Das Zeichen der Erzkönigin. Serena J. Harper

Das Zeichen der Erzkönigin - Serena J. Harper


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zu glauben, die Himmelslichter würden seinen Wunsch nach Buße auf die Weise erfüllen, wie er es sich ausgemalt hatte; mit Stab und Schwert einen Befreiungskrieg zu führen, seine Ehre wiederherzustellen … Vielleicht lag seine Sühne darin, dieses Kind an einen sicheren Ort zu bringen.

      Die Himmelslichter tanzen zu einem Lied, das niemand hört.

      Lyraine. Ihr Name war Lyraine, erinnerte er sich. Und auch wenn sie Königin Lamia nicht gefährlich werden konnte, würden genügend Untergebene des Kristallpalastes auf der Suche nach ihr sein.

      Eine Bewegung im Türrahmen ließ ihn aufblicken. Ohne ihn anzusehen kam die Heilerin näher und legte die Hand auf die Stirn des Erdalben. Sein Schlaf war nach wie vor ruhig und fest.

      »Kein Fieber«, stellte sie fest und zog die Decke ein wenig zurück, kontrollierte die verbundene Wunde.

      »Wann wird er reisefähig sein?«

      »Ihr wollt schon gehen?«, fragte Lenka zurück.

      Varcas hob mit einer nüchternen Geste die Hand und ließ sie wieder auf seinen Oberschenkel sinken. »Es ist nicht so, als hätten wir tatsächlich eine große Wahl«, antwortete er. »Die Provinz ist für Lyraine ein gefährlicher Ort. Ich glaube nicht, dass die beiden Männer die Einzigen waren, die nach dem Mädchen Ausschau halten. Dass die Tochter der Königin entkommen ist, wird bald jeder wissen.«

      Die Heilerin schwieg. Es war ein Schweigen, das Varcas’ Sehersinne zum Kribbeln brachte, lang und unheilschwanger, voll von ausgesprochenen Zweifeln und Bedenken. Er erinnerte sich, dass das früher in seiner Gegenwart oft so gewesen war – damals, als er der mächtigste Albenmann der Welt gewesen war. Aber das war lange vor der Zeit gewesen, bevor Königin Lamia es fertiggebracht hatte, sich den Mann zu unterwerfen, der in ganz Shayla als der Blutritter bekannt war. Solange sie ihn kontrollierte, war sie unantastbar.

      »Ihr könnt mit mir offen sprechen, Lenka«, ermutigte Varcas sie. Er ließ seinen Blick auf ihr ruhen, doch das sorgte nicht dafür, dass sie ihn ansah. Es dauerte eine Zeit, die ihm wie Minuten vorkam, bis sie weitersprach:

      »Ich glaube nicht, dass es eine gute Idee ist, jetzt schon abzureisen, Mylord. Die Wunde des Truchsesses wird nicht über Nacht verheilen. Er braucht Ruhe.«

      »Ich kann darauf keine Rücksicht nehmen«, erwiderte Varcas und erhob sich. Der Stuhl war hart und seine Glieder wurden langsam müde. Mit einigen langsamen Schritten, die das Holz unter seinen Stiefeln zum Knarren brachte, lockerte er seine verspannten Muskeln. Er hatte von seinem Alter nichts gespürt, als er mit Lyraine gesprochen hatte. Vielleicht gewöhnte er sich tatsächlich wieder an das Reisen. »Wir müssen große Distanz zwischen Amber Hall und Lyraine bringen. Ich werde alles versuchen, um die Reise auch für ihren Meister Gorwyn sicher zu gestalten. Aber er hat sein Leben für sie riskiert – ich denke nicht, dass es in seinem Interesse wäre, sie jetzt in Gefahr zu bringen, weil wir zu viel Zeit verschwenden.«

      Die Heilerin nickte stumm. Wieder fühlte Varcas leise Funken auf seinen Albensinnen.

      »Wohin werdet Ihr sie bringen?«, fragte sie leise.

      Das war eine Frage, auf die Varcas selbst noch keine endgültige Antwort gefunden hatte. Einen Erwachsenen zu verstecken war schwer genug. Aber wie sollte es bei einem kleinen Mädchen gelingen? Varcas betrachtete den Stoffdrachen, der sich zusammen mit der Brust des ehemaligen Truchsesses hob und senkte, als hätte er seine eigene Lunge, aus deren Tiefen er Feuer speien konnte, wenn er erwachte. Eigene Kinder zu haben war ihm nie vergönnt gewesen. Einmal hatte es eine Zeit gegeben, als er geglaubt hatte, dass sich das ändern würde. Aber wenn er diese kostbaren Tage gegen die Länge der Zeit abwog, in der eine Familie aus vielerlei Gründen unmöglich gewesen worden war, dann war es ein Wimpernschlag im Angesicht der Unendlichkeit gewesen. Ein bitterer, schwerer Wimpernschlag. Dennoch konnte er sich gut genug an seine eigene Kindheit erinnern, um zu wissen, dass es für ein kleines Mädchen mehr brauchte als nur ein Dach, durch das es nicht hereinregnete, und Essen, das seinen Magen füllte.

      Selbst wenn er zuerst nur einen Unterschlupf suchen würde, langfristig würde er ein Zuhause für Lyraine finden müssen. Vertrauenswürdige Personen, die nicht im direkten Interesse von Königin Lamia und ihren Gefolgsleuten standen.

      Aber die elf Höfe waren gefallen. Es gab keine Königin in Shayla mehr, an deren Tafel er Lyraine hätte setzen können, bis sie alt genug war, selbst zu entscheiden, was sie tun wollte.

      »Mylord?«, hakte sie nach, als er nicht antwortete.

      »Ich weiß es noch nicht«, erwiderte er wahrheitsgemäß. »Lebende Verwandte hat sie nicht.«

      Und die meisten meiner alten Gefährten sind entweder von der Herrin des Kristallpalastes vor Jahrhunderten getötet worden oder haben mir nie verziehen.

      Die Heilerin wandte sich abrupt ab, als hätte er etwas Kränkendes gesagt. Varcas beobachtete ihren angespannten Rücken. Hatte sie erwartet, dass er das Mädchen bei ihr lassen würde? Unmöglich. Das Dorf würde in Zukunft ständigen Kontrollen der neuen Besatzer ausgesetzt sein und lag so unglaublich nah am Anwesen, dass die zukünftige neue Herrin von Amber Hall möglicherweise selbst zu Fuß hierherspazieren konnte. Nein, Lyraine würde er nicht hierlassen.

      Wenn Lamia auf irgendeinem Wege erfuhr, dass er aus seinem selbst gewählten Exil zurückgekehrt war, und sei es auch nur für diese eine Sache, dann würde sie alles daransetzen, seine Schritte zu durchschauen. Sie würde glauben, er brächte das Kind so weit wie möglich weg – nicht nach Askyan, wo die Grenze immer noch stark umkämpft wurde. Nach Glynvail, das würde sie vermuten. Wenn jemand einen Weg durch den Pass finden konnte, dann er. Aber auch wenn sie in Glynvail nicht mit ihrem Heer einmarschieren konnte, sie hatte überall ihre Spione.

      Womit würde sie nicht rechnen?

      Sie würde nicht erwarten, dass er in der Nähe blieb. Dass er das Kind direkt unter ihrer Nase verbarg. Nah genug, um unauffällig zu sein, weit genug von Amber Hall entfernt, dass niemand sie mehr erkennen würde.

      Varcas kam nicht dazu, den Gedanken zu Ende zu bringen.

      Ein Hauch von Blut. Mehr konnte es nicht gewesen sein. Ein Tropfen nur, der seine Albensinne sich fokussieren ließ. Die bebenden Hände der Heilerin.

      Varcas ließ seinen Instinkt wieder übernehmen. Er brauchte nur drei Schritte, um den Raum zu durchqueren, sie zu sich herumzudrehen und ihre Hände in seine zu nehmen. Ihre Fingernägel hatten ihr eigenes Fleisch verletzt, gaben Kunde über irgendetwas, was zu verbergen ihr kaum gelang.

      »Lenka«, seine Stimme war kaum mehr als ein flüchtiges Raunen. Cathards Auge leuchtete nicht nur an seinem Arm, sondern auch in Gestalt des dritten Auges in seinem Geist.

      Sie hatte Angst. Vor ihm. Jetzt.

      Und, von Furcht umhüllt und daher kaum herauszuschmecken, spürte er schließlich die Emotion, die ihn ihre Hände fester packen ließ.

      Schuld.

      »Lenka!«, stieß er drängend hervor. »Was hast du getan?«

      Statt der erklärenden Worte, die er hören wollte, starrte sie ihn an, gequält. Es lag Bedauern in dem Blick, mit dem sie ihm begegnete. Varcas ließ ihre Hände los und umschloss stattdessen ihre Schultern, obwohl sie sofort versuchte, sich aus seinem Griff zu befreien.

      »Ich hatte keine Wahl!«, schluchzte sie und ballte ihre Fäuste wie zuvor. Sie ergriff eines der gebogenen kleinen Heilerinnenmesser, die noch von Gorwyns Behandlung auf dem Tisch lagen. Varcas griff zu, bevor sie Schaden anrichten konnte, fing ihre Hand wie einen Schmetterling. Blut, seines. Ein Kratzer. Unbedeutend.

      Varcas konnte nicht länger warten. Es war lange Zeit her, dass er seine Fähigkeiten auf diese Weise eingesetzt hatte, und es hatte ihm noch nie gefallen, es zu tun. Er verstärkte den Druck auf ihr Handgelenk. Das Messer fiel mit einem Klirren zu Boden.

      Er nahm sich keine Zeit, um sich den mentalen Barrieren der Heilerin vorsichtig anzunähern. Als er die graue Rún aktivierte, strich er nicht lange über ihren Geist, sondern bündelte seine Macht. Es war ein Stoß, wütend, abrupt, mit dem er die violetten Tore ihres


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