Der Nil. Terje Tvedt

Der Nil - Terje Tvedt


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den Wasserfällen in den Pyrenäen? Immer dieser Zwang!«

      Europa verfolgte ihn; er versuchte, der Torheit der französischen Bourgeoisie zu entgehen, was ihm jedoch nicht gelang. Er suchte in Ägypten das, was er in Frankreich nicht fand – aber haben wollte. Das Ägypten, von dem er besessen war, war deshalb weniger das reale Ägypten, sondern sein Bild davon und die Bedeutung, die es für sein Lebensprojekt hatte.

      Etwa 20 Jahre später machte Henrik Ibsen eine ganz andere Art von Reise. Er, der messerscharfe Analytiker des bürgerlichen Lebens im neuen, nun heranwachsenden Europa, reiste zusammen mit Königen, Kaiserinnen und anderen Würdenträgern nach Ägypten, um an der offiziellen Eröffnung des Suezkanals am 17. November 1869 teilzunehmen. Im Sommer dieses Jahres hatte Ibsen Schweden besucht und sich als einer der größten Autoren Nordeuropas feiern lassen. Er wurde König Carl XV. vorgestellt, der ihn fragte, ob er als schwedisch-norwegischer Repräsentant der Eröffnung des Suezkanals beiwohnen wolle. Ibsen sagte zu.

      Und hier war er nun! Die Einweihung des Kanals wurde einen Monat lang heftig gefeiert. Tausende von ausländischen Gästen nahmen an den Feierlichkeiten teil. Der ägyptische Khedive lud zu Reisen, Ausflügen und Festmählern ein. Die meisten Biografen Ibsens meinen, diese Reise habe einen tiefen Eindruck bei ihm hinterlassen, und es ist eine interessante Facette der norwegischen Literaturgeschichte, dass Peer Gynt, vielleicht das bekannteste Nationalepos des Landes, etliche Passagen seiner Handlung von den Ufern des Nils bezog.

      Ibsen war schon lange, ehe er einen Fuß auf ägyptischen Boden gesetzt hatte, von der Geschichte dieses Landes fasziniert gewesen. Aus Anlass des norwegischen Nationalfeiertags 1855, also sechs Jahre, nachdem Gustave Flaubert in Alexandria an Land gegangen und die englische Krankenpflegerin Florence Nightingale auf einem Schiff den Nil hinaufgefahren war und ihrer Mutter vielsagende und malerische Briefe geschrieben hatte, verfasste Ibsen ein Gedicht, in dem Freiheit das zentrale Thema bildete. Hier erschien Ägypten als Inbegriff einer Gesellschaft in Stillstand und Unfreiheit, Ägypten erschien geradezu als Norwegens Gegensatz. Die Memnon-Statue, die im heutigen Ägypten noch immer bei Luxor aufragt, »ein Bild aus Granit im Morgenland«, war für ihn die eigentliche Metapher oder das Bild dafür, dass Freiheit eher Taten als Worte erforderte. Die Statue starrte ihn an mit »seelenlosem Blick zum Himmelsrand des Morgenlands. So stand sie Jahr um Jahr in trägem Traume …«

      Als Ibsen vier Jahre später ein Spottgedicht auf einen Autor schrieb, der Dänisch als Bühnensprache in Norwegen verteidigt hatte, führte er die ägyptische Geschichte gegen ihn ins Feld. Ibsen hielt die Vorstellung des Kollegen, die Sprache der ehemaligen Herren über Norwegen weiterhin zu nutzen, für tot wie Steine, längst verworfen von der Entwicklung. Zusätzliche Munition für seinen Angriff holte er, indem er seinen altmodischen Widersacher mit dem Verknöchertsten und Konservativsten verglich, das er sich nur denken konnte, nämlich Ägypten. Die einbalsamierte Leiche »lag so stolz in ihrem versteinerten Leichentuche«, ja, »sie hatte vergessen, wie schön die Sonne funkeln kann«, deshalb: »Ein bitter Lächeln wohl der Mumie Mund umspiele, mit Spott für die Zeit, denn die steht nicht stille.«

      Ibsen war zu diesem Zeitpunkt noch nie am Nil gewesen. Es muss deshalb gestattet sein, seinen Gebrauch von Metaphern dahin gehend zu deuten, dass er von einer allgemeinen europäischen Denkweise jener Zeit beeinflusst war. Vielleicht hatte ihn hier auch Georg Friedrich Hegel inspiriert, denn dieser Philosoph griff in seiner Kunst- und Geschichtsphilosophie ausgiebig auf religiöse und künstlerische Symbolik aus der ägyptischen Antike zurück. Aber dieses Bild war komplexer, wie sich nun zeigen wird. In Peer Gynt beschreibt Ibsen beispielsweise Peers Verwirrung im Angesicht der Sphinx:

      Doch dieser seltsame Kreuzungsversuch, / dieser Wechselbalg, beides, so Löwe wie Weib, – / Hab’ ich den auch aus einem Märchenbuch? / Oder sah ich schon einmal solch einen Leib? / Ein Märchenspuk? Ha, jetzt beginnts mir’s zu tagen! / Das ist ja der Krumme, den ich einstens erschlagen.

      Die Sphinx steht also nicht für das versteinerte Ägypten, sondern für norwegische Märchen; der Krumme und die Sphinx sprechen Deutsch mit Berliner Akzent. Statt das »Fremde« oder das »Andere« oder das »Versteinerte« zu repräsentieren, sind sie ein Bild von etwas Europäischem und Norwegischem.

      Im Rahmen seines Auftrags für den schwedischen König und vor dem Eröffnungsfest nahm Ibsen teil an einer Reise den Nil entlang zur Nubischen Wüste an der Grenze zum heutigen Sudan. Er fuhr zusammen mit 85 weiteren Gästen des ägyptischen Khediven; 24 Tage dauerte die Expedition. Ibsen wollte eigentlich einen Reisebericht darüber veröffentlichen, doch daraus wurde niemals etwas. 1870 schrieb er indessen unter dem geheimnisvollen Titel »Ballonbrief an eine schwedische Dame« ein längeres geschichtsphilosophisches Gedicht, in dem er auf eine Reise eingeht: »Von Kairo nilauf flogen wir auf einer Fellucke wie ein Pfeil.« Hier sah er die Memnonstatue, »den Steinkoloss, der, wie Sie wissen, ein Stück gesungen«. Und er sah Luxor, Dendera, Sakkara, Edfu, Assuan und Phile, wie viele andere Reisende bis heute.

      In seinem Gedicht geht Ibsen auf die großen Linien in der Kulturentwicklung der Welt ein, gedeutet innerhalb einer idealistischen Auffassung, in der Leben dem Tod gegenübergestellt wird, Stillstand der Entwicklung. Der Kampf wird dargestellt durch Bilder aus der ägyptischen, griechischen und altnordischen Mythologie, und Ägypten steht für Tod und Stillstand.

      Siehe, es kam ein Windhauch von Norden her / … Der Pharao samt seinem Hause / Vergraben im Sand des Vergessens. / Dort, wo das Heer ihn hingetragen / Fiel er leblos, stumm und leer, / tausend Jahr in Sarkophagen / fern vom Licht an allen Tagen. …

      Doch was war’n Ägyptens Götter? / Zählt sie nur, ihr heut’gen Spötter, / Doch was war ihr Lebenszweck? / Einfach nur Vorhandensein, / gemalt, erstarrt in ihrem Eck, / auf ihrem Stuhl im Feuerschein. …

      Keiner hört’ den Ruf zum Leben, / Keiner durfte suchen, sünden, / aus der Sünd’ sich dann erheben, / und muss deshalb heute künden / wie Ägypten vor viertausend Jahren / namenlos ins Grab musst’ fahren.

      Dieses Gedicht erklärte Ägyptens Entwicklung durch dessen Kultur beziehungsweise die Werte der Pharaonen. Sie hatten den »Ruf« nicht vernommen, also den Drang zur Erneuerung; deshalb war das Land erstarrt. Ibsens Vorstellungen stimmten überein mit dem modernisierenden europäischen Blick des 19. Jahrhunderts auf den Orient.

      Eine solche Perspektive, welche die zeitgenössische kulturelle Selbstsicherheit in einem industrialisierten und triumphierenden Europa widerspiegelte, übersah Ägyptens spezifische Entwicklungshindernisse und konnte sich mit ihnen deshalb auch nicht beschäftigen. Dieselben natürlichen Merkmale des Nils, die zu einem Zeitpunkt, als die Europäer vielfach noch in Höhlen und in primitiven Jäger- und Sammlergesellschaften lebten, eine blühende pharaonische Zivilisation ermöglicht hatten, erschwerten es dem modernen Ägypten nun im 19. Jahrhundert, sich technologisch zu entwickeln – oder machten es sogar unmöglich. Während das moderne Wasserrad in mehreren europäischen Ländern zuerst Ernährung und Landwirtschaft und danach die Produktionstechnologie in Eisen- und Textilindustrie revolutionierte, war dies in Ägypten aufgrund des schwankenden Wasserpegels des Nils unmöglich. Gesellschaftsstruktur und -ökonomie mussten sich weiterhin dem natürlichen Flusslauf des Nils anpassen. Der Grund dafür war also nicht einfach die »Mentalität« der Ägypter, wie Ibsen meinte. Vielmehr stand ihnen die Technologie nicht zur Verfügung, die nötig gewesen wäre, um den Nil als Energiequelle zu nutzen und Ägypten damit auf einen Modernisierungskurs zu bringen. Es gab keine anderen Flüsse oder Bäche, auf die man hätte zurückgreifen können, während es beispielsweise in Norwegen Zehntausende von Flüssen und Bächen gab, die das ganze Jahr über mit ausreichender Fallhöhe Wasserräder antreiben konnten.

      Was Ibsen in seinen Beschreibungen Ägyptens und überhaupt in seinem schriftstellerischen Werk beschäftigte, waren Mentalitäten, Denkweisen und Konventionen. Geografische Kontexte oder Strukturen fanden in seinem Geschichtsbild keinen zentralen Platz. Dabei war er in Skien geboren worden, einer Stadt, deren Geschichte die Grenzen jener Theorie über den historischen Wandel und die Bedingungen für die Entwicklung aufzeigt, die Ibsen beeinflusst hatte. Skien wurde im 19. Jahrhundert ein Bestandteil der modernen europäischen Wirtschaft – allerdings nicht, weil die Bürger der Stadt im Laufe der Jahrhunderte eine besondere Mentalität entwickelt hätten, sondern weil mitten


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