Magie am Hof der Herzöge von Burgund. Andrea Berlin
mit der Vergabe der Vorhut an den Grafen von Saint-Pol gewesen sei.135 Aus dieser Situation sei eine Abneigung der Fürsten gegeneinander erwachsen, die – wie d’Escouchy an anderer Stelle erwähnt – den Grafen von Étampes in eine Opposition gegen den Grafen von Saint-Pol trieb, die sich auch auf den Herzog von Burgund zu übertragen schien.136
Die Wertschätzung, die der Herzog von Burgund für die Fähigkeiten des Grafen empfand, zeigten sich besonders in der Ernennung Johanns zum lieutenant, gouverneur général des pays de par deça en l’absence de mondit seigneur, also zum Statthalter in den burgundischen Niederlanden zwischen Mai 1434 und Mai 1435.137 Der Herzog zeigte weiterhin sein Vertrauen in Johann, als er nach dem Vertrag von Arras 1435 den Grafen als lieutenant et capitaine général138 der überaus wichtigen Somme-Städte einsetzte.139 Bereits im Vorfeld des Vertragsabschlusses wurde der Graf von Étampes vom Herzog zu Treffen mit französischen Gesandten geschickt und befand sich auch im weiteren Verhandlungszeitraum in der Gefolgschaft Philipps.140 Mit der Benennung als lieutenant et capitaine général des Herzogs in der Picardie oblag dem Grafen damit die Verantwortung über Ländereien, die während des Hundertjährigen Krieges ein stark umkämpftes Gebiet waren, die aber auch direkt an der fragilen Grenze zwischen Frankreich und Burgund lagen und in den folgenden Jahren immer wieder für Konflikte zwischen diesen beiden Parteien sorgten.141 Auch ein reger schriftlicher Kontakt zwischen Herzog Philipp und Johann über die Belange dieser Ländereien, den Marie-Thérèse Caron konstatiert,142 schmälert den Eindruck einer vertrauensvollen Überantwortung der Gebiete an den Grafen nicht. Bereits in dem Schreiben des Herzogs an die Stände, in dem er die Einsetzung des Grafen damit begründet, dass er selbst nicht immer in der Region sein könne, diese aber gegen die Engländer verteidigt werden müsse143, spricht er dem Grafen von Étampes mit folgenden Worten gegenüber den Ständen sein Vertrauen aus:
»Aufgrund der Zuneigung zu jenem selbst, für den Verstand, Diskretion, Umsicht und die hohen und edlen Tugenden, die, wie wir wissen, in der Person unseres Neffen, dem Grafen von Étampes, vereint sind, und durch das volle und ungeschmälerte Vertrauen, das wir in ihn, der ein naher Verwandter unserer Linie und unseres Blutes ist […], haben, hat er eine sehr große und außergewöhnliche Neigung, sich einzusetzen.«144
Auch militärisch waren die Gebiete sowohl dem Herzog als auch dem Grafen eine willkommene Unterstützung. Von den Chronisten besonders hervorgehoben wurden in diesem Zusammenhang die picardischen Bogenschützen, die auch im Kampf gegen Gent eine wichtige Rolle spielten.145
Im Anschluss an ebendiese Revolte von Gent hielt Herzog Philipp 1454 in Lille das Banquet du vœu de Faisan ab, auf dem der Wille des Herzogs, einen Kreuzzug zu führen, durch den Schwur auf einen Fasan eindrucksvoll bekräftigt wurde.146 Als Familienmitglied gehörte der Graf von Étampes zu einer Vœuder ersten Personen, die nach dem Herzog und dessen Sohn schwören durften.147 Bemerkenswert an den Fasanenschwüren ist, dass einige Teilnehmer nicht nur dem Herzog ihre Gefolgschaft schworen, sondern versprachen »dass, wenn es geschieht, dass die Angelegenheiten meines sehr hochverehrten Herrn so sind, dass er nicht auf die genannte heilige Reise gehen kann, und mein sehr hochverehrter Herr, der Herr von Charolais, oder mein sehr hochverehrter Herr, mein Herr der Graf von Étampes dorthin gehen, werde ich ihnen auf vergleichbare Weise auf der genannten heiligen Reise mit meinem Körper und meinem Vermögen dienen.«148 Diese Formulierungen findet man zwar vereinzelt auch bei Schwüren für andere Fürsten,149 allerdings ist die Nennung des Grafen von Étampes mit Abstand die häufigste in den von Mathieu d’Escouchy aufgeführten Schwüren. Zudem finden sich hier auch Formulierungen, in denen die Herren den Grafen von Étampes erwähnen und ihm ihre Begleitung antragen.150 Diese Bindung nicht nur an den Herzog oder dessen Sohn, sondern auch an Johann von Burgund, kann zum einen darauf zurückgeführt werden, dass es sich bei den Schwörenden, die den Grafen von Étampes mit einbezogen, vielfach um dessen Bedienstete handelte.151 Aber auch das Verhalten des Grafen während des Genter Aufstandes, der erst kurz vor dem Fest zu Ende gegangen war, und seine dort präsentierten Fähigkeiten auf und außerhalb des Schlachtfeldes, scheinen den Grafen als fähig ausgezeichnet haben, auch einen Kreuzzug anzuführen. Solcherlei Überlegungen mögen in die Schwüre mit eingeflossen sein. Der Graf von Étampes wurde also neben dem Grafen von Charolais als einer der wahrscheinlichsten Männer angesehen, die den Herzog bei einer möglichen Verhinderung auf dem Kreuzzug ersetzt hätten. Während der Feierlichkeiten legte der Herzog zudem fest, dass in seiner Abwesenheit während des Kreuzzuges sein Sohn Karl die Regentschaft übertragen bekommen sollte. Ihm zur Seite wurde allerdings ein bewährtes Ratsgremium gestellt, zu dem auch der Graf von Étampes gehörte.152
Die skizzierten Auszeichnungen des Grafen von Étampes durch den Herzog fanden ihren Höhepunkt in der Ernennung zum Ordensritter vom Goldenen Vlies auf dem neunten Kapitel 1456 in Den Haag. Johann von Burgund wurde dort neben mehreren anderen Mitgliedern der Familie zum Ordensritter ernannt.153 Dieses Ordenskapitel war das erste offizielle nach dem Fasanenfest. Die Ereignisse eines späteren Kapitels in Brügge 1468, auf dem der Graf von Étampes aus dem Orden ausgestoßen wurde, werden zu einem späteren Zeitpunkt noch Gegenstand der Betrachtungen sein.154
Auch auf finanzieller Ebene kümmerte sich der Herzog von Burgund um seinen Neffen. So erhielt dieser anlässlich seiner Heirat mit Jacqueline d’Ailly am 22. Januar 1436 eine jährliche Rente von 6000 livres, die ein Jahr später durch die Einkünfte der Grafschaft Auxerre ersetzt wurde. Diese Grafschaft, die direkt an die später geerbte Grafschaft Nevers angrenzte, war aber zumindest zu Beginn ein für den Grafen unglücklicher Tausch, da die nötige Einwilligung des französischen Königs für diese Übertragung lange Zeit ausblieb.155 Zurückgehend auf das Erbe Philipps des Kühnen hielt der Graf von Étampes neben den Rechten an der Grafschaft Étampes auch diejenigen über die Herrschaften von Dourdan und Gié.156 Im Jahr 1438 wurden ihm aus der Hand des Herzogs Einkünfte der picardischen châtellenies von Péronne, Roye und Montdidier übertragen, die er für sich und seine Erben beanspruchen durfte. Bereits seit 1435 war der Graf von Étampes lieutenant et capitaine général der Picardie. Laut Armstrong erhielt er die Einkünfte der genannten Städte als Ausgleich für die Schwierigkeiten mit der Grafschaft Auxerre und der Einbehaltung der Mitgift Jacquelines d’Ailly.157 Ähnliche Rechte erhielt er auch auf die Gebiete von Ronssoy in der Picardie und Ingelmunster in Flandern.158