Love – Konsequent scheitern (Band 2). Ellen M. Zitzmann
Menschen auf der ganzen Welt in Kontakt treten könne. Und dass in Zeiten von hohen Leistungsanforderungen, internationaler Mobilität und persönlichen Verpflichtungen das Internet eine effiziente Sache sei, sich schnell zu informieren und umzuschauen, wenn man mit einer bestehenden Beziehung unzufrieden sei, einen Abbruch verkraften müsse oder sich einfach nur neu orientieren wolle. „Zweifelsohne haben Google, Facebook, Instagram und alle anderen auch Vorteile“, folgerte sie.
Clarissa, die sich aus guten Gründen zurückgehalten hatte, wandte sich höflich an Manuel: „Du lebst in Kopenhagen. Deine Söhne pendeln zwischen Hamburg und Kopenhagen hin und her. Deine Freunde sind auf der ganzen Welt verstreut und …“
„Diese Beziehungen sind aber alle in der Realität gewachsen“, unterbrach er sie energisch.
„Und, ähm, in solchen Fällen ist das Internet einfach spitze. Was ich kritisiere und noch mehr bezweifle, ist, dass wegen eines bloßen digitalen Kontaktes eine Liebesbeziehung entwickelbar ist, die in der Realität über einen längeren Zeitraum hinweg Bestand hat.“
„Die digitalen Medien haben aber auch meine in der Realität gewachsenen Kontakte ganz schön im Griff.“ Diesen neuen Aspekt brachte Giulia ein.
„Hm. Wie soll man das verstehen?“, fragten Manuel und Clarissa gleichzeitig.
Sie würde die Leute in ihrem privaten Umfeld immer weniger oft in der Realität treffen, erläuterte Giulia ihre Gedanken und fuhr fort: „Wir chatten inzwischen doch alle quasi Tür an Tür. Stundenlange persönliche Gespräche. Das Zusammensitzen wie früher, in denen die Tagesaktivitäten besprochen oder Gedanken geordnet wurden, wenn die Emotionen hochschlugen, gehören heutzutage doch zu einer aussterbenden Kommunikationsform.“ Wohingegen man auf diese Nähe in der Kommunikation doch schlecht verzichten könne, wenn man beispielweise Vertrauen und soziale Sicherheit in einer Liebesbeziehung nach einem Seitensprung zurückgewinnen möchte. „Überhaupt, was heißt denn früher? Die Zeit ist ja gerade so mal vorbei.“ Giulia schnippte mit den Fingern, als ob sie die alten Zeiten herbeizaubern wollte. „Vor ein paar Jahren war es noch egal, was man füreinander tat. Wichtig war, dass jemand da war, wenn man jemanden brauchte, und dass man sich darauf verlassen konnte. Heute findet man diesen Jemand immer weniger oft in der Realität als im Internet. Das ist doch verrückt!“
„Die Medien wirbeln unser soziales Miteinander ganz schön durcheinander. Verhaltensweisen, Werte. Ähm, all das verändert sich massiv.“ Clarissa fasste sich an die Brust, wo ihr Herz saß, war es doch genau das, was ihr in ihrer Ehe mit Dennis am meisten fehlte: Gehaltvolle Gespräche am Tisch, anstelle von endlosen WhatsApps und Mails. Ihr fehlten die einfachen Rituale in ihrer Beziehung: Gemeinsam positiv in den Tag starten, einen gemeinsamen Abend genießen, die ein oder andere Zärtlichkeit im Alltag, der Anruf, wenn es eine Terminänderung gibt. War sie zu Hause, stand Dennis in der Küche seines Sternerestaurants, instruierte das Personal, sprach mit den Gästen, saß bis tief in die Nacht im Büro. War er zu Hause, arbeitete sie in der Kanzlei, hastete von einem Gerichtstermin zum anderen. Kommuniziert wurde via Handy – zu Hause war man allein. Und weil Clarissa dieser Kopfzirkus zu viel wurde, stand sie wortlos auf und verschwand.
„So schwer es fällt. Wir kommen nicht umhin, unsere Beziehungen in der Realität zu pflegen“, betonte Giulia. „Auf Dauer kommt doch keine Beziehung ohne nachhaltige, reale Kontakte aus. Wie soll man ein anderes Leben sonst verstehen?“ Giulia saß Manuel gegenüber und fragte ihn unverblümt: „Wie oft hast du deine Ex in den Arm genommen, einfach so, ohne Grund, und ihr gesagt, dass es schön ist, dass sie da ist?“ Sie beugte sich etwas nach vorn, weit genug, sodass er tief in ihren Ausschnitt schauen konnte, wich wieder zurück und richtete sich kerzengerade auf.
Manuel ließ das Feuerzeug aufflammen und zündete sich die Zigarette an, die er zwischen den Fingern hielt. Ungerührt sah er Giulia an, zuckte mit den Schultern und sagte in einem pathetischen Ton: „Vergangene Erlebnisse reichen auch nicht aus, um eine Beziehung nachhaltig zu pflegen. Auf der Basis von gegenwärtigen Momenten planen wir doch Zukünftiges. Menschen, die wir lieben, mit denen wir zusammenleben und zusammenarbeiten, müssen wir daran teilhaben lassen.“
Während diese und die anderen Dialoge sehr berührend waren und zum Nachdenken anregten, war es ziemlich bedauerlich, dass Manuel danach verstummte, was wohl daran lag, dass sich Mara im Korbsessel regte. Wie eine Katze streckte sie sich, während sie herzhaft gähnte. Manuel schien total fasziniert davon zu sein, wie geschmeidig sie ihren superschlanken Körper von links nach rechts drehte.
„Habe ich was verpasst?“, fragte sie spitzbübisch, als sie mit ihrer Darbietung fertig war, und erklärte, dass sie vor sich hingedöst und sich nicht auf die Konversation konzentriert hätte.
Giulia antwortete. „Wir sprachen über Love-Apps – Tinder und Co, darüber, dass man sich in der Liebe auf keine normierten Abläufe festlegen kann und dass …“ Mitten im Satz brach sie ab. In ihrer Haut fühlte sie sich unwohl, obschon sie von Natur aus zuvorkommend und gefällig war. Die Rolle der braven Schülerin, die Rede und Antwort stand, sobald man sie fragte, hatte sie hinter sich gelassen. Manuel könne doch berichten, sagte sie schnippisch, stand auf, um nach Clarissa zu suchen, die wie vom Erdboden verschluckt war.
Eilig ging sie in die Küche, danach durch den Garten die Treppen zum Pool hinunter. „Vielleicht füttert sie ja die Fledermäuschen im Keller, am Hang, unterhalb vom Pool“, rief ihr Mara heiter hinterher.
Der Erdkeller stand offen. Giulia ging langsam und in leicht gebückter Haltung hinein. Ihr Blick wanderte herum. Es schien sich um einen zweckentfremdeten Lagerraum zu handeln, in dem der Gärtner, der auch für die Poolanlage zuständig war, seine Gerätschaften in einer Ecke aufbewahrte. In der gewölbten Decke klafften Risse, und im Gemäuer gab es unzählige Nischen und Löcher durch die Sonnenlicht drang und die kleinen Vampire rein- und rausfliegen konnten. Von einem befreundeten Biologen wusste sie, dass die nachtaktiven und streng geschützten Tierchen auch Gebäude besiedelten, um sich dort tagsüber in den Mauerrissen zu verstecken und sich vor Eindringlingen zu schützen. Der Eigentümer der Finca muss ein Tierschützer sein, überlegte sie, weil er die Nachtjäger nicht aus ihrem Kellerquartier verjagte. Ob sie sich gerade an der Decke kopfüber schlafend festhielten oder im Gemäuer versteckten, konnte Giulia beim besten Willen nicht erkennen. Und ganz gewiss wollte sie die Kerlchen nicht aufscheuchen. Zumal ihr bei dem Gedanken, sie könnten jederzeit über ihren Kopf hinwegfegen, unheimlich wurde und sie sich deshalb auf und davon machte. Als Giulia draußen um die Ecke in Richtung Pool ging und Clarissa mit einer Sichel in der Hand, einem Küchensieb und Beutel wie aus dem Nichts vor ihr auftauchte, stieß sie einen lauten erschreckten Ton aus.
„Hast du ein Eis dabei?, scherzte Clarissa.
„Nee. Ich habe nach dir gesucht. Und bei der Gelegenheit erfahren, dass sich im Keller Fledermäuse eingerichtet haben. Was machst du hier unten?“
Giulia ließ sich die Furcht vor den Tierchen nicht anmerken und tat so, als sei nichts geschehen. Ihre Freundin liebte Tiere. Fledermäuse genauso wie Lino, den Esel auf dem Nachbargrundstück, den sie täglich mit einem Apfel fütterte.
„Ich sammle Kräuter für die nächste Runde Limo. Die ersten zwei Liter gingen ja weg wie nichts. Außerdem lenkt mich das ab.“
„Aha. Brauchst du Hilfe?“
„Nein. Bin gleich fertig.“
Giulia stieg die Natursteintreppen zur Terrasse wieder hoch. Schon von weitem erkannte sie, dass Mara nach ihr Ausschau hielt. Und als sie an den Tisch trat, warf sie ihr einen fragenden Blick zu. Clarissa würde im Garten Kräuter sammeln, erwiderte Giulia sogleich und fragte Mara leicht provozierend, ob sie denn was verpasst hätte? Mara ging auf ihre Anspielung mit keinem Wort ein, während sich Giulia an die Kopfseite des Tisches setzte, wo sie die Geschehnisse im Blick hatte. Sie war immer noch etwas verstimmt, was sie auf Maras affektiertes Getue zurückführte. Mal sitzt sie da, mal dort. Mal schläft sie, mal beteiligt sie sich, sodass sie stets die gesamte Aufmerksamkeit auf sich zog.
„Kennt jemand John Wilson?“, fragte Manuel plötzlich aus heiterem Himmel und unterbach Giulias wirren Gedankenstrom. Gleich darauf lief er ins Haus und kam mit einem Buch unterm Arm rasch zurück. „Ich liebe dich