Tanz ums Licht. Walter Julius Bloem

Tanz ums Licht - Walter Julius Bloem


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müssen.“ Das hatte sie vorhin auch gedacht, es verwirrte sie — aber sie wollte sich diese Worte merken. „Später können Sie dann wieder in Ihren Kleberaum zurück, solange Sie Lust haben.“

      Kein Dank, keine Liebenswürdigkeit. Seine karge Art missfiel ihr und machte sie zugleich seltsam stolz. „Ah — Herr Dareen“, lachte sie, es klang bitter und wild. „Warum soll eine Klebedame nicht auch mal die Lebedame spielen!“

      Frau Kiesering fiel am Nachmittag in Ohnmacht. Die Hitze wurde unerträglich, das ganze Atelier schien ein riesenhafter Brutkasten zu sein. Selbst die alten Filmhasen, wie Koll, Tamaroff und der Komiker Paulsen, liefen mit geschwollenen, unter der Schminke blassen Gesichtern herum und räsonnierten, bis der Regisseur die drei Herren beiseite nahm und sich das energisch verbat. Die Komparsen murrten offen.

      Dareen verständigte sich telephonisch mit der Direktion und konnte jedem der Teilnehmer, der eine Tagesgage hatte, mit Ausnahme der Solisten, eine Zulage in Höhe des halben Honorars ankündigen. Darauf besserte sich die Stimmung im Atelier wieder etwas. Dann wurde einem jungen Beleuchter schlecht, der abermals herbeigerufene Atelierarzt stellte aber fest, dass der Mann bloss zuviel Eiskaffee getrunken hatte. Dareen liess Frau Kiesering rücksichtslos um Wiedererscheinen bitten, sie hatte in der nächsten Szene zu spielen.

      Seine Arbeitskraft schien unerschöpflich. Alle andern schlichen mürrisch, mit gedunsenen Köpfen umher. Lydia Keriël war so abgespannt und gleichgültig geworden, dass Dareen kaum für die halben Minuten des Spiels ein wenig Lebendigkeit aus ihr herauszwingen konnte. Er allein war schwingend frisch, obwohl er sich seit sechs Uhr früh im Atelier befand und in der Mittagspause die neue Darstellerin in die Geheimnisse ihrer Rolle eingeweiht hatte. Wer war denn das eigentlich? Die Klebedame? Nanu!

      Der Chefoperateur stand in einer mühsam verborgenen Erregung bei seinem Apparat. Man lachte über die Klebedame, riss matte Witze über Dareens krause Entdeckerpfade. Der Bucklige pinselte stumm an seinem Objektiv. Isabel — kleine Isabel, dachte er und lauschte einer leisen, wiegenden, wildwehen Melodie, die in ihm klang. Tamaroffs Slawenaugen glühten starr unter der schweissnassen Stirn: gleich wurde eine Szene gedreht, bei der diese Klebekatze zu tun hatte ...

      Frau Kiesering schleppte sich wieder herein, noch elender als zuvor. Dareen war zufrieden, so sehr die Frau ihr: dauerte: sie hatte die Gouvernante der ‚jungen’ Lydia zu spielen — in dieser Eigenschaft konnte sie gar nicht gequetscht genug aussehen. Lydia Keriël war derselben Meinung, sie sagte es flüsternd und gleichgültig ihrem Regisseur.

      Dann kam Koll mit einer Dame, die niemand kannte. Sie trug ein glattes, schwarzes Atlaskleid, vollkommen schmucklos stieg der junge Hals aus dem runden Ausschnitt. Keine Spange, keine Kette zierte die blossen Arme. Die linke Hand hielt spielend über der Brust einen dunklen Schleier zusammen, das reiche Haar floss in einer langen, leichten Welle zum Nacken. Man stiess sich fragend an — und plötzlich lagen aller Augen auf ihr.

      Isabel ging mit der kühlen Ruhe, die ihr Erziehung und Gewohnheit einst gegeben, auf Dareen zu, ohne die hundert Blicke zu beachten. „Etwas sehr raffiniert!“ flüsterte Lydia Keriël vernehmlich und hob das goldgestielte Einglas ans Auge. Wie kam denn diese Klebeperson eigentlich dazu — na ja, die neue Mode stand eben jedem Groschenmädel — mochte früher einmal Gelbstern gewesen sein ...

      In Dareens Gesicht zuckte keine Wimper. Drecolls Kleider ... Man musste dem Freiherrn Damenschneider gelegentlich ein Kompliment machen für die fabelhafte, blitzschnelle Lieferung; drei Kleider hatte er im Auto herausgeschickt, und jedes einzelne war ein Gedicht. Und Isabel hatte sich für das schlichteste entschieden.

      Die Szene war schon probiert, und auf einen Wink gingen die Darsteller an ihre Plätze am Spieltisch — glücklicherweise war es keine Doppelaufnahme. Isabel blieb zurück. Als alles bereit war, kam Dareen zu ihr, nahm ruhig ihre Hand und hielt sie leicht umfasst.

      „Fräulein Gynthenburg,“ flüsterte er, „Sie sind Tamaroffs Schwester. Verstehen Sie: Sie sind Tamaroffs Schwester.“ Sie sah in die grauen, herrischen Augen hinein, lächelte gefangen — und war Tamaroffs Schwester. „Ihr Bruder liebt in sinnloser Leidenschaft die Tochter einer Hochstaplerin. Das Kind muss den Heimlichgeliebten auf Wunsch der Mutter zu immer tollerem Spiel verleiten.“

      Dareen zeigte ihr jede Bewegung, liess Isabel kurz wiederholen und trat zurück — es musste auf gut Glück gehen, das Fräulein wurde augenblicklich von sämtlichen Teilnehmern kritisch angestarrt und durfte nicht beirrt werden, schien sich allerdings um diese allgemeine Aufmerksamkeit wenig zu kümmern. „Lampen auf!“ rief Dareen. Das violette Licht sprang grell und blendend über die festliche Szene. Ein Beleuchter lief noch eilig herbei und hantierte an einer zuckenden Lampe. Dareen hob gelassen die Hand. „Achtung —“

      Als er das vollkommene Schweigen der eben noch von Lärm durchzitterten Riesenhalle mit einer gewissen Seligkeit empfand, alle Willenskräfte wie eine Bogensehne in seiner Hand bereit, fügte er leiser und ruhig, beruhigend sein „Aufnahme!“ hinzu. Buckels Motor begann zu summen; der Regisseur sprach laut die Meterzahlen ins Spiel — mehr nicht, das Einblasen verschmähte Dareen, oder es musste sich einer schon sehr dumm anstellen.

      Im Kreis des violetten Lichts sass Tamaroff neben der ‚jungen’ Lydia. Ein Geldhäufchen lag vor ihm, das wurde zum Bankhalter hinübergezogen. Verspielt. Der Russe lächelte unsicher, schüttelte den Kopf und begann sich zu erheben: „Ich habe jetzt genug verloren.“ Lydia wandte den Kopf zu ihm, ihre Blicke wurden zu einem Netz, das sie um ihn warf und dessen Maschen sie enger, immer enger zog. Da setzte Tamaroff sich wieder zögernd und griff nach der Geldtasche, ohne den gebannten Blick von Lydia Keriël zu lassen.

      Sie spielten nicht, sie lebten.

      Dareen rief den fünften Meter. Isabel trat von einer Portiere des Hintergrundes an Tamaroff heran. Nichts war natürlicher als dies — denn er war doch ihr Bruder, und er verlor unsinnige Summen. So berührte sie seine Schulter mit den Fingerspitzen: „Spiele nicht mehr!“ Und Tamaroff drehte ihr, seiner Schwester, bei dieser ihn wie ein elektrischer Strahl durchzuckenden Berührung das träumende Gesicht halb zu; seine Lider blinzelten unbewusst, er schob das Geld in den Frack zurück — spürte dann Lydiens Hand in einer drängenden Bewegung auf seinem Arm. Strich mit feinen Fingern über die Frauenhand — und wieder verlor sich der Blick des Russen in den flimmernden Augen der Keriël, dann riss er die Banknoten hervor und warf sie auf den Tisch.

      Isabels Gesicht ward undurchdringlich, nur die Hand krampfte den Schleier fester vor der wild pochenden Brust. Das Rad schnurrte lange und stand. Der Bankhalter griff sein Instrument und scharrte das Geld rings herbei, auch Tamaroffs Scheine. Kaum merklich sank der Russe zusammen, und lächelnd, triumphierend hob die Keriël in einer raschen Geste die Hand. Nur Isabel bewegte sich nicht — — das war wider die Abrede, zum Teufel, warum stand sie so steif?!

      „Halt!“ rief Dareen. „Bitte, alles stehenbleiben.“ Entgegen seiner sonstigen Technik hatte er die Szene nicht durch die Nahaufnahmen unterbrechen lassen — das wäre für die Kleberin zu schwierig gewesen. Um die Stimmung nicht zu gefährden, verbarg er seinen enttäuschten Zorn.

      Das Fräulein sah ja recht hübsch aus, spielte aber ganz starr und fiel neben den graziösen Bewegungen der Keriël vollkommen ab. Er versuchte es mit einer Aufmunterung:

      „Ganz gut so, Fräulein Gynthenburg — nur bitte etwas lebhafter, und die Lippen nicht so fest zusammenpressen.“

      „Vollkommener Versager“, raunte er dem Buckligen zu, der seinen Apparat heranrollen liess. Aber Michel blinzelte erstaunt; seine Augen glänzten seltsam, als er dem Regisseur ebenso leise erwiderte: „Warten Sie die Bilder ab.“ Der Regisseur zuckte die Achseln; man war eben in Verlegenheit, und wenn man nicht tausend und etliche Mark in den Wind werfen wollte, so musste man nehmen, was man hatte. Das Fräulein spielte ausserdem eine ganz bedeutungslose Nebenrolle, aber es wäre vielleicht doch besser gewesen, wenn man sich irgendeine Komparsin herangeholt hätte, mochte sie aussehen, wie sie wollte.

      Mit ihrem wachen Sinn spürte Isabel Dareens Unzufriedenheit. Nun — sie hatte sich nicht zu dieser Rolle gedrängt, so wollte sie ihr Bestes tun und hernach wieder mit einem Aufatmen den Klebepinsel in die Hand nehmen. Sie fühlte sich ernüchtert aus der Entrückung des


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