Villa im Tiergarten. Artur Hermann Landsberger

Villa im Tiergarten - Artur Hermann Landsberger


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kostbaren Toilettengegenständen zurückkehrten.

      „Hier sind die Geschäftspapiere,“ sagte der eine.

      „Was steht drauf?“ fragte der Beamte unsicher, nahm ihm ein Blatt aus der Hand und las:

      „Isis mit den weißen Büsten, den kastanienbraunen Augen, mit den blonden Hängezöpfen, die so gut für Liebe taugen ...“

      „Das ist ja furchtbar,“ sagte der Beamte. „Aber das entlastet Sie — wenngleich diese Toilettengegenstände ...“ und er nahm seinem Kollegen ein paar kostbare Schildpattkämme, ein Haarnetz und einen goldenen Taschenspiegel, auf dessen Rückseite ein kleiner Hase aus Brillanten war, aus der Hand — „den Verdacht nahelegen, daß hier nicht nur gebetet und gedichtet wird.“

      In dieser kritischen Phase begann auf der Treppe ein Schreien und Toben. Die starre Mauer der wartenden Frauen kam in Fluß.

      „Platz für Po Gri!“

      schrie kreischend eine Stimme, und eine elegante, schöne Frau kämpfte sich durch die Fäuste und Ellenbogen von Hunderten, die ihr den Weg versperrten, bis zur Flurtür durch, an der Nitter und Burg durch freundliche Ansprachen seit ein paar Stunden die neu Harrenden zur Geduld mahnten.

      Im selben Augenblick stand Po Gri auch schon zwischen uns und den Beamten. Das kostbare Kleid hing in Fetzen, die Reiher waren ihr vom Hut gerissen, die langen, perlgrauen Schweden waren mit Blut gefärbt.

      „Wo ist Rolf?“ brüllte sie, und wir alle wichen ein paar Schritte zurück. — Sie sah die Beamten: „O gut! gut! Sie werden mir helfen! Heute noch muß sie über die Grenze! diese ...“ Dabei riß sie dem Beamten den Haarkamm aus der Hand, führte ihn an die Nase und rief: „Ich habe sie! ...! Also hier hält sich die saubere Person versteckt!“ — Und zu mir gewandt, fuhr sie fort: „Dazu also haben Sie Rolf aus dem Hotel verschleppt“ — die Beamten horchten auf — „um ihn hier mit dieser ... Person zu verkuppeln.“ — Die Beamten betrachteten mich genauer. Ich versicherte, ohne gegen Po Gris Stimme durchzudringen, daß ich von diesen nächtlichen Rendezvous bis zur Entdeckung dieser untrüglichen Beweisstücke keine Ahnung hatte — Po Gri schwang schon den goldenen Spiegel und raste: „Eine Po Gri betrügt man nicht!“ — Und während sie weiter tobte, brachte sie sich vor dem goldenen Spiegel hastig in Ordnung, legte rot auf, puderte sich, riß dann einem der Beamten das Haarnetz aus der Hand und raste mit dem Ruf: „Ich werde sie finden!“ durch die Wohnung.

      Vor dem Hause und auf den Treppen war die Stimmung umgeschlagen. Laute Hoch- und Bravorufe aus vielen hundert Frauenkehlen erweckten unsere Neugier. Töns ging ans Fenster. Unten war Rolf in seinem Auto vorgefahren. In dem hochgewachsenen, eleganten Rolf hatte man sofort „den Herrn, der die Dame suchte“, erkannt. Bei seinem Anblick wuchs der Wunsch, den Posten zu erringen, ins Ungemessene. Zarte Frauenhände hoben ihn, trugen ihn unter dem Beifallgeklatsche der anderen die Treppe hinauf und setzten ihn vor uns nieder. Rolf, gewöhnt, von Frauen verwöhnt zu werden, lächelte und grüßte nach allen Seiten. Als er wieder Boden unter den Füßen spürte, gab er mir die Hand und erklärte:

      „Ich muß sagen, mir gefällt es sehr gut bei dir.“

      „Tatsächlich!“ stimmte Töns ihm bei: „Hier ist noch mehr los als im Esplanade.“

      Plötzlich schrie in der hinteren Wohnung eine Frau laut auf.

      „War das nicht Häslein?“ fragte Rolf erschrocken. Gleich darauf hörte man ein schallendes Geräusch, das wie Ohrfeigen klang.

      „Waren das nicht Po Gris angebetete Hände?“ fragte ich.

      Rolf wankte.

      „Sie ... ist ...?“

      Ich wies zur Tür und sagte:

      „Seit ein paar Minuten. Und obschon es ihr nicht leicht fiel, hinaufzukommen, so fürchte ich doch, daß es noch schwieriger sein wird, sie wieder hinauszubefördern.“

      Die Beamten gingen dem Schrei der beiden Frauen nach, während Rolf die Damen, die ihn hinaufgetragen hatten, jetzt vergebens zu bestimmen suchte, daß sie ihn wieder hinunterbrachten.

      Ich bat Timm, zur allgemeinen Beruhigung von der Flurtür aus ein paar Gedichte vorzutragen. Da er ablehnte, blieb mir nichts anderes übrig, als die Feuerwehr zu alarmieren. „Menschenleben in Gefahr!“ meldete ich. Nach etwa fünf Minuten fuhren drei Wagen vor, wurden die Spritzen angesetzt, ergoß sich ein Meer von Wasser durch die Haustür, über die Treppen, in die Zimmer — schwammen die Beamten mit Po Gri und Häslein um die Wette, während wir dank dem fürsorglichen Burg hinter festverschlossenen Türen und Fenstern diesem seltenen Schauspiel zusahen.

      Nur die erschöpfte Stimme des höheren Beamten vernahm ich noch, der seinem Kollegen zuprustete:

      „Dies Haus werden wir jedenfalls im Auge behalten.“

      Nichts konnte mir in einer Zeit, in der Mord, Totschlag und Einbrechen an der Tagesordnung waren, willkommener sein.

      Drittes kapitel

      Am Abend dieses Tages glich meine Wohnung einem Zirkus unter Wasser, und ich, der beneidete Inhaber der vielumstrittenen Tiergartenvilla, hätte mit jeder trockenen Dreizimmerwohnung in einem Gartenhaus getauscht.

      Ich rechnete damit, daß meine Freunde ein Einsehen und Verständnis für meine verzweifelte Lage haben würden.

      „Drei von euch müssen hinaus,“ sagte ich, „und wenn ich einen Wunsch äußern darf, so wäre mir am liebsten, wenn Etville bleibt. Er ist der ruhigste und hat am wenigsten Anhang.“ Aber Rolf und Töns dachten gar nicht daran. Rolf meinte:

      „Ich ärgere mich den ganzen Tag über so viel in meinem Beruf, daß ich diese Erholung des Abends geradezu nötig habe.“

      „Erholung nennst du das?“ fragte ich empört.

      „Gewiß! Ich habe mich den ganzen Winter über in keinem Theater und auf keiner Gesellschaft auch nur annähernd so gut unterhalten wie in den vierundzwanzig Stunden unter deinem Dach.“ Und Etville erklärte strahlend:

      „Ich bin so gespannt, wie sich das hier weiter entwickelt, daß ich entschlossen bin, meine Reise nach Amerika aufzugeben. Nur, um hier nichts zu versäumen.“

      Meine letzte Hoffnung war Timm. Ich trat an ihn heran und sagte:

      „Aber du, Karl Theodor, du fühlst mit mir!“

      „So sehr,“ erwiderte der, „daß es unfreundschaftlich von mir wäre, wenn ich dich in dieser Lage verlassen würde.“

      Mithin blieb nichts anderes übrig, als die Versuche, Ordnung in dies Chaos zu bringen, fortzusetzen. Daß dazu nur eine Frau imstande war, stand für mich fest. Daß diese Frau unter den Unzähligen war, die sich anboten, war durchaus nicht sicher. Denn wie viele gab es denn, die all die Eigenschaften in sich vereinten, die dieser Posten erforderte? War aber wirklich eine darunter, so mußte man mit hellseherischer Kraft begabt sein, um sie aus diesen Bergen von Briefen herauszufinden.

      Wir saßen ratlos vor einer unlösbaren Aufgabe. Die erste Hilfe leistete uns gesunder Fraueninstinkt. Frida erlaubte sich den Vorschlag, zunächst einmal alle die auszuscheiden, die an den Antritt die Bedingung knüpften, daß bei gegenseitigem Sichverstehen spätere Ehe nicht ausgeschlossen sei. Damit wanderte bereits mehr als ein Drittel in den Papierkorb. Auf Töns Rat hin schieden sodann alle die aus, die sich selbstgefällig anpriesen oder deren Bewerbungen nach schlechten Parfümen rochen. Damit war das zweite Drittel erledigt. — Ich führte den Gedankengang von Töns weiter und suchte aus dem Drittel, das übrigblieb, diejenigen heraus, die in irgendeiner Form Bedenken äußerten, ob sie dieser ungewöhnlichen Aufgabe auch wirklich gewachsen wären. Denn, sagte ich mir, wer ohne jede Hemmung nach diesem Posten, der auf alle Fälle ein Experiment blieb, greift, war ohne Verantwortungsgefühl oder litt an Größenwahn.

      Diese von uns gestellten Forderungen erfüllten im Ganzen nur sechs Bewerberinnen, von denen wir uns schließlich für die folgende entschieden: Auf einem weißen, starken Kartenbrief mit Wappen stand in Schriftzügen, die Energie verrieten:


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