Die falsch gestellten Weichen. Von Kuehnelt-Leddihn Erik

Die falsch gestellten Weichen - Von Kuehnelt-Leddihn Erik


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ablegte, sondern auch auf dem äußerst linken Flügel der Revolution eine nicht ganz unbeträchtliche und zumal höchst widerlich-widernatürliche Rolle spielte. Selbst Ordensleute waren darunter.

      Doch hatte die Erste Aufklärung auch anderswo, und nicht nur in Frankreich, ihre Opfer gefordert. Durch den Josephinismus–Febronianismus war nicht nur allenthalben im Herzen Europas die Kirche enger an den Staat gebunden, sondern auch der Volksfrömmigkeit an den Leib gerückt worden. Diese Welle des „Antiklerikalismus“ überdauerte selbst die Französische Revolution und reichte bis in die Romantik hinein, die doch eine Reaktion auf die „Linke Welle“ gewesen war. (Man denke nur daran, daß lediglich empörte Bauern die Zerstörung der weltberühmten Wies–Kirche in Bayern durch eine „aufgeklärte“ Regierung verhinderten!) Freilich war der Josephinismus nicht ohne Widerstand über die Bretter gegangen: In den österreichischen Niederlanden, wie wir schon erwähnten, hatte er eine wahre Revolte hervorgerufen.

      In der Romantik aber hatte die Kirche tatsächlich einen gewissen Auftrieb erlitten, der aber eher sentimentale als rationale Ursachen hatte. Die Greuel der französischen Demokraten und die napoleonischen Kriege, die den Fortschritt mit Feuer und Schwert über fast ganz Europa verbreiteten, hatten bei denkenden, viel mehr aber noch bei feinfühligen Menschen einen wahren Widerwillen gegen das „Neue“ erregt. Die katholische Kirche verzeichnete damals eine überraschende Anzahl von Konvertiten, die in der Mehrzahl aus dem Lager lauer oder innerlich abgefallener evangelischer Christen kamen. (Die Frommen wandten sich eher dem Pietismus zu.) Die Überzeugung war damals stark, daß die Monarchie mit dem katholischen Glauben innerlich verbunden war, während dem ‚Protestantismus‘ eine demokratisch-republikanische Tendenz innewohne – wohl ebenfalls eine fausse idée claire, die aber umso zugkräftiger war.

      Auch heute nimmt man in kleinen katholisch-konservativen Kreisen nur zu gerne an, daß der Humanismus Luther, Luther aber die Französische Revolution, überdies Luther den Liberalismus und den ‚Kapitalismus‘ hervorgebracht haben, der ‚Kapitalismus‘ aber zwangsläufig zum Sozialismus führe. Nun war aber Luther in Wirklichkeit ein Antihumanist4) und allen demotischen Vorstellungen5) sowie wirklichen Neuerungen gegenüber spinnefeind gesinnt. (Demotisch-demokratische Tendenzen finden wir hingegen beim Jesuiten Suárez und anderen Spätscholastikern.) Der ‚Kapitalismus‘ hingegen wurde in der katholischen Lombardei6) und in Spanien7) geboren. Er bekam allerdings durch den Calvinismus einen späten, wenn auch gewaltigen Antrieb, wobei aber nicht so sehr die freie Wirtschaft (die man so gerne mit dem unsachlichen Terminus „Kapitalismus“ belegt), sondern der erhöhte, wenn nicht der überhöhte Arbeitsethos den Reichtum des Nordens in der Vergangenheit begründete. Zweifelhaft ist es allerdings, ob sich diese bewährte Arbeitsmoral im Versorgungsstaat noch lange halten wird.

      Materiell ist die katholische von der reformatorischen Welt erst von der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts an überholt worden. Der Abstieg Spaniens begann keineswegs mit dem wetterbedingten Untergang der Armada. Frankreich und Österreich waren noch bis zum Anfang des 18. Jahrhunderts die Großmächte Europas. Noch 1763 vergrößerte sich das spanische Imperium gewaltig. Der amerikanische Mittlere Westen vom Mississippi zu den Rocky Mountains und bis nach Kanada hinauf wurde damals spanisch. Orte wie St. Louis und das Stadtgebiet des heutigen Minneapolis kamen unter die Herrschaft Madrids; Spanier und Russen begegneten sich nördlich von San Francisco.8) Zwar konnten die Niederländer mehr als die Hälfte des portugiesischen Weltreichs während der spanischen Besetzung Portugals blutlos annektieren, doch den Brasilianern gelang es nach einiger Zeit, die Niederländer wieder hinauszuwerfen.9)

      Alldies ändert nichts an der Tatsache, daß die Zeit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts (trotz des Verlustes der dreizehn Kolonien in Nordamerika durch französische Intervention) eine Zeit der absoluten britischen (und auch preußischen) Aszendenz ist, während die Bedeutung Schwedens und der Niederlande – beides Großmächte vor nicht allzulanger Zeit – sich ihrem Ende nähert. Doch selbst nach 1815 ist Frankreichs Stellung als Großmacht praktisch unbestritten.

      Der Primat des Mundus Reformatus ist aber nicht so sehr auf den „neuen Glauben“, sondern viel eher auf seine rapide Säkularisierung zurückzuführen. Mit Recht hatte Hegel behauptet, daß nicht im katholischen Raum, sondern in den Ländern der Reformationskirchen die Französische Revolution ihre eigentlichen Triumphe gefeiert hatte.10) Dasselbe kann man auch von der Aufklärung sagen. Diese Verweltlichung drückte sich schon in der reformatorischen Negierung einer kirchlich-religiösen Kultur an. Alexander Rüstow hat uns in einem wohldokumentierten Essay den Abbruch der deutschen Malerei durch die Reformation vor Augen geführt,11) und A. Müller–Armack verdanken wir, nur um ein Beispiel zu nennen, den Hinweis, daß in Leipzig die erste evangelische Kirche seit der Reformation erst 1870 gebaut wurde.12) Der Geist und die Energien des Mundus Reformatus konnten sich in weltlich-verweltlichtem Enthusiasmus auf die irdischen Güter konzentrieren. Die These Max Webers ist zumindestens halbwahr. Auch nicht so zufällig entwickelte sich die Technik im Norden Europas schneller und durchdrang dort das tägliche Leben auch intensiver als im Süden und vor allem im Osten Europas, da sich dort noch gewisse manichäische Residuen einer solchen Entwicklung gegenüberstellten. Doch diese Evolution im Norden verband sich auch mit einem starken Sinn für Disziplin, Ordnung und Pünktlichkeit, wie man es früher nur im monastischen Rahmen mit der strengen Arbeits- und Zeiteinteilung gewohnt war. Das anarchische Lebensgefühl der katholischen und der ostkirchlichen Welt, verbunden mit Trägheit, Schlamperei, joie de vivre und dolce vita, eignete sich für eine rapide Industrialisierung herzlich wenig.13) Der Militarismus Preußens und der „Marinismus“ Englands gaben dem „südlicheren Norden“ auch eine große politische Machtfülle. Die katholischen Völker gerieten ins Hintertreffen; auch die schulische Bildung und selbst die Geburtenziffern in den katholischen Ländern hielten keine Vergleiche aus. Erst nach dem Ersten Weltkrieg holten die katholischen Bevölkerungsteile und Länder wieder auf.14)

      Um die Mitte des 19. Jahrhunderts hatte die Krise in der katholischen Kirche und im Orbis Catholicus einen wahren Zenit erreicht, wobei sie einer Phalanx von Gegnern gegenüberstand: Vulgärprotestantismus,15) Freimaurerei, Nationalismus, Demokratie, Liberalismus, Antiklerikalismus, Sozialismus, Gallikanismus und Staatskirchentum, Materialismus, Anarchismus und einer ganzen Reihe von ideologischen und philosophischen Strömungen. Wie wenig man damals als „gebildeter Mensch“ der Kirche noch anhängen konnte, zeigt der Ausruf Leos XIII., der einen fromm-katholischen Arzt in Privataudienz empfing: „Medicus catholicus, res miranda!“ Ein sogenannter Rationalismus hatte den Glauben bei der immer größer werdenden Masse der Halbgebildeten (vor allem im Bürgertum) unterhöhlt, sodaß er nur mehr in der stets schrumpfenden Bauernschaft, im kleinsten Kleinbürgertum, in manchen Fragmenten der Arbeiterschaft, bei einigen wenigen Traditionalisten (vornehmlich im Adel) und auch bei total emanzipierten Intellektuellen und Künstlern, die bewußt gegen den Strom schwammen, vertreten war. Zu letzterer Gruppe gehörten in der Periode 1848–1914 Männer wie Newman, Donoso Cortés, Montalembert, Bloy, Péguy, Huysmans, Manzoni, Solowjów,16) Wilfred Ward, Hügel, Jarcke, Klopp, Pastor, Phillips – eine kurze Liste, und in dieser findet man bezeichnenderweise wenige Deutsche. Das sollte sich allerdings im 20. Jahrhundert überraschenderweise ändern. (Große evangelische Denker und Künstler, die aus ihrem Glauben heraus gewirkt haben? Außer Schleiermacher, Kuyper, Stahl, Gladstone und Troeltsch auch wieder fast niemand!)

      Doch findet 1870 in der katholischen Kirche ein sehr bedeutendes Ereignis statt: Mitten in einer Zeit der „verlängerten Aufklärung“, des „bürgerlichen Freisinns“, des Materialismus und Rationalismus wurde das Dogma der päpstlichen Unfehlbarkeit verkündet, in der Tat also nur die Verbindlichkeitserklärung einer alten, sehr allgemeinen Überzeugung, die aber gerade zu diesem Zeitpunkt als Kampfansage gegen die „Welt“ gewertet werden mußte. Ohne ein absolutes Magisterium wäre die katholische Kirche auf die Dauer allerdings nicht ausgekommen. Das Ende des Kirchenstaates, das mit einer neuen Bekräftigung der rein geistigen Führungsrolle des Papsttums zusammenfiel, hatte wahrhaft symbolische Bedeutung. Die „moderne Welt“ des „Fortschritts“ zeigte sich wütend, beleidigt und empört. Der Syllabus hatte sie allerdings schon auf diese Dogmatisierung vorbereitet. Der Artikel 80 (es ist dies der letzte) verdammte ausdrücklich


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