Love – Konsequent scheitern (Band 2). Ellen M. Zitzmann
starrte, fasste er kurz zusammen: „Die Libido hält in jeder Beziehung etwa drei Jahre an. Nach der Eheschließung sinkt die Lust stark ab. Frauen sind beim Sex schneller gelangweilt als Männer, die sich entgegen der landläufigen Meinung wenig aus sexueller Vielfalt machen. Primatenweibchen sind beim Sex die agierenden Kräfte und stellen attraktiven Primatenmännchen nach.“ Manuel hob den Kopf. Mit einem schalkhaften Ausdruck in seinem Gesicht kommentierte er: „Aha, Frauen stellen also Männern nach. Die Katze ist aus dem Sack.“ Und folgerte daraus, dass sich das romantische Modell der monogamen Ehe auf keinen Fall mit den angeborenen menschlichen Trieben verträgt, weil es die Beziehungspartner in einen endlosen Kreislauf von Frustration und Enttäuschung hineintreibt.
Mara ignorierte seine Anspielung, amüsierte sich dagegen köstlich über die kessen Primatenweibchen. Seelenruhig fragte sie in die Runde, was Beziehungspartner tun können, um der absinkenden Lust auf Sex in einer langjährigen monogamen Ehe entgegenzuwirken.
„Davonlaufen, betrügen, sich zusammenreißen, einer Therapie unterziehen? Oder den Rest des Lebens mit Leere und Nichts verbringen“, antwortete Giulia wie aus der Pistole geschossen. Giulia kam ins Grübeln. Auf dem Weg zum Herd gab sie zu, dass sie in ihrer Verliebtheit oft die agierende Kraft und die Jägerin war. Sie schaltete das Kochfeld der Herdplatte ein, um Rühreier zuzubereiten.
Mara war nicht mehr zu bremsen: „Eine Affäre stellt doch vieles auf den Kopf: Gewohntes, Verhaltensmuster, Bilder, Vorstellungen über die Liebe und Sexualität, die sich selten mit den eigenen Bedürfnissen und denen des Partners decken. Sollten sie das dann doch tun, ist das ein absoluter Volltreffer.“ Mit süßester Stimme fügte sie hinzu: „Affären fordern uns doch alle heraus. Weil sie ein Neudenken darüber einfordern, welche Dinge in der bestehenden Beziehung vernachlässigt wurden. Nach meinem Empfinden eignen sich Affären auch gut dafür, neue Sexpraktiken auszuprobieren und alte Gewohnheiten loszuwerden. So gesehen, sind sie niemals nutzlos, da sie für gewöhnlich die erlahmte Sexualität in einer monogamen Beziehung anregen.“
„Aber, aber, Mara“, erwiderte Manuel hörbar irritiert und sprach in einem sachlichen Ton weiter: „Auch wenn mir der Gedanke zugegebenermaßen gefällt, hätte ich meiner Ex doch nie im Leben sagen können, dass Fremdgehen gut für eine Ehe ist, weil man dann neue Sexpraktiken ausprobieren kann. Ihre Liebe hätte ich sofort verloren. Vielleicht hätte sie mich auch mit einem Messer attackiert!“ Mit der Gabel stocherte er in dem Rührei herum, das ihm Giulia auf einem Teller mit extra viel Speck serviert hatte. Manuel gab zu, dass diese Liebe auch ohne Fremdgehen lange vor der Scheidung verloren war. Noch nie hatte er Mara so waghalsig sprechen hören, was er dem Umstand zuschrieb, dass ihre gemeinsame Schulzeit schon lange her war. Vielleicht zwanzig, vielleicht fünfundzwanzig Jahre. Jedenfalls war Mara damals äußerst schüchtern und stand nur ungern im Mittelpunkt. Er betrachtete ihr dunkelbraunes Haar, das in der Nachmittagssonne glänzte und ihrem Gesicht ein besonders elegantes Aussehen verlieh. Und je länger er Mara ansah, desto geheimnisvoller und anziehender wirkte sie auf ihn. Manuels Gefühle spielten plötzlich verrückt. Es war eine Mischung aus Erregung, Unsicherheit, Angst, Freude. Er schien drauf und dran, sich wieder in seine Jugendliebe zu verlieben.
Mara streckte ihr Gesicht der Sonne entgegen und genoss die Wärme auf ihrer Haut. Von Manuels verliebten Blicken blieb sie ungerührt. Ein wissendes Lächeln huschte über ihr Gesicht, als sie im nächsten Augenblick ihre dunkle Sonnenbrille abnahm und erfrischend unprätentiös zu erzählen anfing: „Nach meiner Scheidung konzentrierte ich mich auf meine Karriere und meine minderjährige Tochter. Mein Mann und ich teilten uns das Sorgerecht. Es gab Gott sei Dank keine Streitereien, so blieb uns der Gang zum Jugendamt erspart. Nach meiner Banklehre studierte ich Kommunikationswissenschaften. Bald danach kam ein lukratives Angebot von einer englischen Großbank. Dem konnte ich nicht widerstehen. Ich zog nach London. Sarah blieb bei meinem Ex-Mann in Hamburg. Sie besuchte mich, so oft es ging. In der Bank arbeitete ich mich zur Abteilungsleiterin hoch. Heute verantworte ich das Gesamtmarketing, Spenden und Sponsoring inklusive. Ich bin sehr stolz, vom Geldbeutel eines Mannes unabhängig zu sein. Und beruhigt, dass ich am Ende meines beruflichen Lebens nicht auf eine Teilzeit-Patchwork-Biografie zurückblicken muss – in einem Alter, in dem Männer meist noch eine Hierarchieebene nach vorne rücken, um die Früchte ihres langen beruflichen Aufstiegs in den Ruhestand hineinzu-retten.“
Mara hatte viel erreicht, und Manuel war voller Bewunderung für sie. Zwar waren ihm Einzelheiten ihrer Biografie unbekannt, aber ihr mutiger Lebensweg imponierte ihm. Das war ihm anzusehen.
„Wie wahr, wie wahr.“ Giulias Stimme klang warm und melancholisch, und Clarissa, die sich inzwischen wieder zu ihnen gesellt und Maras Worte vernommen hatte, wusste sofort, was Giulia damit sagen wollte. Nur allzu gern hätte sie jetzt von ihr wissen wollen, weshalb die Sache mit Alex schiefgegangen war, mit der Liebe ihres Lebens, was sie oft genugbetonte.
Giulia schwieg, was sie immer tat, wenn jemand auf Alex zu sprechen kam. Clarissa war der ganzen Heimlichtuerei so verdammt überdrüssig, und statt dass sie die Entwicklung des Gesprächs abwartete, ging sie zurück ins Haus, um nach ihrem Handy zu suchen.
„Nach Alex“, begann Giulia leise, „habe ich es mit Online-Dating probiert. ElitePartner, Parship, eDarling, OkCupid schienen mir seriöse Anbieter zu sein, zumal sie sich von Anbietern wie Tinder abgrenzen.“
„Und dann? Wie ging das weiter?“, fragte Mara voller Neugier, während Clarissa laut und wütend auf die Terrasse gestürztkam.
„Ich frage mich wirklich, warum ich mit dem Idioten noch unter einem Dach wohne, der, wenn ich weg bin, nicht imstande ist, Absprachen einzuhalten und die einfachsten Dinge zu erledigen. Weder das Katzenfutter noch das vorgekochte Essen findet, und mir wegen jedem Scheiß eine Textnachricht schickt. Wie soll ich da den Kopf vom Alltag freikriegen?“ Clarissa war mächtig sauer auf ihren Mitbewohner. Mit voller Wucht knallte sie ihr Handy auf den Tisch.
„Versuchs doch mal mit der Online-Partnervermittlung. Vielleicht erledigt sich das Problem dann von selbst? Gerade wollte uns Giulia über ihre diesbezüglichen Erfahrungen berichten.“ Mara beruhigte Clarissa doch insoweit, dass sie weder vor Zorn platzte noch davonlief, sondern sich auf einen Gartenstuhl setzte. Nachdem sie ein paarmal tief ein- und ausgeatmet hatte, wozu ihr Mara riet, ließ ihre Anspannung merklich nach. Als sie bemerkte, dass sie in der Wut das Kleid falschherum angezogen hatte, musste sie herzhaft lachen. Im Sitzen zupfte sie hier und da noch an dem Kleid herum, beließ es dann dabei.
Mara nahm davon keine Notiz und bat Giulia fortzufahren.
„Ähm, wo war ich stehen geblieben?“
„Na ja, dass du es bei seriösen Anbietern versucht hast“, half ihr Manuel auf die Sprünge, der gerade sein Handy entsperrte.
„Und, wie lief das genau ab?“, fragte Clarissa total interessiert.
„Nun, beim Online-Dating kann man jedes Detail selbst bestimmen: Körpergröße, Beruf, Bildungsabschluss, Verdienst, Hobbys, Temperament, Charaktereigenschaften, Sternzeichen. Und im Vorfeld abklopfen, ob potenzielle Partner auch ja das Zeug zu einem Traummann haben. Das ist faszinierend, denn ich war die Herrin. Zunächst wählte ich astrologische Feuerzeichen aus, Schütze-, Widder-, Löwe-Männer.“
„Hm, warum das denn?“, unterbrach sie Clarissa.
„Weil man diesen Typen männliche Tatkraft, Treffsicherheit, Selbstbewusstsein, Siegeswillen, Souveränität, Freiheitsliebe nachsagt“, scherzte Giulia. „Diesen Kerlen unterstellte ich dann, dass sie mit einer Fernbeziehung, einer sogenannten Living Apart Together-Beziehung, zurechtkommen würden.“ Giulia wurde sehr nachdenklich, als sie berichtete: „Ich habe mich durch Hunderte von Profilen geklickt. Man muss sich das wie eine virtuelle Casting-Show vorstellen. Als mein Testergebnis vorlag, habe ich mir ein buntes Sortiment aus künstlerischem Eigenbrötler, Underdog, ausgemachten Karrieretypen zugelegt. Alle zwischen 40 und 50. Daraufhin hatte mich das Einkaufsfieber gepackt. Wobei klar war, dass der Richtige nur mit einer Premium-Mitgliedschaft zu finden war. So habe ich mich für eine 12-monatige Mitgliedschaft entschieden, um an die lukrativen Premium-Angebote heranzukommen.“
„Wie, was?“, unterbrach sie Mara abrupt.
„Na ja, bei diesen Angeboten handelt es