Hitler 1 und Hitler 2. Das sexuelle Niemandsland. Volker Elis Pilgrim

Hitler 1 und Hitler 2. Das sexuelle Niemandsland - Volker Elis Pilgrim


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Das, was Rechts-Außen-Braun-Biograf Johannes Frank als eine seiner Quellen angibt – »schriftliche Mitteilung« von »Gretl und Kurt Berlinghoff« »an den Verfasser« (Frank, J. S. 324) – basiert selbstredend auf keiner echten Befragung Gretls. Franks Buch Eva Braun. Ein ungewöhnliches Frauenschicksal in geschichtlich bewegter Zeit kam 1988 heraus. Gretl war am 10. Oktober 1987 mit 72 Jahren gestorben (geboren am 30. August 1915). Als J. Frank seine Braun-Biografie vorbereitete, war Gretl hoch in ihren Sechzigern und wollte sich keinem echten Interview mehr stellen. Sie speiste Frank mit einer schriftlichen Mitteilung ab, die sie auch noch gemeinsam mit ihrem zweiten Ehemann, Kurt Berlinghoff, verfasst hatte.

      Im Unterschied dazu hatten die Zeitzeuginnen, Hitlers jüngste Sekretärin Traudl Junge und Eva Brauns engste Freundin Herta Ostermayr-Schneider, ausgiebig schriftlich und mündlich dem Autor Fragen beantwortet. (a. a. O.) Durch nichts wird die Tatsache außer Kraft gesetzt: Die gesamte Hitler-Rezeption ist an seiner Schwägerin Gretl Braun, verheiratete Fegelein-Berlinghoff, vorbeigegangen.

      Die Vermeidung von Interviews mit Eva Brauns Friseuse und ihrer jüngeren Schwester Gretl zielt direkt in die männliche Schwachstelle sogar der Siegermächte, dem Gewahrwerden von Hitlers phallischer Schwäche auszuweichen. Was kein Leibdiener etc. von Hitlers Seite her Beweis-kräftig beschwören konnte, genau das hätten die beiden Leibdienerinnen Eva Brauns in die Annalen der Geschichte meißeln können.

      Der Erkenntnisstand zu Hitlers in Wirklichkeit nicht stattgehabter Heterosexualität ist in der Hitler-Biografik immer noch disparat. Daher wird es bei der folgenden Beschäftigung mit weiteren Zeugen immer wieder notwendig sein, darauf hinzuweisen, dass vor allem die männlichen Hitler-Biografen wegschauten, retuschierten, ausblendeten, ja fälschten. An diesen Fakt muss sich die Frage anschließen, warum Männer das bis zum jüngsten Hitler-Biografen Volker Ullrich 2013/16 tun.

      Was für ein Interesse haben Nazizeit-Historiker daran, Hitler als heterosexuell intakt zurechtzubiegen? Sie taten das von Maser über Toland und Irving bis zu Plouvier und Ullrich so sehr auf Biegen und Brechen, dass in Ansehung dieses Themas der Stab über diese Sexual-Normativisten gebrochen werden muss, so verdienstvoll ihre Arbeiten sonst auch sind. Ohne das Mittel des argumentativen Stabbruchs kommt es nicht zu einer Verflüchtigung der Hitler-Hetero-Schimäre, die der Protagonist vor mehr als 80 Jahren als Aura um sich selbst erfand und der der Mainstream der Hitler-Biografik noch immer erliegt.

      Bullock, Fest und Kershaw, die drei Außenseiter bei der Beantwortung der sexuellen Frage Hitlers, konnten sich nicht durchsetzen, vor allem deshalb, weil sie das Thema nur streiften, auch wenn alle drei statuierten: Hitler = kein gewöhnlicher Heterosexueller. Doch blieben die Autoren in der Vermutung stecken, womit keine Chance für die gesellschaftliche Tiefenwirkung einer Wahrheit besteht.

      Auch der neueste Hitler-Biograf Peter Longerich (2015) wird sie nicht erzielen. Er gehört zwar zu den genannten Außenseitern, doch zuckt er wie seine drei Vorläufer wieder nur die Achseln: Hitlers Beziehungen zu seinen nahesten Frauen Geli Raubal und Eva Braun wären irgendwie komisch, nicht ernst zu nehmen. (Longerich 15, S. 175 f., 234 ff., 371 ff.) So sehr Longerich die Fehlsteuerung seines direkten Vorläufers Ullrich nicht übernimmt, so sehr verharrt er praktisch auf der Position von Hitlers zweitem Biografen Konrad Heiden, Hitler sei in seinen Beziehungen zu Frauen von einer »undurchsichtigen Erotik« gekennzeichnet gewesen. (Heiden 36, Bd. I, S. 303) Damit bleibt Hitlers sexuelle Frage weiter hinter einem Vorhang versteckt, den auch Longerich nicht herunterreißt.

      Die erste Frau im Alleingang einer Hitler-Gesamt-Biografie, Marlis Steinert (1991/94), war an Details zur Art der Beziehung zwischen Braun und Hitler nicht interessiert. Sie wollte für die historisch-politischen Dimensionen der Hitler-Forschung wirken und keine Antworten auf Intimfragen zu Hitlers Verhältnissen mit Frauen geben. Solche als »Frauenthemen« marginalisierten Ansätze waren zu Steinerts Arbeitszeit als Historikerin in den 1970/80ern von Frauenseite her verpönt.

      Das hat für Steinerts Hitler-Biografie allerdings erbracht, dass sie zur Hitler-Braun-Beziehung alles ungeprüft so stehen ließ, wie es seit Werner Maser in die Hitler-biografischen Lettern gestanzt worden war. Mit dieser Masche, alles zu »Hitler intim« von Geschichts-revisionistischen Vorläufern zu übernehmen und nichts eigenständig zu recherchieren, reihte sich auch Steinert in die Sexual-Normativisten ein. (Steinert 91, S. 53, 238 f., 310 f.)

      Erst Anna Maria Sigmunds Verdienst war es, erneut das Private als das Politische zu desavouieren und in ihrem Reigen der Nazi-Partnerinnen das Phänomen Mittäterin zu behandeln. (Sigmund 98, 2000) Leider blieb sie auf halber Strecke stehen, behauptete in ihrer Abrechnung mit der Sexualität im Dritten Reich, jede Aussage über die Art des Verhältnisses Braun-Hitler sei »Spekulation«. (Sigmund 08, S. 19 f.). Das war immerhin ein Durchbruch gegenüber ihrer Verfeuchtung des Verhältnisses Braun-Hitler, die sie zwischen 1998 und 2005 betrieb und die sie trotz ihres 2008-Keils Das Geschlechtsleben bestimmen wir auch 2013 noch nicht widerrief. Ihre Herausforderin Heike Görtemaker konnte nachweisen, dass Sigmund unter einer Absence gelitten hatte, als sie den Beginn des »sexuellen Verhältnisses« zwischen Braun und Hitler terminieren wollte. Görtemaker bezichtigte Sigmund schnödester Unachtsamkeit: »Anna Maria Sigmund erklärte gleichfalls, unter Berufung auf die Spandauer Tagebücher Albert Speers, das sexuelle Verhältnis zwischen Eva Braun und Hitler habe Anfang 1932 in dessen Wohnung begonnen. Doch Speer machte dazu weder in den Spandauer Tagebüchern noch in seinen Erinnerungen irgendwelche Angaben – verständlicherweise, denn 1932 gehörte er noch nicht zum engeren Umfeld Hitlers, lebte vielmehr als selbständiger Architekt in Mannheim, war erst im Jahr zuvor in die NSDAP und in die SA eingetreten und erhielt 1932 erstmals Aufträge von der Partei.« (Görtemaker 10, S. 52, 301, Anm. 7, 8)

      Die Seite 140 in den Spandauer Tagebüchern, die angeblich Speers Fanfare vom Beginn der »sexuellen Beziehung« zwischen Braun und Hitler hätte ertönen lassen, ist davon stumm. (Speer 75, S. 140)

      Wie zuchtlos unwissenschaftlich es auch bei einer Sigmund zugeht, wenn sie plötzlich ihren Sachverstand verliert und das Unzüchtige zwischen Braun und Hitler ihrem internationalen, vornehmlich weiblichen Publikum eingängig machen will, zeigt die Originalstelle zu Sigmunds »Beweisführung« des angeblich »sexuellen Verhältnisses« zwischen Hitler und Braun. Diese Stelle revidierte Sigmund trotz ihres gesamtkritischen Buches von 2008 zur Hitler(-Zeit)-Sexualität nicht etwa 2013 selbstkritisch in ihrer jüngsten »aktualisierten« Ausgabe ihrer Nazi-Frauen-Serie:

      »Anfang 1932 wurde Eva – Frau Winter, der Haushälterin, war es nicht entgangen – in Hitlers Wohnung am Prinzregentenplatz seine Geliebte.«

      Als »Beleg« wird von Sigmund in ihrer Anmerkung 17 auf »Speer, Spandauer Tagebücher, S. 140« verwiesen. (Sigmund 98, S. 166, 232) Auch Sigmunds Schlenker auf »Frau Winter« kippt aus der wissenschaftlichen Beweisführung, da keine Quelle folgt. Wie in den Kapiteln ORALO und NEUTRO im Einzelnen behandelt wird, tritt die Zeugin Anni Winter in ihren durchaus greifbaren eigenen Äußerungen als eingeschränkte Ja-Sagerin und danach sogar als überraschende Nein-Sagerin auf.

      Sigmund beging aber den wissenschaftlichen Fehler, dass sie ihren Irrtum über das angeblich sexuell laufende Braun-Hitler-Verhältnis in der »vollständig aktualisierten Neuausgabe« ihrer Nazifrauen-Bücher (2005) und der »komplett überarbeiteten, aktualisierten und erweiterten Taschenbuchausgabe« (2013) nicht korrigierte. In ihren Ausgaben »letzter Hand« 2005 und 2013 ist aller breit getretener Geschlechtsquark zu Braun-Hitler wie gehabt immer noch zu lesen. (Sigmund 05, S. 245, Sigmund 13, S. 298, 421, Anm. 19) Mit solchem, sich in die Frauenherzen einschleichenden, Eva-Braun-identifikatorischen Verkaufskalkül ist es dann um die sexuelle Wahrheit des Mannes A. H. geschehen.

       Das »Politische Serienkiller-Manifest« – Ausgeburt eines Heteros?

      Die Ausmistung des Hitlerschen Heterostalls muss vor allem deshalb geschehen, weil die Fälschung eines heterosexuell intakten Hitlers eine Verhöhnung seiner Millionen Opfer und ihrer Hinterbliebenen bedeutet: »Da war ein ganz normaler Mann wie Du und ich am historischen Werk, dessen Millionen Opfer Ihr, liebe Behinderte, Juden, Ost-Europäer,


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