Hitler 1 und Hitler 2. Das sexuelle Niemandsland. Volker Elis Pilgrim

Hitler 1 und Hitler 2. Das sexuelle Niemandsland - Volker Elis Pilgrim


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Schritt und Tritt kann Ullrich nachgewiesen werden, dass er mit seinem Text strauchelt, sowie es um die Sexualität Adolf Hitlers geht. Ullrich verliert den festen Boden unter seinen Füßen, der ansonsten sein großes Werk über Hitler konstant kennzeichnet. Doch mit einem Male werden Namen falsch geschrieben. Ja, die gesamte Adresse von Hitlers Münchener »Intim-Schauplatz«-Wohnung am Prinzregentenplatz verlegt Ullrich durchgängig in die »Prinzregentenstraße«. (Einzelnachweise folgen, wenn dieser Schauplatz betreten wird.)

      »Hitler hat, was die Seite seines Privatlebens betraf, selbst gegenüber Vertrauten ein Versteckspiel getrieben.« (a. a. O.) Das allein schon genügte für die Aberkennung des Prädikats »heterosexuell«, denn so etwas macht kein Heteromann und es ist von keinem übermittelt worden. Ein solcher hat immer Intimfreunde, die über sein Intimstes alles wissen.

      »Authentische persönliche Dokumente sind äußerst rar«, (a. a. O.) das stimmt schon wieder nicht, da 23 »persönliche Dokumente« soeben vorgelegt werden konnten. Nach diesem Jammer-Entree zur angeblichen Unbeantwortbarkeit der Frage Hitler und die Frauen wechselt Ullrich trotz seiner später nur vier sich als echt erweisenden Ja-Zeuginnen auf deren Seite und beendet seine Ausgewogenheit. Er tut das auf so Biografie-verheerende Weise, dass die Kritik dieser Ullrich-Passage nicht scharf genug sein kann:

      Sprung zu Ullrichs zweitem Hitler-Hetero-Kapitel Die Berghof-Gesellschaft, nämlich dem Hausstand seines Protagonisten, in dem dieser einen Veitstanz demonstrierter Heterosexualität bei all seinen Berghof-Aufenthalten aufführte – an der Seite seiner Mittäterin Eva Braun: »Hier bin ich Mann, hier darf ich’s sein!«

      O-Ton Ullrich: »Manches spricht in der Tat dafür, dass Hitler hinter der Fassade vermeintlicher Unnahbarkeit ein normales Liebesverhältnis mit Eva Braun pflegte. Mit Bestimmtheit sagen lässt sich das jedoch nicht, und die Biografen sollten sich davor hüten, Schlüssellochphantasien der Leser zu reizen. ›Vor diesem menschlichen Persönlichen hat auch die Pflicht des Chronisten halt zu machen und es zu respektieren‹, hat schon Otto Dietrich bemerkt.« (Ullrich, S. 689, 1006, Anm. 79 – mit Verweis auf Dietrichs Schrift 12 Jahre mit Hitler von 1955, S. 231)

      Dass es bei Ullrich mit seinem Otto-Dietrich-Zitat plötzlich zu einer derartigen Rückversicherung geführt hat, zeigt, wie unsicher der Biograf gegenüber Hitlers Heterosexualität wirklich ist. Mithilfe eines der obersten Nazi-Terror-Mittäter will Ullrich den Vorhang des Unwissens vor Hitlers sexuellen Bedingungen zuziehen – mit dem denkbar unsinnigsten Anti-Forscher-Argument, es bestünde »die Pflicht des Chronisten«, »vor diesem menschlichen Persönlichen« (der sexuellen Frage gegenüber dem Zerstörer Adolf Hitler) »halt zu machen und es zu respektieren«!

      Was sollen wir »Chronisten« »respektieren«? Die Mauer vor Hitlers aberativer Sexualität, die ihn in die kollossalste Vernichtung trieb, derer sich je ein Mann gegenüber seinen Zeitgenossen und der Nachwelt schuldig gemacht hat?

      Ullrich muss in Sachen Hitlerscher Sexualität so verunsichert sein, dass er einen der engsten Hitler-Mitzerstörer zitiert, um seine eigene Blöße zu bedecken, hier nicht weiterforschen zu können. Otto Dietrich war neben Goebbels und Max Amann die Propaganda-Walze, die den Destruktions-Staubsauger Adolf Hitler 26 Jahre über die deutsche Gesellschaft fegen ließ, bis nach präliminarischen Tötungen in der Anmarsch-Zeit ein mörderisches «Ausmisten« des Ganzen von allen Kräften geschah, die eine Nation veredeln, und bis im Lande nur noch übrig blieb, wer auf die Bluttour des Staats-terroristisch seriellen Vernichters abfuhr und sich zum Mitmachen ins Zeug legte.

      Otto Dietrich war »Reichspressechef der NSDAP« seit 1931, »SS-Obergruppen-Führer« seit 1932 und Staatssekretär im Goebbels’schen »Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda« seit 1933. Ullrich vergaß bei seinem absegnenden Vorhang-zu-Zitat aus dem Gedanken-»Schatz« eines Otto Dietrich, was sich dieser Nazi-Co-Destrukteur hat zu Schulden kommen lassen.

      Nur weil die Nürnberger Ankläger dem »Zerstörer mit Hilfe der Schrift« Gnade vor Recht gewährten, ist Dietrich als Kriegsverbrecher lediglich zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt worden. Ihm hätte genauso der Strang gebührt wie den anderen beiden verbalen Mitmördern Alfred Rosenberg und Julius Streicher, wenn schon Todesurteile ausgesprochen wurden. Diesmal für Dietrichs Volksteile- und Völker-totmachende Scharfmach-Schriften Mit Hitler in die Macht. Persönliche Erlebnisse mit meinem Führer (1933), Die philosophischen Grundlagen des Nationalsozialismus. Ein Ruf zu den Waffen deutschen Geistes (1935), Der Führer und das deutsche Volk (1936) sowie Auf den Straßen des Sieges. Mit dem Führer in Polen (1939).

      Volker Ullrich passt nicht auf, realisiert nicht, dass ihm sein affirmatives Otto-Dietrich-Zitat Zustimmung aus der rechten Ecke einbringen könnte. Selbstverständlich müssen Nazi-Quellen fürs Faktische herangezogen werden, aber nicht für Philosopheme und erst recht nicht für die Enthaltsamkeit gegenüber Wahrheiten in Sex-Angelegenheiten, noch weniger dazu, die eigene Blöße der Kenntnisse in Sexualwissenschaft zu bedecken.

      Otto Dietrichs Satz hat nach 1945 Gesellschafts-glücklicher Weise keine Gültigkeit mehr. Bei Adolf Hitler, dem Universal-Zerstörer, darf es überhaupt kein Halt und keinen Respekt »vor diesem menschlichen Persönlichen« geben. Im Gegenteil, es gibt nur eine »Pflicht des Chronisten«, endlich die Sphinx Hitler zu enträtseln. Und deswegen muss auch mit den unbeantwortbaren Fragen Schluss sein, zugunsten von deren Antwort-losem Verbleiben sich der Hitler-Biograf Joachim Fest mit Hitler-Liebling Albert Speer gegen Fests eigene Aufklärungspflicht plötzlich eingeschaukelt hatte.

      Zu diesem Vorgang hat Ullrich wiederum vorbildlich informiert, dass nämlich Fest und Verleger Siedler den aus dem Gefängnis entlassenen Speer dazu bewogen hätten, dessen Erinnerungen verkaufsträchtig zu modifizieren (Ullrich, S. 10, 840, Anm. 22) – ein ungehöriges, unerhörtes und ungeheuerliches Geschehen in den 1960er Jahren, das diesmal den Biografen Fest diskreditiert. Es belegt, dass auch jemand wie Fest in eine temporäre Umnachtung gegenüber seinem Gegenstand Adolf Hitler verfallen konnte. Volker Ullrich hat über diese Fest-Speer-Liaison schon zwei Artikel publiziert und kündigte an, zur Hitler-biografischen Entgleisung Fests eine weitere »gesonderte Studie vor[zu]legen«. (a. a. O.)

       Hitler-biografische Enthaltung von Frauen-Seite her

      So wie Hitlers fulminante (Teil)Biografin Anna Maria Sigmund, die das gesamte Hetero-Territorium Hitlers mit mehreren Publikationen abdeckte, das Thema stehen ließ, kann die Status-quo-Situation um Hitlers Heterosexualität nicht bleiben. Zunächst hielt sich Sigmund verdienstvoll in Objektivität zurück und zog Hitler nicht krampfhaft und mutwillig ganz auf die heterosexuelle Seite: Nach der nüchternen Sichtung des Materials zu dem sensiblen Thema, der Ausblendung von Klatsch, Tratsch, Gerüchten und manipulierten Quellen bleibt nur wenig übrig, das ein objektives Licht auf Hitlers Sexualleben wirft. »Ob Hitler, der sich jeden sexuellen Wunsch hätte erfüllen können, zölibatär lebte, wie es manche meinen, oder er – wie es andere meinen – mit Fräulein Braun und anderen Frauen normale, perverse, stets jedoch geheime Verhältnisse pflegte, bleibt in allerletzter Konsequenz unbeantwortet und Spekulation.«, schreibt Sigmund im Kapitel Der »Führer« und die Sexualität in ihrem neuesten Buch »Das Geschlechtsleben bestimmen wirSexualität im Dritten Reich. (Sigmund 08, S. 22)

      Zu dem Wenig-Übrig-Gebliebenen zählt Sigmund das Tagebuch-Fragment der Eva Braun, worüber in Die »sieben Siegel« des Braun-Tagebuchs berichtet werden wird (ORALO, 6. Ja-Sagerin). Kritisiert werden soll hier Sigmunds zu weit gehende Zurückhaltung gegenüber dem »sensiblen Thema« und ihr Diktum, die heterosexuelle Frage in Hitlers Lebenslauf bliebe »unbeantwortet und Spekulation«.

      Wie sich im Folgenden zeigen wird, ist diese Frage sehr wohl auf nicht-spekulative Weise beantwortbar. Vorgangs-adäquat sind Hitler-Gesamt-Biografen mit ihren tausend Einzelheiten im Kopf, die zu Textfluss mit Fußnoten transformiert werden müssen, überfordert. Sie können so etwas Verstecktes wie die Berichte von Marianne Hoppe und Karl Wilhelm Krause über Hitlers – auf Männer bezogene – Gewalt-Erregung und onanistisch-orgastische Entspannung weder suchen noch finden (ONANO, Hitlers Männermord-Orgasmus).


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