Das Zeichen der Erzkönigin. Serena J. Harper

Das Zeichen der Erzkönigin - Serena J. Harper


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zu bereiten.«

      Die Schmerzen in seinen Armen und Schultergelenken nahmen zu mit jeder Handbreit, die sie ihn höherzogen, bis seine Zehenspitzen den Boden nur noch leicht berührten. Sie schlangen mit großer Sorgfalt Seile um seine Flügel, um ihn zu zwingen, sie zusammengefaltet an seinen Rücken zu legen.

      Der Triumph in den Augen des Herolds prallte von Tyran ab, als jener seine Peitsche entrollte und ihm seine Tunika vom Körper riss.

      Es blieb Tyran keine Zeit, sich darauf gefasst zu machen, doch er hatte die Peitsche in seinem Leben zu oft gespürt, als dass er sich davon ängstigen lassen würde. Sie hatten alle ihre Methoden, um damit umzugehen. Die Droge machte es schwieriger – sie vernebelte die Sinne und ließ ein gewaltsames, körperliches Verlangen in ihm aufsteigen, von dem er nicht wusste, wie er es bezwingen sollte. Aber Peitschenschläge waren so gewöhnlich, dass es ihn beinahe erleichterte, wie vertraut sich der erste Schlag auf seinem Brustkorb anfühlte.

      »Eins«, zählte Waylan.

      Eins. Stormwood.

      »Zwei.«

      Zwei. Der eiskalte, klare Fluss Prat, der im Arngarthgebirge seine Quelle hatte.

      »Drei.«

      Der Klang der Trommeln und der Laute am Abend, wenn die Himmelslichter erschienen.

      »Vier.«

      Die Stimme seiner Mutter, die ihn aufforderte, die Hände zu waschen, bevor er sich an den Tisch setzte.

      Sein Vater, der am Feuer schnitzte.

      Sein Onkel, der ihn von seinem Bier probieren ließ.

      Das Brot, das er aus dem Schlafzimmer des Jägers gestohlen und mit Rodric heimlich gegessen hatte, als alle schliefen.

      Rodric, der die Schuld dafür auf sich nahm. Rodric, der daraufhin mit den Narben angab, als würde er sich tatsächlich über sie freuen.

      Tyran wusste, dass er schrie – er war nie sonderlich leise gewesen. Es lag keine Schande darin. Er schrie den Schmerz heraus und die Wut mit dazu, aber dieses Mal schien der Brand in seinem Inneren sich neu zu entzünden. Er bekam die letzte Zahl, die der Herold aussprach, nicht mit – waren es sechzig oder siebzig Schläge gewesen? Dafür wurde sein Bewusstsein wieder klarer, als sie die Kette lösten und seine Knie einknickten.

      Er blutete aus vielfachen Wunden an seinem Oberkörper und den Bereichen des Rückens, die sie trotz der Flügel hatten erreichen können, und obwohl er heiser vom Schreien war und der Blutverlust das Bild vor seinen Augen verschwimmen ließ, war die Macht der Droge ungebrochen. Mittlerweile schmerzte es.

      Verdammt. Es schmerzte so sehr, dass er dem Drang, die Hand auf sein Geschlecht zu legen, nicht widerstehen konnte, es aber im nächsten Moment bereute, als ein Gefühl von glühenden Nadeln durch das Fleisch jagte.

      »Tyran«, sprach die Königin ihn an. Er hatte beinahe vergessen, dass sie ebenfalls dort war. Sie saß vor ihm auf dem Bett, doch bei dem Versuch, sie anzusehen, drifteten seine Augen wieder zu dem Flügelpaar ab.

      Der Herold packte seinen Nacken und schob ihn nach vorn. Die Königin legte ihre Hände auf seine Schultern und blickte ihn eindringlich an.

      »Bist du jetzt bereit, deiner Königin zu dienen?«

      Du bist nicht meine Königin.

      Als er sich nicht rührte, nickte sie dem Herold zu, der ihm einen weiteren Stoß versetzte. Elnesta schob ihr Kleid nach oben. Ihre Hände fuhren tief in sein Haar, krallten sich dort fest, sodass sie seinen Kopf zwischen ihre Beine dirigieren konnte.

      Tyran schloss die Augen, während sein ganzer Körper von den Krämpfen, die die Droge auslöste, geschüttelt wurde. Die ohnmächtige Wut ließ seine Gedärme zu Stein werden. Von weit her hörte das widerliche Schnurren der Königin, als sie sich ihm entgegendrängte.

      Doch noch während sie das tat, konnte er endlich wieder einen klaren Gedanken fassen.

      Hier in Oakwrath musste es jemanden geben, der eine mächtigere Farbe als das Rot trug.

      Und wenn er herausfinden würde, wer das war, dann würde er keine Sekunde mehr ruhen, bis er ihn getötet hatte.

      13

      Mit einem Seufzen wandte Varcas sich vom Fenster ab. Die ersten dichten Wolken des Winters versperrten ihm die Sicht auf die Himmelslichter. Lediglich ein fahler, purpurfarbener Streif brach hindurch, doch der Farbschimmer war zu schwach, um das gesamte Zimmer in sein Licht zu tauchen. Auf dem äußeren Rahmen hatte sich sichtbarer Raureif gebildet. Bald würde der Boden zu hart sein, um den Eldermann zu bestatten.

      Oder jeden anderen, der noch den Tod finden würde.

      Dass es weitere geben würde war so gewiss wie der Kreislauf der Himmelslichter, der das Jahr bestimmte. Lamia hatte den Krieg gegen die Herrin von Amber Hall gewonnen, ihr Eroberungsfeldzug würde sich aber niemals nach den natürlichen Grenzen Shaylas richten. Mehr als die Hälfte von Askyan im Norden war bereits gefallen. Es war lediglich eine Frage der Zeit, bis sie nach dem südlichsten Reich strebte, nach Glynvail, das seine Grenzen bislang mit geschlossener Einigkeit gehalten hatte. So wenig über Glynvails derzeitige Situation bekannt war, so verführerisch waren die vermeintlichen Schätze, die die glynvalischen Händler zu seltenen Gelegenheiten nach Shayla brachten. Das waren nicht nur Frühlingsseide und Perlen, sie brachten auch Gewürze, die unter den kühleren Temperaturen Shaylas niemals wachsen würden, und weißes Gold, das die Zauber von Wächtern und Sehern so viel besser zu bewahren schien als jedes andere Gefäß.

      Es war zu hoffen, dass Glynvails Königinnen sich bewusst waren, dass Reichtümer den Neid in den Herzen der Shaylier schüren würden.

      Eroberung lag Alben nicht im Blut – Herrschaft hingegen schon. Für die meisten Alben, Königinnen wie Krieger, die Varcas je getroffen hatte, bedeutete der Sinn des langen Albenlebens die Bewahrung des Mythos der Himmelslichter, das Konservieren der eigenen Macht an dem angestammten Platz. Zumindest hatte er das immer so geglaubt.

      Vielleicht war er naiv gewesen. Wenn man Shayla und die ehemaligen elf Höfe im Zentrum des Kontinents heute betrachtete, sah man nur ein Land, das von den Ambitionen aristokratischer Albenfamilien zerrissen wurde. Der Mythos spielte keine Rolle mehr. Nicht für Königin Lamia, nicht für ihren Hof im Kristallpalast. Nicht für ihre Marionettenköniginnen und blutdurstigen Herolde. Aber Königin Lamia als einzige Eigenschaft ihre Machtgier zu unterstellen, wäre ein Irrtum gewesen, so viel wusste Varcas. So unberechenbar ihr kalter Zorn für viele ihrer Hofmitglieder auch wirken musste, in Wahrheit hatte sie Geduld und davon eine Menge. Genug Geduld, um zu begreifen, dass sie nicht jeden Kampf gleichzeitig führen konnte, aber dass sie in allem, was sie tat, konsequent sein musste.

      Und das bedeutete, dass das Nachtalbenkind in Gefahr war.

      Varcas löste sich von seinem Platz und zog sich seinen Stuhl näher an das Bett heran, in dem der ehemalige Truchsess von Amber Hall seinen Heilungsschlaf gefunden hatte.

      Seine Vision hatte ihm diesen Mann gezeigt, doch die Wahrheit seiner prophetischen Fähigkeiten hatte von Anfang an verdeutlicht, dass es nicht um ihn ging, sondern um das, was er vor den Flammen gerettet hatte. Die Dringlichkeit des hellsichtigen Traums bedeutete normalerweise zwei Dinge, so hatte er es vor vielen Jahren gelernt: Einmal, dass durch die in der Vision gezeigte Situation langfristig und maßgeblich große Umstände in der Welt entschieden werden würden – aber zum anderen auch, dass die Vision mit ihm, mit Varcas, ganz persönlich verbunden war. Als wären die Himmelslichter bereit, ihm in dem letzten verbleibenden Jahrtausend seiner Lebenszeit die Chance zu gewähren, den Fehler seiner Jugend auszugleichen.

      Die Lösung war für ihn so schlüssig gewesen: Dass der Albenmann eine Waffe vor der Zerstörung bewahrt haben musste, die Varcas einsetzen konnte, um die wichtigste Schlacht seines Lebens zu schlagen. Um Königin Lamias Herrschaft ein Ende zu bereiten.

      Varcas strich sich nachdenklich über den ergrauten Bart. Stattdessen hatte ihn seine Blutmagie zu einem Kind geführt,


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