehr möglich, Volksschullehrer zu werden ohne einer der frères zu sein. Mit anderen Worten: Es bildeten sich zwei Frankreichs heraus – die Kirche und die Tradition des Thrones auf der einen und die Freimaurerei, die radikalsozialistische7) und sozialistische Partei auf der anderen Seite. Und dann gab es noch „die Bank“, die nicht mit Unrecht lange Zeit hindurch als „jüdisch und protestantisch“ betrachtet wurde.8)

      Da walteten zum Teil uralte lokale Traditionen, die sich in der einen oder in der anderen Richtung auswirkten. Wenn man die ländliche religiöse Soziogeographie Frankreichs studiert, wird man sehen, daß ein- und dieselbe Gemeinde oder Canton im Mittelalter albigensisch war, dann im 16. Jahrhundert sich dem Calvinismus zuwandte, im 17.–18. Jahrhundert in jansenistischen Farben schillerte, dann mit Enthusiasmus bei der Französischen Revolution mitmachte, um schließlich in unseren Tagen so weit als möglich links zu wählen, auch kommunistisch, obwohl es dort keinen Großgrundbesitz gibt, und die Bauern9) in einem kommunistischen Staat rettungslos enteignet werden würden, was diesen Individualisten wohl nicht behagen könnte. Interessant ist es auch zu sehen, wie zum Beispiel in einem Dorf der Kirchenbesuch maximale Ziffern aufweist während nur sieben Kilometer weiter weg bestenfalls die Frauen in die Kirche gehen.10) Wenn wir aber generalisieren wollen, dann müssen wir feststellen, daß der nördliche Westen, der Norden, der Nordosten und ganz spezifische Gegenden im Süden „eher rechts“, Zentralfrankreich und spezifische Gegenden im Süden „links“ stehen und natürlich auch „glaubensschwach“ sind.11) („Linkskatholizismus“ ist eine Krankheit der Intellektuellen, nicht des Volks.) Es gibt in Frankreich völlig entchristlichte Gebiete, die (um einen Buchtitel zu zitieren) wahrhaftig Pays de Mission sind.

      Allmählich wurden gegen Ende des 19. Jahrhunderts die Schulen säkularisiert, obwohl der Kulminationspunkt dieses Prozesses erst unter Émile Combes und der Vertreibung der Orden im Jahre 1905 zu finden ist. Doch um ein wenig den Geist des öffentlichen Frankreichs zu verstehen, muß man sich an die Worte erinnern, die der Sozialist Jean Jaurès über Gott aussprach: Würde Er sich manifestieren, müßte man mit Ihm wie ein Gleicher zu einem Gleichen sprechen und mit Ihm debattieren.12) Gambetta, sich an die Rechte in der Kammer wendend, erklärte ihnen: „Wir wollen den Positivismus in das öffentliche Leben einführen. Wir glauben an den Sieg des Guten über das Böse, an die Demokratie, Sie aber, meine Herren, glauben nicht daran!“ Und der Präsident Jules Ferry von Jaurès gefragt, wohin er die Menschheit führen wolle, antwortete schlagfertig: „Zu einer Menschlichkeit ohne Gott und König.“13) Wie weit aber der Verfall Frankreichs gegangen war zeigte sich darin, daß es bald auch eine agnostisch-atheistische Rechte gab, die zwar an die Kombination von Thron und Altar glaubte, im Altar aber eine reine Fiktion sah, ein „nützliches“ sozio-politisches Bindemittel. Diese Haltung charakterisierte viele Enthusiasten der Action Française von Charles Maurras und auch anderer rechtsgerichteter Organisationen.14)

      Die dauernden Siege der Linken wurden zweifellos auch durch unglaubliche Dummheiten der Rechten gefördert. Da war, um nur ein Beispiel zu nennen, die Kette der Dreyfus-Prozesse. Der „Fall“ ist weltbekannt. Eine Putzfrau fand im Papierkorb des deutschen Militärattachés von Schwarzkoppen einen Zettel mit Informationen (das bordereau), den man fälschlich dem Hauptmann Dreyfus zuschrieb, einem Reformierten jüdischer Abstammung. Er wurde zweimal unter gerade zu ungeheuerlichen Verfahrensumständen wegen Hochverrats verurteilt. Dann wurde eine Komödie der „Begnadigung“ gespielt. Die ganze französische Rechte, einschließlich republikanischer Erznationalisten, bestand auf der Schuld dieses Mannes. Es nutzte auch nichts, daß bei allen halbwegs intelligenten Leuten auf der Rechten der Verdacht auftauchte, daß Dreyfus unschuldig war, doch – so argumentierten sie – dürfe man die Armee nicht spalten, es also besser sei, daß ein Unschuldiger leide, als daß die psychisch-moralische Einheit der Armee Schaden litte. Immer wieder wurde Goethes Spruch, eine Ungerechtigkeit sei besser als Unordnung (plutôt l’injustice que le désordre), zitiert – ein zutiefst unmoralischer Grundsatz. Das sittliche Empfinden des französischen Volkes aber war damals noch so stark, daß diese Haltung der Rechten üble politische Folgen hatte. Das wirklich Schreckliche daran war aber auch der Umstand, daß die Kirche durch viele ihrer Führer und Köpfe in diesem fanatisch durchfochtenen Fall Dreyfus schwer kompromittiert15) war. Bis zum heutigen Tage gibt es „Antidreyfusards“, die unerschütterlich an eine „Konspirationsthese“ glauben, die aber bei näherer Betrachtung völlig sinnlos ist. Erst vor 15 Jahren traf ich einen katholisch-monarchistischen Verfechter dieses Aberglaubens, dem ich die Frage stellte, ob er denn wirklich überzeugt sei, daß dieser „Internationale Jude“ für den gut christlichen deutschen Kaiser gegen die französische Freimaurerrepublik gearbeitet hätte.16) Ihm blieb der Mund offen…

      Doch in Frankreich begegnete man damals auch der widersinnigen Synthese von „Konservatismus“ und Nationalismus, eine Irrung und Verwirrung, die sich später auch in Deutschland bemerkbar machte. Dieser Unsinn wurde durch den „Internationalismus“ von Marx und den „Antisemitismus“, dieser Kinderkrankheit der Konservativen, gefördert. Denn die christliche Monarchie, wie wir früher schon sagten, ist grundsätzlich eine übernationale Einrichtung, die stets über die Grenzen eheliche Verbindungen suchte. Übernational war sie sogar schon im frühen Mittelalter, wo von einem Ende Europas zum anderen geheiratet wurde, und selbst konfessionelle Hindernisse (zwischen der Ost- und der Westkirche) überwunden wurden. Nun aber war der linke Internationalismus da, und diesem „mußte“ ein nationalistischer Kollektivismus entgegengesetzt werden. Reine „Reaktionen“ sind immer psychisch infantil. Als der Sozialist Jean Jaurès vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs den Frieden erhalten wollte, erschoß ihn ein Mitglied der Action Française – und dies obwohl dieser Krieg zu einem Triumph der Linken führte und führen mußte.

      Die Dritte Republik Frankreichs war jedoch kulturell eine fruchtbare Zeit: Malerei, Dichtung, Philosophie, Theologie blühten. Aber rein demographisch geriet Frankreich ins Hintertreffen und die malaise, die Frankreich bis auf den heutigen Tag begleitet, setzte schon damals in der Belle Époque ein. Der Revanchismus blieb stark: Der Verlust des deutschsprachigen Elsaß konnte nicht verwunden werden. Doch muß hier gesagt werden, daß es in Frankreich neben einem Deutschenhaß immer auch eine Bewunderung der Deutschen gab, die selbst den Zweiten Weltkrieg überlebte. Dies konnte besonders unter Intellektuellen beobachtet werden, denn auf der geistigen Ebene sind sich Franzosen und Deutsche sehr ähnlich. (Anders steht es im ‚folklorischen‘ Bereich.) Frankreich gehört zum „absolutistischen Rückgrat“ Europas, das sich von Gibraltar über Frankreich, Deutschland und Polen nach Rußland zieht. Hier gibt es die pèlerins de l’absolu. Auf internationalen Kongressen, die sich mit den Geisteswissenschaften beschäftigen, merkt man stets, wie sich Franzosen und Deutsche


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