Die Diktatur der Triebe. George Lebelle

Die Diktatur der Triebe - George Lebelle


Скачать книгу
wird den später erwarten?“

      Alle Stadträte von CDP, LDP, PDS und NSU lachten, fast alle. Von den zwanzig Stadträten gehörte nur einer der Opposition an, nämlich Karl Löbel von der Linksfraktion. Aber der hielt aus gutem Grund den Mund. Den Abend zuvor hatten ihn Jungmitglieder der CDP zusammengeschlagen. Seine Nase war gebrochen und rot geschwollen, die Lippen blutverkrustet und sein Unterleib schmerzte wegen der Tritte mit den harten Stiefeln. Er konnte kaum reden und hielt die Schnauze.

      Als jedoch der Tagesordnungspunkt „Privatisierung der Polizei und der Steuerbehörden“ aufgerufen wurde, meldete er sich als Erster zu Wort.

      Zähneknirschend erteilte ihm der Vorsteher des Stadtrates das Wort. Der Bürgermeister bekam einen Wutanfall.

      „Nachdem mir eure Leute gestern die Fresse poliert haben, sozusagen als sachliche Auseinandersetzung mit politischen Argumenten, muss ich hier und jetzt nur noch die Ermordung durch eure wohlgeratene Jugend fürchten. So weit ist dieser Staat gekommen! Die Polizei soll durch die Mafia ersetzt werden. Vor zwei Wochen kamen vier gepflegte junge Männer in die örtlichen Polizeistationen und unterwarfen sie ihren Befehlen, mit einer Vollmacht des Bundeskanzlers Piepgen.“

      Der Stadtverordnetenvorsteher brüllte: „Herr Abgeordneter, ich fordere Sie auf, den Amtstitel „Reichskanzler des Vierten Reiches“ zu verwenden. Andernfalls schließe ich Sie von der Sitzung aus.“

      Der einzige Oppositionsabgeordnete fuhr fort.

      „Diese vier Männer gehören der russischen Mafia von Sergej Tscherwinski an. Das wollen Sie aber nicht wissen. Für Sie sind die Befehle aus Berlin das A und O. Viel schlimmer ist es, dass Sie auch nicht bemerkt haben wollen, dass sich vier weitere Kerle in das Finanzamt eingeschlichen haben, und zwar von derselben Mafiaorganisation. Diese Leute haben die Erlaubnis, Steuern einzunehmen und die Bürger auch mit Gewalt zu Steuerzahlungen zu zwingen. Das ist doch Mittelalter! Diese Bande kann auch völlig neue Steuern festlegen und einnehmen, zum Beispiel eine Fenster- oder eine Obstbaumsteuer. Das ist doch Anarchie! Wollen wir das in Braunlage?“

      „Herr Abgeordneter Löbel! Wegen defätistischer und staatsfeindlicher Äußerungen sehe ich mich gezwungen, Ihnen das Wort zu entziehen und Sie von der Sitzung auszuschließen.“

      Der Gemeindediener führte den Stadtrat Löbel aus dem Saal, ihn ruppig am Ärmel des Jacketts ziehend.

      Als die Saaltür hinter den beiden zuschlug, trat ein Abgeordneter der CDP neben den Bürgermeister und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Der Bürgermeister nickte.

      Am übernächsten Morgen trat Stadtrat Löbel aus dem Haus, machte ein paar Schritte durch den kleinen Vorgarten und atmete tief ein.

      Plötzlich nahm er ein leises Sirren in der Luft wahr. Er schaute hoch, sah aber nichts. Als er die Gartenpforte öffnen wollte, sank er zusammen und stürzte auf den gepflasterten Weg.

      Er schrie um Hilfe. Nach wenigen Sekunden erlosch seine Stimme.

      Der von den Nachbarn herbeigerufene Notarzt konnte nur noch den Tod feststellen.

      Geschickt ließ er das kleine, spitze Geschoss, das im Hals des Stadtrates steckte, unter seiner linken Hand und dann im Ärmel verschwinden. Die drei um ihn stehenden alten Leute bemerkten nichts von seinem Trick.

      Zwei Tage später erfuhr der Bürgermeister offiziell vom Tod des Stadtrates. Die zehn Mitarbeiter der Geheimen Staatspolizei in Braunlage hatten eine perfekte Arbeit geleistet. Der Notarzt musste schweigen.

      Er ließ eine Todesanzeige in der einzigen und ihm gehörenden Tageszeitung erscheinen, in der er „den schmerzlichen Verlust für das Gemeinwohl, die ganze Stadt und den Stadtrat betrauerte“.

      In der folgenden Sitzung des Stadtrates mussten sich die Abgeordneten zu einer stummen Trauerminute erheben.

      „Nachdem wir nun unter uns sind und daher offen reden können“, eröffnete der Bürgermeister die Sitzung, „wollen wir einmal prüfen, was uns die jüngste Steuerreform aus Berlin gebracht hat. Herr Kämmerer, Sie haben das Wort.“

      Der neue Stadtkämmerer war erst seit zwei Wochen im Amt, trat aber auf, als wäre er Finanzminister. Er hatte sein Handwerk bei einem Finanzamt und danach bei der Gesellschaft Black&WhiteWater für Finanzinvestoren gelernt. So sah er auch aus: dunkelblauer Anzug, fein gestreiftes Hemd mit reinweißem Kragen, lila-grau-silbern gestreifte Krawatte und schwarze Lackschuhe, Alter 35, die Haare schwarz gefärbt und gegelt.

      Alle im Saal wussten, dass der neue Kämmerer auch der neue Chef des Finanzamtes war. Sie wussten jedoch nicht, dass der junge Mann von einer Gesellschaft zur Rekrutierung von Steuer- und Finanzspezialisten nach Braunlage beordert worden war.

      Diese Gesellschaft mit dem vielgepriesenen Namen „Treue, Ehre, Vaterland“ gehörte zu gleichen Teilen dem Rechtsanwalt Müller-Lüdenscheid II und dem Kanzlerassistenten Lafontaine. Die beiden hatten sich das ausgedacht, weil die Mafiaorganisationen nicht das erforderliche Fachpersonal für die Finanzämter stellen konnten. Ihr bisher erfolgreicher Plan war es, skrupellose Jungmanager aus den Beratungs- und Investmentfirmen abzuwerben, nicht nur durch hohe Gehälter, sondern vor allem mit der Aussicht auf üppige Gewinnbeteiligungen.

      Damit waren die Mafiosi überhaupt nicht einverstanden. Sie wollten fünfzig Prozent der Steuereinnahmen, wie vom Kanzler versprochen.

      Der Rechtsanwalt und Lafontaine mussten klein beigeben und vereinbarten, nach einem halben Jahr sollten die Gehälter und die Boni der Jungmanager halbiert werden. Wer das nicht akzeptierte, würde entlassen. Eine Chance auf die Rückkehr auf ihre alten Jobs hätte niemand. Denn ihre Positionen hätten bereits andere karrieresüchtige Leute eingenommen.

      „Das haben wir doch toll geregelt“, freute sich Lafontaine. „Hoffen wir bloß, dass die nicht nach der Halbierung des Gehaltes zur Opposition wechseln.“

      „Ach, was, die sind unpolitisch, nur geldgierig. Und die lassen sich prima von den Familien einsetzen. Da fehlte es ja oft an versierten Geldwäschern, Investorenberatern und Lobbyisten. Außerdem wird es bald keine Opposition mehr geben.“

      Der neue Kämmerer trat ans Rednerpult und ließ den großen Bildschirm aufleuchten, um seine Zahlen präsentieren zu können.

      „Insgesamt sind die Steuereinnahmen in den letzten zwei Monaten um 12 % gestiegen. Das mag an der guten Wirtschaftslage liegen und lässt sich wahrscheinlich nicht mit Maßnahmen der Regierung begründen.“

      In den Seminaren der Gesellschaft „Treue, Ehre, Vaterland“ war er gedrillt worden, eine „volksnahe Sprache zu sprechen“, „Fremdwörter und Fachchinesisch zu vermeiden“ und „die Menschen nicht intellektuell zu überfordern“, gerade auch bei Gemeinderäten und anderen Parlamentariern.

      Anfangs hatte er verflucht, auf was er sich da eingelassen hatte. Sein elitäres Bewusstsein, der absolut perfekte Investmentexperte zu sein und die Kunden gekonnt zu seinem eigenen Vorteil beraten zu können, bekam zunächst einen Dämpfer, weil Stadträte auch unbequeme Fragen stellten, vor allem die von der Linksfraktion. Aber die gab es in Braunlage nicht mehr.

      „Sehr geehrte Volksdeutsche“, sprach er die Stadtverordneten zu deren Erstaunen an. Das kam nicht so gut an, denn einige Stadträte murmelten oder posaunten ihre Meinung heraus.

      „Sehr geehrte Stadtverordnete“, korrigierte sich der Kämmerer, „wir schätzen, dass sich bis April nächsten Jahres die Steuereinnahmen verdoppelt haben werden. Von da ab werden 50 % der Steuern an unsere Gesellschaft überwiesen. Sie, liebe Stadträte, wissen wohl, auf welche Weise wir dieses Ziel zu erreichen gedenken. Als erste Maßnahme werden unsere Fachleute die Steuerpflichtigen an ihrem Arbeitsplatz und zu Hause aufsuchen. Wenn der Steuerpflichtige nicht 50 % mehr Steuern zahlt, rücken ihm zwei kräftige Mitarbeiter unserer Gesellschaft auf den Leib, enthalten sich aber jeglicher körperlicher Gewalt. Wenn das erfolglos bleibt, übernimmt die gemeinsame Jugendorganisation von CDP und NSU, die „Junge Morgenröte“, die weitere Behandlung. Sie können mir glauben, dann wird der Delinquent zahlen.“

      Er


Скачать книгу