Das Zeichen der Erzkönigin. Serena J. Harper

Das Zeichen der Erzkönigin - Serena J. Harper


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zum Beispiel.«

      Sein Instinkt und seine Wut entschieden für ihn, bevor sein Verstand Einspruch einlegen konnte. Die Mahrillium-Schellen würden ihn vorerst von allem zurückhalten, was seine Mahr benötigte – aber die Königin hatte vergessen, dass ein Krieger mehr war als seine Rún.

      Der Griff um ihren Hals festigte sich – war das ein Aufblitzen von Lust in ihren Augen? – und fast war Tyran überrascht, mit welcher Leichtigkeit er Elnesta nach hinten stoßen konnte. Es gab ein hässliches, dumpfes Geräusch, als ihr Hinterkopf auf der Tischplatte aufschlug. Die Sekunden, in denen die Wachen von dem Aufschrei ihrer Herrin zu perplex waren, gaben Tyran kostbare Zeit, und er riss sie erneut nach oben, nur, um die Geste zu wiederholen. Ein zweites Mal donnerte er ihren Kopf gegen das Holz.

      Waylan erreichte ihn und setzte seine Schwertspitze an seinen Nacken, doch Tyran war zu schnell für ihn. Er fuhr herum, seine Flügelspannweite ausnutzend, und traf mit seiner Handkante den empfindlichen Kehlkopf. Der Herold stolperte nach Atem ringend zurück. Obwohl ihn der Rausch eines beginnenden Kampfes normalerweise mit einer grimmigen Vorfreude erfüllte, war da noch etwas anderes. Ein merkwürdiges Gefühl, das seinen Herzschlag beschleunigte und das sich bei Weitem nicht so gut anfühlte wie das instinktive Wissen eines Kriegers, dass Blut fließen würde.

      Etwas stimmte nicht.

      »Ergreift ihn! Ergreift ihn!«

      Das Kreischen der Königin ließ Tyran ausholen. Die Ohrfeige, die folgte, brachte sie zum Schweigen und zeigte Tyran den echten erstaunten Ausdruck im Gegensatz zu dem gespielten. Es blieb keine Zeit, sich ihr gründlicher zu widmen. Die zwei übrigen Krieger fanden endlich ihren Mut und traten mit gezogenen Schwertern auf ihn zu.

      Tyran strich sich die wirren Haarsträhnen aus dem Gesicht. Sie beäugten ihn wie ein wildes Tier. Gut so.

      »Ihr wolltet einen Askyaner sehen«, flüsterte er. »Das hier ist einer.«

      »Ergreift ihn endlich!«

      Der Befehl der Königin trieb einen der beiden Krieger genügend an, um sich nach vorn zu stürzen. Tyran wich der Schwertklinge aus, bekam das Handgelenk des Mannes zu fassen und drehte es, langsamer, als er es gemusst hätte. Er fand den Moment, kurz bevor es brach, und entlockte dem Krieger einen gellenden Schrei.

      Ein scharfer, heißer Schmerz fuhr durch Tyrans Kopf und ließ sein Sichtfeld fast schlagartig schmal werden. Mit einem Knurren drehte er das Handgelenk noch ein wenig weiter, bis das Knacken des Knochens und das Aufheulen des Kriegers ihm verrieten, dass es der Belastung nicht mehr standgehalten hatte.

      Tyran schwankte. Die Scherbe. Wer? Wo?

      Es war nicht Waylan, der Herold kam erst wieder auf die Beine – aber das merkwürdige Gefühl, das sich in Tyran ausbreitete, verdichtete sich immer mehr. Es war nicht nur die Scherbe. Es war noch etwas anderes.

      »Was habt ihr getan?«, grollte Tyran. Sein Blut rauschte in seinen Ohren. Wieso war ihm so schlecht? Ein Schwindel erfasste ihn und er stieß irgendetwas – einen Kerzenleuchter? Einen Briefbeschwerer? Er wusste es nicht. – von dem Schreibtisch, das auf den Fliesen zu Bruch ging.

      Tyrans Muskeln streikten und er folgte dem Gegenstand zu Boden.

      Die Gewissheit griff nach ihm mit kalten, klammen Fingern.

      »Gift«, stieß er hervor; halb lachend – lachend vor Zorn, vor Verachtung, und Elnesta kam näher.

      »Nein, nein«, gurrte sie. »Nein, Tyranar, kein Gift.«

      Ihre Finger durchwühlten sein Haar, und ihm wurde mit Schrecken bewusst, dass es einen Teil in ihm gab, der ihre Finger an einer ganz anderen Stelle spüren wollte.

      »Es ist nichts Gefährliches«, sagte die Herrin von Oakwrath, während ihre Hände sein Gesicht erreichten. Es fiel ihm schwer, ihren Worten konzentriert zuzuhören.

      Tyran versuchte, sich aufzurichten, aber weiter als auf seine Unterarme gestützt kam er nicht.

      Er beugte sich weiter vor, sich krümmend, als er spürte, wie das Blut sich bei seiner Körpermitte sammelte … und dann tiefer.

      Er wand sich in dem Versuch, auf die Beine zu kommen, doch mittlerweile hatten die Krieger sich wieder gefasst. Er konnte denjenigen, dem er das Handgelenk gebrochen hatte, nicht sehen, aber der Herold und der übrige Krieger packten ihn um die Oberarme.

      »Schafft ihn ins Schlafzimmer«, befahl die Königin. Die beiden Männer zogen ihn weit genug nach oben, um ihn aufzurichten, aber nicht genug, als dass er wieder in den Stand hätte finden können. Tyran suchte in sich nach dem Fokus seiner Mahr; er musste versuchen, die Schellen zu sprengen. Doch selbst wenn ihm dies gelang – was dann? Er hatte sich übertölpeln lassen von dem Miststück.

      Nein, so ist es nicht. Er hatte das Bier überprüft. Er hatte ertastet, ob sich darin etwas befand, und keine Droge war seinen Sinnen aufgefallen. Wie …?

      Der Anblick, der sich ihm in dem Schlafzimmer der Königin offenbarte, fegte jeden vernünftigen Gedanken aus seinem Kopf. Seine Augen begriffen schneller als sein Verstand und ein fassungsloser Schrei löste sich aus seiner Kehle.

      Über dem Bett hing, weit aufgespannt und mit silbernen Nägeln in die Holzvertäfelung geschlagen, ein Paar Flügel.

      Sein Magen rebellierte.

      Die Flügel eines Askyaners, wie er einer war; wunderschön und tiefbraun glänzend. Der Flügelspannweite nach zu urteilen waren es die eines Mannes – sie waren beinahe so groß wie seine. Tyran würgte, aber er hatte zu wenig im Magen, als dass er hätte erbrechen können.

      »Sie waren perfekt. Ein so dichtes, schimmerndes Gefieder. Ich musste sie einfach behalten«, schwärmte die Königin, die seinen Blick richtig gedeutet hatte. Sie beobachtete genau, wie man seine Hände zusammenkettete. Tyran erkannte die Absicht zu spät; erst, als eine zweite Kette durch eine Öse in der Decke heruntergeführt und mit seinen Händen verbunden wurde.

      Sie zogen ihn nach oben. Es war ihm gleich. An der Wand hingen die Flügel eines Sturmalben, eines Kriegers, eines Bruders, und das Blut, das sich in seiner Körpermitte gesammelt hatte, verursachte Schmerzen, von denen er ahnte, dass es nur eine einzige Lösung geben würde, um sie zu lindern.

      »Du verdammte Hure«, flüsterte er und hasste dabei, wie undeutlich seine Sprache durch die Droge geworden war. Die Königin durchkämmte ihr Haar mit den Fingern. Ihr Blut ließ die hellen Strähnen zusammenkleben. Er konnte riechen, dass sie ihre Selbstsicherheit wiedergewonnen hatte, jetzt, da er in Ketten lag und die Droge ihm jede Konzentration raubte. Sie trat auf ihn zu und machte sich an seiner Gürtelschnalle zu schaffen.

      »Möchtest du wissen, was mit dem Askyaner passiert ist, dessen Flügel ich als Andenken behalten habe?«

      Tyran drehte den Kopf zur Seite und ballte die Hände zu Fäusten. Er trug Rot. Er war ein askyanischer Krieger. Er konnte diese Ketten sprengen. Er musste.

      »Ich habe ihn in die Minen von Arngarth geschickt. Ich habe ja nicht ihn gebraucht – sondern nur seine Flügel. Das ist sehr lange her, Tyranar. Manchmal, wenn ich im Bett liege, denke ich daran, dass es für ihn viel bequemer gewesen sein muss, durch die Schächte zu kriechen, ohne diese großen Flügel, meinst du nicht auch?«

      Das Zittern seiner Muskeln wollte nicht nachlassen und das dunkle Knurren wurde lauter, als sie sein Glied umschloss, das gegen seine Hose drängte.

      »Ich werde dich töten«, versprach er ihr. »Und du solltest hoffen, dass es so kommt. Denn wenn ich es nicht tue, tut es Rodric.« Er schluckte, bebend vor Zorn. »Wir können dich beide in Stücke reißen, aber ihn würdest du darum anflehen, lange bevor er mit dir fertig ist.«

      Für einen köstlichen Moment erkannte Tyran, wie ihre Gesichtsfarbe fahl wurde, bevor sie sich wieder daran erinnerte, wer angekettet war und wer nicht. Sie schlug ihn ins Gesicht; ein lächerlicher Schmerz verglichen mit dem Pulsieren zwischen seinen Beinen.

      »Zieht ihn höher«, befahl sie, wobei sie sein Kinn zwischen ihre Finger nahm. Ihre Nägel bohrten sich tief in seine Haut. »Ich kann dich nicht


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