Das Zeichen der Erzkönigin. Serena J. Harper
Pokal und neigte den Kopf. Er wusste, sein Tonfall war bar jeden Gefühls. Beinahe hätte er geschmunzelt. Eigentlich hätte dies doch ganz nach dem Geschmack von Lord Raldevas Vaharél sein müssen.
Der Herr von Thornehold sah ihn an, als erwöge er, ob Rodric den Atem, den er für einen Gruß brauchen würde, tatsächlich wert sei. In seiner Gegenwart zu sein – dem Mächtigsten unter Königin Lamias Herolden, der nicht zu ihrem Trigon gehörte – war über die Jahrhunderte nicht einfacher geworden.
Rodric waren die Geschichten über die Gefühlskälte seines Vaters bekannt; die Furcht der Alben und Menschen, die ihm dienten, vor seiner stoischen Art, vor dem Gleichmut, der jedoch nie vor drakonischen Strafen schützte. Lange Zeit hatte er von sich selbst geglaubt, dass es auch bei ihm diese Erzählungen waren, die ihm solches Unbehagen in der Gegenwart des Lords bereiteten.
Mittlerweile wusste er es besser.
Es waren die Augen, seine Augen, das tiefe, außergewöhnliche Violett, das ihn aus einem anderen Gesicht anblickte. Lord Vaharél war noch immer ein attraktiver Mann mit dem Körper eines Kriegsherrn, obwohl er Goborns Flamme als Rún trug. Im Gegensatz zu Rodric, dessen schwarzer Bart mehr als nur ein Schatten war, war Lord Vaharél glatt rasiert und trug nach lichtalbischer Mode sein weißblondes Haar lang und akkurat geschnitten.
Mehr als ein knappes Nicken erhielt er von dem Mann nicht, aus dessen Samen er einst entsprungen war. Stattdessen wandte jener sich wieder der Königin zu.
»Ich komme mit Neuigkeiten und mit den Gegenständen, nach denen Ihr verlangt habt, Eure Majestät«, begann er, wobei er auf die Truhe in den Armen des Sklaven wies. »Darf ich …?«
Er wartete einen bestätigenden Blick von Lamia ab, bevor er dem Gefangenen die Truhe abnahm und sie auf den Tisch vor der Chaiselongue stellte. Er ließ das Schloss aufschnappen und hob den Deckel.
»Mhm«, machte die Königin, die Hand um die Öffnung ihres Morgenmantels geschlossen, und richtete sich auf, um den Inhalt der Truhe begutachten zu können.
Sie griff hinein und hob mit beiden Händen ein Diadem heraus. Rodric erkannte helles Silber, aus dem ein Reif aus Sternen und Monden geformt worden war. In die Öffnungen der stilisierten Himmelskörper waren Bernsteine eingesetzt. Einen Moment spürte Rodric den Pulsschlag seines Herzens unangenehm hart bis hinauf zu seiner Kehle, als er die feine Blutspur auf den Steinen erkannte.
Lamia legte das Diadem beiseite und griff ein weiteres Mal in die hölzerne Kiste, um ein Zepter zutage zu fördern, um dessen Spitze sich die gleichen Bernsteingestirne wanden. Damit war offensichtlich, dass es sich nicht um normale geraubte Schätze handelte – sondern um die einzigen, die für eine Königin, die den Hof einer anderen zerschlagen hatte, von echter Bedeutung waren.
»Wenn Ihr erlaubt«, sagte Lord Vaharél und schlug den Samt der Truhe beiseite, um von weiter unten den letzten Gegenstand herauszuholen; ein Schwert von sicherlich beachtlichem Gewicht, obwohl es dazu gemacht worden war, nur mit einer Hand geführt zu werden. Wie das Diadem und das Zepter zuvor war auch die Waffe mit Bernsteinen besetzt. Raldevas Vaharél drehte das Schwert so, dass er der Königin den aufwendig verzierten Griff präsentieren konnte.
Und da waren sie, die Insignien der Königin von Amber Hall. Diadem, Zepter und Schwert. Rodric wusste, dass diese drei Gegenstände bei jeder Hofgründung eine essentielle Rolle spielten. Dabei war es gleichgültig, ob die Königin später ein Dutzend andere Kronen tragen würde oder ein anderes Zepter schwang – ohne diese drei Insignien konnte eine Hofgründung nicht vonstattengehen. Der Mythos der Himmelslichter sah vor, dass, wenn mindestens elf Männer sich versammelt hatten, die bereit waren, einer Königin zu dienen, drei von ihnen als die wichtigsten Grundpfeiler des Hofes bestimmt wurden. Ein Krieger, ein Seher, ein Wächter. Der Krieger, der daraufhin den Titel des Schildes erhielt, und mit seinem Leben das der Königin schützte, überreichte ihr mit dem Schwert, in das bei dem Schmiedeprozess üblicherweise seine Mahr geflossen war, die Befehlsgewalt über sich und jeden anderen Mann, der ihr den Heroldsschwur leistete. Die Königin, die selbst nie in einen Krieg ziehen würde, bekam so die Macht, die territoriale Aggressivität, die jeder Albenmann spürte, auf den Hof zu konzentrieren und jeden Herold zu Verteidigung – und Angriff – einzusetzen, wie es ihr beliebte.
Der Seher, der den Titel Druide führte, wob seine Mahr in ein Zepter. Seherzepter und Königinnenzepter unterschieden sich, so viel wusste Rodric – allein deswegen schon, weil Seher Fähigkeiten besaßen, die keine Königin haben konnte. Doch ein Zepter diente vor allem dazu, die Macht der Rún zu bündeln. Ganz gleich, wie mächtig eine Königin war: Mit einem Zepter, das von einem mächtigen Seher geschaffen worden war, wurde ihre Macht fokussierter. Deutlicher. Stärker. In Friedenszeiten war dies nicht unbedingt von Belang. In Phasen von Konflikt hingegen schon.
Zuletzt blieb das Diadem, das der Königin von dem Wächter, den sie zu ihrem Truchsess bestimmt hatte, verliehen wurde. Offenkundig das deutlichste Zeichen der Herrschaft einer Königin, besaß es für gewöhnlich keine besondere Macht außer Schutzzaubern, die vom Wächter hineingesponnen wurden.
»Wo waren sie?«, erkundigte Lamia sich.
»Im Schlafgemach des Gefährten.«
Rodric streckte die Hand mit dem Kelch aus und das Sklavenmädchen huschte näher, ohne dass es einer größeren Aufforderung bedurft hatte, und schenkte ihm nach.
Der Gefährte. Es war eine merkwürdige Position – kein Teil des Trigons, doch gebunden durch den Heroldsschwur. Früher, so hatte Rodric es von anderen gehört, war der Gefährte zumeist der mächtigste Mann eines Hofes geworden, eng verbunden mit dem Trigon. Sein Wort war in Abwesenheit der Königin bindend. Er war ihre vollstreckende Gewalt; mehr als ein Marschall, mehr als ein Truchsess.
Er ist die Klinge vor dem Schild. Der Richter vor dem Druiden. Der hohe Lord vor dem Truchsess.
Doch das waren alte Verse aus dem Mythos der Himmelslichter. Es gab nicht mehr viele, die sich daran überhaupt erinnerten. Und noch weniger, die sich daran hielten. Heute war der Gefährte ein austauschbarer Bettgenosse, mit dem man Allianzen schmieden konnte, wenn man sich geschickt anstellte.
Oder im umgekehrten Fall: Der Gefährte war so mächtig, dass die Königin nur dem Namen nach regierte. Rodric wusste von mindestens drei Höfen in Shayla, die nach außen hin zwar eine Königin hatten. Diese trugen aber keine starken Farben – und es waren ihre Gefährten und Ehemänner, die in ständiger Verbindung zu Königin Lamia standen.
Rodric musterte seinen Vater.
Lord Raldevas Vaharél war eine besondere Ausnahme, denn er hatte von Königin Lamia die Erlaubnis bekommen, den Sitz seiner Familie, Thornehold, ohne eine Königin als Marionette zu halten. Er herrschte dort uneingeschränkt als Lord Protektor des Nordens, wenn man von den regelmäßigen, aber seltenen Berichten an die Herrin von Shayla absah. Seine Frau, die Lady von Thornehold, trug nur den Kreis und gehörte somit keiner außergewöhnlichen weiblichen Kaste an. Dafür war ihre Blutlinie alt wie die der Vaharéls und fast noch wohlhabender gewesen. Rodric verzog das Gesicht. Die arrangierte Ehe seines Vaters und seiner Stiefmutter war wohl weitgehend zu ihrer beider Wohl gewesen und hatte zu zwei Kindern geführt.
Und, auf Umwegen zumindest, auch zu Rodric selbst.
Selbst die Frühlingsinseln wurden mittlerweile von Marionettenköniginnen und männlich besetzten Räten regiert. Das einzige Territorium, in dem die Zustände noch fast genauso waren wie zur Zeit des Alten Rechts, war Glynvail im Süden. Zumindest erzählte man das. Die Spione, die Königin Lamia entsandte, kamen selten mit Neuigkeiten zurück. Die meisten schafften es kaum über die Grenze. Rodric wusste nicht einmal mit Sicherheit, wie viele Königinnen in Glynvail herrschten.
»Ist es zu großem Widerstand in der Bevölkerung gekommen?«, wollte die Königin wissen. Noch bevor sie ihren Satz vollendet hatte, schüttelte ihr Herold den Kopf.
»Nicht mehr, als wir erwartet hätten, Euer Majestät. Mein Sohn hat in den vergangenen Tagen für Ordnung gesorgt. Sein Bericht ist bislang zufriedenstellend. Es bleibt nur die Frage …«
»Ja?«
»Die Frage, wer Amber Hall