Kinder und Jugendliche mit Down-Syndrom. Etta Wilken
zu reflektieren, was das Kind bei den in den Programmen angebotenen »Übungsaufgaben« tatsächlich lernt. Denkbar sind durchaus auch nicht geplante, negative Fördererfahrungen, wenn das Kind z. B. rigoros angehalten wird, die geforderten Aufgaben in der vorgegebenen Weise auszuführen. Aber andererseits ist es durchaus möglich, dass die Bedeutung solcher Spiele den Bezugspersonen erst durch diese Ausführungen bewusst wird und die Beschreibung sie anregt, kreativ damit umzugehen und eigene passendere Ideen zu entwickeln.
»Als ich das Paket mit den acht Einzelheften von ›Kleine Schritte‹ erhielt, war ich begeistert. Jetzt konnte ich loslegen! Zuerst wollte ich alles lesen. Schnell merkte ich aber, dass ich das gar nicht schaffen konnte. Frustriert legte ich das Material weg.
Nach Monaten begann ich dann wieder darin zu blättern. Jetzt fand ich einige Ideen gut. Zunehmend entdeckte ich, wie ich Anregungen übernehmen und variieren konnte. Mir gibt das Programm jetzt eine Orientierung und bietet Hinweise auf Förderideen.« (Bericht einer Mutter)
Die aufgeführten Beispiele aus den Programmen verdeutlichen, wie wenig interessant viele Übungen konstruiert sind und wie starr das methodische Vorgehen manchmal ist. Vor allem, wenn die Übungen trotz häufiger Wiederholungen nicht zum angestrebten Lernziel führen, können frustrierende Interaktionen und Kommunikationsprozesse entstehen. Möglich ist auch, dass die oft rigiden Durchführungsanweisungen sich störend auf den normalen, emotionalen Umgang mit dem Kind und auf das spontane Eingehen auf seine Äußerungen und Bedürfnisse auswirken und dadurch die wichtige Responsivität verhindern. Die Eigenaktivität und das selbstbestimmte Neugierverhalten des Kindes können dann sogar als hinderlich empfunden werden, weil es ja abweichend und nicht in der erwünschten Weise reagiert.
Es besteht mittlerweile große Einigkeit, Hilfen für das Kind so anzubieten, dass es seine eigene Handlungsfähigkeit in der Auseinandersetzung mit Dingen und Personen seiner Umwelt erweitern kann.
Allerdings kann die Förderpraxis sowohl durch einschränkende Übungsangebote auf der Basis eines naiven Verständnisses von der »Machbarkeit« der kindlichen Entwicklung bestimmt sein als auch durch ein zu offenes Angebot, das eine klare Struktur vermissen lässt und eher als planloses »Spielen« und nicht als hilfreiches Förderangebot erlebt wird.
Förderprogramme können Anregungen für viele verschiedene Entwicklungsbereiche bieten. Sie erfordern aber eine kreative Anpassung an die individuellen kindlichen Fähigkeiten und Bedürfnisse.
Deshalb können Förderprogramme, wenn sie nicht zu direktiv gehandhabt werden, sondern individuelle kindliche Bedürfnisse beachten, durchaus eine sinnvolle Hilfe darstellen. Sie geben den Eltern und Früherzieherinnen eine Orientierung über typische aufeinander folgende Entwicklungsschritte und bieten Anregungen für eine kreative Umsetzung in entsprechende Spielsituationen im Alltag mit dem Kind. Diesbezüglich zeigte die kritische Auswertung einer umfangreichen Studie zu Förderergebnisse mit dem Programm »Kleine Schritte« nach einem Jahr »eine kontinuierliche relevante und statistisch signifikante Steigerung« nicht nur bei den Fertigkeiten, sondern »auch im Hinblick auf den Entwicklungsquotienten« (Havemann 2007, 134). Es wird deshalb als Ergebnis dieser Studie festgestellt, »dass das Programm ›Kleine Schritte‹ die Entwicklungsverzögerungen bei Kindern mit Down-Syndrom effektiv reduziert« (ebd.142). In ähnlicher Weise können auch die »lebenspraktischen Übungen«, wie sie im Buch »Frühförderung konkret« dargestellt werden, den Eltern und Früherzieherinnen ermöglichen, Informationen über wichtige Entwicklungsschritte zu erhalten und hilfreiche Ideen für die Förderung ihres Kindes im familiären Alltag umzusetzen.
4.5 Kriterien zur Beurteilung von Therapien und Förderkonzepten
Bei der Auswahl und Anwendung von Therapien und Förderkonzepten und zur Beurteilung der verschiedenen Verfahren sollten Eltern, Pädagogen und Therapeuten eine kritische und reflektierte Haltung einnehmen.
Für eine Beurteilung der verschiedenen Verfahren sind vor allem folgende Aspekte wichtig zu beachten:
Eine Therapie für das Kind kann sich in vielerlei Hinsicht auf die gesamte Familie auswirken. Die Eltern müssen also reflektieren, inwieweit der erforderliche Aufwand und die Einflüsse der verschiedenen Therapien auf das Familienleben insgesamt eher als Beeinträchtigung oder als Entlastung empfunden werden.
Eine kritische Kontrolle der Entwicklung des Kindes sowie des versprochenen Erfolgs der angewandten Therapie sind notwendig – auch wenn sich Wirkungen von Therapien nur schwer objektiv beurteilen lassen. Vor allem müssen kurzzeitige Trainingseffekte von dauerhaften positiven Auswirkungen auf die Entwicklung getrennt werden. Es ist nicht entscheidend, ob ein Kind eine Fähigkeit etwas früher erwirbt.
Therapie und Förderung sind Mittel zur Unterstützung der Entwicklungs- und Partizipationsmöglichkeiten des behinderten Kindes in seiner Familie und in seiner Lebenswelt. Die Auswirkungen einzelner Fördermaßnahmen müssen deshalb in diesem individuellen Bedeutungszusammenhang gesehen werden und sich dort positiv bewähren. Entsprechend sind Therapiemethoden und Verfahren sowie die jeweiligen Begründungen und die angegebenen Ziele kritisch zu hinterfragen:
Dann können entwicklungsfördernde Interaktionen gelingen und das Kind erlebt sich kompetent und nicht defizitär. Es fühlt sich angenommen, wie es ist, und nicht, wie es erst werden soll. Auf dieser Grundlage kann das Kind ein gutes Selbstwertgefühl entwickeln und sein individuelles Entwicklungspotential günstig entfalten.
1 Die Internationale Classifikation of Functioning, Disability and Health (ICF) wurde von den Mitgliedstaaten der Weltgesundheitsorganisation (WHO 2001) entwickelt und 2007 um eine Kinder- und Jugendversion ergänzt. Danach werden zur Beurteilung des Gesundheitszustandes