Love – Konsequent scheitern (Band 2). Ellen M. Zitzmann
herum schien vergessen.
„Ich habe nicht an die Männer gedacht, die einen Event daraus machen, Frauen zu betrügen, zu belügen, ihnen nachzustellen, sie abzuschleppen. Es ging mir um die viel-beschworene Treue in einer Langzeitbeziehung. Ähm, darum, wie man Sex und Erotik darin am Leben erhalten kann, ohne sich laufend auf Nebenschauplätze einlassen zu müssen“, verteidigte sich Manuel. „Das ist doch ein quälend-lähmender Marathon, wenn man sich aus reinem Pflichtgefühl ein Leben lang mit ein und derselben Person abrackern muss. Außerdem hast du vorhin selbst gesagt, dass Affären neuen Schwung in Beziehungen bringen. Oder habe ich da was falsch verstanden?“
„Nein, hast du nicht. Davon bin ich nach wie vor überzeugt, vorausgesetzt etwaige Affären werden offen angesprochen und konstruktiv aufgearbeitet. Eine Geheimnistuerei zerstört doch die emotionale Sicherheit in einer Beziehung“, konterte Mara.
„Emotionale Sicherheit?“ Auf Manuels Stirn bildeten sich Denkerfalten. Er wirkte etwas desillusioniert, auf eine Art, die man nicht richtig bestimmen konnte. Mara begründete: „Heutzutage geht es in den Beziehungen nicht mehr um die wirtschaftliche Sicherheit, die früher bei einem Seitensprung in erster Linie gefährdet war, sondern um die emotionale Sicherheit, die, wenn sie zerstört ist, eine Identitätskrise bei der betroffenen Person auslösen kann. Weil dann das Bild zerstört ist, dass man alles für den Beziehungspartner ist – Sexpartner, Freund, Seelenklempner, Kumpel – und man seine Erwartungen und Ansprüche analysieren und kritisch hinterfragen muss.“ Mit unbeteiligter Miene beobachtete sie Clarissa, die intensiv mit ihrem Handy beschäftigt war, erhob sich und sagte nachdenklich: „Aber du hast recht, Manuel. Auch ich kann mir keinen Reim darauf machen. Ich meine, wie es zu schaffen ist, Erotik in einer langen Beziehung am Leben zu erhalten?“
„Erotische Intelligenz.“ Clarissas Kommentar überraschte sie, vor allem, weil er so unerwartet kam. Sie legte das Handy zur Seite und gestand ein, dass sie mit Dennis eine Paartherapie machen wollte. „Schon mal was davon gehört?“, fragte sie. Manuel schüttelte den Kopf. Mara verneinte ebenfalls. Offensichtlich konnte Clarissa gleichzeitig Nachrichten auf ihr Smartphone eintippen und zuhören. Denn sie wusste genau, worüber die beiden sprachen, als sie fortfuhr: „Auch mir stellt sich die Frage, wie es Leute schaffen, über Jahrzehnte die Lust und Erotik in einer Partnerschaft aufrechtzuerhalten. Doch als mich Giulia auf Esther Perel aufmerksam machte, begann ich mich mit ihren Ansätzen zu beschäftigen und wurde fündig.“
„Klingt spannend. Erzähl“, sagten die beiden wie aus einem Mund.
„Hm. Perel sieht in Affären und Seitensprüngen nicht das Ende einer langjährigen Beziehung, sondern Chancen auf eine Neuausrichtung, auf Wachstum, Selbstentdeckung und auf mehr Lustgewinn. Verständlich, dass ihre progressiven Ansätze nicht überall auf Zustimmung stoßen und sie sich mit Hassmails der übelsten Art auseinandersetzen musste. Sie ließ sich jedoch nicht entmutigen und ging mit dem sehr emotionalen Thema ,Untreue in traditionellen Beziehungen‘ an die Öffentlichkeit. Sie gründete einen Podcast und stellte immer wieder die simple Frage: Where should we begin? In ihren Vorträgen können die Zuhörer eigene Ideen und Konzepte auf einer großen Bühne präsentieren. Weltweit motivierte sie Paare, an ihren öffentlichen Therapiesitzungen teilzunehmen. Auch wenn die vollständige Anonymität dabei nicht garantiert war, breiteten Millionen von Menschen ihr innerstes Gefühlsleben aus und redeten über intimste Beziehungsprobleme. Zwar sind die Ansätze von der Therapeutin nicht neu, aber das digitale Angebot ist einzigartig.“ Clarissa beteuerte, dass sie davon zwar fasziniert sei, da es sich theoretisch gut anhören würde, doch sexuelle Untreue und mangelnde Verlässlichkeit hätten ihr schon immer schwer zu schaffen gemacht, und das Thema würde sie nach wie vor ziemlich belasten.
„Affären, Erotik, Sex – das sind mächtige Beziehungsthemen“, brachte sich Giulia ein, die wieder unter ihnen weilte und gleich wusste, worum es ging. Sie hatte sich zurechtgemacht und sah in der weißen Sommerbluse zum Anbeißen aus. „Ehrlich, das ist auch der Grund, warum ich mich auf Lucas nicht einlassen will. Weder läuft die Sache rund, noch sind die Chats mit ihm befriedigend. So ist es unmöglich herauszufinden, was wirklich los ist. Ist es der Reiz des Verbotenen? Der Durst nach Abenteuer und Abwechslung? Will er gewisse unerfüllte Sehnsüchte mit Erfolg krönen?“ Zwanglos plauderte Giulia heraus, worüber sie sich im Moment in dieser Liebesangelegenheit den Kopf zerbrach.
„Der Mann soll sich besser auf Tinder umschauen. Dort kann er sich nach Lust und Laune austoben“, riet ihr Clarissa unverhohlen.
„Bei Tinder findet er jede Menge Frauen, die Lust auf schnellen Sex haben, wenig Wert auf persönliche Ansprachen und das romantische Drumherum legen. Man muss sich weder auf den anderen einlassen, noch eine Einladung für ein Abendessen oder ins Kino aussprechen“, bekräftigte Mara, die wieder im Korbsessel im Schatten saß, und, wie es den Anschein hatte, schon praktische Erfahrungen mit der Dating-App gemacht hatte.
Manuel hörte angespannt zu. Doch er ließ Mara erst ausreden, bevor es regelrecht aus ihm herausplatzte: „Wisst ihr, dass sich bei Tinder so mancher Flirt als Betrug entpuppt und im Stalking endet?“
„Darüber habe ich mir echt noch keine Gedanken gemacht.“ Clarissa schaute Giulia an, die verneinend den Kopf schüttelte.
Manuels Beschützerinstinkt erwachte. Wild entschlossen fing er an: „Probleme gibt es vor allem dann, wenn ein Mann eine Zurückweisung nicht verkraftet, seine Machtposition aber mit aller Gewalt verteidigen will.“ Er machte eine Pause, atmete tief ein und fuhr mit leiser Stimme fort. „Das Prinzip von Tinder ist denkbar einfach: Wenn eine Frau einem Mann gefällt, dann wischt man rechts über das Display und ein grüner Kasten erscheint mit dem Wort: Like. Gefällt ihm eine Frau nicht, wischt er sie nach links, und weg ist sie. Wenn sich zwei Personen ein ‚Like‘ schenken, kommt es zu einem ‚Match‘. Der Love-Chat kann beginnen.“
„Für Menschen ab dem dreißigsten Lebensjahr, die in der Leistungsmaschine gefangen sind, ist Tindern ein extrem bequemes und billiges Mittel auf der Suche nach Liebe“, äußerte sich Clarissa dazu.
„Ganz genau. Denn persönliche Treffen ergeben sich gewöhnlich sehr schnell, auch wenn man bis zuletzt nicht weiß, wer einem dann tatsächlich im realen Leben begegnen wird“, bekräftigte Manuel spontan und führte aus, dass es den Leuten meist um Sex gehen würde, so lange, bis ein Partner anfängt, unbequeme Fragen und Forderungen zu stellen. „Wenn einem das dann zu viel wird, holt man sich den nächsten Partner, die nächste Partnerin. Zweifellos kann man auf diese Weise jede Menge von unterschiedlichen Bekanntschaften machen. Selbst, wenn man an One-Night-Stands kein Interesse hat.“
„Warum kennst du dich bei Tinder so gut aus?“, fragte Giulia neugierig und setzte sich gerade auf.
Aus der zerknautschten Zigarettenschachtel vor ihm fischte Manuel abermals eine Zigarette heraus. Anstatt sie jedoch anzuzünden, hielt er sie zwischen den Fingern. Er antwortete: „Mein Sohn.“ Es dauerte eine Weile, bis er mit etwas mehr Details herausrückte: Dass sein Ältester der App verfallen wäre und ihm nichts anderes übrig geblieben sei, als sich damit auseinanderzusetzen. Da er den Kontakt zu Tobias nicht verlieren wollte. Und mit einem sachlichen Vatergesicht bemerkte er: „Im europäischen Vergleich gehören Deutschland und Großbritannien zu den größten Tinder-Märkten. Seit der Jahrtausendwende sind in diesen Ländern weit über 100 Millionen Profile angelegt worden. Bei Tinder werden oft Leute aus der unmittelbaren Umgebung angezeigt, was für die schnelle Erreichbarkeit dienlich ist. Natürlich kann jede Person selbst entscheiden, was und wie viele Informationen man über die persönliche Wohnsituation, über Vorlieben und Interessen preisgegeben will. Kinder und Jugendliche kommen damit aber nicht zurecht. Da sie doch schnell und freiwillig alles über sich herausrücken, wenn es um Liebe und Erotik geht.“
Manuel betonte, dass er das Suchen nach Liebe in der digitalen Welt keineswegs per se verteufeln würde, und dass nicht hinter jedem digitalen Liebesprofil gleich eine Enttäuschung lauern würde, aber die Sache mit seinem Sohn würde ihn sehr beschäftigen. Seit Monaten würde er sich überwiegend in seinem Zimmer verschanzen, egal wo, in Kopenhagen bei ihm oder in Hamburg bei seiner Ex. Es war ihm anzusehen, dass ihm die Sache unter die Haut ging.
Giulia zeigte sich verständnisvoll und lenkte das Thema in eine andere Richtung,