Der Nil. Terje Tvedt

Der Nil - Terje Tvedt


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sodass die Felder nun auch im Sommer bearbeitet werden konnten, wenn der Fluss naturgemäß wenig Wasser führte. Wie alle anderen tief greifenden Veränderungen, die in der Vergangenheit verwurzelt waren, die aber auch grundlegende Veränderungen in der Beziehung der Gesellschaft zu dem bedeuten, was sie prägt und bestimmt, waren die Ursachen dieses Prozesses zweifellos tief und komplex. Doch jede Erklärung, die die historische Rolle des Individuums – oder die unverwechselbare Energie Muhammad Alis – übersieht, greift zu kurz.

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      Der ägyptische Herrscher zu Beginn des 19. Jahrhunderts, Muhammad Ali, ergriff die Initiative zur Stauung des Nils. Im Sommer wurde der Wasserspiegel im Delta angehoben, sodass große landwirtschaftliche Flächen mehrmals im Jahr bestellt werden konnten. Foto von 1896.

      Das System der Zwangsarbeit erreichte in Ägypten seinen Höhepunkt im 19. Jahrhundert, nicht zuletzt deshalb, weil es die Arbeitskraft für Muhammad Alis Bewässerungsrevolution bereitstellte.33 Im Delta wurden neue Kanäle gegraben, alte repariert und erweitert. Am wichtigsten war dabei vielleicht, dass die Kanäle tiefer ausgegraben wurden, damit das Wasser auch im Sommer für die Kultivierung der profitablen Baumwollpflanze zur Verfügung stand. Große Gruppen von Arbeitern reinigten die Kanäle und den Kanalgrund, Tausende von Menschen wurden zur Bewachung der Ufer eingesetzt, wenn der Fluss anstieg. Solange diese Art der Zwangsarbeit nur zur Instandhaltung des Bewässerungssystems eingesetzt wurde, erfolgte die Organisation der Arbeit in der Regel auf lokaler Ebene. Verantwortlich für die Arbeit und die Instandhaltung der großen Kanäle waren die Provinzgouverneure. Um den Al-Mahmoudia-Kanal durch das nordwestliche Delta bis nach Alexandria zu bauen, mussten die Behörden rund zehn Prozent der örtlichen Bevölkerung für die Arbeiten mobilisieren. 1817 wurden insgesamt etwa 100 000 Arbeiter eingesetzt. Das Tempo der Arbeiten wurde ab 1819 erhöht, und allein aus Unterägypten wurden 313 000 Arbeiter zwangsweise in den Norden gesendet.

      Die ambitiöse Nilpolitik Muhammad Alis und seiner Nachfolger führte daher zu einer kräftigen Expansion des verhassten Zwangsarbeitssystems. Wie ein ägyptischer Schriftsteller syrischer Herkunft schrieb, hatte diese Form der Zwangsarbeit in Ägypten seit 6000 Jahren existiert und war von den Menschen als Bürde betrachtet worden, die durch »göttliche Vorsehung« auf ihren Schultern ruhe, weshalb nicht daran gerührt werden dürfe.34 Der Umfang der Zwangsarbeit wurde indes größer, zugleich waren die Möglichkeiten zur ganzjährigen Bestellung der Felder radikal erweitert worden. Was im Leben eines ägyptischen Bauern zuvor einem jährlichen Rhythmus unterworfen war, verwandelte sich jetzt zu einer Aktivität, die das ganze Jahr über andauerte. Doch konfrontiert mit einer effizienten und gnadenlosen Staatsmacht, waren die Bauern nicht in der Lage, dem einen nennenswerten Widerstand entgegenzusetzen. Als Ersatz für eine Massenbewegung entstand eine Art individuellen Protests, der Bände über das damalige Leben der Bauern am Nil spricht: Die Menschen verletzten sich lieber selbst, als sich der Zwangsarbeit zu unterwerfen. Nicht selten zerstörte man sich selbst mit Rattengift ein Auge oder schnitt sich einen Finger der rechten Hand ab.

      Muhammad Ali Pascha war auch ein erfolgreicher regionaler Kolonialist und Imperialist. Die verbreitete Vorstellung, der Imperialismus und die Eroberungspolitik der letzten Jahrhunderte seien ein rein westliches Projekt gewesen, erweist sich als engstirnige eurozentrische Sichtweise. Der Herrscher Ägyptens war zwar kein klassischer Nationalist, gilt aber im Rückblick als Begründer des modernen ägyptischen Nationalstaats und hatte anspruchsvolle Pläne zur Modernisierung des Landes nach europäischem Vorbild und mit französischer Hilfe. Er unterwarf darüber hinaus große Teile der arabischen Halbinsel bis nach Aden im heutigen Jemen, und – was mit Blick auf den Nil am wichtigsten ist –, er annektierte den Sudan. Muhammad Ali und seine Nachfolger verfolgten eine Politik, welche ganz bewusst darauf abzielte, den gesamten Wasserlaufs des Nils zu kontrollieren. Sie eroberten Teile des heutigen Uganda und versuchten, Äthiopien zu übernehmen, trafen jedoch gegen Ende des 19. Jahrhunderts auf wachsenden Widerstand vonseiten einer anderen und größeren imperialen Macht: Großbritannien.

      Die Giraffe, die den Fluss hinabsegelte und nach Paris reiste

      Muhammad Alis regionale Ambitionen hatten viele Konsequenzen. Eine davon war, dass der Nil als Korridor zwischen Afrika und Europa wiederentdeckt wurde und eine größere Bedeutung erlangte, als er über Tausende von Jahren gehabt hatte.

      Anfang der 1820er Jahre kam es zu einem sonderbaren Transport den Nil hinab, den ganzen Weg von Sannar im Ostsudan bis zu Muhammad Alis neuem Palast in Alexandria. Dort traf ein ungewöhnlich hochgewachsener Gast ein, der fortan im Palastgarten weilte, während er auf die Überfahrt nach Europa wartete.35

      Nachdem Muhammad Alis Truppen 1821 den Sudan besetzt hatten, erging schon bald der Befehl nach Sannar am Blauen Nil, man möge einige Giraffen fangen und nach Ägypten bringen. Zwei Giraffengeschwister wurden eingefangen, ihre Mutter wurde bei dieser Aktion getötet. Die beiden wurden mit dem Boot nach Khartum gebracht, von wo aus die Reise über Schandi im Nordsudan bis nach Alexandria weiterging. Im Sommer 1826 verbrachte eine der beiden Giraffen in der herrschaftlichen Schlossanlage am Mittelmeer ihre letzten drei Monate auf dem afrikanischen Kontinent. Ende September waren die Vorbereitungen für die Überfahrt und den Empfang in Marseille abgeschlossen. Dann wurde das Tier mit dem Schiff über das Mittelmeer nach Europa transportiert, als erste Giraffe in der Geschichte, die europäischen Boden betrat. Von Marseille ging es in Begleitung des sudanesischen Tierpflegers Stück für Stück schwankend weiter bis Paris.

      Die Giraffe erlangte bald große Berühmtheit. Als sie am 5. Juni 1827 in Lyon einzog, säumten die Menschen den Straßenrand. Mehr als 30 000 hatten sich versammelt, um dieses merkwürdige, langhalsige Tier zu Gesicht zu bekommen, von dem sie bis dahin noch nie gehört, geschweige denn es gesehen hatten.

      Die Giraffe war das Geschenk des ägyptischen Herrschers an Frankreich. Der Mann, der einige Jahre zuvor die Mameluken hatte abschlachten lassen, wollte nun mithilfe dieses langbeinigen Tiers die Gunst der Europäer gewinnen. Die reisende Giraffe sollte nicht nur ihre Staatenlenker milde stimmen, sondern auch die öffentliche Meinung für Muhammad Ali einnehmen. Denn genau am gleichen Tag, an dem die Menschenmenge in Lyon sein Geschenk bewunderte, mussten die Griechen sich den osmanischen Kräften unter seiner Führung geschlagen geben. Während die Giraffe majestätisch das Zentrum der Seidenstadt erreichte, fiel Athen in jenem Krieg, den Lord Byron und Henrik Wergeland als Europas großen Freiheitskrieg gegen das muslimische Osmanische Reich im Osten beschrieben. Muhammad Ali versuchte mit allen Mitteln, die Herzen der Europäer zu gewinnen, und die arme Giraffe musste dabei brav akzeptieren, ein Teil seiner diplomatischen Strategie zu sein.

      Diese lange Reise der Giraffe von den Ufern des Nils südlich von Khartum bis Paris fand also in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts statt, weil der ägyptische Herrscher mithilfe dieses höchst exotischen und unbekannten Tieres aus Afrika die europäische öffentliche Meinung milde zu stimmen hoffte. Die Reise des langhalsigen Tiers verdeutlicht auf ihre Weise, wie der Nil über die Zeit hinweg als geografisches und historisches Band zwischen dem südlich der Sahara gelegenen Afrika und Europa fungiert hat.

      Der norwegische Langläufer, der auf dem Weg zur Nilquelle umkam

      Im Januar 1843 haben die ägyptischen Bauern im südlichen Delta vielleicht, wenn sie kurz in der Arbeit auf ihrem kleinen Stück Land innehielten und den Blick hoben, einen Mann erblicken können, der in gleichmäßigem, schnellem Tempo entlang des lebensspendenden Korridors zwischen Europa und Afrika gen Süden lief, während die Sonne auf ihn niederschien.

      Es war ein weißer Mann, Mensen Ernst, einer der berühmtesten Langstreckenläufer seiner Zeit. Geboren als Mons Monsen Øyri war er in dem kleinen Ort Fresvik im tiefsten Innern des Sognefjords an der norwegischen Westküste aufgewachsen. Inzwischen kannte man ihn auf der ganzen Welt, denn er war von Paris nach Moskau und von Istanbul nach Delhi gelaufen. Einem 1879 erschienenen Artikel der New York Times zufolge hatte er sich bei seinen Läufen ausschließlich von Gebäck und Marmelade ernährt, geschlafen oder pausiert habe er im Stehen an einen Baum gelehnt, mit


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