Der Nil. Terje Tvedt
als er in Alexandria sein Lager aufschlug und rund um das große Theater nahe des heutigen Bahnhofs Ramleh Verteidigungsanlagen bauen ließ. Die einheimische Bevölkerung wehrte sich gegen die römischen Eindringlinge, indem sie die tiefen Süßwasserbrunnen zerstörte, von denen die Armee abhängig war und deren Wasser durch unterirdische Kanäle mit Nilwasser gespeist wurde – sie leitete Salzwasser in die Brunnen ein. In Der alexandrinische Krieg (das Buch wird Cäsar zugeschrieben, seine Urheberschaft ist jedoch umstritten) werden die Probleme beschrieben, die das Heer hatte, weil das Wasser verunreinigt war und die Soldaten fürchteten, es wäre vergiftet. Die Lösung für dieses Problem bestand darin, die Brunnen tiefer zu graben, bis hinunter zum Grundwasserspiegel.
Bei Tel el-Kebir im ägyptischen Delta versuchten ägyptische Nationalisten 1882, den Nil als Kriegswaffe gegen die vorrückenden Soldaten des Britischen Empire zu verwenden, scheiterten jedoch. Die Briten setzten unter anderem bengalische Reiter ein. Zeichnung von Herbert Johnson, 1882.
Auch vor 1882 hatte es in der ägyptischen Geschichte Wasserkriege gegeben. Wie wir gesehen haben, versuchte der Kalif al-Mansur im Jahr 767, Aufrührer in Medina auszuhungern, indem er den Kanal zwischen dem Nil und dem Roten Meer sperren ließ – indirekt auch ein Zeichen für die Bedeutung des Niltals in der Konsolidierung der Macht des islamischen Kalifats. Im Krieg gegen die Kreuzfahrer dienten die Wasserwege des Deltas als strategische Waffe gegen die stromaufwärts marschierenden Truppen. So öffneten die Ägypter beispielsweise im September 1163 erfolgreich die Deiche bei Bilbeis.41 Auch im Krieg gegen Napoleons Truppen Ende des 18. Jahrhunderts wurde Wasser als Waffe eingesetzt, wenn auch in geringerem Umfang. Der Emir in Damanhur vereinbarte mit Jean-Baptiste Kléber, dem damaligen Oberbefehlshaber der französischen Truppen in Alexandria, die Stadt zum gleichen Preis mit Wasser zu versorgen, den er von der früheren Verwaltung verlangt hatte. Das Dorf Birkat Gittas jedoch schloss eine Allianz mit einem anderen lokalen Herrscher und blockierte den Kanal, um die Franzosen zu treffen. Kléber entsandte daraufhin 600 Soldaten. Er befahl, die Köpfe aller getöteten Männer auf Pfähle zu stecken, sodass sie von den Vorbeikommenden gesehen werden konnten. Kléber ließ entlang des Nils eine Bekanntmachung verbreiten, in der er die Bevölkerung davor warnte, dem Beispiel der Dorfbewohner zu folgen. Die Maßnahme wirkte.
1882 wollte Urabi das Wasser bei Tel el-Kabir als Bestandteil seiner Kriegsführung gegen die bis dahin stärkste Kriegsmacht der Welt auf effektivere Weise und in größerem Umfang einsetzen. Doch durch mehrere blitzschnelle Überraschungsangriffe – die Briten bewegten sich nachts und navigierten mithilfe der Sterne – gewannen sowohl ihre Infanterie als ihre Kavallerie die jeweiligen Gefechte. Als der Tag anbrach, standen die Interventionstruppen bereits knapp 140 Meter vor den ägyptischen Kräften. Sofort begann der Schusswechsel, und der Aufstand wurde niedergeschlagen, ehe irgendjemand die Effektivität der Wasserwaffe erproben konnte.
Der Weg nach Kairo stand den britischen Truppen offen.
Am Schnittpunkt von Geschichte, Fluss und Meer
Die Gegenwart misszuverstehen, ist die unausweichliche Konsequenz fehlenden Wissens über die Vergangenheit. Zugleich wäre es verschwendete Zeit zu versuchen, die Vergangenheit zu verstehen, ohne sich für die Gegenwart zu interessieren. Die eigentliche Stärke des Historikers liegt daher, wenn überhaupt, in seiner Fähigkeit, das Lebende und Zeitgenössische in dessen geschichtlichem Kontext zu verstehen. Daher verweilt der Historiker in diesem Sinne nicht in der Vergangenheit, ist nicht auf der Jagd nach dem entscheidenden »Gestalter«, sondern befindet sich in der Gegenwart, betrachtet sie aber mit einem historischen Bewusstsein. Nur mit einem solchen Blick auf die Geschichte ist es möglich, sich von ihrer »blinden Macht« zu lösen, und allein auf diese Weise lassen sich die Forschung sowie die Fragen, die sie aufwirft, von Moden und Einflüssen der Gegenwart befreien.
Die Geschichte des Nildeltas erscheint angesichts der dunklen Wolken, die viele über seiner nahen Zukunft aufsteigen sehen, in einem neuen Licht. Vor dem historischen Hintergrund, den ich gezeichnet habe, hebt sich zudem die Gegenwart deutlicher ab. Ich befinde mich an dem größten antiken Monument Alexandrias, der Pompeiussäule. Sie erhebt sich über den Ruinen des alten Serapistempels im Südwesten der Stadt. Die Säule besteht aus rotem Assuan-Granit, sie ist fast 27 Meter hoch und hat einen Umfang von neun Metern. Es ist umstritten, wer die Säule hat errichten lassen, doch höchstwahrscheinlich war es Diokletian, der römische Kaiser, der für eine blutige Christenverfolgung verantwortlich war. In der Nähe der Säule sehe ich Überreste eines alten Nilometers, eines der vielen Beispiele für die Form von Rationalität und für die Beschäftigung mit der Wirkungsweise der Natur, die das altägyptische, das römische und später das islamische Ägypten gemein hatten. Heute verstecken sich diese Messvorrichtung für den Wasserstand des Nils sowie die prächtige Säule zwischen den Ruinen der alten Befestigungsanlagen, was das unbeständige Verhältnis der Stadt wie des Deltas zum Fluss symbolisiert, dem beide ihre Existenz verdanken.
Alexandria wurde durch das Zusammenspiel von Geschichte, Fluss und Meer geschaffen; die Stadt ist wesentlich geprägt durch seine Lage an der fragilen, sich verändernden Schnittstelle zwischen den seit der letzten Eiszeit gestiegenen Meeresspiegeln, den periodischen, aber dauerhaften Veränderungen des Nilcharakters sowie der sich wandelnden Wasserpolitik der jeweiligen Herrscher. Und ebenso hat auch das Delta verschiedene Phasen durchlaufen. Der von Herodot beschriebene Ort hatte schon damals seit Tausenden von Jahren dramatische ökologische Veränderungen erfahren, sowohl aufgrund natürlicher Veränderungen im Nil selbst als auch aufgrund der Versuche der Pharaonen, den Fluss zu bändigen. Das Delta, in dem heute mehr als 50 Millionen Menschen leben, ist nicht mehr dasselbe, durch das Cäsar und Kleopatra segelten, durch das Napoleons Soldaten wanderten und das Ibsen und Flaubert sahen. Die heutige Situation ist beunruhigend. Der Weltklimarat IPCC der Vereinten Nationen hat das Delta als eine der am stärksten gefährdeten Regionen des Planeten bezeichnet. Das Gremium warnt, ein Drittel der Fläche werde in den nächsten Jahrzehnten verloren gehen, wenn sich der aktuelle Trend fortsetze. Die dramatischsten Vorhersagen gehen davon aus, dass das Mittelmeer bis 2050 um fast einen Meter ansteigt und das Delta gleichzeitig absinkt, weil aufgrund der weiter flussaufwärts gelegenen Nildämme weniger Schlamm im Fluss mitgeführt wird.
Abermals wird das Delta durch seine Lage am Schnittpunkt zwischen Fluss und Meer sowie die menschlichen Versuche, sich den Fluss untertan zu machen, beeinflusst werden. 5000 Jahre lang dominierte die Natur den Charakter des Stroms, doch haben von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis heute zahllose ägyptische Regierungen immer wieder auf das Delta eingewirkt. Besonders wichtig waren – wie wir noch sehen werden – die Entwicklungen nach der Besetzung Ägyptens durch die Briten am Ende des 19. Jahrhunderts sowie in den 1970er Jahren, als die Ägypter den Nil in einen Kanal verwandelten.
Bevor der Nil in Ägypten vollständig gezähmt wurde, hatte der Fluss seit Jahrtausenden der Tendenz zur Erosion und Landabsenkung entgegengewirkt. Seestürme und Wellen haben stets die Küste angegriffen, doch bis vor Kurzem wurden sie mit einer Gegenkraft konfrontiert: dem sedimentlastigen Nilwasser. Der Assuandamm veränderte über Nacht diesen natürlichen Kampf zwischen Schlamm und Meer, und die Auswirkungen dieser »schlammhistorischen Verschiebung« sind erst seit einigen Jahrzehnten zu spüren.42
Die Beziehung zwischen Delta, Fluss und Meer befindet sich in einem neuen Zustand des Ungleichgewichts. Wie wir später noch sehen werden, ist diese Situation eingetreten, ohne dass eine Absicht oder Intention dahintersteckte.
NACH KARNAK UND ZU DEN KATARAKTEN DES NILS
Von den Arabern gegründet, von den Briten eingenommen
Die beste Einführung in die Stadt Kairo und ihre historische Geografie erhält man durch die Aussicht vom Fernsehturm auf der Insel Gezira. Von hier aus sieht man dicht an dicht stehende graue Hochhäuser, die auseinander herauszuwachsen oder aneinandergelehnt zu sein scheinen, mit schwarzen, in den wüstenfarbenen Fassaden wie Löcher wirkenden Fenstern. Über den Fluss führen mehrere Brücken, die gleichsam die Stadt zusammenhalten und auf denen