Hitler 1 und Hitler 2. Das sexuelle Niemandsland. Volker Elis Pilgrim
Aus ehemaligen Kriegsvorgesetzten hatte er Untergebene gemacht. So wäre es mit »den Reicherts« geschehen. Aus ehemaligen Vermietern wären Untermieter geworden.
Wegen Untrainiertheit in richterlicher Prozessführung, die auch keinerlei Amtszeugnissen ungeprüft glauben darf, sind Sigmund und Joachimsthaler einem der übelsten Tricks des damaligen bayerischen Justizministers Franz Gürtner aufgesessen, der die mit ihm unter einer Decke steckenden Münchener Kriminalpolizisten zu der Erfindung animiert hatte, die plötzlich tot in Hitlers Wohnung aufgefundene Raubal nicht als Hitlers Untermieterin, sondern als Untermieterin seiner erfundenen Untermieter Reichert zu fingieren. Gürtner war einer der raffiniertesten Public-Relation-Spezialisten in Sachen Nazi-Promotion und hat mit dieser Fähigkeit 20 Jahre lang zuerst als bayerischer und dann als gesamtdeutscher Justizminister Hitler gedient (drittes Buch).
Da das Reichert-Ding und der Glaube der Hitler-Biografik ab Sigmund und Joachimsthaler bis zu Plouvier und Ullrich an den Justiz- und Polizei-Coup wegen der Herausarbeitung von Hitlers Heterosexualität und Serienkiller-Qualität eine derartige Rolle spielt, musste eine eigene Reichert-Forschung unternommen werden, die in einem Extra-Kapitel referiert wird (zweites Buch). Bis zu dieser Aufhellung des juristischen Täuschungsmanövers muss erst einmal unbewiesenermaßen die Information hingenommen werden: Es waren niemals sechs bis sieben Personen, die in der Hitler-Wohnung am Prinzregentenplatz lebten, sondern zuerst zwei Jahre lang vier und dann nach dem gewaltsamen Tod von Raubal drei.
Klar soll hier lediglich gemacht werden: Hitler und Raubal lebten nie allein zusammen. Hitler war in seiner eigenen Wohnung nie in einem unbeobachteten Zustand, um mit seiner Nichte alle denkbaren »Tassen hochgehen zu lassen« (Ihm wurden ja auch »pervers-abartige« Praktiken mit Raubal und anderen Frauen wie der Filmschauspielerin Renate Müller angedichtet, worüber unter PERVERSO nachzulesen ist).
Das kategorische Nein zum Sex zwischen Hitler und Raubal ist sogar auch von Gelis Seite her stützbar: Es gab mehrere Bündel hinterlassener Liebesbriefe von Männern an Geli, die später vom Adjutanten Julius Schaub verbrannt wurden, gemäß Hitlers letztwilligem Befehl zur Vernichtung seines Nachlasses. (Joachimsthaler 03, S. 324 f.) Einer dieser Briefe war von Gelis Mutter in Österreich, Hitlers Halbschwester Angela Raubal, abgefangen worden.
Die Handschriftfassung des an Gelis Onkel Adolf nach München weitergeleiteten Liebesbriefes hatte Sekretärin Schroeder in Maschinenschrift übertragen müssen und sich für ihre Unterlagen vor Schaubs Vernichtungsaktion eine Kopie zurückbehalten, deren Inhalt sie in ihre Erinnerungen Er war mein Chef einfügte: Das Schreiben des Geli-Verehrers entlarvt eine Sexpraxis-nahe Liebesbeziehung zwischen Geli und einem fremden Heiratskandidaten, der sich über die Ehe-Hinausschiebungs-Maßnahmen Onkel Adolfs empörte. (Schroeder 85, S. 235 f.)
Aber schon während Gelis erster Zeit in München vor dem gemeinsamen Zusammenleben mit ihrem Onkel ab Herbst 1929 am Prinzregentenplatz gibt es unverbrüchliche Zeugnisse zu Gelis libidinösen Interessen jenseits von Onkel Adi. Nach der Öffnung von Emile Maurices Nachlass trudelten Liebesbriefe Gelis an Maurice aus den Papieren. Sie war nicht interessiert an sexuellen Beziehungen mit ihrem Onkel. Dieser Fakt wurde zur Basis des ganzen Buches von Anna Maria Sigmund Des Führers bester Freund. Adolf Hitler, seine Nichte Geli Raubal und der »Ehrenarier« Emil Maurice. Eine Dreiecksbeziehung. (Sigmund 03/05) »Die angebliche Liaison Adolf Hitlers mit seiner Nichte Geli Raubal erwies sich mit dem Auftauchen des Maurice-Nachlasses als Chimäre. Geli liebte, wie aus einem ihrer Briefe ersichtlich, Emil Maurice.« (Sigmund 08, S. 55)
Den frühen Tod Gelis mit 23 Jahren versucht die neueste Hitler-Forschung nicht mehr aus Gewalt und Leidenschaft herzuleiten, mit denen Hitler gegenüber seiner Nichte auch physisch-destruktiv gewirkt habe. (So ab Schaake, S. 133 ff. bis zu den Jahrtausendwende-Erhebungen der Hitler-Biografik: Bullock 64–73 ff., S. 393 ff., Maser 78 ff., S. 316, Anmerkung*, Fest 73 ff., S. 447 f, Zentner/Bedürftig, S. 468, Steinert 91, S. 237 f., Kershaw 98, S. 351 ff., Sigmund 98, S. 148 ff., Schaake/Baeurle, S. 133 ff., Hauner, S. 74, Plouvier II, S. 251 ff., Goertemaker 10, S. 53 f., Ullrich, S. 314, Longerich 15, S. 234 ff., Sandner II, S. 862 ff.) Nur die beiden Außenseiter und Hitler-Frauenbeziehungs-Spezialisten Ronald Hayman und Anton Joachimsthaler hielten die Selbstmord-These nicht für glaubwürdig und brachten dagegen eine Vielzahl von Ungereimtheiten vor (zweites Buch). (Hayman, S. 171 ff, Joachimsthaler 03, S. 328 ff) Eine kriminalistische Klarheit jedoch gibt es nicht, da in dem Fall keine echten polizeilichen und gerichtsmedizinischen Untersuchungen vorgenommen wurden. Es fand keine Obduktion von Gelis Leiche statt. Wenn Selbstmord, dann Kurzschluss, weil Geli sich in einer biografischen Klemme zwischen Onkel Adolf in München und Mutter Angela in Österreich befand, zwischen denen sie andauernd hin und her pendelte und dadurch zu keinem eigenen Leben fand.
Aussagen der Münchener Mitbewohner, des Ehepaars Winter, lassen keinen Unfall Raubals wegen einer Unachtsamkeit im Umgang mit der Waffe ihres Onkels als möglich erscheinen. Schon ihre Freundin Henriette von Schirach, Leibfotograf Hoffmanns Tochter, hat einen Unfall ausgeschlossen, denn Geli hätte einst mit Schirach gemeinsam Schießübungen mit Hitlers Pistole unternommen. (Schirach 83, S. 67)
Nach Hitlers Abreise am Freitagnachmittag, dem 18. September 1931, hätte Geli sich in ihr Zimmer eingeschlossen und sich irgendwann am Abend oder in der Nacht zum Samstag, dem 19. September, mit Hitlers Walther-Pistole einen Lungenstreifschuss zugefügt, an dessen Folgen sie erstickt wäre – so die heute allgemeine, immer noch zweifelhafte Verständigung der Historiker. Aktuelle kriminaltechnische Statements versuchen, die Selbstmord-Version des Raubal’schen Todes plausibel zu machen: Gelis Zimmer wäre abgeschlossen gewesen, die Pistole auf der nackten Brust angesetzt worden, um ein Sich-Verhaken oder Fehlgeleitetwerden der Kugel zu vermeiden. Mit dieser Technik hätte Geli einen Herzschuss vollführen wollen, der nicht ganz gelang.
Keiner der beiden in der Hitler-Wohnung Mitlebenden hätte einen Schuss gehört. Erst als Geli am nächsten Tag nicht wie sonst zum Frühstück erschien, wurde die verschlossene Tür ihres Zimmers vom Mitbewohner Georg Winter, dem Mann der Haushälterin Anni Winter, aufgebrochen und ihre Leiche gefunden. Kein Abschiedsbrief! 60 bis 70 Prozent der Selbstmörderinnen und Selbstmörder hinterlassen keine letzten Nachrichten! (ZDF Hitler und die Frauen 2011)
[Im zweiten Buch wird der Fall Geli Raubal noch einmal aufgerollt und das Sich-Einrichten der Hitler-Biografik in der Selbstmord-These hinterfragt werden. Spielt der gewaltsame und bisher nicht restlos geklärte Tod Geli Raubals doch eine zentrale Rolle für die hemmungslose Befriedigung von Hitlers delegierendem Serienkiller-Naturell?]
Der Musterzwang zwischen Hitler und seiner Nichte Geli
Von Hitlers Seite aus ist jetzt nur die Klärung nötig, um was für eine Beziehung es sich bei ihm gegenüber seiner Nichte gehandelt hat. Hitler war in einen psychischen Musterzwang geraten. Sein Vater Alois hatte in dritter Ehe dessen Nichte ersten Grades geheiratet, Hitlers Mutter Klara (zweites Buch). Hitler erlag diesem Familienmuster, nachdem er Geli, seiner Halbnichte ersten Grades, der 16-jährigen begabten Schülerin, zum ersten Mal begegnet war. Sie und ihr um zwei Jahre älterer Bruder Leo hatten 1924 ihren Onkel Adolf, den sie persönlich noch nicht kannten, in der Festung Landsberg besucht. Ein zweites Treffen zwischen Onkel und Nichte fand 1926 statt, aus Anlass eines Ausflugs von Gelis Linzer Schulklasse nach München. Das junge Mädchen war inzwischen 18. Im Juni des nächsten Jahres machte Geli ihr Abitur und zog im Dezember 1927 zwecks Studiums der Medizin nach München. (Joachimsthaler 03, S. 311 f.) Der Musterzwang ist der Zwang, unbewältigte Geschehnisse in der nächst-folgenden Generation innerhalb eines Kleinfamilien-Milieus zu wiederholen. Dann nämlich, wenn das Eltern-Kind-Verhältnis zu nah war und eine Ablösung des Jugendlichen von seinen Primärpersonen nicht stattfand.
Beispiele: Eine Mutter stirbt mit 40. Ihr Sohn geht eine Beziehung zu einer Frau ein, die mit etwa 40 einen tödlichen Unfall erleidet.
Eine Mutter verliert ihren Mann an Leukämie. Der Partner ihres schwulen Sohnes stirbt ebenfalls an Leukämie.
Der Musterzwang wirkt nicht immer so