Villa im Tiergarten. Artur Hermann Landsberger

Villa im Tiergarten - Artur Hermann Landsberger


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      „Mein Pilsner!“ rief Etville. „Ich verdurste.“

      Burg schob den Kopf ruckartig nach vorn — meine kurze Verbeugung zuvor war also falsch gewesen — und sagte:

      „Sofort, Herr Baron. Ich denke aber, daß wir zunächst einmal die häuslichen Fragen erledigen.“

      „Meinetwegen.“

      „Und da möchte ich fragen, ob ich nicht vielleicht mein Zimmer gegen eins mit Morgensonne vertauschen kann.“

      „Hat Ihnen der Arzt das empfohlen?“ fragte ich.

      „Der Arzt nicht, aber ich habe mich selbst studiert und gefunden, daß Morgensonne einen günstigen Einfluß auf meine Stimmung übt.“

      „So! So! Das ist ja sehr interessant,“ erwiderte ich.

      „Und da ja meine Stimmung letzten Endes dem Herrn Baron zugute kommt ...“

      „Mir ist mein Pilsner viel wichtiger als Ihre Stimmung!“ unterbrach ihn Etville —

      „Sag’ das nicht,“ widersprach ich, da ich längst merkte, bei wem bei Teilung der Gewalten in diesem Hause das Uebergewicht lag. Und zu Töns gewandt, sagte ich:

      „Würdest du dann vielleicht dein Zimmer gegen das von — ja, wie nenne ich Sie eigentlich?“

      „Mein Name ist Burg.“

      „... also gegen das von Herrn Burg tauschen?“

      Töns willigte ein, worauf Herr Burg den Kopf kurz nach vorn streckte und sagte:

      „Sehr liebenswürdig. Ich werde Frida sofort anweisen, meine Sachen in das andere Zimmer zu tragen.“

      Im selben Augenblick erschien Fräulein Fleck im Zimmer. Sie sah wie eine Leiche aus.

      „Wir müssen versuchen, Ordnung in den Haushalt zu bringen,“ sagte ich.

      „Dann werden Herr Doktor mindestens drei neue Dienstmädchen einstellen müssen. Eins für Herrn Burg, eins für Herrn Nitter und das dritte für die übrigen fünf Herren.“

      „So habe ich es mir auch gedacht,“ erwiderte ich. „Sie nehmen dann allabendlich die Wünsche der einzelnen Herren für den nächsten Tag entgegen und versuchen, sie mit Hilfe des Personals auszuführen.“

      „Das ist bereits geschehen,“ erwiderte Fräulein Fleck — „wenigstens das Entgegennehmen; die Ausführung freilich —“ Sie legte mir den Tageszettel vor.

      Ich las und sank in meinem Sessel zurück.

6 Uhr Bad Nitter 28°
6 20 Bad Burg 26½°
6 30 Nitter Frühstück (Tee, 2 Eier, Weißbrot, Butter)
6 45 Bad Töns
7 Frühstück Burg (Schokolade, 2 Hörnchen, 40 gr. Butter, ein Spiegelei, Honig)
7 15 Bad Graezer
7 30 Frühstück Timm (Tea, Toast, Butter, Ham and eggs)
7 45 Frühstück Töns (Tee, Brot, wenn möglich Butter)
8 Burg (ein halbes Weißbrot mit Zunge, ein halbes mit gekochtem Schinken, ein Gläschen Tokayer).

      Ich schob das Blatt beiseite. Aber Fräulein Fleck las es uns bis zu Ende vor. Es waren zweiunddreißig Positionen, wie sie sich ausdrückte. Um 5 Uhr nachmittags empfing Karl Theodor Timm Verehrer und Verehrerinnen zum Tee. „Dreimal wöchentlich“, wie daneben stand. Um 6 Uhr dinierte Baron Etville mit ein paar Freunden, obschon die Testout-Rosen, die Frida bei Rothe bestellen sollte, das Geschlecht dieser Freunde fraglich erscheinen ließen. Um 9 Uhr bestellte Rolf ein Abschiedssouper zu vier Gedecken, und Töns bat für 10½ Uhr, also nach dem Theater, um ein kaltes Büfett und Whisky und zwar, wenn möglich, Old Fitzgerald Private Stock.

      „Ich muß mich dreiteilen,“ sagte Fräulein Fleck. Aber ich widersprach. Einmal, weil dann überhaupt nichts von ihr übrigblieb; vor allem aber, weil ich längst erkannte, daß ich für die Küche mindestens noch zwei Personen und abermals zwei, wenn nicht drei, für die Bedienung brauchte. Das machte alles in allem etwa zwanzig Personen — zwölf mehr, als das Wohnungsamt verlangt hatte. Und da gütigem Zureden keiner weichen wollte, so erklärte ich:

      „Unter diesen Umständen muß ich mindestens einen Stock aufbauen.“

      „Ausgezeichnet!“ rief Rolf.

      „Nur etwas kostspielig,“ erlaubte ich mir zu bemerken, worauf Töns ärgerlich sagte:

      „Sei doch nicht immer so kleinlich!“

      Rolf war von der Idee ganz begeistert:

      „Auf die Art bekommt jede Partei ihre eigene Küche, und die Dienerschaft wohnt von uns getrennt.“

      „Vorausgesetzt, daß sich die Dienerschaft für die obere Etage entscheidet,“ warf ich ein.

      „Selbstverständlich,“ erwiderte Burg. „Beim Aufbau dieser Etage würden ja wohl unsere Wünsche berücksichtigt werden.“

      „Die wären?“ fragte ich, und Burg erwiderte:

      „Ich erlaubte mir schon zu betonen, daß ich auf Licht und Sonne Wert lege. Und dann keine Rabitzwände! Ich hasse Geräusche! Mich hört niemand, und ich darf die Rücksicht, die ich übe, auch von anderen erwarten.“

      Dabei sah er Karl Theodor Timm so ungeniert an, daß der arglos fragte:

      „Habe ich Sie etwa gestört?“

      Burg zog die Schultern hoch, sah uns der Reihe nach an und sagte:

      „Ich weiß nicht, ob ich mich äußern darf.“

      „Sie dürfen,“ rief ich.

      „Nun,“ begann er zögernd, „das Wichtigste, was man von einem persönlichen Diener großen Stils verlangen muß, ist Takt. Unser Takt ist sozusagen der gute Geist des Hauses, in dem wir wirken.“

      „Was hat das mit Karl Theodor Timm zu tun?“ fragte ich.

      Burg wies auf Timm und lächelte:

      „Was mein Takt verbietet, das fordert Ihr Beruf. Sie studieren die Menschen wie wir! Aber während Sie von der öffentlichen Ausbeutung Ihrer Studien leben und deren Objekte nach dem Gebrauch völlig lieblos beiseiteschieben, leben wir davon, daß wir unsere Studien denen zugute kommen lassen, an denen wir sie gemacht haben.“

      „Einen Moment!“ rief ich. „Sagen Sie das bitte noch mal!“ Und während Burg es wiederholte, schrieb ich es mir auf, in der Hoffnung, es in meinem nächsten Roman zu verwerten.

      „Jedenfalls ist es undurchführbar,“ erklärte ich, „in einem Haushalte zu zehn verschiedenen Zeiten die Mahlzeiten zu servieren. Wir müssen für jede Mahlzeit eine bestimmte Zeit festsetzen, und wer die nicht innehält, ißt auswärts.“

      „Dazu wohne ich nicht privat, um in Restaurants zu laufen,“ erklärte


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