Die falsch gestellten Weichen. Von Kuehnelt-Leddihn Erik
milieu, Rußland wird nie protestantisch werden!“12)
Diese Erschütterung der ganzen spanischen Gesellschaft (die doch ähnlich der russischen einen sehr demotischen Charakter trägt) darf nicht unterschätzt werden. Dazu kam allerdings noch ein Element, das auch in Italien und Portugal eine nicht geringe Rolle spielte: das Gefühl dem Norden an ‚Modernität‘ und Fortschrittlichkeit unterlegen zu sein. Dort hatte die technische Zivilisation im Rahmen einer ‚Leistungsgesellschaft‘ eine große Disziplin und Konformität produziert, dadurch auch Reichtum gebracht, der auf den Süden beschämend wirkte. Das Resultat war ein Minderwertigkeitskomplex, der durch die Anwesenheit von Touristen (die natürlicherweise13) von Norden nach Süden zogen) noch virulenter gestaltet wurde. Dazu versagte der Parlamentarismus völlig; wenn man es dem Norden – und besonders den Engländern – gleichtun wollte, war das Resultat zugleich tragisch und lächerlich.
Sicherlich funktionierte im Süden die demokratische Republik ebensowenig wie die konstitutionelle Monarchie, denn die Parteien waren und sind auch heute noch im Süden streng ideologisch ausgerichtet und nicht gerade ins and outs wie zum Beispiel in England und in den Vereinigten Staaten. Mit ideologischen Parteien und dem fanatischen Party Spirit konnte zwar eine absolute Monarchie, nicht aber eine Republik und schon gar nicht eine demokratische Republik bestehen. Soviel ahnten auch die Amerikaner, wie ja selbst George Washington in seiner Farewell Address14) dies sehr genau feststellte, denn ein starker Monarch genügt als einigendes Band. Die Ideologisierung im katholischen Bereich kommt aber wiederum vom katholischen Intellektualismus, den schon Luther mit seinem starken Fideismus und seiner Abneigung gegen die Scholastik angeprangert hatte. Deshalb hat im ‚protestantischen‘ Raum die Intellektualität (wie auch die Kunst) nicht den Stellenwert wie in der Welt der alten Kirche. Der britische oder gar der amerikanische Professor hat nicht denselben Status wie sein Kollege in Frankreich, in Mitteleuropa, Südeuropa oder im Osten, wobei hier bemerkt werden muß, daß die deutschen Lande phänotypisch viel eher zum Orbis Catholicus als zum Mundus Reformatus gehören.15)
Portugal war zu dieser Zeit auch nicht viel besser daran als Spanien, denn was die Karlistenkriege für Spanien, waren die Miguelistenkriege für Portugal; auch dort war ein männlicher Erbe, der gegen eine liberale Königin und ihren Anhang Krieg führte – Dom Miguel gegen Maria da Glôria. Auch in Portugal unterlag der konservative Prätendent, und bis zum Ende des Königreichs (1910) regierte dort nicht das Haus Bragança (obwohl es sich so nannte), sondern wie in England, Belgien und Bulgarien das Haus Sachsen-Coburg. Die Nachfolger Dom Miguels lebten zumeist in Österreich,16) doch inzwischen sind die portugiesischen Sachsen-Coburgs ausgestorben, sodaß der jetzige Prätendent von Dom Miguel abstammt.17)
Portugal war trotz seines immerhin noch ausgedehnten Kolonialreichs – Angola, Moçambique, Guinea, São Tomé, Macau, die Kapverdischen Inseln und das halbe Timor – wirtschaftlich und politisch so schwach, daß es praktisch eine Kolonie seines „ältesten Verbündeten“, also Großbritanniens, wurde. Die gewaltige finanzielle und militärische Überlegenheit des Nordens lastete auch auf Portugal schwer. In Spanien kam es nach der Niederlage durch die Amerikaner im Jahre 1898 zu einem intellektuell-literarischen Erwachen: Die „Generation von 98‘“ umfaßte Leute wie Unamuno, Pio Baroja, die beiden Brüder José und Eduardo Ortega y Gasset. Man empfand dort sein Land als „problematisch“ – España como problema; José Ortega schrieb nicht viel später auch sein España invertebrada. Doch Ähnliches ereignete sich auch in Portugal. Dort hatte ein britisches Ultimatum, als Folge des kolonialen Vorstoßes eines portugiesischen Forschungsreisenden in Afrika (Serpa Pinto), einen psychologischen nationalen Notstand hervorgerufen. Auf die Spitze getrieben wurde diese Krise durch eine britische Flottendemonstration an der Tejo-Mündung. Man darf da nicht vergessen, daß Portugal im 16. Jahrhundert das größte Kolonialreich der Welt von Brasilien bis Macau besessen und praktisch alle Ozeane regiert hatte, während England zu dieser Zeit noch ein rechter Seeräuberstaat war.18) Der große portugiesische Dichter Tarquinio Anthero de Quental verübte bald daraufhin Selbstmord und schrieb zum Abschied:
„Ein englischer Staatsmann des letzten Jahrhunderts, der zweifellos auch ein kluger Beobachter und Philosoph gewesen war, Horace Walpole, hatte gesagt, daß für jene, die fühlen, das Leben eine Tragödie, für die aber, die denken, eine Komödie ist. Gut, wenn wir Portugiesen, die fühlen, tragisch zugrunde gehen müssen, so ist das ein edles Schicksal verglichen mit dem, das in vielleicht nicht allzu ferner Zukunft England beschieden sein wird, das elend und komödienhaft untergehen wird.“19)
Man muß allerdings bezweifeln, daß die Engländer berechnende Intellektualisten sind, aber Anthero de Quental hatte da etwas gesagt, was im Süden Europas sehr allgemein empfunden wurde.
Die Geschichte Portugals bis zum Sturz der Monarchie ist eine Spanien ähnliche: Revolten und Revolutionen, politische Morde, schwerste Finanzkrisen, alles getragen von der portugiesischen saudade, einer Mischung von Traurigkeit und unerklärlichem Heimweh. Portugal ist allerdings auch ein Land wuchtigster Schicksalsschläge, wie die spanische Herrschaft von 1580 bis 1640, die die Holländer weidlich ausnützten,20) das fürchterliche Erdbeben von 1755, dem nicht nur das alte Lissabon zum Opfer fiel, sondern das auch eine tiefe Glaubenskrise hervorrief und das Régime des kirchenfeindlichen Marquis Pombal psychologisch erst möglich machte. Er war der große „aufgeklärte“ Verfolger der Jesuiten, die er einsperren ließ und die in nassen Gefängnissen elend zugrunde gingen. Auch die Zerstörung der jesuitischen Reducciones in Paraguay (von Brasilien aus) war sein Werk. Am Anfang des 19. Jahrhunderts kamen die Kriege zwischen den Briten unter Wellington und den Franzosen dazu, die von Spanien unter Napoleons Bruder Joseph ins Land eingedrungen waren. Wie auch anderswo zeichneten sich die französischen Truppen als tüchtige Plünderer aus. Auch Gotteshäuser verschonten sie nicht. Dann kamen die Kriege zwischen den Miguelisten und den Liberalen, schließlich die große Stagnation, die zu einer völligen Vernachlässigung der Kolonien führte. 1908 kam der Doppelmord an König und Kronprinz in der besten demo-linken Tradition, worauf der zweite Sohn des Königs, Manoel, ein halbes Kind, bis 1910 regierte. Es war dies die erste Gründung einer Republik am ganzen Erdball seit 1870. Doch wie überall folgte dem Ende der Monarchie eine endlose Kette von Pronunciamentos, Staatsbankrotten, Aufständen in einem nun vollends chaotischen Land. Die „europäischen“ Ideen wirkten sich in diesem einfachen, fleißigen, etwas melancholischen und skeptischen Volk ebenso fatal aus wie in Spanien.
19. DER „FORTSCHRITTLICHE“ NORDEN
Der Norden Europas, dem phänotypisch auch die Niederlande, wenn nicht gar Belgien zuzuzählen sind, ging indessen durch eine Periode relativen Wohlstands und einer gewissen Blüte. Zwar waren die skandinavischen Länder nicht annähernd so reich wie nach dem Ersten oder gar nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Niederlande zehrten einigermaßen von ihrem Kolonialreich, wenn auch keineswegs in dem Ausmaß, wie es der Laie annimmt. Und wer die Ziffern über den belgischen Kongo kennt – die Einnahmen, die Ausgaben, die Investitionen, die Dividenden – wird sehen, daß dieser afrikanische Besitz für Belgien viel eher eine Belastung als eine Quelle von Profiten war. Doch über den „Kolonialismus“ wollen wir noch später reden.
Während Dänemark in den Jahren 1814 bis 1940 durch zwei Kriege um Schleswig–Holstein erschüttert wurde, hatte Norwegen nur eine kleine Revolte (gegen das Haus Bernadotte und die Personalunion mit Schweden), und Schweden selbst keinen einzigen Krieg bis auf den heutigen Tag. Doch wenn auch das rein geistige Leben im hohen Norden keine sonderlichen Blüten trieb und weder überragende Philosophen noch Theologen hervorbrachte, so hatten doch die Dänen den höchst genialen Søren Kierkegaard, der in seinem eigenen Land kaum einen Widerhall fand und tatsächlich nur im Ausland, vorwiegend von katholischen Interpreten, gründlich studiert wurde.1) Skandinavien produzierte einen großen Komponisten, Grieg, und das benachbarte Finnland einen anderen – Sibelius. Norwegen dazu einen großen Maler: Munch. Anders aber war es um die Literatur bestellt, denn da haben wir eine ganze Reihe von Männern und Frauen, die sich im goldenen Buch der Dichtung verewigt haben: Bjørnson, Ibsen, Lie, Hamsun, Strindberg, Lagerlöf, Jacobsen, Jørgensen, Undset, Stolpe, Stenius.2) Im Vergleich zur Literatur in der italienischen Sprache (man