Das Zeichen der Erzkönigin. Serena J. Harper

Das Zeichen der Erzkönigin - Serena J. Harper


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Gedankenfetzen, der ihm helfen würde, zu verstehen, was geschehen war.

      Ihre wachsende Panik war ein eindeutiger Wegweiser wie ein Seil, an dem er sich durch den Sturm ihrer Gedanken ziehen konnte. Und dann – dann lag die Wahrheit vor ihm, offen, ein Buch, in dem er blättern konnte, wie es ihm beliebte.

      Die Wahrheit.

      Mit einem Ruck zog Varcas sich zurück und ließ die Heilerin los. Nichts hielt sie mehr auf den Füßen. Mit einem Stolpern zog sie sich bis zur Wand des Raumes zurück, die Augen schreckensgeweitet auf ihn gerichtet.

      »Du hast die Anwesenheit des Kindes verraten«, sagte er und selbst in seinen eigenen Ohren klang seine Stimme rau. »Du hast die Tochter deiner Königin verraten.«

      Es war keine Frage. Dennoch nickte Lenka mit einer knappen Bewegung ihres Kopfes. Varcas griff nach seinem Seherzepter und dem Schwert, das er dem Lichtalben abgenommen hatte. Ein erstickter, verzweifelter Protest kam über ihre Lippen:

      »Ich hatte keine Wahl! Ihr habt gesehen, was sie im Wald mit den Herolden getan haben! Ihr wisst nicht, wie es ist. Ihr wisst nicht, was die Männer von Königin Lamia mit uns tun werden, wenn … wenn sie herausfänden … dass wir Euch und dem Kind geholfen hätten.« Mit jedem Wort, das sie sprach, wurde ihre Stimme wütender, ihr Blick grimmiger, und dann mischte sich unverhohlene Verachtung unter ihre Worte.

      »Ich weiß sehr wohl, wer Ihr seid«, zischte sie.

      Einen Herzschlag lang fehlten Varcas alle Worte. Sein Exil hatte nicht ausgereicht, um seinen Fehler aus der Erinnerung der Welt herauszuschneiden.

      Er registrierte, wie der Truchsess sich aufgrund des Tumultes in seinem Zimmer zu regen begann.

      Varcas entschied in Sekundenbruchteilen. Ein protestierendes Schluchzen konnte Lenka offensichtlich nicht unterdrücken, als er sich ihr näherte und die Spitze seines Schwertes auf sie richtete.

      »Wenn du weißt, wer ich bin, dann weißt du auch, dass dein Blut an meinen Händen keinen Unterschied mehr machen würde.«

      Das letzte bisschen Farbe wich aus ihren Zügen.

      »Mach ihn reisefähig. Jetzt!«, befahl Varcas, sein Schwert zurückziehend. »Oder nicht nur du selbst, sondern dein ganzes Dorf wird den Preis für deinen Verrat zahlen.«

      Der Seher wartete ihr Nicken nicht mehr ab, sondern verließ den Raum mit eiligen Schritten.

      Er fand das Mädchen eingerollt wie eine Katze in dem Bett, das man zuvor ihm gegeben hatte, das dunkle Haar ein zerzauster Fächer auf dem Kissen. Es war kaum etwas von ihm zu sehen, so hoch hatte es die Decke gezogen. Einen Moment lang fühlte er mehr Bedauern, Lyraine wecken und zurück in die Realität ziehen zu müssen, als er über den Gedanken empfunden hatte, die Heilerin und ihre Familie auszulöschen.

      Varcas berührte sehr vorsichtig die Schulter des Mädchens. Zu seiner Überraschung war sein Blick klar und fokussiert, kaum dass es die Augen aufschlug.

      Eine Sekunde verstrich, dann setzte sie sich bereits auf.

      »Ihr seid verletzt«, bemerkte Lyraine umgehend und deutete auf seine Hand.

      Überrascht sah Varcas an sich herab. War ihr das tatsächlich so schnell aufgefallen? Normalerweise waren es Alben, deren Sinne schon sehr geschult waren, die solche Entdeckungen schnell machten. Oder Heilerinnen, die instinktiv dazu neigten, anderen helfen zu wollen.

      Meistens jedenfalls, dachte er bitter.

      »Ist etwas mit Gorwyn?«, fragte Lyraine umgehend.

      Varcas schüttelte den Kopf. »Es geht ihm gut. Aber wir müssen gehen.«

      Sie fragte nicht nach. Stattdessen strampelte sie mit den Füßen die Decke weg und rutschte aus dem Bett. Im nächsten Moment hatte sie nach seiner Hand gegriffen, in der er noch immer das Schwert hielt, und umschloss diese, um sich daran festzuhalten, und für einen Moment wünschte Varcas sich, sie zu niemand anderem bringen zu müssen.

      14

      Gerade als Tyran dachte, das Wetter könnte nicht schlechter werden, verwandelte sich der Niederschlag, der sie die letzten Tage heimgesucht hatte, in Schneeregen. Tyran war nicht kälteempfindlich, was er seiner Volkszugehörigkeit zu verdanken hatte. Leicht zu frieren würde den Gebrauch von Flügeln nahezu unmöglich machen. Und dennoch: Nachdem es zwei Tage nicht aufhörte, in dicken, nassen Flocken zu schneien, begann auch Tyran, das Wetter als unangenehm zu empfinden. Dabei war es nicht sonderlich hilfreich, dass die Baracke sich als undicht herausgestellt hatte und die Feuchtigkeit trotz der Großzügigkeit einiger Wärter, ab und zu einen Wärme- und Trockenheitszauber zu weben, mit großer Geschwindigkeit eindrang.

      Mit dem Fuß schob Tyran ein Holzscheit nach vorn, um dem Feuer mehr Nahrung zu geben. Obwohl er nicht allein dort saß, konnte er nicht umhin, zu bemerken, mit welcher Vorsicht die anderen Sklaven ihn behandelten. Selbst Männer mit Rúnir, die nicht zu den schwächsten Farben zählten, waren wortkarg, wenn auch nicht unhöflich.

      Die meisten von ihnen trugen keine Ketten – manche hatten einzelne Reifen aus Mahrillium an ihren Fußgelenken, um den Ausbruch von Magie zu mindern. Aber seit dem Zwischenfall in Königin Elnestas Schlafgemach hatte Waylan darauf bestanden, ihm das verdammt noch mal am lautesten rasselnde Paar Fußketten zu verpassen, das er je getragen hatte. Ihr Gewicht störte ihn kaum – das Geräusch hingegen widersprach jeglichem Instinkt für einen Krieger, sich möglichst lautlos fortzubewegen.

      Verdammter Dreckskerl.

      Tyran legte seine Flügel dicht an seinen Körper an, um die Restwärme, die er in sich hatte, gut zu bewahren, und suchte auf dem liegenden Baumstamm eine bequemere Position.

      Er widerstand dem Drang, sich aufzurichten, als er Asbjorn und Ragnal sich nähern sah. Beide trugen neues Holz auf den Armen, doch ein kurzer Blick verriet Tyran, dass es völlig durchnässt war und das Feuer Schwierigkeiten haben würde, es zu entzünden. Auch seine Cousins hatten ihn die vergangenen Tage gemieden. Ihre einzige Kommunikation hatte aus einem kurzen Blickwechsel bestanden, als man ihn zurück in seine Baracke geschleift hatte.

      Asbjorn setzte seinen Fuß auf den Baumstamm und stützte sich auf das angewinkelte Knie, während Ragnal sich verstohlen umsah.

      Es war klug gewesen, ihn zu meiden. Tyran war sich ziemlich sicher, dass niemand ihre Verbindung verstanden hatte.

      »Deine Wunden heilen gut«, sagte Asbjorn. »Sie hat dich ganz schön übel zugerichtet.«

      »Anscheinend beherrschst du es nicht nur, Herolde zur Weißglut zu treiben«, bemerkte Ragnal grinsend. Tyran ließ sich von dem Lächeln anstecken. Es brauchte doch meist nur einen Funken, um eine Flamme zu entzünden – und das Lächeln war genau solch ein Funke.

      »Es war mehr, als ich von dem Flittchen erwartet habe«, gab er zu. »Aber es war weniger schlimm als das, was sie im Kristallpalast mit einem machen.«

      Seine beiden Cousins kamen ein wenig näher und sie rückten beim Feuer enger zusammen.

      Ragnal zog aus einer Falte seiner Tunika einen Trinkbeutel hervor und hielt ihn Tyran wortlos hin. Er zog den Stöpsel heraus und roch an der Flüssigkeit. Bier. Einen Moment lang zögerte er, aber es gab in seiner Erinnerung einen anderen Geschmack, den er nicht loswurde, ganz gleich, wie oft er sich mit Wasser den Mund ausgewaschen hatte. Schließlich nahm er einen Schluck, ließ das bittere Bier eine Weile in seinem Mund hin- und hergehen, bevor er schluckte.

      »Also«, sagte er schließlich. »Redet. Wie seid ihr hier hergekommen? Was genau ist passiert?«

      Sie sollten nicht hier sein. Sie sollten im letzten freien Teil des Sturmalbenheims sein, in Sicherheit. Sie sollten verheiratet sein und einen Stall voller geflügelter kleiner Kinder haben, die ihnen auf die Nerven gingen.

      »Kommt es nur mir so vor, oder ist unser Tyranar ein wenig vorwurfsvoll, Rag?«, fragte Asbjorn.

      »Nein, ich empfinde es auch so«, stichelte sein Zwillingsbruder, was Tyran dazu brachte,


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