Das Zeichen der Erzkönigin. Serena J. Harper
Königin brachte Rodric zum Lächeln. Ihr Nein beendete jede Diskussion, bevor Lord Vaharél ihr seinen sicher wohldurchdachten Plan, ein Mitglied seiner Familie in Amber Hall einzusetzen, näher bringen konnte. Der Herold schwieg. Ein harter Zug bildete sich um seine Lippen, doch Rodric wusste, dass dieser Unmut leicht durch eine angemessene Entlohnung besänftigt werden würde.
Die Königin erhob sich und der Herold machte respektvoll einen Schritt zurück. Rodric folgte ihr mit seinem Blick, als sie dem Sklavenmädchen die Karaffe aus der Hand nahm und einen sauberen Pokal mit Wein füllte.
»Ihr kennt mich, Raldevas«, sagte sie sanft. »Treue bleibt nie unbelohnt. Und Ihr und Euer Haus seid ein Beispiel der Loyalität, das seinesgleichen sucht. Auch ist mir bewusst, dass besonders Sir Malagad sich hervorgetan hat. Er muss Euch sehr stolz machen.«
Lord Vaharél verneigte sich leicht, gab aber keine Antwort. Die Kristallkönigin reichte ihm den Kelch.
»Ich werde diese Taten nicht vergessen, Lord Vaharél. Eure nicht und auch die Eures Sohnes nicht. Aber Amber Hall ist, wenngleich einer der traditionellen elf Höfe, nicht der Ort, an dem ich Sir Malagad sehe. Er ist jung, Mylord.« Ihr Blick fand Rodric. »Es liegen wenige Jahre zwischen dem Geburtstag Eures Erben und dem Eures Bastards, nicht wahr, Raldevas?«
»Kaum drei«, gab Lord Vaharél zur Antwort.
»Zwei«, korrigierte Rodric ihn. »Mein legitimer Halbbruder ist zwei Jahre älter als ich.«
Nicht einmal für die kurzlebigen Menschen spielten zwei Jahre eine Rolle – wie sollten sie dann für Alben relevant sein, die fünftausend Jahre alt werden konnten? Es gab nur eine Zeit, in der zwei Jahre ausschlaggebend waren – bis zu dem Zeitpunkt, wenn die Initiation stattfand und die Rún sich vervollständigte. Da es bei männlichen Alben immer mit zwölf geschah, hatte Malagad zwei Jahre vor ihm an Beltâne das Zeichen des Kriegers erhalten. Es war eine der letzten Erinnerungen von Rodric, die noch in Thornehold stattgefunden hatten. Nur wenige Wochen später war er zur Ausbildung in den Kristallpalast gebracht worden.
Bis zu dem Erreichen des Erwachsenenalters floss für Alben und Menschen die Zeit beinahe gleich schnell. Was darauf für die Menschen folgte, war ein Wimpernschlag auf dem Angesicht Norfaegas im Vergleich zu den Jahren, die ein Alb leben konnte. Sofern ihn nicht vorher die Kriege, die den Kontinent erschütterten, dahinrafften. Mit seinen über siebenhundert Jahren befand sich Rodric in der Phase, in der Menschen, die rechnen konnten, ihn zu den jungen Alben zählten – doch waren dies Maßstäbe, die für keinen Alb je eine Rolle gespielt hätten. Er hatte sieben Jahrhunderte gedient. Sieben Jahrhunderte Kriege geführt, Blut vergossen. Er hatte jeden einzelnen Tag davon erlebt.
Er war nicht jung, nicht in dem Sinne, wie es ein Mensch meinen würde, der seine gelebte Lebenszeit ins Verhältnis zu der erreichbaren setzte. Er hatte aufgehört, jung zu sein, als die Scherbe sich in seinen Sehnerv gebohrt hatte.
»Es wird für Sir Malagad andere Gelegenheiten geben. Bessere«, versprach die Königin. Obwohl Rodric nicht durch die Augen seines Vaters blicken konnte, ahnte er doch, was dieser sah, als er sich verneigte – eine Königin, der zu glauben ihm nicht schwerfiel. Der Bund, den er und Vetis und Männer wie Lord Penrose und Lord Cranner zu Lamia eingegangen waren, zeigte sich beinahe sichtbar zwischen ihnen. Es war eine außergewöhnliche Spannung zwischen einem Alb, der seine Königin gefunden hatte, und der Frau, der er dementsprechend die Treue geschworen hatte.
Rodric hatte es noch nie gefühlt. Oberflächlich, natürlich, das schon. Er nahm den Zug wahr, der von fast jeder Königin ausging, aber keine hatte ihn je gerufen.
Und bei den Himmelslichtern, er war dankbar darüber. Er brauchte nicht zusätzlich zu der Scherbe in seinem Kopf noch eine in seinem Herzen, die ihn einer dieser verdorbenen Miststücke untertan machen würde.
»Wie steht es um Thorneholds nordwestliche Grenzen?« Die Königin ließ sich zurück auf den Diwan fallen.
Verdammt. Sie trug tatsächlich nichts unter ihrem Morgenmantel.
Rodric tastete nach dem Etui, das er bei sich trug. Es war ein schlichtes silbernes Schächtelchen, in dem er die feinen Papierecken und die Neumondblätter aufbewahrte.
»Wir haben sehr große Erfolge erzielen können, Eure Majestät. Bei einem der Angriffe der Rebellen konnten wir einen von ihnen gefangen nehmen und verhören, sodass wir über weitere Überfallspläne informiert waren. Mein Marschall, Sir Morholt, führt ein kleines Kommando von zwanzig guten Männern an und konnte eines der Verstecke der Aufständischen aufspüren«, antwortete Lord Vaharél, während Rodric die Zigarette drehte.
Sir Morholt. Dieser Drecksack war nicht viel mehr als ein Schlächter.
Er befeuchtete das Papier, indem er mit der Zunge entlangfuhr, und entzündete die Zigarette im gleichen Moment mit dem feinen Funken Albenfeuer, den er an seiner Zungenspitze aufflackern ließ. Die Königin warf ihm einen kurzen Blick zu.
Sie erinnerte sich vermutlich an das alberne kleine Kunststückchen, das er sich beigebracht hatte, aus … anderen Situationen.
»Vor etwa einem Monat konnten wir die Männer, die unter ihren Gefolgsleuten als das Zwillingsblau von Askyan bekannt sind, gefangen nehmen. Wie schon in der Vergangenheit hat Königin Elnesta Interesse bekundet, sich Oakwrath dauerhaft behalten zu können.«
»Spricht von Eurer Seite etwas dagegen? Braucht Ihr sie für Thornehold?«
Lord Vaharél verzog das Gesicht, als wäre die Frage eine grauenhafte Unterstellung.
»Mir fallen wenige Situationen ein, in denen ich Bedarf für zwei ungehobelte Askyaner haben könnte.«
»Dann soll es so sein.« Die Königin hob ihre Augenbrauen. »Ich bin froh, wenn ich möglichst wenig von den Beschwerden dieser … unfähigen Frau höre. Aber mit drei neuen Askyanern wird sie zu viel zu tun haben, um mich zu belästigen.« Als sie den fragenden Blick ihres Herolds sah, fügte Lamia erklärend hinzu: »Ich habe Tyran Stormblood an sie verliehen. Ich war der Meinung, es wäre förderlich für den … Frieden hier in Val Thalas, dass meine zwei größten Unruhestifter nicht permanent zusammen sind.«
Rodric sog den Rauch tief in seine Lungen und ließ ihn dann langsam entweichen. Wenn das stimmte, was sie sagte, dann war Tyran in Oakwrath nicht allein, sondern würde auf Sturmalben seines Clans treffen.
Die Aussicht darauf, was das bedeutete, versetzte ihn schlagartig in bessere Stimmung. Die Königin schmeckte die Veränderung seiner Signatur aus der Luft heraus und schien darüber keineswegs erfreut. Sie schloss die Truhe und legte die Hände aneinander.
»Ihr könnt nun gehen.«
Rodric beobachtete, wie sein Vater sich verneigte, war selbst aber nicht sicher, ob auch er gemeint gewesen war.
»Rodric«, sagte Lamia, »du wirst heute Abend an der Bestrafung der gefassten Rebellen teilnehmen. Ich möchte meine Warnung in aller Deutlichkeit wiederholen. Wenn ich heute Nacht auch nur den geringsten Hauch von Widerstand spüre, wird dein Sturmalb die Konsequenzen tragen.«
Erst als sie ihm mit einem Wink zu verstehen gab, dass er sich erheben durfte, kam er auf die Beine und schob die freie Hand in seine Hosentasche, um aus dem Raum zu schlendern. Er verneigte sich nicht. Er sah sie nicht mehr an. Es kostete ihn jede Unze Selbstbeherrschung, die er hatte, um sich nicht auf sie zu stürzen.
Vor der Tür wartete sein Vater auf ihn, ins Gespräch mit dem Jäger vertieft, dem er den Sklaven aushändigte, der die Truhe für ihn hereingetragen hatte.
Lord Vaharél winkte ihn zu sich heran, ohne seinen Satz zu unterbrechen oder den Blick von seinem Gesprächspartner zu lösen.
»Unsere Befragungen waren nicht so aufschlussreich, wie wir es uns gewünscht hätten«, sagte er gerade zu dem Jäger.
»Ich werde Lord Penrose bitten, sich darum zu kümmern«, antwortete dieser und lächelte schmallippig.
Erst jetzt nahm Rodric sich die Zeit, den Sklaven eingehender zu mustern. Er kam ihm bekannt vor, doch woher? Der Jäger beantwortete seine unausgesprochene Frage:
»Vor