Tanz ums Licht. Walter Julius Bloem
wie Dareen diesmal bestehen würde.
Der Regisseur stützte den Ellenbogen auf den Flügel, über sein hageres Gesicht flog ein träumender Glanz. Alle sahen es, er schien andächtig der Musik zuzuhören. Seine Lippen bewegten sich kaum: „Wenn Sie in einer Minute noch nicht in ‚Stimmung’ sind, Lydia — dann blase ich die ganze Aufnahme ab.“
Es war schon einmal nötig gewesen, dass er diese Drohung wahr machte, und Keriël hatte seiner Schwester dafür eine Riesensumme vom Honorar abgestrichen, aber Dareen hatte die andere Hälfte der verpulverten Unkosten tragen müssen. Sie wusste also, dass er ohne jedes Zögern ausführte, was er sagte — — und spielte mit unbewegtem Gesicht weiter. Dareen hörte ihr wie selbstvergessen zu. Sie spielt wirklich schön, dachte er voller Erwartung.
Etwas wie ein Ausklang ertönte, Lydia liess ihre Hände sinken und erhob sich. Ihre Augen glänzten fiebrisch, lagen hingegeben in den seinen — und ihrer beider Blicke verfingen sich und tauchten für eines Herzschlags Frist unergründlich ineinander.
Das ganze Atelier staunte, denn niemand hatte Dareens Worte hören können. „Wie hat er das bloss mal wieder gemacht?!“ flüsterte Keriël dem grinsenden Tamaroff ins Ohr. Da kam Dareen, er führte seine Spielerin am Arm — in seinen Mienen lag auch nicht der Schatten eines Triumphes.
Es war so heiss, dass vier Friseure vor der Aufnahme herumlaufen mussten, um den Darstellern die gelben, schmutzigen Schweisstropfen von den geschminkten Gesichtern zu tupfen. Mit ihren Handtüchern fingen sie bei den Hauptdarstellern an und endigten bei den kleinsten Komparsen. Isabel sah es und krümmte angewidert die Lippen: da war es in ihrem Kleberaum denn doch appetitlicher ...
Als die Aufnahme vorüber war, liessen sich die „Kanonen“ aufseufzend in umherstehende Sessel fallen. Aus der Kantine wurde Eissorbet für die Solisten und Eiskaffee für die Komparsen herumgereicht. Dareen sah Isabel und nickte ihr freundlich zu: nach ihrer Arbeit brauchte er sich nicht zu erkundigen, seine Kleberin war stets zur Minute fertig, so dass er ihr jede Freiheit lassen konnte.
Beiseite stand immer noch, zwecklos und ungeduldig wartend, die Grellblonde. Als Kilian Koll ermattet vorbeikam, hielt sie ihn energisch am Arm fest: „Sagen Sie mal, Koll: wann kommt denn eigentlich meine Aufnahme?“ Sie bemerkte wohl, dass Dareen einen Augenblick unwillig hinübersah, aber Koll blätterte in seinen Papieren: „Bedaure, Fräulein van Zuiden — die Szenen sind umgestellt worden, Sie kommen erst am Nachmittag dran“, und er wollte weiter — aber die Dame fragte ihn nach tausend Kleinigkeiten und liess ihre Augen so verführerisch plänkeln, dass der Hilfsregisseur ihr nicht ungern zuzuhören schien.
Isabel wollte ihren Zettel abgeben und wieder an ihre Arbeit zurück. „Bitte zu entschuldigen, Herr Koll, ich habe Ihnen — —“ Aber weiter kam sie nicht, denn die Schauspielerin schrie sie wütend an: „Was fällt Ihnen ein, Sie unverschämte Person, jetzt spreche ich mit Koll!“
Derartiges glitt von Isabel ab. „Bedaure,“ sagte sie kühl und hob die Brauen, „ich habe dienstlich mit Herrn Koll zu reden!“
„Scheren Sie sich in Ihren Kleberaum, Sie!“ fauchte die Filmspielerin mit wutzischenden Blicken. Auf diesen Ton hatte Isabel nichts zu erwidern — solche Gemeinheit gibt es nur beim Film, dachte sie schutzlos. Aber Dareen kam ihr zu Hilfe.
„Ruhe!“ schrie er zornig und sprang aus seinem Sessel. „Fräulein van Zuiden — was haben Sie meine Kleberin derartig anzuschnauzen?“ Isabel neigte kurz das Köpfchen und ging in ihr Klebezimmer.
Ihre Hände zitterten, sie fühlte sich angespien. Heino hatte recht, der soziale Sturz ward zur Schande, denn: das Herz blieb hochmütig und wollte sich nicht in die untergeordnete Stellung fügen.
Sie weinte vor Zorn. Was hatte diese widerliche, geschminkte Person eigentlich zu spielen? Die war doch in den bisherigen Szenen nicht vorgekommen. Im Darstellerverzeichnis stand der protzige und hoffentlich waschechte Adelsname neben der Rolle einer englischen Lady ... Nun musste sie unter Tränen lächeln: Mein lieber Dareen, da haben Sie aber sehr daneben gegriffen! Eine englische Lady benimmt sich reichlich anders — das glaube ich bestimmt zu wissen ... Übrigens war man Dareen einigen Dank schuldig. Ja, Dareen war ritterlich — aber die anderen — —
Das war die Filmwelt, wie sie sich vor ihren Augen zeigle: ein lächerliches Gemisch von Leidenschaft und Schminke, von Inbrunst und Hysterie, von wilder Arbeitslust und anmassender Faulheit. Da war nichts zu entwirren, und der Scheltende irrte so sehr wie der Lobende. Dies Parfüm roch wunderlich bittersüss, man lechzte danach und ekelte sich davor, in einem Atemzuge.
Während der Mittagspause schwärmten die geschminkten Komparsen vor Isabels Fenstern. Die Kleberin legte ihre Arbeit zur Seite, spannte die grosse Rolle ins Kinoskop und sah sich durch das Vergrösserungsglas an, was sie bisher geschnitten hatte. Währenddessen verzehrte sie ihr bescheidenes Margarinebrot.
Plötzlich trat Dareen ein, auf seinem Gesicht zuckte die Erregung. Er ging wortlos zum Fenster, schloss es ab, wandte sich dann zu Isabel um und musterte sie prüfend vom Kopf bis zu Füssen. Ihr Herz begann zu klopfen: was wollte er denn? — und eine feine Röte stieg ihr ins Gesicht.
„Herr Dareen —?“
Aber da er immer noch nichts erwiderte, drückte sie wieder auf den Knopf ihres Apparates und beugte sich interessiert über die Bilder. Wenn Dareen etwas wünschte, dann konnte er ja wohl seinen Mund auftun.
Endlich fuhr sich der Regisseur mit der Hand über die grauen Schläfen. „Sie wurden von einer Schauspielerin belästigt. Die Dame sollte eine englische Aristokratin spielen — das kam mir vorhin schon ziemlich unmöglich vor, denn, Fräulein Gynthenburg: vorm Objektiv gibt’s keine Lüge. — Sie lächeln? Wer sind Sie eigentlich?“
„Was wünschen Sie, Herr Dareen?“
„Nun — diese Similidiva steht jetzt ungeschminkt im Atelier und weigert sich, ihre Kokottenhaare umfrisieren zu lassen. Sagt, der Bubenkopf sei jetzt modern. ‚Ich mache nichts Modernes’, habe ich ihr geantwortet, ausserdem sei das kein Bubenkopf, sondern eine Wuschelfrisur. ‚Mia May trägt sie auch!’ sagt sie. Kurz und gut: ich habe bis drei gezählt und ihr die Rolle sofort abgenommen. Danach liess ich bei verschiedenen Filmspielerinnen telephonisch anrufen, konnte aber in der Eile keinen Ersatz auftreiben. Unter den Komparsen ist nichts Passendes zu finden, wir sind ja nicht in Amerika. Jetzt meint Tamaroff, Sie könnten so etwas darstellen — und ich muss sagen, die Sache scheint mir nicht unmöglich.“
Kam die grosse Stunde? Als Spielerin nicht, weniger denn je! „Leider durchaus unmöglich, Herr Dareen.“
„Wieso, bitte?“ Aus den hellen Augen des Regisseurs kam ein bohrender Strahl, aber Isabel hielt ihn aus. „Ich bin als Kleberin angestellt“, sagte sie mit lächelnder Ruhe. Dareen schob in einer ärgerlichen Bewegung die geordneten Filmstreifen beiseite und lehnte sich an den Klebetisch. Jetzt muss ich meine Szenen nachher alle wieder zusammensuchen, ging es Isabel unmutig durch den Kopf.
„Also liebes Fräulein: Sie eignen sich für diese Rolle — und ich muss mich binnen zehn Minuten für einen Ersatz entscheiden, sonst fliegt mir der ganze Aufnahmetag in den Schornstein. Sie erhalten das Honorar, das dem sogenannten Fräulein van Zuiden zugestanden hätte —“
Eine flüchtige Bewegung des Mädchens unterbrach ihn. „Darum handelt es sich nicht.“
Der Regisseur sah ihr forschend unter die Stirn: „Um so besser, meine Gnädigste. Übrigens: Sie scheinen nicht als Klebedame geboren zu sein.“ Ihr Herz schlug einen heftigen Stoss: „Sind Sie als Erster Regisseur auf die Welt gekommen, Herr Dareen?“
Dareens Hand spielte achtlos mit den zerstreuten Filmstreifen und warf sie vollends durcheinander. Gewiss nicht — da waren Kämpfe gewesen, Leidenschaften ... und Konzessionen. „Fräulein Gynthenburg — ich beginne mehr und mehr, vor Tamaroffs Blick Respekt zu bekommen. Sie haben also drei Spieltage — die Rolle hat nur Innenaufnahmen.“
Wollte er so über sie verfügen? In einer letzten Abwehr, die unter seinem Blick unsicher wurde, stiess sie unmutig und doch gefesselt hervor: „Und wenn ich nicht will —?“
Er