Die falsch gestellten Weichen. Von Kuehnelt-Leddihn Erik
der Protektor der Balkanchristen. Die österreichische Präsenz machte sich nur noch bei den Serben fühlbar. Bemerkenswerterweise war die erste Dynastie der serbischen Fürsten die Familie Karađorđević, Abkommen des Schwarzen Georg. Sie war im Geruch, eher pro-österreichisch als russophil zu sein. Das kostete ihr auch den Thron. Nun kam die Familie Obrenovic mit russischem Etikett auf den Thron, doch wurde sie mit der Zeit austrophil. Die furchtbaren türkischen Massaker unter den Bulgaren in den Siebzigerjahren führten die russische Intervention herbei, die mit der Niederlage der Türken endete; es war aber dies, da die Türken gute Soldaten sind, ein bitterer Krieg und kein leichtes Abenteuer. Die Russen diktierten dann den Frieden von San Stefano (einem Vorort von Konstantinopel), der praktisch das Ende der türkischen Herrschaft am Balkan bedeutete. Ein Großbulgarien, in dem alle Bulgaren vereint waren, sollte entstehen.
Das aber brachte die Großmächte auf den Plan. Bismarck trat im Kongreß von Berlin (1878) als „ehrlicher Makler“ auf, und Rußland, das in Europa lediglich Südbessarabien zurückgewann, durfte zwei türkisch-armenische Kreise, Kars und Ardahan, annektieren. Doch da man in Berlin den Traum eines ethnisch-historischen Bulgariens zerbrach – und zwar nur deswegen, weil man in dem wiedererstandenen Bulgarien eine russische Satrapie vermutete –, steuerte man die neueste Geschichte des Balkans in eine falsche Richtung. Die Serben wurden ausdrücklich ermuntert sich in der Richtung von Saloniki auszudehnen und damit das vorwiegend bulgarische Makedonien einzuheimsen. Serbien erhielt 1878 nicht nur Nisch mit einer gemischten serbisch-bulgarischen Bevölkerung, sondern auch Pirot, das rein bulgarisch war: schon dadurch wurde Serbien auf eine südliche Bahn gelenkt. Doch auch die Donaumonarchie tendierte ein wenig demselben Ziel zu: sie wurde ermächtigt, Bosnien und die Hercegovina mit dem „Sandshak“ Novipazar (zwischen dem erweiterten Serbien und Montenegro) militärisch und auch zivil zu verwalten. Doch die Besetzung dieser drei Gebiete der Türkei mit ihrer großen islamischen Minderheit erwies sich als kein militärischer Spaziergang: Die Moslems wehrten sich bitter, und die christliche Bevölkerung wagte es kaum, den Österreichern zu Hilfe zu kommen. In seinen Memoiren erzählt ein k.u.k. Offizier, wie er an der Spitze der vorrückenden Truppen einen alten Moslem Beg, der zurückgeblieben war, fragte, ob die Bosniaken sich denn nicht vor der österreichischen Armee fürchten. Nein, keineswegs. „Vor wem fürchtet ihr euch denn?“ „Nur von den Montenegrinern.“5)
Der Türkei verblieb auf europäischem Boden ein immerhin 169 000 Quadratkilometer großes Territorium, das unmittelbar der Hohen Pforte unterstand. In Bosnien und der Hercegovina wie auch im Fürstentum Bulgarien zwischen dem Balkan und der Donau war die Souveränität des Sultans nur mehr auf dem Papier. Auch die Landschaft südlich des Balkan-Gebirges mit dem fragwürdigen Etikett „Ost-Rumelien“, erst 1908 vom Königreich Bulgarien formell annektiert, war nominell unter türkischer Oberhoheit. Thessalien wurde erst in den Achtzigerjahren von der Türkei an Griechenland abgetreten. Doch gerade dieses weiterhin noch türkische Gebiet mit einer türkischen Minderheit sollte später zum Zankapfel der wiedererstandenen christlichen Staaten werden, vor allem aber das makedonische Kernstück. Dort fand 1903 ein (hauptsächlich von Bulgaren getragener) Aufstand statt, der aber von den Türken niedergeschlagen werden konnte. Die I. M. R. O., die „Innere Makedonische Revolutionäre Organisation“, wollte hier eine „Schweiz des Balkans“ aus Bulgaren, Griechen, Kutzo-Wlachen, Albanern und Türken errichten, aber die Türkei behielt vorläufig noch die Oberhand. Nur eine Allianz der christlichen Balkan-Nationen konnte die Türkei auf ein Mindestmaß in Europa reduzieren…
Aus einer Reihe von Gründen spielte der Balkan als Bedrohung des europäischen Friedens eine so folgenschwere Rolle. Da war erstens einmal die Rivalität zwischen Österreich-Ungarn und Rußland – und hinter der Habsburgermonarchie stand das Deutsche Reich. Der Bau einer Bahn nach Konstantinopel (über den sich der berühmte „Orient-Express“ bewegte) und dann von der anderen Seite des Bosporus in das damals noch türkische Mesopotamien, die sogenannte „Bagdadbahn“, erregte vor allem englische Gemüter. Der deutsche Einfluß in der Nähe Südpersiens und damit auch Indiens machte London nervös. Ein weiterer Faktor der Unruhe war das Problem der Meerengen, die von der Türkei kontrolliert wurden. Doch Rußland, stets bestrebt aus seiner Verschachtelung im Schwarzen Meer auszubrechen, trachtete, eisfreie Häfen in gesicherten Lagen zu bekommen,6) wiewohl England über eine russische Präsenz im Mittelmeer keineswegs entzückt gewesen wäre. Ein dritter Faktor war interner Natur: die große Leidenschaftlichkeit, Wildheit und auch Grausamkeit dieser aus jahrhundertelanger Sklaverei erwachten Völker, verbunden mit ganz spezifischen Gebietsansprüchen. So hätten zum Beispiel die Großmächte in unserem Zeitalter nie die skandinavischen Staaten gegeneinander ausspielen können. Anders aber war dies am Balkan, wo es keine klaren historischen, ethnischen oder religiösen Grenzen gibt. Ja, man kann sogar sagen, daß es keine einzige eindeutige Grenze am Balkan gibt, mit der einzigen Ausnahme der historisch--ethnischen bulgarisch-rumänischen Grenze an der unteren Donau, wobei allerdings die letzte Strecke in der Dobrudscha wieder strittig ist. Das äußerst harte Leben unter der türkischen Herrschaft, die Kargheit der Böden, das mancherorts grausame kontinentale Klima, das Fehlen der humanistischen Tradition, vielleicht auch die physisch-nervliche Erregbarkeit der Balkanrassen haben hier ein wahres Pulverfaß geschaffen.
Oft stellten die Großmächte in ihrem Spiel um die Vorherrschaft am Balkan auch falsche Spekulationen an. So wurde im sehr verkleinerten Fürstentum Bulgarien unter dem von Rußland geförderten Fürsten Alexander von Battenberg7) der russische Einfluß keineswegs vorherrschend. Dieser Fürst beschloß ganz einfach (so wie einst Louis Bonaparte in den Niederlanden), das Land ganz im Interesse seiner Einwohner zu regieren, was ihm den Unwillen Kaiser Alexanders III. zuzog, der alle Hebel in Bewegung setzte, um ihn zu stürzen. Um nach der äußerlichen Vereinigung des Fürstentums mit Ost-Rumelien die Unabhängigkeit seines Staates nicht zu gefährden, dankte Fürst Alexander ab. Sein Nachfolger, der Fürst und spätere „Zar der Bulgaren“, Ferdinand I. aus dem Hause Sachsen-Coburg-Koháry, war den Russen anfänglich auch nicht genehm, doch als Mitglied des Hauses Sachsen–Coburg genoß er die Sympathien der westlichen Mächte,8) und Nikolaus II., der Alexander III. nachgefolgt war, gab seinen Widerstand gegen ihn auf.
Nach der Schwächung der Türkei durch den italienisch-türkischen Krieg von 1911–1912 entschlossen sich die christlichen Balkanstaaten zu einem konzentrischen Angriff gegen die Türkei. Dabei fiel Bulgarien die Hauptrolle zu, und das bulgarische Heer erlitt auch die größten Verluste. Schließlich waren es größtenteils bulgarische Einheiten, die an der Çadalca–Linie vor Konstantinopel lagen. Die Serben waren entlang der Morawa und des Wardar–Tales vorgestoßen, die Montenegriner hatten sich auf Nordalbanien geworfen, die Griechen rückten auf Saloniki vor. Nach einem Waffenstillstand, der aber abgebrochen wurde, da die Türken konzessionsunwillig waren, ging der Kampf weiter. Schließlich mußte die Türkei Ostthrakien bis zur Linie Enos–Midia den Verbündeten überlassen. Dadurch blieben die Meerengen und das Marmara-Meer weiter bei der Türkei.
Als aber dann die Serben und Griechen das vorwiegend bulgarische Makedonien unter sich teilen wollten, kam es zu einem Krieg aller Verbündeten, zu denen noch die Rumänen und die Türken stießen, gegen Bulgarien. (Auch das ferne Montenegro griff in diesen ungleichen Kampf ein.) Gegen eine Allianz von fünf Staaten konnte Bulgarien nicht aufkommen. Zwar bekam es schließlich einen Zugang zur Ägäis, aber von Makedonien nur einen Zipfel, und zudem verlor es die südliche Dobrudsha an Rumänien, das am Balkan auch nicht leer ausgehen wollte. Diese große Tragödie trieb Bulgarien ganz automatisch in zwei Weltkriegen auf die Seite Deutschlands: Es war jetzt auf allen Seiten von Feinden umgeben.9)
Serbien kontrollierte nun Gebiete, die kaum serbisch waren: Die Makedonier Bulgariens wurden zu „Südserben“ erklärt, alle ihre Familiennamen wurden mit der Endung „ić“ versehen, bulgarische Bücher und Zeitungen wurden verboten. Der Umstand, daß Dušan der Große einmal über Makedonien und Nordgriechenland geherrscht hatte, wurde als historisches Alibi bei dieser Annexion verwendet. Die Unterdrückung der Makedonier war aber noch milde im Vergleich zur Verfolgung der größtenteils islamischen (und nur zu kleinem Teil katholischen) Albaner im Kosovo–Gebiet. Dort wurden sie zu Tausenden abgeschlachtet. (Letzte Massaker unter ihnen fanden unter Titos Régime in den Fünfzigerjahren statt.) Serbiens Drang nach dem Meer über albanisches Gebiet stieß jedoch auf den Protest der Großmächte. Ein Staat Albanien mit islamischer Mehrheit,