Tanz ums Licht. Walter Julius Bloem

Tanz ums Licht - Walter Julius Bloem


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Manuskript unter den Arm und ging auf sie zu. Um ihre Augen lagen tiefe Schatten, ihr unstäter Blick suchte rastlos im verwirrten Trubel der Vorbereitungen. „Lydia,“ flüsterte Dareen ihr zu, „ich fürchtete schon, Sie würden heute nervös und unruhig kommen zu den schwierigen Szenen — aber Sie sehen aus, dass ich mich in Sie verlieben würde, wenn — —“

      „Wenn —?“ fragte sie lauernd, von einer rosigen Frische überhaucht. Dareen sah es mit Freuden: sie verwandelte sich unter seinen Worten. Ja, sie ist ein Kind, dachte er und zog ihre Hand stumm an die Lippen. Das schien ihr Antwort genug, und sie ging mit verjüngten Schritten in ihre Garderobe. Dareen und der Generaldirektor sahen ihr nach; Keriël trat an den Regisseur heran und klopfte ihm schmunzelnd auf die Schulter, bot ihm dann die Hand zum Gruss.

      Koll war nicht zu erreichen. Isabel fand Frau Kiesering in einer Ecke: eine grämliche, verbrauchte Frau, die Dareen vor ein paar Monaten für kleine Rollen entdeckt hatte und deren müden Augen jede Lebensangst zu glauben war: darum auch war sie gut verwendbar, denn Dareen brauchte Gesichter — aber sie konnte sich nicht recht an die Technik der Aufnahmen gewöhnen. Die Frau las den Handzettel mit mühsamer Beherrschung, ihre Hände zitterten. Isabel versuchte die heimlich Schluchzende zu trösten.

      Als sie weitergehen wollte, wurde der grosse Atelierflügel dahergerollt. Sie trat einen Schritt beiseite und streifte dabei die grellblonde Schauspielerin, die noch mit dem Russen kokettierte. „Bitte zu entschuldigen“, sagte Isabel höflich. Die kleine Dame fauchte sie sogleich mit erhobener Stimme an: „Passen Sie doch auf, wo Sie hintreten, Sie!“

      Dareen hatte es gehört. „Guten Morgen, Fräulein Gynthenburg“, sagte er mit betonter Freundlichkeit, trat an sie heran und erkundigte sich kurz nach ihrer Arbeit. „Wenn Sie eine Frage haben, kommen Sie, bitte, her.“

      Als Isabel zum Ausgang ging, hörte sie Tamaroff zu dem Regisseur sagen: „Schauen Sie, Herr Dareen, wie wundervoll geht Ihre kleine Klebedame.“ Sie spürte Blicke in ihrem Nacken, wandte sich aber nicht um. Ein grosser Spiegel lehnte an einer Furniersäule, im Glas sah Isabel, wie Dareens Augen ihr nachdenklich folgten. Unangenehm — diese geschminkten Zigeuner —

      Isabel setzte sich an ihre Arbeit, nahm Szene für Szene aus dem Zelluloidstreifen heraus, verglich ihr Stenogramm und schnitt weg, was Dareen nicht verwenden wollte. Er behauptete zuweilen, sie habe zuviel entfernt. Es kam auch vor, dass er Teile, die er selber weggeschnitten hatte, später wieder einfügen liess, so dass Isabel die Abfälle zunächst in einer grossen Pappschachtel sammelte, bis der letzte Schnitt erledigt war.

      Immer, wenn sie zehn Nummern geschnitten hatte, nahm sie die in der Reihenfolge nebeneinandergelegten Filmstreifen, klebte sie im Maschinchen zusammen und dann an die grosse Rolle. Wenn Dareen schnitt, war das Kleben in seiner Gegenwart ein für allemal verboten wegen der stechenden Dämpfe, die sich dabei entwickelten. Isabel musste im Nebenzimmer arbeiten, während eine Hilfsperson ihr dauernd die geschnittenen Szenen herüberbrachte. Aber Dareen liess in solchen Fällen seine Kleberin oft genug hereinkommen und fragte sie nach ihrer Meinung, so dass sich die Arbeit vielfach zersplitterte. Dann hatte sie nachher eine Unzahl winziger Filmteile, die nicht mehr durch Nummern gezeichnet waren, fehlerlos einzuordnen.

      So liess sie das Filmband bedächtig durch die Hände gleiten: es rollte nicht etwa, wie es bei ihrem Herrn und Meister oft genug geschah, wie eine Riesenschlange über den Boden, sondern es wurde sauber in Röllchen gewickelt. Flüchtig mass sie die Szenen aus und schnitt sie zusammen.

      Die Arbeit machte ihr Freude, sie spürte einen Formwillen in der kühnen Art, wie Dareen mit eiligem Befehl ungezählte Meter an sich verwendbarer Bilder rücksichtslos entfernen liess, um die Zügel der Handlung straff zu führen. Zuweilen war Isabel anderer Meinung als ihr Chef, sie machte sich dann eine kurze Notiz und sprach später mit Dareen darüber, denn er wusste ein verständnisvolles Zusammenarbeiten meist, aber nicht immer zu schätzen. Für Zweifelsfälle lag neben der Arbeitenden das dicke Manuskript „Roulette“, natürlich im siebzehnten Durchschlag, aus dem sie die Bilderfolge vergleichen konnte, wenn etwas in Verwirrung geriet.

      Isabel hatte drei Tage Zeit. Auf den Neunstundentag, zu dem sie verpflichtet war, legte sie keinen Wert — denn wenn Dareen arbeitete, war sie meist in ihrem Kleberaum, solange der Regisseur im Dienst war. Strebertum lag ihr fern — aber sie hatte nicht die Absicht, dem Glück ihres eigenen sozialen Wiederaufbaus auszuweichen — — und wenn der Zufall es einmal bringen sollte, so wollte sie zu jeder Zeit bereit sein. Wenn nichts zu arbeiten war, so lag ein kleines Bändchen Bérangerscher Gedichte oder sonst ein Strandgut der Vergangenheit zur Hand.

      Vor ihren Augen zog ruckweise die Handlung des Films vorüber — und was dazwischen noch ungedreht war, das las sie ohne Übereilung im Manuskript nach: alles war sauber und raffiniert um Lydia Keriël herumgeschneidert. Doktor Florian war kein Genie, nein, das war er nicht. Isabel wunderte sich, dass Dareen nichts Besseres zu drehen hatte als diese erlogene Geschichte unter reichen Spielern und Hochstaplern.

      Die Diva allerdings hatte ihre Glanzrollen darin, die junge und die alte — und das mochte der Zweck der Übung sein. Ob sie wirklich eine so grosse Künstlerin war, wie Dareen glaubte — — und wie Heino es mit sieben Eiden beschwor? Dummer Bub! dachte sie ingrimmig, dummer, lieber Bub!

      Ein paar Doppelaufnahmen, auf denen die Keriël in beiden Rollen gleichzeitig im Bilde war, hielt sie neugierig ins Licht. Es war nicht das geringste zu entdecken, und Isabel hätte gerne gewusst, wie Michel derartige Tricks ausführte. Heute waren ja auch solche Aufnahmen. Sie musste Koll noch seinen Zettel bringen, dass er die Regenspritzer kopieren solle. So ging sie wieder in die Halle hinüber.

      Über dem Glasdach strahlte der besonnte Himmel, eine dumpfe Schwüle floss in Wellen herab und mischte sich mit der schier versengenden Glut der zahllosen Lampen. Dareen stand in Hemdsärmeln, sein Gesicht war wie in Fett getaucht. Er liess eine der schwierigen Doppelszenen probieren. Isabel blieb im Hintergrund stehen und schaute zu.

      Es sah seltsam aus. Um die Spielbank wogte eine flimmernde Menge — doch nur auf der einen Seite, die andere blieb völlig leer. Lydia Keriël war nicht unter den Darstellern: die Ärmste musste sich heute elfmal umkleiden, umschminken und umfrisieren ... Mit ihrer Kraft sollte sparsam umgegangen werden, und Dareen hatte an Hand von Skizzen schon in Monte Carlo mit ihr Szene für Szene bis in die kleinste Einzelheit probiert. An Stelle der Diva markierte eine alte, widerwärtig hässliche Schauspielerin, die eigens für diesen Zweck engagiert war und sich sehr geschickt bewegte.

      Lydia Keriël kam aufgelöst und müde aus ihrer Garderobe, ging wortlos vorüber und setzte sich an den Flügel, an dem sie gewohnheitsmässig ihre zappelnden Nerven beruhigte. Dareen winkte auf Michels Wunsch die Probe ab, verbesserte die Stellung einiger Komparsen, die der Grenzlinie der Doppelbilder zu nahe kamen, und liess die Szene noch einmal spielen. Tamaroff, der im Bilde stand, rang die Hände: „Ist siebtesmal probieren, Herr Dareen.“

      Der Bucklige stand schwitzend neben seinem Apparat. Isabel bat ihn leise um Aufklärung. Eigentlich hätte er auf die Szene achten müssen, aber weil Isabel es war, die ihn störte, so nickte er erfreut. „Die eine Bildhälfte, auf der jetzt bloss das alte Scheusal steht — ich meine natürlich nicht Frau Keriël — also die eine Bildhälfte habe ich schon belichtet im Apparat, Fräulein Gynthenburg“, flüsterte er. „Darauf war unsere jrosse Lydia so, wie sie ist, nämlich zirka vierzig Lenzlein. Jetzt habe ich das Negativ zurückgerollt — verstehen Sie, Fräulein?“

      „Nein“, sagte Isabel.

      „Also weiter! Gleich wird die andere Bildhälfte gedreht: darauf ist die Gnädige so, wie sie sein möchte, weil sie meint, dann imponiert sie Herrn Dareen mehr: nämlich eine zarte Knospe von höchstens neunzehn Blütenträumen. Wer’s glaubt, wird selig — meinem Kasten kann man nämlich nichts vorschwindeln —, aber die Dummen werden nicht alle. Übrigens: Obacht — die Sache wird interessant“, und er zeigte mit dem Finger auf Lydia Keriël, die selbstvergessen träumend am Flügel sass. Dareen stand jetzt neben ihr, sein Gesicht lächelte, er beugte sich zu ihr nieder. „Darf ich bitten, Lydia. Wir fangen an.“

      Die Keriël schloss die Augen, ihr Kopf machte eine unwillig abwehrende Bewegung: „Lassen Sie mich, ich bin noch nicht in Stimmung“, sagte sie


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