Tanz ums Licht. Walter Julius Bloem
den Abenden englisch und französisch stenographieren. Dareen lobt mich — eines Tages wird er mich zu seiner Regieassistentin machen.“
„Und dann —?“
„Dann ist wieder ein neues Ziel. Ich warte, aber ich rege die Hände dabei. Manchmal meine ich, ich träume und müsste zerspringen in diesem Alltag, mit Schreibmaschine, Stenogrammblock und Klebepinsel. Glücklich? — Aber muss man glücklich sein? — Mir genügt es, wenn ich nicht zwecklos bin. Dass mein Vater ein Botschafter war und deiner ein Geheimrat im Auswärtigen — das ist ja schon gar nicht mehr wahr. Warum führst du eigentlich den Adel noch und vergoldest dir die zerrissenen Stiefelsohlen? Lass mich ausreden, Lieber —“, fügte sie hinzu, als Heino sie heftig unterbrechen wollte, und nahm begütigend seine widerstrebende Hand überm Tisch, „du hast natürlich keine zerrissenen Stiefelsohlen, das weiss ich — sondern lieber Schulden.“
„Du reitest immer auf mir herum, meine Liebe“ — Heino wehrte sich müde —, „als ob ich nicht auch tüchtig und fleissig wäre. Komm in meine Ställe und sieh’, wie da alles blitzt, und jeder Nagel an seinem Fleck. Wenn ich einen Aufgabenkreis hätte — — aber den kriegt man ja nicht. Gott — Reitlehrer und Kleberin — — das ist so stillos.“
Auf einen herabhängenden Ast hüpfte ein Rotkehlchen, plusterte selig den roten Bauch und piepste. Das war nun unser Sonntag ... „Stillos ist,“ sagte Isabel, „wenn sich nicht beugen will, was schon gebogen ist — und wenn man hofft, wo man nicht leistet.“
„Zahlen!“ rief Heino wütend dem Kellner zu. Isabel zog ihre Handtasche und schob ihm unterm Tisch ein paar Scheine hin. Der Kellner hatte es bemerkt und grinste verstohlen — aber durch ein reichliches Trinkgeld wurde dieser schlechte Eindruck wieder verwischt. Als Heino das übrige Geld in der Hand hielt, zwinkerte Isabel ihm zu, er lächelte dankbar und steckte das Geld in die Rocktasche. „Du kannst doch nicht mit deinen anderthalb Mark herumlaufen“, raunte sie ihm zu, „ich gebe dir nachher noch etwas. Dareen hat mir zwanzig Mark Aufbesserung versprochen.“
„Das ist ja fabelhaft —! Aber es wäre jedenfalls sehr lieb von dir. Weiss der Teufel, was los ist — bei mir kommen die Moneten immer geflügelt auf die Welt —“
Sie standen auf. Heino schob jetzt seinen Arm in den ihren — aber die Verbitterung drängte, immer wieder über seine Lippen. Vier Jahre liebte man sich — eine spröde Freundin — und keine Aussicht, im Lauf der Jahrzehnte standesgemäss zusammenzukommen ...
Isabel hasste dies zwecklose Klagen, und um ihn auf andere Gedanken zu bringen, erzählte sie ihm vergnügt, was Tamaroff und der bucklige Chefoperateur zu ihrem „Filmgesicht“ meinten. Darauf strich Heino sich nachdenklich ums glatte Kinn: „Du, höre mal — das wäre gar kein übler Gedanke. Du könntest — äh, wir könnten bald heiraten“, übersetzte er, weil er wusste, dass sie es ungern hörte, wenn er vom Gelde sprach. Aber sie zog ihren Arm schon unwillig an sich.
„Sieh einmal ins Atelier hinein, lieber Heino — dann vergeht dir die Lust, mich unter diesen Menschen zu sehen. Aber du kennst ja nur die Leinwand. Und die lockt — — lockt mich auch.“
Der Graf zuckte die Achseln. Dann mochte sie eben Klebedame bleiben, wenn sie das für vornehmer hielt. Aber er beobachtete sie entzückt, sie sah so hübsch aus, wenn sie böse war. Auf dem weiten Wege kamen sie in entlegenere Ecken, nur wenige Spaziergänger begegneten ihnen. Heino sah sich um — und als er keinen Menschen erblickte, küsste er sie stürmisch. Sie spürte sein Begehren und machte sich ruhig frei. „Es ist nicht gut, dass man vier Jahre umeinander herumgeht“, sagte er entschuldigend, aber er sah, dass auch ihr eine dunkle Röte in die Stirn gestiegen war.
„Dann sieh zu,“ antwortete sie ihm, „dass diese Zeit sich schneller endet, und hole deine standesgemässen Träume aus den Wolken herunter. Aber du wirfst dein Geld zum Fenster hinaus und wartest, dass dich der Zufall wieder hochbringt. Dir passiert das nicht, Heino — dir nicht.“
Sein Stock zischte. „Du willst damit sagen, ich wäre zu dumm dazu?“ Und als sie lachte, sprach er heftig weiter: „Verbringe diesen Abend allein, Isabel — mir hast du die Lust verdorben!“
So war es schon oft zwischen ihnen geschehen. Wenn sie sich nicht vertragen konnten, ging jeder seines Weges — — wenn man sich lange vergeblich liebt, wird man klug. Sie gaben sich die Hand. Das trifft sich ja ganz gut, dachte Heino im Davongehen — denn er hatte heute abend etwas vor, das in dem rosigen Brief am Vormittag gestanden hatte, und er hätte schwindeln müssen, um freizukommen.
Einen Augenblick wollte Isabel ihm nacheilen, denn ihr immer gedämmtes Blut drang auf. Dann hob sie die Hände an den Mund. „Dummer Bub!“ rief sie und lachte — aber es war ihr nicht danach zumut.
III
In der riesigen Glashalle, wo an anderen Tagen in jeder Ecke gedreht wurde, standen heute nur Dareens Dekorationen: der maurische Spielsaal von Monte Carlo, in der Form genau kopiert, doch mit grell angestrichenen gelben, grünen und braunen Wänden; zwei prunkvolle Gesellschaftsräume; abseits führte eine breite, weitgebogene Empfangstreppe bis unters Glasdach hinauf.
Um Dareen, der seit sechs Uhr früh, schon drei Stunden vor Beginn der Aufnahme, draussen war, summte ein Ameisenhaufen. Jupiterlampen und Scheinwerfer wurden hereingerollt, die Hochspannungskabel der Lampen schwappten über den staubwirbelnden Fussboden.
Isabel warf einen Blick in das lärmdröhnende Atelier und ging in ihren Kleberaum hinüber. Sie hatte ein kleines Zimmer für sich, weil Dareen den letzten Schnitt — bei dem es sich nicht mehr um Meter, sondern um Einzelbilder handelte — selbst erledigte, häufig gemeinsam mit Michel; und er wollte ungestört sein.
Als sie die Filmrollen der Musterkopie ausgepackt hatte, liess sie im Schreibzimmer, in dem die Maschinen klapperten, die Nachrichten für Frau Kiesering und für den Hilfsregisseur ausschreiben. Darauf ging sie wieder ins Glashaus. Es war unmöglich, an Dareen heranzukommen.
Der Regisseur stand am Haustelephon, schnauzte den Ingenieur des kleinen Elektrizitätswerks persönlich an und ersuchte um zuverlässige und gleichmässige Stromlieferung. Die Lampen standen unter Probelicht und flackerten in stechenden, violetten Strahlen. Es war eben Montag ... Michel Grczegorezewicz hantierte mit seinen Hilfsoperateuren am Motorgetriebe des Aufnahmeapparates herum, das heute wegen der schwierigen Doppelaufnahmen verwendet werden sollte. Die Sache klappte nicht, der Rohfilm klemmte sich unaufhörlich — —
Isabel sah in die erregte Weltuntergangsstimmung hinein. Kilian Koll schrie nach einem fehlenden Requisitenstück und fuchtelte mit seinem völlig zerfledderten Manuskript herum. Tamaroff stand beiseite im Gespräch mit einer grellblonden Schauspielerin, die er duzte; der Russe war schon im Frack, aber noch ungeschminkt, eine Zigarette hing schlaff zwischen den blassen, höhnischen Lippen. Als er Isabel sah, bekamen seine Slawenaugen eine heimliche Wolfsgier.
Hammerschläge schollen auf den rohen, zertretenen Holzplanken. Ein paar Statisten lugten neugierig herein, wurden von Koll rücksichtslos in die Massengarderoben verscheucht. Dareen sah zornig nach der Uhr: es war schon acht vorbei, um neun sollten die Aufnahmen beginnen — und Lydia Keriël war noch nicht da ...
Er liess gerade telephonisch nach ihr fragen, als die Diva eintrat. Sie kam mit ihrem Bruder Ephraim Keriël, dem Allgewaltigen der Gesellschaft, mit dem sie seit den Uranfängen des Films zusammen arbeitete. Dies geschwisterliche Idyll war nur ein einziges Mal gestört worden, als Lydia Keriël sich mit einem Filmschauspieler verheiratete. Die Ehe dauerte aber nur drei Wochen, denn schon auf der Hochzeitsreise ging die temperamentvolle Frau ihrem Gemahl mit einem italienischen Offizier durch, worauf der Verlassene es vorzog, sich mit der geduldigeren und lyrisch hochempfindlichen Zofe der Ungetreuen zu trösten. Seither hatte keine noch so grosse anderweitige Leidenschaft den Himmel der Geschwister Keriël zu trüben vermocht — und Dareen war verheiratet ...
Dem Generaldirektor stak die unvermeidliche Importe, die Dareen ihm während der Aufnahmen jedesmal verbieten musste, im fetten, kalten Gesicht; sie war halb zu Ende geraucht, die weisse Asche war aber noch vollkommen unverletzt. Während die Diva bei jedem der gellenden Hammerschläge zusammenzuckte, ging er neben