THE BOYS OF SUMMER. Richard Cox H.
Daddy sehen können, sobald er mit seinem Wagen in ihre Straße einbog.
Der Himmel sah aus, als ob er auf die Erde gefallen wäre. Schwarze Wolken tanzten dort mit einer Geschwindigkeit, die fast irreal war. Es war fast so, als ob man sich einen Film im Zeitraffer anschauen würde. Müll landete in ihrem Garten, Silberpapier und Pappkartons und Papier – überall lag Papier. Plötzlich war da ein seltsames Geräusch um sie herum, so wie ein mächtiger Zug, der auf ein unbekanntes, aber vorherbestimmtes Ziel zuraste. Sie stellte sich einen oder mehrere Jungen vor, die Schutz vor dem Sturm gesucht hatten. Einer der Jungen dachte, dass er vielleicht tot sei, aber sie wusste, dass er es nicht war, denn eines Tages würde sie sich in ihn verlieben. Über den Dächern der Häuser, vielleicht zwei Straßen weiter, konnte sie das gewaltige wirbelnde Monster sehen. Der Tornado ähnelte keinem der Stürme auf den Bildern, die ihr Vater ihr gezeigt hatte. Es war keine Röhre oder Trichter. Es war ein Ungeheuer mit vielen Armen; eine gewaltige Spinne, die Pirouetten drehte. Ein Auto wirbelte jetzt in der Luft herum. Blaugrünes Licht blitzte am Boden auf … schnelle Impulse … eins, zwei, drei. Das Dach eines Hauses wurde nun in die Luft gerissen und verschwand einfach. Jetzt war der Vater des Jungen tot.
»Alicia!«, schrie ihre Mutter. Ihre Stimme klang verzweifelt und so rau, als ob sie gleich sterben würde. Aber sie würden nicht sterben. Wenn man den Tornado ganz genau beobachtete, sah man, dass er sich jetzt in eine andere Richtung bewegte.
»Alicia! Wo bist du?«
»In meinem Zimmer, Mom.«
Ihre Mutter erschien und riss sie vom Fenster weg.
»Mom, was machst du denn da?«
»Wir steigen jetzt in die Badewanne!«
»Aber der Tornado ist doch schon an uns vorbeigezogen! Der kommt bestimmt nicht mehr zurück!«
Aber ihre Mutter hörte gar nicht zu. Sie trieb Alicia ins Badezimmer und setzte sie in die Badewanne.
»Mom, das ist doch blöd! Der Tornado kommt nicht hierher!«
Ihre Mutter stieg in die Wanne und zog sie in eine sitzende Position, dann schlang sie ihre Arme um sie und weinte.
»Mom, alles wird gut. Daddy sagt immer …«
»Dein Daddy ist nicht hier! Er hat uns alleingelassen.«
»Aber …«
»Sei jetzt still. Dein Daddy denkt wahrscheinlich, dass er alles über das Wetter wüsste, aber ich weiß, dass er das nicht tut. Dieses Mal tun wir das, was ich will. Niemand fragt mich jemals, was ich will!«
Später sollten sie erfahren, dass Vater irgendwo weit draußen, in der Nähe von Seymour, auf einen anderen Tornado gestoßen war, dem er mit seinem Wagen hinterhergejagt war. Dieser hatte seinen Wagen so schwer beschädigt, dass er nicht mehr fahren konnte. In dem ganzen Durcheinander, das dem Ausbruch der Tornados folgte, dauerte es Stunden, bis er von der Highway Patrol aufgelesen wurde, und Tage, bis sein Wagen geborgen wurde. Bis dahin hatte man in Wichita Falls begriffen, welche Anstrengungen notwendig sein würden, um sich von dieser Katastrophe zu erholen, und Alicia verstand zum ersten Mal in ihrem Leben, dass auch die Beziehungen von Erwachsenen – wie die Ehe ihrer Eltern – durchaus zerbrechen konnten.
Kapitel 5
Adam Altman konnte nicht verstehen, warum seine Mutter noch nicht von der Apotheke zurückgekehrt war. Sie hatte das Haus etwa dreißig Minuten zuvor verlassen, um Medizin zu besorgen, und da niemand in der Familie krank war, war die Medizin, die sie meinte, wahrscheinlich Schnaps, den sie in ihre Limonade kippte oder in die Gläser, die so winzig waren, dass nur ein kleiner Schluck darin Platz fand. Es war schon ziemlich seltsam, dieses Zeug als Medizin zu bezeichnen, denn wenn seine Eltern es tranken, ging es ihnen am nächsten Morgen nicht besonders gut.
Seine Mutter hatte es ziemlich eilig gehabt. Sie hatte nicht einmal den Fernseher abgestellt, sodass Adam und seine Schwester Christi jetzt davorsitzen und den Mann von der Wetterkarte sehen konnten, der gerade sagte, dass die Tornados mittlerweile die ganze Stadt bedrohen würden.
Das war ziemlich seltsam, wenn man bedachte, wie nahe seine Eltern Gott standen, und dass sie schon sehr oft erklärt hatten, dass kein Tornado einer Familie etwas anhaben könne, die zu Gott und seinem eingeborenen Sohn Jesus Christus betete. In jedem Frühjahr versammelte sich die ganze Familie im Vordergarten, um Gott zu preisen und um Schutz gegen das stürmische Wetter in Texas zu bitten. Vier Jahre hatte das auch sehr gut geklappt. Die einzigen Tornados, die Adam jemals gesehen hatte, waren in Büchern abgebildet gewesen. Doch jetzt sagte der Typ im Fernsehen plötzlich, dass jeder in der Stadt Schutz suchen sollte.
»Steigen Sie in die Badewanne und decken Sie sich mit Matratzen ab«, erklärte der Mann von der Wetterkarte. »Oder gehen Sie in einen Schrank und verschließen Sie die Tür. Was immer Sie tun – tun Sie es jetzt, denn es ist ein sehr großer Tornado, der gerade auf Wichita Falls zurast.«
Adam hatte eigentlich gar nicht vorgehabt, etwas zu tun, denn er war fest davon überzeugt, dass Gott über ihr Haus wachen würde. Aber dann fiel der Strom aus, die beiden starrten auf den leeren Bildschirm, und ihre Mutter war immer noch nicht da.
»Ich habe Angst«, sagte Christi. Sie war erst fünf Jahre alt und fürchtete sich so ziemlich vor allem. Adam machte sich immer über ihre Angst lustig.
Doch jetzt sagte er: »Denk daran, was Mom und Dad uns beigebracht haben. Wir beten zu Jesus, also kann uns überhaupt nichts passieren.«
»Aber der Mann im Fernsehen hat gesagt …«
»Mom kommt jeden Augenblick nach Hause, und sie wird uns schon sagen, was wir tun sollen.«
»Aber was ist, wenn sie nicht nach Hause kommt?«
Das war eine Möglichkeit, an die Adam überhaupt nicht denken wollte. Was für eine Mutter würde ihre Kinder bei einem solchen Sturm allein zu Hause lassen? Und warum sollte Gott einer Familie einen Sturm schicken, die ihn doch so verehrte?
Adam ging zur durchsichtigen Sturmtür und schaute hinaus. Der Himmel war tiefschwarz, der Wind heulte, und die Bäume in ihrem Vordergarten stöhnten, als ob sie im Sterben lagen.
»Gehen wir in den Schrank«, sagte er daraufhin zu Christi. »Ich bin mir sicher, dass nichts passiert, aber seien wir lieber vorsichtig.«
Bald standen die beiden zwischen Jacken und Mänteln in beängstigender Dunkelheit. Seine Schwester hielt sich ängstlich an den Taschen seiner Jeans fest. Sie zitterte und stand kurz davor zu weinen. Sie versuchte, ihre Arme um ihn zu schlingen, aber er stieß sie von sich weg. Er mochte es nicht, in diesem engen Schrank zu stehen und ihr so nahe zu sein, oder irgendjemandem sonst.
»Adam, halt mich fest!«
Aber das konnte er nicht, denn er war nicht so wie andere Kinder. Alles hatte sich an jenem Abend vor langer Zeit verändert, als ein Mädchen namens Evelyn ihn dazu überredet hatte, etwas ganz Schreckliches zu tun. Danach hatten ihn seine Eltern nicht mehr geliebt. Sie liebten Christi, die ihr Favorit war, und die reingeblieben war … die keine Todsünde begangen hatte.
Der Sturm wurde jetzt immer lauter. Er heulte wie ein gigantisches und wütendes Monster. Dieses Heulen klang so, als ob gleich die Welt untergehen würde, als ob Autos zerschmettert würden und Mauern einstürzen, und die Füße dieses Ungeheuers den Boden zertrampeln würden, während es sich ihnen mehr und mehr näherte.
In New Orleans hatte Evelyn ihn in jener Nacht betrogen. Adam hatte sich noch nie so verlassen und allein gefühlt. Es war ein schreckliches Gefühl gewesen, das er keinem anderen wünschen würde. Aber jetzt, wo seine Schwester bei ihm Schutz suchte, verweigerte er sich ihr. Er konnte einfach nicht verstehen, warum sie in den Arm genommen werden wollte, oder warum er derjenige sein sollte, der es tun musste.
»Adam!«, schrie Christi. Sie griff nach seinen Armen und Beinen und klammerte sich eng an ihn, aber er reagierte nicht darauf.
Jetzt war das Heulen ohrenbetäubend und es war überall um ihn herum.