Tanz ums Licht. Walter Julius Bloem
wie mir scheint.“
„Ach was — kommt bei mir gar nicht vor.“
Lydia Keriël lachte. Der Regisseur drehte den Fuchsenkopf auf einen Weg, der zur Reithalle zurückführte — sehr zum Unmut seiner Diva, die nach einer Weile, während sie bissig in die Luft geschwiegen hatte, den abgerissenen Gesprächsfaden wieder aufnahm.
„Lieber Freund — ich möchte wissen, ob ich Ihnen je etwas recht gemacht habe. Aber diese verrückte Doppelrolle — ich sage Ihnen, solchen Flausen folge ich nicht ein zweites Mal! In zehn Jahren vielleicht, wenn ich graue Haare habe —“
Dareen sah der Freundin über die zornige Stirn. Der schwarze Reithut, von einem Riemen unter dem Kinn gehalten, sass untadelig auf dem glatten Haar. „Liebste Freundin,“ sagte er leise, „Sie haben ja schon welche ...“
In Lydia Keriëls Augen kam eine kleine Furcht, ihr Blick suchte unsicher im Grün der Äste. „Die paar Strähnen haben nichts zu bedeuten. Graf Csaky sagt, das wär interessant.“ Der Regisseur brach in ein herzliches Lachen aus. „Dareen,“ rief sie ihm zu, „Sie sind grässlich!“
Es dauerte eine ganze Zeit, bis er seine beleidigende Fröhlichkeit besiegt hatte. „Und Sie sind köstlich, Lydia! Wissen Sie was? Lesen Sie ein Jahr lang prinzipiell keine Kritiken mehr, in denen Sie verhimmelt werden — denn wer Ihnen bloss Gutes zu sagen weiss, der ist Ihr Feind! Für Ihre Reklame sorge ich schon — — glauben Sie mir: Es ist kein Wort davon wahr! Schicken Sie Ihre Bewunderer weg, das ist ja alles Gewäsch, was die reden. Besonders den Grafen Csaky —“
„Das ist ein ganz entzückender Mensch!“
„Natürlich —“, höhnte er bitter. „Wer Sie anschwärmt, Lydia, das ist immer ein ganz entzückender Mensch — und wer Ihnen in unablässiger Mühe die Sporen gibt, wie man ein alleredelstes Pferd zureitet — —“
„Sie wollten sagen: dressiert ... “
Das Gespräch wurde scharf. Die empfindsamen Tiere spitzten unruhig die Ohren und knirschten im Gezäum. „Lassen wir das“, sagte Dareen. In seiner Stimme klang ein ruhiger Befehl.
Lydia kannte diesen Ton.
„Heute ist Sonntag,“ fuhr Dareen verwandelt fort, „geniessen wir ihn. Ausserdem haben wir beide morgen unsere ganze Nervenkraft nötig; es wird die schwierigsten Doppelaufnahmen geben — Sie dürfen sich ruhig auf zehn Stunden einrichten.“
Die Diva ritt in verstimmtem Schweigen an seiner Seite. Er verstand sie aber auch gar nicht, auf allen zarten Regungen ihrer Seele trampelte er herum! Sie hasste ihn — natürlich, was sonst? Es war klar, er sollte sich nur nichts einbilden —
Oh, Dareen — —
Vor der Reithalle stand Graf Csaky, den Zügel seines Yorkshire in den Arm geklemmt, und las vergnügt in einem rosigen Briefchen. Abseits wartete ein galonierter Diener. Als der Reitlehrer die beiden Herantrabenden bemerkte, steckte er das Papier errötend in die Tasche. Lydia ritt auf ihn zu, ihre Lippen verzogen sich spöttisch: „Na —?“
„Wieso ‚na—?’, Gnädigste?“
Die Schauspielerin nahm ihre Reitgerte und tippte ihn auf die Nasenspitze. Der Graf half ihr verlegen vom Pferde. Auch Dareen schwang sich aus dem Sattel, seine Bewegungen waren müde.
Am Nachmittag traf sich Isabel an einem der Untergrundbahnhöfe mit ihrem „kleinen Kameraden“, sie musste eine Weile warten, ehe er kam. Ein hellbrauner Sakko schmiegte sich um Heinos von Kraft und Jugend strahlende Gestalt, sein Stöckchen wirbelte in zwei Fingern durch die Luft. Als er Isabel sah, stutzte er einen Augenblick, denn es ging ihm immer wieder auf die Nerven, dass sie nur ein einziges gutes Sommerkleid hatte, und das — na! „Tag, Aschenputtel.“ Sie schüttelten sich die Hände. „Tag, lieber Märchenprinz“, sagte Isabel und knickste spöttisch.
Sie gingen in den Tiergarten hinüber, der von sonntäglichen Spaziergängern wimmelte. Mancher drehte sich nach dem an Kleidung ungleichen Paar um. Das war Heino unangenehm — Isabel war doch nicht sein Verhältnis — teils leider! — sondern die „Grosse Liebe“! Wenn sie sich nur etwas liebenswürdiger betätigen würde, hem ...
Die „Grosse Liebe“ schob ihren Arm in den seinen — obwohl sie merkte, dass er widerstrebte — aber dann tat sie’s natürlich erst recht. Wenn sie schon in Sack und Asche herumlief, dann wäre es Heino lieber gewesen, wenn man sie für seine Sekretärin gehalten hätte. Er selbst sah ja aus wie ein Attaché. Teufel — und man hätte es sein können, nach Geburt und Gaben. Dies Schicksal, dies verdammte Schicksal!
Er sah sie missbilligend an: „Liebes Herz — tu mir bloss den Gefallen und leg’ dir eine stilvollere Frisur zu.“
Sie lachte: „Das stört dich doch jetzt nicht, wenn ich den Hut aufhabe.“
„— aber was für einen ...“, erlaubte er sich.
„Jedenfalls einen, der vor drei Jahren sehr modern war, mein lieber Graf.“ Aber im Innern spürte sie jedesmal einen Stich, wenn er an ihrer äussern Erscheinung etwas auszusetzen hatte. Heino zuckte die Achseln und zog in Gedanken ein silbernes Etui aus der Westentasche — aber im selben Augenblick fiel ihm ein, dass sie das ja nicht sehen durfte. Nun war es einmal geschehen, und Isabel hatte es natürlich gleich bemerkt. „Fein!“ sagte sie mit einem lustig lauernden Seitenblick. „Gekauft —?“ Sie nahm ihm die Dose aus der Hand, und er liess es zu, dass sie die Zigaretten herausnahm und sich die Sache näher ansah. „Ah — ‚Lydia Keriël ihrem kritischen Bewunderer’ ... Sehr nett von deinem Abgott. Aber sag’ mal, Heino: Wieso Kritischer’?“
„Ja nun — sie fragt mich eben mal um meine Meinung.“
„In Filmangelegenheiten?“ Sie sah mit unbändigem Vergnügen, wie er sich in ihrem Kreuzverhör wand. „Erlaube schon!“ gab er ihr gekränkt zur Antwort. — „Ach, Isabel, warum quälst du mich in einem fort? Frau Keriël geht nie ins Kino, ausser in ihre eigenen Filme — dann erzähle ich ihr also. Das genügt ja auch — denn von den verrückten Amerikanerinnen kann sie doch nichts lernen.“
„Ah — und du sagst ihr das. Hm, Heino — ich werde mal Dareen erzählen, woher die Dame ihr Selbstbewusstsein bezieht.“
In einer Gartenwirtschaft eroberten sie einen gerade freiwerdenden Tisch am Seeufer. Der vielbeschäftigte Kellner übersah die beiden. Boote schaukelten im seichten Wasser, am Uferkranz standen helle, sommerlich gekleidete Menschen. Isabel beobachtete den Freund, der es auffällig vermied, sich dem Kellner bemerkbar zu machen. „Gehen wir“, sagte er endlich. „Der Kerl kommt ja doch nicht zu uns.“
„Fällt mir gar nicht ein, ich habe Hunger.“ Isabel nahm die Karte zur Hand und nannte ihre Wünsche. „Sei so gut und bestelle mir endlich einen Mocca double, sieben Mohrenköpfe, drei Baisers und vier Napoleonschnitten.“
Heino sah in die Luft. „Entschuldige, Isabel — ich habe nämlich bloss noch eine Mark fünfzig, summa summarum. Aber den Mokka sollst du haben.“
Ihr Blick wurde dunkel: „Lieber — du hast wieder gewettet, gespielt?“
Graf Csaky zog einen Haufen zerknitterter Lotterielose aus der Tasche und warf sie wütend über den Tisch. „Alles Nieten. Aber ich habe die Sache jetzt bald heraus. Ein fabelhaftes System. Da lernt bei mir ein Schieber reiten, der hat Unsummen damit verdient und bringt es mir aus Gefälligkeit bei. Das Glück ist nämlich auch berechenbar.“
Wie unmutig sie den Blick gesenkt hielt — rief jetzt mit einer kurzen, herrischen Bewegung den Kellner heran und bestellte einen Kaffee für sich und ein Bier für Heino. „Wenn du dir auf diese Weise Vermögen und Rang zurückholen willst, mein Lieber, dann kannst du lange warten.“
„Wenn du dir auf deine Weise, Pfennig zu Pfennig, Vermögen und Rang zurückholen willst, liebe Isabel“ — antwortete Heino gedrückt —, „dann werden deine Kinder immerhin bis zur Alvenslebenstrasse aufrücken. Ach, du“ — und er griff nach ihrer Hand —, „du glaubst ja selber nicht, dass du glücklich bist in deinem elenden Beruf