Hitler 1 und Hitler 2. Das sexuelle Niemandsland. Volker Elis Pilgrim
Bormann wurde vom Hitler-Umfeld als der eigentliche Berghof-Hausherr gekennzeichnet. Eine solche Nähe überträgt sich dann auch auf das, was Leute der aufstampfenden Fruchtbarkeit wie die Bormanns bei dem Sonder-Paar Braun-Hitler als Fehlanzeige bemerkt und an von Berufs wegen daran Interessierte wie das Gynäkologen-Paar Scholten weitergegeben haben. Geredet wird halt unter Menschen, besonders wenn es bei Haus- und Ehefrauen wegen deren Ausgeschlossenseins aus der Politik nicht viel anderes zum Sich-Erzählen, -Aufregen und -Wundern gibt.
Nelly Scholten war im Zusammenhang mit dem Thema »Penis in Vagina« jedoch nicht irgendwer, keine Gärtnerin, Nachbarin oder Raumpflegerin. Ihr Mann arbeitete medizinisch an demjenigen weiblichen Körperteil, von dem es bei Eva Braun und deren Verhältnis zu Hitler nichts zu erzählen gab. Und gerade wegen dieser Nähe ihres Mannes zum Geschehen, das in der Beziehung Braun-Hitler fehlte, ist Scholtens Bemerkung wesentlich. Auch dass Nelly Scholten zusätzlich zu Eva Braun zwei weitere nachweisbare Hitler-Freundinnen anführt, mit denen Hitler ebenfalls nichts anfangen konnte, macht sie als Zeugin stabil.
Mit Ada Klein hatte Hitler ein Kuss-Verhältnis, über das noch zu berichten sein wird (ORALO). Und Gretl Slezak war von Hitler strikt abgewiesen worden. (Schroeder 85, S. 159 ff.) Beide Frauen sind als sexuelle Zero-Territorien in die Geschichte der Hitler-Beziehungen eingegangen (22. Nein-Sager, Emil Maurice).
Die Vermeidung der zwei Braun-nahesten Nein-Sagerinnen
Anton Joachimsthaler, der Verreißer von Hitlers sämtlichen Frauen-Verhältnissen, leitet Christa Schroeders Bericht über die Mitteilung der Gynäkologen-Ehefrau Nelly Scholten zweimal mit einem Satz der Sekretärin ein, der in der Hitler-Biografik vollständig untergegangen ist: »Dass Hitler keinen Geschlechtsverkehr mit Eva Braun gehabt hat, vertraute diese ihrer Friseuse an.«
Gun druckte in der deutschen Ausgabe seines Buches (nicht in der amerikanischen und englischen) ein Foto von besagter Friseuse ab, (Gun 68 I, B. 2 neben S. 193) beliess sie aber namenlos und sparte ein Interview mit ihr aus, was tief in die männlich-mediterranäische Mentalität Guns blicken lässt.
Einzelheiten über Herkunft und Vorleben Guns finden sich in Görtemakers deutschen und englischen Versionen ihres Buches Eva Braun. Leben mit Hitler. Da sich die Informationen über Nerin Emrullah Gun in den Görtemaker-Ausgaben nicht decken, ist die Kenntnis von beiden Mitteilungen wichtig, um einschätzen zu können, wie authentisch und zugleich wie befangen der spätere erste Braun-Biograf Gun in seinen Recherchen zu und in seinen Ansichten über Eva Braun gewesen ist. (HETERO, 9. Ja-Sager, Görtemaker 10, S. 19 ff, 295, Anm. 18, Görtemaker 11 I, S. 14)
Der gebürtige Italo-Türke (Görtemaker 10, S. 19 ff., 295, Anm. 18) hätte seinen Interessensaufwind für Eva Braun als »Geliebte des ›Führers‹« möglicherweise verloren, wenn er sich das Herbert Döhring’sche »Da war nix!« hätte klarmachen müssen. Deshalb wollte Gun lieber nicht an das Problem des Trockengebietes der Braun-Hitler-Beziehung herangehen.
Eva Braun muss nahezu täglichen Umgang mit ihrer Friseuse gehabt haben, da sie auf allen von ihr zahlreich überlieferten Fotografien mit einer anderen Haartracht brilliert – so auf den Abbildungen, die das gesamte Buch von Brauns dritter Biografin (2006/07), der Deutsch-Engländerin Angela Lambert, durchziehen. (Lambert) Zur Braun-Identität als Berghof-Mannequin und Filmschauspielerin ihrer neun Jahre lang dargestellten Hitler-Ehefrau-Rolle auf seinem Obersalzberger Landsitz gab es auch schon konkret Beobachtende, wie Hitlers Zahnarzt Hugo Blaschke (13.) und die jüngste Sekretärin Traudl Junge (11.). (Junge 02, S. 74, 79, 84 f.), die zum Thema Markantes bezeugten. In den 1960er Jahren, in denen Gun für seine Braun-Biografie recherchierte, konnte er die Publikation der Sekretärin Schroeder von 1985 noch nicht kennen. Aber er führte Gespräche über Eva Braun mit allen ihm greifbaren Zeitzeugen, auch mit Schroeder (Gun 69, S. 7), hatte jedoch für die Skepsis der zweitältesten Hitler-Sekretärin gegenüber der geschlechtlichen Seite des Braun-Hitler-Verhältnisses kein Ohr.
So muss Gun vorgeworfen werden, dass er 1968/69 von deutsch-englischer Seite her die Mär vom normal funktionierenden Geschlechtsverkehr zwischen Braun und Hitler in die Hitler-biografische Welt gesetzt hat, in der sie bis heute ihr Unwesen treibt. (Gun 68 I, S. 55, 114 ff.) Damit hatten schon zu Anfang der 1960er Jahre die französischen Eheleute Pierre und Renée Gosset in ihrer dreibändigen Hitler-Biografie begonnen, (Gosset) was aber wegen international mangelnder Französisch-Kenntnisse in der Hitler-Biografik noch keine tiefe Wirkung zeitigte. Diese Wirkung wurde erst mit Gun freigesetzt, dem drei Jahre später Werner Maser und zehn Jahre später der Amerikaner Glenn Infield folgten. Mit Infields Adolf and Eva war dann die Lampe über dem Bett von A. H. und E. B. unauslöschbar angeschaltet worden, die bis in die Jahrtausendwende das nun auch von Frauenseite her entzündete Licht leuchten lässt, das der Menschheit von Jahrzehnt zu Jahrzehnt neu aufgesetzt wird. (Steinert, Sigmund, Milne, Lambert, Görtemaker, Taylor) Neben Nerin Guns Aussparung von Gesprächen mit Brauns Friseuse wurde eine viel schwerere Unterlassungssünde bemerkt, derer sich die Hitler- und Braun-Biografen ab Bullock und Gun schuldig gemacht haben: Die naheste Braun-Frau, die jüngere Schwester Gretl, wurde von keinem Biografen befragt. Margarethe Braun-Fegelein-Berlinghoff hat bis zum 10. Oktober 1987 gelebt (Lambert, Braun-Stammbaum) und hat alles über die sexuelle Pleite der Beziehung zwischen Adolf Hitler und Eva Braun gewusst. Intimfreundinnen und unzertrennliche Schwestern haben untereinander keine Geheimnisse, tauschen sich gerade auch über Intimstes permanent aus.
Gretl Braun war Männern gegenüber eine »Flotte«, die es mit der Sexualität leichtnahm. In allen Biografien ihrer Schwester Eva ist das nachzulesen und den Bildern anzusehen. Gretl Braun strahlt erotisch dieses gewisse Etwas aus.
Sie war auf dem Berghof wegen ständiger Anwesenheit bei ihrer Schwester Eva unter der Entourage »im Gespräch«, zwei von Hitlers Gefolgsmännern zu heiraten, den SS-Obersturmbannführer Fritz Darges und den Aussenamts-Verbindungsmann Walter Hewel. Sie hatte in ihrem Dasein als weibliches Begleitkommando für ihre Schwester Eva nichts zu tun und deshalb ausgiebig Zeit fürs Erotische – in Gedanken und in eigener Tat, bis sie durch ihre Heirat von SS-General und Himmler-Verbindungsmann zu Hitler, Hermann Fegelein, am 3. Juni 1944 polyamourös stillgelegt wurde.
Schon in ihrer Zeit bei »Photo-Hoffmann« ab 1931 (16jährig) hatte sie mit Heini, dem Sohn ihres Chefs, Hitlers Leibfotografen Heinrich Hoffmann, angebandelt. Ihre nahe Beziehung zu Hoffmann jr. kommt auf einem Kopf-an-Kopf-Foto der beiden zum Ausdruck, das Braun-Biografin Lambert publizierte (Lambert 06, S. 83, B. 2)
Braun-Biografin Görtemaker berichtet von einem Gespräch Gretl Brauns mit einem amerikanischen Geheimdienst-Mann am 15. September 1945, (Görtemaker 11 I, S. 237 f., 307, Anm. 69 f., 70) auch davon, dass Gretl Braun sich einem anderen US-Secret anvertraut und ihm gesteckt hatte, wo die Filme und Fotoalben ihrer Schwester Eva verblieben sind, woraufhin die Offiziere fündig wurden und das Material nach Washington transportierten. (a. a. O., S. 86, mit Verweis auf Gun 68 II, S. 289 f. [in der deutschen Fassung von 1968 und der englischen von 1969 gibt es gar nicht so viele Text-Seiten.] Gretl Braun war demnach redselig und hat mit den Amerikanern sofort kooperiert.
Nerin E. Gun zieht 20 Jahre später nur Brauns Mutter Franziska, außerdem Evas ältere Schwester Ilse und ihre engste Freundin Herta Ostermayr-Schneider zu Rate, nicht Gretl Braun. Die Braun-familiären Frauen in Distanz zu Tochter/Schwester Eva werden aufgesucht, jedoch die Von-Stunde-zu-Stunde-Nahen, wie Brauns jüngere Schwester Gretl und ihre Friseuse, nicht. Gun hat mit den Recherchen für seine Braun-Biografie schon Anfang der 1960er Jahre begonnen, in denen Gretl neu verheiratet und erst Mitte vierzig war.
Die Friseuse bekleidete eine Funktion in Brauns Leben wie die Leibdiener in dem Hitlers, auch wenn sie prinzipiell nur für Brauns Haare zuständig war und nicht für den ganzen Körper. Vor allem ist mysteriös, warum die Flächen-deckend Hitler-neugierigen Amerikaner Gretl Braun nicht unablässig ins Verhör genommen haben. Nur einmal das Interesse eines Secrets wegen des Eva-Braun-Nachlasses und das Round Table gemeinsam mit Herta Ostermayr durch einen anderen Geheimdienstler – das sind keine echt zusetzenden Verhöre von Nazis, wie sie zu Hunderten sofort nach April