Prinzessin Christine. Helle Stangerup
humpelte der Bettler weg. Das Schild mit der Bitte um eine Gabe zur Freude Gottes benutzte er jetzt als Stütze, das Papier hatte er zusammengefaltet für ein anderes Mal. Ihn interessierte es nicht im geringsten, ob Elisabeth in dem einen oder dem anderen Glauben gestorben war. Er hatte zwar manchen Tritt einstecken müssen und im Dreck des Rinnsteins gelegen, aber das Geld in seinem Beutel wog schwer.
Der Bettler zählte seine Münzen. Es war ein guter Tag gewesen.
Christines Mutter war jetzt tot und beim lieben Gott. Aber weil Gott gütig war und weil er wußte, daß sie, Christine, ihre Mama über alles in der Welt liebte, würde er die Mutter sicher bald zurückschicken. Er lieh sie nur aus, redete sich das Mädchen ein, er wollte sie natürlich sehen und mit ihr reden, bevor sie wieder auf die Erde kam.
Doch obwohl sich Christine nach der Mutter sehnte, hatte sie nicht deshalb geweint, als sie dem Sarg folgte. Es waren die vielen Menschen, die ihr Angst machten. Sie starrten hinauf zu ihr, und sie rückten näher und näher, diese grauen, drohenden Gesichter, die sie nicht kannte, und sie wußte nicht, was man von ihr wollte.
Eigentlich war Christine es gewohnt, von Menschen umgeben zu sein. In Lier waren die Hellebardiere, aber die paßten auf sie auf. Es gab die Sekretäre und die Hofdamen und Herren der Mutter und die Diener und die, die wuschen, und die, die Essen kochten und Kerzen zogen, aber die lächelten ihr immer zu, sie starrten nicht so. Und als ihre Mama sehr krank wurde und sie nach Zwynaerde umzogen, gab es Mönche, die ihr manchmal etwas Süßes zusteckten und dabei flüsterten, sie dürfe es niemandem sagen.
Als Christine in die Kirche geführt wurde, beruhigte sie sich. Sie fühlte sich geborgen zwischen Mönchen, Kerzen und Chorgesang, hinter ihr schlossen sich die Türen und schützten sie vor den Gesichtern im Nebel.
Einige Tage später dachte Christine nicht mehr an die schweigenden, ausdruckslosen Blicke. Ihr Vater lenkte sie mit seinen fesselnden Geschichten ab.
Bevor Christines Mutter gestorben war, hatte der Vater nie viel Zeit für seine Kinder gehabt. Wenn er endlich nach Hause kam, ließ er sie manchmal holen, hob sie hoch, küßte sie auf den Mund und fragte sie feierlich, ob sie Gott liebten und fürchteten. Hatten sie das bejaht, stellte er sie sofort auf den Boden und winkte den Hofdamen, und sie wurden wieder weggebracht.
Aber seitdem Christines Mutter zum lieben Gott im Himmel gereist war, benahm sich ihr Vater ganz anders. Jeden Abend, wenn es dunkel wurde, setzte er sich in einer kleinen Stube an den Kamin, nahm Christine und ihre Schwester auf die Knie und erzählte Geschichten. Er schilderte die Länder da oben im Norden, wo sie hingehörten. Dort waren die Wälder so riesig, daß man tagelang reisen konnte, ohne einen Menschen zu sehen, dort waren die Felsen so hoch, daß sie bis in die Wolken ragten, und die Flüsse stürzten Abgründe hinunter, beschienen von der Sonne, daß es aussah wie eine Flut von Diamanten.
»Was ist das?« fragte er dann und sah immer zuerst Dorothea an. Aber die kicherte nur verlegen und legte ihren Kopf an die Schulter ihres Vaters.
»Ein Wasserfall«, sagte Christine artig und bekam einen Kuß von ihrem Vater.
Den bekam sie auch, wenn sie die Namen der großen Städte von da oben hersagte oder Geschichten von Bärenjagden in Norwegen nacherzählte oder von Elchjagden in Schweden und von wilden Ritten durch das schöne, üppige Dänemark. Einen ganzen Monat saßen sie Abend für Abend am selben Kamin und hörten von Ländern, in die sie einmal zurückkehren sollten. Dorothea kicherte oft, aber Christine merkte sich alles, und sie spürte jedesmal das Kratzen von Papas Bart auf der Stirn, wenn er sie an sich drückte.
»Warum reisen wir nicht einfach hin?« fragte sie eines Tages, und da erfuhr sie die Geschichte von Vaters Onkel, der den Thron an sich gerissen hatte. Erst müsse man ein Heer sammeln, ehe der Verräter vertrieben werden könne.
»Er spricht nicht einmal Dänisch«, sagte ihr Vater, »nicht einmal das. Ihr dürft nie vergessen, dänisch zu reden. Es ist gut, daß ihr im Holländischen gewandt seid und schon Französisch könnt. Aber ihr dürft nie die dänische Sprache vergessen, denn das ist eure eigene.«
Und jeder Abend endete damit, daß ihr Vater nach Hans schickte, um sich mit ihm allein zu unterhalten.
Eines Abends standen eine Menge Kisten und Truhen im Zimmer. Der Vater erklärte, daß sie demnächst alle zusammen nach Sachsen reisen würden, wo er ein Heer sammeln wolle. Er erzählte weiter über die Länder da oben, und Christine hatte allmählich das Gefühl, daß jedes der drei einen eigenen Geruch und eine eigene Farbe hatte. Als sie inmitten all der Kisten am Kamin saßen, wagte sie es, das zu sagen.
Ihr Vater lachte, das Lachen dröhnte im Raum. Dorothea schmiegte sich an ihn, während er Christine fragte: »Und welche Farbe hat dann Norwegen?«
»Weiß«, antwortete sie. »Weiß wie Schnee.«
Er lachte wieder und fragte: »Und Dänemark?«
»Grün«, antwortete sie. »Grün wie das Gras und der Wald im Sommer.«
Sie merkte, daß auch das ihrem Vater gefiel. »Und Schweden?«
Christine zögerte ein wenig, war sich nicht ganz sicher, entschied sich dann aber für die schönste Farbe, die sie kannte: »Rot.«
Ihr Vater sagte nichts, und sie wiederholte begeistert: »Rot. Wie Blut.«
Es wurde still. Christine hörte nur das Zischen eines Holzscheites, und ihr Vater ließ sie los. Seine Hand fiel schwer nach unten. Christine streichelte ihn, war bekümmert, etwas Falsches gesagt zu haben, begriff aber nichts. Schließlich sagte er: »Es ist spät.«
Langsam stellte er die beiden Mädchen auf den Boden, erhob sich und rieb sich mit den Händen die Stirn, als habe er Kopfschmerzen. Einen Moment lang glaubte sie, er habe sie vergessen, aber dann bückte er sich, gab ihnen den Gutenachtkuß, und sie wurden weggebracht.
Einen Monat nach dem Begräbnis kam ein Sekretär atemlos ins Zimmer: »Euer Gnaden, die Regentin sind auf dem Weg hierher.«
Christines Vater stieß einen Schrei aus, sprang auf, und die Mädchen fielen herunter wie zwei Schoßhündchen. Der Sekretär wagte nichts mehr zu sagen. Man hörte Reiter auf dem Hof.
»Was will dieses Weibsblid?« rief Christines Vater und ging mit langen Schritten auf das Fenster zu. Der Sekretär zitterte am ganzen Körper, als er jetzt drohend auf ihn zukam.
»Sie denkt wohl, daß sie mir die Kinder wegnehmen kann? Tut sie das?«
Er schrie dem vor Schreck erstarrten Mann ins Gesicht, während die Hofdamen herbeieilten. Christine und ihre Schwester wurden gepackt, hochgehoben und hinausgetragen. Als letztes sah sie den Vater nach Schalen und Silber in den Kisten greifen. Sie hörte das Geräusch von Glas, das zerschlagen wurde, das Poltern von Metall, das auf den Boden knallte, Stühle, die umgestoßen wurden.
Plötzlich war das ganze Schloß ruhig. Die Regentin der Niederlande war angekommen und wünschte eine Unterredung mit König Christian von Dänemark.
In dieser Nacht weinte Christine. Sie weinte richtig, nicht wie bei dem Begräbnis, wo ihr nur Tränen in den Augen gestanden hatten. Sie lag alleine in dem großen Bett hinter dem Vorhang, sie lag da im Dunkeln und wußte auf einmal, daß sie ihre Mutter nie mehr wiedersehen würde. Und ihr wurde klar, wenn man seine Mutter verlieren konnte, so konnte man auch alles andere, was man liebte, verlieren.
Kein Laut war in dem großen Haus zu hören. Durch den Spalt im Vorhang sah sie die Kammerjungfer auf dem Stuhl neben der Tür, und die Flammen des Kamins erhellten den Raum. Christine faltete die Hände und flehte in einem Gebet die Heilige Maria an. Sie bat leise und innig darum, der liebe Gott möge ein bißchen warten, ehe er ihr noch mehr wegnimmt.
Am nächsten Morgen noch vor Sonnenaufgang wurden Christine und Dorothea hinunter zu ihrem Vater gebracht. Er lehnte am Kamin, die linke Hand aufgestützt, drehte sich aber nicht um. Hinter ihm saß zwischen vollen Kisten und Truhen eine Frau auf einem Hocker, und die Fackeln waren angezündet. Eine Sekunde lang glaubte Christine, ihre Mama sei trotzdem zurückgekommen und säße hier im Schein der Flammen, dann wandte die Dame ihnen langsam ihr Gesicht zu.