THE BOYS OF SUMMER. Richard Cox H.
dazu bereit sein müsste.
»Nein, wenn du schon mal da bist«, sagte Mrs. Crane, »dann ist es wahrscheinlich besser, wenn du hierbleibst, falls wir deine Eltern telefonisch nicht erreichen können.«
»Aber mein Vater …«
»Wir rufen sie an, und sagen ihnen, dass du bei uns bleibst, okay?«
»Gut«, sagte Bobby. Es war leicht, seinen Vater für das verantwortlich zu machen, was als Nächstes geschehen würde, aber eigentlich war die Anwesenheit von Bobby hier doch eher so eine Art vorsätzlicher Betrug, und noch schlimmer war, dass er sich (sehr häufig) gewünscht hatte, dass Mrs. Crane seine Mutter wäre. Natürlich hatte er das nicht so ganz wörtlich gemeint, aber wer auch immer für solche Dinge zuständig war, musste wohl etwas falsch verstanden haben. Als die Tragödie vorüber war und seine Mutter zu den Opfern zählte, hatte Bobby keine andere Wahl mehr, als die Verantwortung dafür zu übernehmen. Aber es war eine zu große Bürde für einen Jungen von gerade mal zehn Jahren, besonders für einen Jungen, der schon mit den Erwartungen seines dominanten und verbitterten Vaters belastet war, der seine eigene Chance auf Ruhm und Größe längst verspielt hatte. Doch Bobby nahm diese Bürde auf sich, und trug sie bis zu jenem Abend neunundzwanzig Jahre später, als er sein Leben gab, um für diesen und all die anderen Fehler, die er begangen hatte, zu büßen.
Das Radar im Fernsehen war mit großen orangefarbenen und gelben Flecken bedeckt, die ihn aus irgendeinem Grund an Feuer erinnerten, so als würden die Stürme, die sich näherten, nicht aus Regen und Wind bestehen, sondern aus gewaltigen Säulen wirbelnder Flammen.
Einen Augenblick später heulten auch schon die Tornado-Sirenen.
Kapitel 2
Am Fluss standen die Bäume ziemlich dicht zusammen. Der zehnjährige David Clark wohnte in einem der neueren Häuser von Tanglewood, aber er konnte bis zum Ende der Siedlung gehen, wo nicht mehr gebaut wurde, und dann durch einen Stacheldrahtzaun direkt in die Wildnis eintreten. Er genoss das Gefühl der Einsamkeit … das fast greifbare Gefühl, direkt in die Vergangenheit einzutauchen, als wenn er Tom Sawyer oder Huckleberry Finn wäre. Tatsächlich verbrachte er soviel Zeit in den Wäldern, dass er sich mehrere Monate zuvor ein Fort aus Kanthölzern, Sperrholz und Zaunlatten gebaut hatte, die er sich vom Bau besorgt hatte. Einige seiner Freunde waren sehr überrascht gewesen, wie bereitwillig die Arbeiter ihm das Rohmaterial überlassen hatten. David jedoch war darüber weniger erstaunt, denn er hatte von seinem Vater gelernt, dass Menschen alle möglichen Sachen machten, wenn man nur den Mut aufbrachte, sie nett danach zu fragen.
Er hatte geplant, das Fort so weit vom Schuss zu bauen wie es nur ging, so weit in den Wäldern, dass man ganz vergaß, wo man eigentlich war, aber es war ziemlich schwierig gewesen, das ganze Material durch den Wald zu tragen. Deshalb hatte er sein Fort letzten Endes nur etwa vierzig Meter vom Stacheldrahtzaun entfernt gebaut. Was er wirklich brauchte, war ein Platz zum Abhängen in der Nähe des Flusses. Dort verbrachte er nämlich den größten Teil seiner Zeit.
Heute war ein perfektes Beispiel. Er war am Fluss gewesen und hatte die Biber und die Alligatorhechte beobachtet, als der Himmel plötzlich dunkel wurde und sich Regen ankündigte. Da er überhaupt keine Lust hatte, nass zu werden, machte er sich sofort auf den Heimweg und bahnte sich seinen Weg durch das Dickicht. Dabei achtete er sorgfältig darauf, dass er nicht mit giftigem Efeu in Berührung kam. Er befand sich schon auf halbem Weg zum Stacheldrahtzaun, als die ersten großen und dicken Regentropfen vom Himmel fielen.
Dann bemerkte er plötzlich, wie der Boden mit jedem Schritt unter seinen Füßen zu rutschen anfing. Er sah, wie sich die Bäume im Wind beugten. Regentropfen klatschten auf die Zweige über ihm und auf den Boden, und einige von ihnen mussten wirklich sehr groß sein, denn sie klatschen härter auf den Boden als er es erwartet hatte. Dann machte der Pfad einen Bogen um eine kleine Gruppe von Mesquite-Bäumen und stieg auf zu einer kleinen roten Klippe. Große freiliegende Wurzeln waren wie Stufen, auf denen es aufwärtsging. Sie waren aber sehr rutschig, und beinahe wäre er hingefallen, und … ich kann dich sehen … die Welt schien sich irgendwie zu drehen, als wäre oben unten und unten oben, und für einen Moment kam es David so vor, als ob er eine Gitarre hörte … als ob jemand einige Takte Musik spielen würde, ein Lied, das er noch nie zuvor gehört hatte, das ihm aber trotzdem irgendwie bekannt vorkam. Dann fiel er auf den Rücken und sah über sich die Bäume, die wie Wolkenkratzer in den Himmel ragten. Die Regentropfen, die um ihn herum auf den Boden klatschten, waren jetzt wie Trommeln … der Wind, der durch die Zweige pfiff, war Musik, und er stellte sich vor, dass diese Geräusche die ersten Klänge des Songs waren, den er soeben gehört hatte. Für eine Weile lag er einfach nur auf dem Boden und lauschte dem Wald und seiner Musik, und vielleicht hätte er sich nie mehr bewegt, wenn ihn nicht plötzlich etwas im Gesicht getroffen hätte … etwas Scharfes, das schmerzte … etwas, das sich wie ein Stein anfühlte.
War vielleicht irgendjemand mit ihm hier draußen? Hatte ihn jemand beobachtet?
Dann fiel ein weiterer Stein direkt neben ihm zu Boden … und noch einer. Aber es waren überhaupt keine Steine, es waren Hagelkörner. Überall um ihn herum fielen kleine Eismurmeln auf den Boden. Einer traf ihn an der Schulter.
»Aua!«, schrie David. »Hör auf damit!«
Der Wald spielte nun keine Musik mehr, er war in Aufruhr. Die Bäume bogen sich in alle Richtungen, der Wind heulte, Regentropfen und Hagelkörner fielen überall um ihn herum. David erhob sich vom Boden und setzte seinen Heimweg fort. Wieder hatte er ein ungutes und sehr reales Gefühl, dass ihm jemand folgte und ihn beobachtete. Im Gras hatte er etwas Weißes und Ungewöhnliches bemerkt. Es hatte ausgesehen wie ein Hagelkorn, aber das konnte nicht sein. Das Ding hatte die Größe eines Tennisballs gehabt.
Immer mehr von ihnen fielen vom Himmel.
David rannte los. Er flog den Pfad geradezu hinunter, so schnell ihn seine Füße tragen konnten. Es hatte keinen Zweck mehr, zu versuchen, das Haus zu erreichen. Selbst, wenn er es aus dem Wald herausgeschafft hätte, war da immer noch die freie Strecke von fünfzig Metern über den Rasen des Hinterhofes, wo er dem Himmel hilflos ausgesetzt wäre. Die einzige Möglichkeit war, zum Fort zurückzulaufen und zu hoffen, dass das Dach ihn schützen würde.
Die meisten Hagelkörner waren klein, kalt und hart, aber die größeren konnten bei einem direkten Treffer durchaus einen Knochen brechen. Zersplitterte Äste und Hagelkörner trafen den Boden jetzt mit gewaltiger Kraft. Eins fiel direkt vor ihm auf den Weg; ein Eisbrocken, der so hart auf den Boden schlug, dass er es mit den Füßen spüren konnte.
Der Himmel war jetzt so dunkel, als ob die Sonne untergehen würde. David konnte nur noch fünfzig Meter weit sehen. Zum ersten Mal in seinem Leben kam ihm ein schrecklicher und unvorstellbarer Gedanke.
Was ist, wenn ich jetzt sterbe?
David war mit dem Tod so vertraut wie jeder andere, aber bis heute hatte er ihn nicht direkt mit sich selbst in Verbindung gebracht. Jetzt schien dieser Gedanke plötzlich so real zu sein wie die Hagelkörner, die um ihn herum auf den Boden prallten. Er könnte jetzt sterben. Er könnte für immer verschwinden und niemals wieder etwas sehen oder einen weiteren Gedanken haben. Wie würde das wohl sein? Wie konnte er hier sein und gleichzeitig doch nicht hier sein?
Ein Lichtblitz erhellte den gesamten Himmel. Ein ohrenbetäubender Donner erschütterte den gesamten Wald. Äste, Blätter und Hagelkörner, die so massiv waren, dass er kaum glauben konnte, was er sah, fielen überall zu Boden. Er rannte jetzt so schnell, wie er konnte … er rannte um sein Leben. Wieder glaubte er, Schritte zu hören, die seinen eigenen folgten.
Jemand schien sich direkt hinter ihm zu befinden.
Im Geist hörte er die Stimme seines Vaters, oder zumindest etwas, was er für die Stimme seines Vaters hielt, die ihn anfeuerte. Schau nicht zurück, du sollst niemals zurückschauen. Eigentlich klang es eher wie jemand, der sang. Es war so, als ob er wieder diesen geheimnisvollen Song hörte. Ich dachte, ich wüsste, was Liebe ist …
Dann