Sexuelle Orientierungen und Geschlechtsentwicklungen im Kindes- und Jugendalter. Udo Rauchfleisch
kann man als Phase der Integration und Stabilisierung bezeichnen. Sie beinhaltet das Angekommensein in einem Zustand der größtmöglichen Harmonie von innen und außen.
Wie dieses hier dargestellte Phasenmodell zeigt, ist der vor Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen mit einer Transgeschlechtlichkeit liegende Weg schwierig und weist etliche Gefahrenmomente auf. Diese Besonderheiten in der Entwicklung und die dabei möglichen Gefahren müssen in Therapien und Begleitungen von trans Menschen beachtet werden. Dabei gilt es auch, darauf zu achten, wo und in welchem Ausmaß die betreffende Person Traumatisierungen erlitten hat und welche Folgen diese Verletzungen haben.
1.4 Fazit
Wie meine Ausführungen zeigen, bleibt die Frage nach der Ätiologie der sexuellen Orientierungen letztlich offen. Dies gilt für die Bi- und Homosexualitäten ebenso wie für die Heterosexualitäten. Dabei betrachte ich die drei genannten Orientierungen nicht als qualitativ distinkte Kategorien, sondern lediglich als Kristallisationskerne, Eckpunkte auf einem Kontinuum mit fließenden Übergängen.
Das Gleiche gilt nach meiner Erfahrung auch für die Cis- und die Transgeschlechtlichkeiten. Bei den Menschen mit einer Cisgeschlechtlichkeit entspricht das innere Bild der betreffenden Person ihre Identität, dem (biologischen) Geschlecht, dem sie nach der Geburt zugewiesen worden sind. Bei Menschen mit einer Transgeschlechtlichkeit hingegen entspricht das innere Bild, das sie von sich haben, ihre Identität, nicht ihrem (biologischen) Geschlecht, dem sie nach der Geburt zugewiesen worden sind.
Ein Teil der trans Personen fühlt sich – im Sinne der binären Auffassung der Geschlechter – dem »anderen« Geschlecht zugehörig. Ein keineswegs geringer Teil von Menschen mit Transgeschlechtlichkeit hat jedoch eine nicht-binäre Identität (»genderqueer«). Diese Personen können sich keinem der beiden dichotom gedachten Geschlechter, Mann oder Frau zuordnen, sondern empfinden sich »dazwischen«. Dies kann eine stabile Identität sein. Sie kann aber auch gender-fluid sein, d. h. zwischen dem weiblichen und dem männlichen Pol fluktuieren.
Was die Ätiologie der Entwicklung der Geschlechtlichkeit wie auch der Geschlechtspartner*innen-Orientierungen angeht, müssen wir zugeben, dass wir letztlich nicht wissen, wie es zu diesen Entwicklungen kommt. Wir müssen, wie oben dargestellt, davon ausgehen, dass genetische, hormonelle und hirnorganische Determinanten sowie unbekannte psychologische und soziale Einwirkungen bereits von vorgeburtlicher Zeit an eine Rolle spielen. Insofern lautet die Antwort auf die im Titel dieses Kapitels gestellte Frage nach der Entstehung der sexuellen Orientierungen und der Trans- und Cisgeschlechtlichkeiten im Rahmen der Geschlechtsentwicklung: Wir besitzen diesbezüglich keine verlässlichen Informationen.
Dies mag ein enttäuschendes Fazit sein. Zugleich scheint es mir aber auch wichtig, diese Tatsache und die sich daraus ergebenden Konsequenzen ernst zu nehmen, wenn es um die Geschlechtsentwicklung mit ihren verschiedenen Varianten und die sexuellen Orientierungen geht. So kann uns diese Einsicht beispielsweise davor schützen, in unzulässiger Weise eine Entwicklung, für die wir keine plausible Erklärung haben und für die keine evidenzbasierten Studien vorliegen, als etwas Pathologisches zu bezeichnen. In diesem Fall müssten wir nämlich auch die Cisgeschlechtlichkeiten und die heterosexuellen Orientierungen, deren Ätiologie wir nicht kennen, als pathologische Entwicklungen betrachten.
Obschon uns die psychodynamischen Konzepte keine Klärung bei Ätiologiefragen bringen, können sie indes hilfreich bei der Beschreibung des Entwicklungsweges sein, den homo-, bi- und trans Kinder und Jugendliche zurückzulegen haben, um sich ihrer Identität und ihrer sexuellen Ausrichtung bewusst zu werden und sie schließlich anderen Menschen mitzuteilen. Ich habe dies am Beispiel eines Phasenmodells für Menschen mit Transgeschlechtlichkeit dargestellt.
1.5 Welchen Nutzen haben die Fragen nach dem »Warum« und die verwendeten Kategorisierungen?
Auf die Gefahr hin, die Leser*innen völlig zu verwirren, möchte ich am Ende dieses Kapitels noch die Frage diskutieren, ob die Suche nach der Ätiologie der in diesem Kapitel beschriebenen Phänomene überhaupt einen Sinn hat. Wir sind in unserem Alltagsleben ebenso wie in unserem Wissenschaftsverständnis zwar daran gewöhnt, die Frage nach dem »Warum« zu stellen, sobald wir mit einem uns »fremd« anmutenden Phänomen konfrontiert sind. Nur bei den uns »selbstverständlich« erscheinenden Phänomenen tritt diese Suche nach dem »Warum« im Allgemeinen nicht auf.
Wie oben dargestellt, haben wir letztlich keine eindeutigen Befunde bezüglich der Ätiologie der Entwicklung der Geschlechtlichkeiten und der sexuellen Orientierungen. Nicht zuletzt deshalb drängt sich die Frage auf, ob es überhaupt Sinn macht, weiter nach dem »Warum?« und »Woher?« zu fragen. Binswanger (2016, S. 18) hat in seinem Artikel »(K)ein Grund zur Homosexualität. Ein Plädoyer zum Verzicht auf psychogenetische Erklärungsversuche von homosexuellen, heterosexuellen und anderen Orientierungen« vom »unstillbaren Bedürfnis« von uns Psychoanalytiker*innen gesprochen, mögliche Psychogenesen der verschiedenen Sexualorganisationen zu suchen. Anstelle dieser – nach seiner Ansicht vergeblichen – Suche schlägt er die »Totalabstinenz« vor.
Zu einem ähnlichen Schluss kommt Hutfless (2016) in ihrer in der gleichen Zeitschrift veröffentlichten Arbeit »Wider die Binarität – Psychoanalyse und Queer Theory«. Hutfless äußert Kritik an der binären Entgegensetzung von Homo- und Heterosexualität und meint, die Queer Theory könne Ansätze für eine nicht-pathologisierende Auseinandersetzung auch mit der Transgeschlechtlichkeit liefern, indem sie die sexuellen Orientierungen und die geschlechtlichen Identitäten als »dynamisch, instabil und prozesshaft« (Hutfless, 2016, S. 101) sieht: »Das Konzept ›queer’ stellt den Versuch dar, Sexualitäten und Geschlechter jenseits von fixen Identitätskategorien zu denken. Dieser Ansatz resultiert aus der Erkenntnis, dass das Identitätsdenken selbst wesentlicher Bestandteil jenes Prozesses ist, der Ausschlüsse, Abwertungen und Pathologisierungen produziert« (Hutfless, 2016, S. 101–102).
Eine solche Sicht stellt nicht nur ein Abrücken vom fruchtlosen, zu Pathologisierungen führenden Suchen nach den Ursachen der Geschlechtsentwicklung und der sexuellen Orientierungen dar, sondern würde auch eine enorme Befreiung aus der Enge der Heteronormativität und der binären Cisnormativität bedeuten. Es könnte uns dadurch ein direkterer, nicht von Pathologiekonzepten belasteter Zugang zu Menschen mit Transgeschlechtlichkeit gelingen und neue Dimensionen auch für unsere eigene Entwicklung öffnen (Rauchfleisch, 2016, 2019c).
Zweifellos hilft uns die Bildung von Kategorien, unsere Wahrnehmung zu strukturieren und gewisse Ordnungsprinzipien aufzustellen, die uns Orientierung bieten. Gleichwohl verbauen uns derartige Strukturen aber auch den unvoreingenommenen Zugang zu Menschen und Phänomenen, die uns fremd sind. Ich werde im Folgenden zwar die Kategorien der Geschlechtsentwicklung und der Orientierungen verwenden, wie wir sie in der gebräuchlichen Bezeichnung LGBTIQ* finden. Dabei gilt es jedoch zu beachten, dass wir die durch diese Kategorisierungen entstehende Enge immer wieder auch hinterfragen und aufbrechen müssen, um der Komplexität des menschlichen Lebens gerecht zu werden.
Zusammenfassung
Die Fragen nach dem »Wie?« und »Warum?« werden im Allgemeinen nur bei den Phänomenen gestellt, die vom Mainstream abweichen, so bei den sexuellen Orientierungen der Bi- und Homosexualitäten und bei den Transgeschlechtlichkeiten. Bei den als »selbstverständlich« und »normal« betrachteten Heterosexualitäten und den Cisgeschlechtlichkeiten hingegen werden diese Fragen nicht gestellt.
Bezüglich der Entstehung der sexuellen Orientierungen und Geschlechtlichkeiten haben wir letztlich nur Hypothesen.
Terminologisch wird der Identitätsbegriff von verschiedenen Seiten kritisch hinterfragt, weil er zu vage sei und ihm die Evidenzbasierung fehle. Er wird hier dennoch zur Bezeichnung der psychischen Seite der Geschlechtsidentität verwendet, während die körperliche Seite durch den Begriff der Geschlechtlichkeit beschrieben wird.
Es wird ein hypothetisches Modell zum Verständnis der Geschlechtsentwicklung und der sexuellen Orientierungen mit den »Bausteinen« Protogeschlechtlichkeit, sexuelle Kern-Identität, Geschlechtsrollen-Identität und Geschlechtspartner*innen-Identität dargestellt. Für die Behandlung von trans Menschen